KOMME WAS WOLLE – Eine Geschichte mit unvorhersehbarem Ende

Was bisher geschah

Um ein Glas Wasser zu trinken, ging Helena in die Küche, wo alles sauber, ordentlich und wie immer aussah, nur dass auf der Fensterbank – zwischen Schnittlauch und Kresse – jetzt ein Blumentopf stand, in dem noch nichts wuchs, dafür aber ein Holzspieß steckte, über den die Haushälterin ein leeres Samentütchen gestülpt hatte. Während sie das Wasser in kleinen Schlucken trank, schlenderte Helena zum Fenster, nahm das Tütchen, drehte es um und las: Pimpinelle – mehrjährig – Keimgewähr. Sie kippte den restlichen Inhalt ihres Glases über die nackte Blumenerde,

Indessen hatte Sven den Weg zu „Omas guter Stube“ im Dauerlauf zurückgelegt und war beim Betreten des Lokals leicht mit einem der Stammgäste zusammengestoßen, der im Hinausgehen seinen Saufkumpanen fahrig einen Abschiedsgruß zuwinkte.
„Nu mal nich so stürmisch, junger Freund!“ lallte der Betrunkene, hielt sich aber nicht weiter auf, sondern wankte nach draußen.
Aus der hintersten Ecke blickten der lange Lupo und Mecki, der mit dem roten Bürstenhaarschnitt, ihrem Kumpel und Komplizen erwartungsvoll entgegen. Immer noch etwas außer Atem, legte Sven den wiedererlangten Zettel vor ihnen auf den Tisch.
„Das …“, begann er und holte noch einmal Luft, kam aber überhaupt nicht dazu, seine Erklärung abzugeben, denn Lupo hatte angefangen zu glucksen wie ein Gulli nach einem Platzregen.
„Und dafür brauchste den Zettel? Mensch FRB 121102 kann man sich doch merken, oder sagt dir Fast Radio Burst …“
Als der Lange mit seiner Erklärung fertig war, wäre Sven am liebsten in einem Schwarzen Loch versunken, aber das war ja leider verdampft.

Für die a.b.c.etüden 08.18 – wort.gabe by wesentlichwerden

 

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Foto: Bernd Uthoff – Text: Christa Hartwig

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Als die Blog-Community blog.de von der Bildfläche verschwand, bedeutete dies auch das Ende für Untertext 2.

Mal sehen, was davon noch zu retten ist.

Als ich Anfang der Woche hier mein (noch eigenständiges) Blog „Das Olivenfenster“ vorstellte, da kommentierten vier Leser, und Ulrike Sokul schickte als Ergänzung sogar einen Link zu der Seite eines Olivenölerzeugers, auf den sie große Stücke hält. Fattoria La Vialla, dachte ich, der Name kommt mir bekannt vor. Warum hatte ich diesen Betrieb trotzdem nie „auf dem Schirm“ gehabt? Und als ich mir das Video auf der Webseite anschaute, wusste ich warum.

Ich habe im Olivenfenster Erzeuger vorgestellt, die ausschließlich Olivenöl (und eventuell noch andere Olivenprodukte) herstellen, dazu einige Winzer, die dazu auch Oliven anbauen, denn Wein und Oliven haben sehr ähnliche Bedürfnisse und passen gut zueinander – auch wenn die Weinbauern ihren Oliven meistens weniger Aufmerksamkeit schenken als den Reben. Landwirtschaftliche Betriebe mit großer Diversität, die unter anderem auch Olivenöl produzierten, habe ich – von wenigen Ausnahmen abgesehen – außen vorgelassen. Einer der nicht ganz unberechtigten Gründe war, dass viele dieser Betriebe die Oliven nicht selbst verarbeiten, bei Oliven aber eine schnellstmögliche Verarbeitung nach der Ernte eine unabdingbare Voraussetzung für hohe Qualität ist.

Jetzt, mit einem kleinen zeitlichen Abstand zum Thema Olivenöl, sah ich das Video mit anderen Augen als ich es vor drei Monaten gesehen hätte. Auf dem 600 Hektar großen Anwesen werden über 50 Produkte erzeugt. Hier reifen außer Trauben und Oliven z.B. Mais, Paprikaschoten, Tomaten und Zitronen in der Sonne. Wird es den Schafen zu warm, suchen sie den Schatten unter der Solaranlage, die den von drei Brüdern geführten Hof mit Strom versorgt. Man versteht sich als landwirtschaftlicher Betrieb mit zukunftsweisendem Modellcharakter. Schon im Gedanken an die eigenen Kinder sind Nachhaltigkeit und Ökologie eine Selbstverständlichkeit für die Betreiber.

Besonders aufgemerkt habe ich bei der Filmsequenz, in der gezeigt wird, wie eine recht eklig aussehende Masse in Kuhhörner gefüllt und diese dann vergraben werden. Wie seltsam und kultisch anmutend! Ich kann – nach mehreren Monaten Oliven-Recherche italienische Sprache in Schriftform schon recht gut verstehen, gesprochenes Italienisch aber plätschert munter an meinem Ohr vorbei wie eh und je. Also gab ich bei Google das Begriffspaar „Kuhhorn Düngung“ ein und landete sehr schnell auf einer Webseite, wo unter dem Titel „Die mit dem Kuhhorn düngen“ der Vorgang leicht verständlich erklärt wird. Die Methode geht auf Rudolf Steiner zurück, den „Erfinder“ der Waldorfpädagogik und des biodynamischen Landbaus. Die schlichte Maxime lautet: Du musst dem Bode zurückgeben, was du ihm genommen hast – und das nicht in Form von Chemikalien. Es wird also mit auf natürliche Weise angereichertem Kompost gedüngt und – nun kommen die Kuhhörner dran – der Boden energetisch wieder „aufgeladen“. In der Praxis sieht das so aus, dass die im Herbst vergrabenen Kuhhörner im Frühling wieder ausgegraben werden. Man kratzt das „Hornmist-Präparat“ heraus und verrührt es in einem bestimmten Verhältnis mit Wasser – erzeugt sozusagen eine homöopathischer Verdünnung. Ich zitiere: „Denn auf diese Weise lassen sich die gesammelten kosmischen Kräfte des Präparats unmittelbar auf das Wasser übertragen.“ Und das Produkt wird dann fein über die Pflanzungen versprüht. Na, wenn’s denn hilft, … Veganer werden die Methode – wegen der Kuhhörner und/oder wegen des Kuhmists – wohl ablehnen. Jedenfalls hat die Information meinem Verständnis aufgeholfen, warum auf manchen rein pflanzlichen Produkten speziell darauf hingewiesen wird, dass sie vegan sind.

Aber kommen wir von der mich etwas irritierenden Geschichte mit den Kuhhörner mal wieder auf die Diversität in der Landwirtschaft zurück. Darüber habe ich nämlich, angeregt durch obiges Video, noch einmal nachgedacht. Hätten wir keine Spezialisierung bei der Mehrzahl der landwirtschaftlichen Betriebe, würde das nicht nur den der Natur nicht zuträglichen Monokulturen entgegenwirken, es würde auch verhindern, dass Tierseuchen oder bestimmte Pflanzenkrankheiten oder Witterungseinflüsse für einen Betrieb in dem Ausmaß existenzbedrohend werden, wie dies jetzt oft der Fall ist. Und drittens: Ein Erzeuger der mit seinem Betrieb praktisch unabhängig ist, sich und seine Familie also von den eigenen Produkten ernähren könnte, wenn der Markt verrückt spielt, wäre dem Preisdruck durch Handelsketten viel weniger ausgeliefert. – Die Lebensmittel generell würden sich dadurch verteuern? Na und? Es wird so viel Geld für überflüssigen Schnickschnack ausgegeben, der dazu noch die Umwelt belastet. Die Ausgaben für Lebensmittel belaufen sich heute auf unter 15% des Haushaltseinkommens. Mir erschiene es völlig normal, wenn für Lebensmittel und Artikel des täglichen Bedarfs wieder etwa ein Drittel des Haushaltseinkommens aufgewendet werden müsste – so wie wir es in der Schule einmal gelernt haben zu kalkulieren. – Vielleicht müsste die nächste Revolution von den Bauern ausgehen und sich nicht darin erschöpfen, dass sie mit ihren Traktoren ins Stadtzentrum kommen und Transparente ausrollen.

Wenn man sieht, wie in der Bäckerei der Fattoria La Vialla Cantuccini geschnitten werden, läuft einem doch das Wasser im Mund zusammen. Mir jedenfalls. Die beiden Dinge, an denen wir nicht sparen sollten, sind das, was wir essen und das, was wir lesen.

Fattoria La Vialla
Online-Bestellmöglichkeit
Via di Meliciano 26
I-52029 Castiglion Fibocchi, Toscana

Ladengeschäfte in Deutschland:

Die Speisekammer
Casellapark Gebäude E, Cassellastr. 30-32
Frankfurt am Main

Ende März 2018 ist die Eröffnung eines weiteren Ladengeschäfts in Horb am Neckar geplant.

Na, nun hoffe ich aber sehr, dass dem geneigten Leser das feine Sprachspiel im Titel nicht entgeht. Doch auch sollte dies der Fall sein, macht das nichts, denn es geht hier heute nicht um Sprachfeinheiten sondern ganz konkret um Schirme.

Als ich jüngst über Lampenläden schrieb und erwähnte, dass in einigen davon Lampenschirme noch von Hand hergestellt oder alte Lampenschirmgestelle neu bezogen werden, da tauchte die Frage auf, ob es denn auch noch Regenschirmmacher gibt. Ich versprach, dieser Frage nachzugehen und habe in Berlin einen gefunden, leider den letzten seiner Zunft. Der Beruf ist praktisch schon ausgestorben, denn als Ausbildungsberuf existiert er bereits nicht mehr, auf Nachwuchs ist also nicht zu hoffen.

Heute nun war ich bei Rolf Lippke. Sein kleiner Laden mit Werkstatt findet sich in der Kieler Straße 6 in Berlin-Steglitz, einen Steinwurf von der Schlossstraße entfernt.

Diesmal habe ich nicht nur das Schaufenster fotografiert, sondern habe auch Herrn Lippke ein paar Minuten von der Arbeit abgehalten und ihm einige Fragen gestellt. Die schönen Dessins der Damen-Langschirme (so der Fachausdruck, auch wenn ich sie immer als Stockschirme bezeichnet habe) sind durchaus dazu geeignet, mein Portemonnaie zu lockern. Allerdings musste ich mich darüber aufklären lassen, dass diese Augenweiden nicht in Herrn Lippkes Werkstatt handgefertigt werden. Der Grund: die Anzahl von Stoffmustern, die jeweils in größerer Menge eingekauft werden müssten, würde die Produktion völlig unrentabel machen.

Auch die Taschenschirme stammen aus anderen Manufakturen. Herrenlangschirme aber stellt Herr Lippke selbst her, und es ist wirklich eine Freude, so ein edles Gerät in die Hand zu nehmen, dem man sofort zutraut, auch einem stärkeren Wind zu trotzen. Ein handgefertigter Schirm kostet zwischen 120 und 150 Euro. Wer jetzt zusammenschrickt, sollte einmal daran denken, dass ein Kleidungsstück in dieser Preislage kaum überraschen würde, auch wenn es uns nicht vor Wind und Wetter schützt, sondern selbst in Schutz genommen werden muss.

In der Werkstatt werden Schirme nicht nur hergestellt, Herr Lippke sagte mir, dass das Hauptgeschäft die Reparatur von Schirmen ist, und hier beschränkt er sich nicht auf die Reparatur der von ihm selbst gefertigten Schirme, sondern jeder hochwertige Schirm, der die Mühe lohnt, darf gebracht werden. Manchmal allerdings fordert die Beschaffung notwendiger Ersatzteile nicht nur dem Schirmmacher, sondern auch dem Kunden etwas Geduld ab. Eine Regenschirmanekdote aus England erzählte einst unser Lehrer in der Schule.

Damals war es üblich, dass ein Engländer das Haus nicht ohne Schirm verließ (und vielleicht halten das auch heute noch einige Engländer so). Das Geschäft der Schirmmacher blühte jedenfalls, denn entsprechend der regelmäßigen Benutzung bedurften auch immer wieder Schirme der Reparatur. Ein Gentleman, der seinen Schirm gerade beim Schirmmacher abgegeben hatte, suchte anschließend eine Teestube auf, wo er Tee trank, die Zeitung las, und als er sich zum Gehen schickte, aus alter Gewohnheit nach einem Schirm griff, der seinem eigenen zum Verwechseln ähnlich sah. In der Tür holte ihn ein anderer Gentleman ein und forderte ihn energisch auf, seinen Schirm zurückzugeben. Dem ersten Herrn war die Sache äußerst unangenehm, Er entschuldigte sich vielmals, verließ das Lokal aber nicht ohne das Gefühl, dass der rechtmäßige Besitzer ihm seine Erklärung nicht unbedingt geglaubt hatte. Als er ein Woche später seinen reparierten Schirm abholen konnte, regnete es, und so hatte er einen Bekannten gebeten, ihm seinen Schim zu leihen. Auf dem Rückweg nahm er die Metro, und wie er so im vollen Waggon stand, nun zwei Schirme über den Arm gehängt, sprach ihn ein Herr an, in dem er den Gentleman erkannte, mit dem er eine Woche zuvor die peinliche Begegnung gehabt hatte. „Wie ich sehe“, sagte dieser Gentleman mit feiner Ironie, „waren Sie heute erfolgreicher.“

Schirme und Spazierstöcke

Der Schirmmacher Rolf Lippke
Kieler Str. 6
12163 Berlin (Steglitz)
Klassische Schirmmacherkunst. Handwerk mit Tradition

In unserem Land muss ein Chef eine Glatze und einen dicken Bauch haben. Da mein Onkel weder eine Glatze noch einen dicken Bauch hat, kannst du, wenn du ihn siehst, nicht auf Anhieb erkennen, dass er ein echter Chef mit einem großen Büro im Stadtzentrum ist. Er ist „Verwaltungs- und Finanzdirektor“. Laut Mama Pauline ist ein Verwaltungs- und Finanzdirektor jemand, der auf das ganze Geld eines Unternehmens aufpasst, und er ist auch derjenige, der sagt: Dich stell ich ein, dich stell ich nicht ein, dich schick ich zurück in dein Dorf.

Mit diesen Worten beginnt Alain Mabanckou’s Roman „Morgen werde ich zwanzig“. Die Rede ist von Tonton René, dem Onkel von Michel, der uns von seinem Leben als Zehnjähriger in der kongolesischen Hafenstadt Pointe-Noire und seinem Verständnis von der Welt erzählen wird. Besagte Welt tut indessen das, was sie eigentlich immer tut, nämlich hier und da und dort aus den Fugen gehen.

Ist Michel ins Haus seines Onkels eingeladen, der zwar wie ein Kapitalist lebt, von sich aber behauptet Kommunist zu sein, so bekommt Michel am Tisch „immer den schlechten Platz genau gegenüber von dem Foto mit einem alten Weißen, der Lenin heißt“. Er besucht den Onkel daher ungern, obwohl er von ihm jedes Jahr zu Weihnachten einen Lastwagen aus Plastik, eine Harke und eine Schaufel geschenkt bekommt, denn der Onkel möchte, dass Michel dereinst Bauer wird. Weitaus lieber besucht Michel Mama Martine, die erste Frau von Papa Roger, und seine Geschwister, denn als Halbgeschwister bezeichnet weder er sie noch sie ihn als Halbbruder. Am liebsten aber ist er zu Hause bei Mama Pauline, besonders dann, wenn Papa Roger auch dort ist, weil er gerade nicht seiner Arbeit als Rezeptionist im Victory Palace Hotel nachgehen oder bei seiner anderen Familie sein muss. Papa Roger überlässt ihm oft ein großes Stück Rindfleisch von seinem Teller, wenn es Michels Lieblingsessen, Rindfleisch mit Bohnen, gibt. Außerdem erklärt er ihm die Nachrichten, die der Sprecher von Voix de l’Amérique, Roger Guy Folly, verliest.

Wir schreiben das Jahr 1979. Der Schah des Iran befindet sich auf der Flucht und hat Michels vollstes Mitleid, denn er hat Krebs und wird in keinem Asyl lange geduldet, weil die jeweiligen Staatschefs sich vor Ajatollah Khomeini fürchten. Auch der ugandische Diktator Idi Amin ist geflohen – nach Libyen, wo er es sich, Michels Meinung nach, in einem luxuriösen Swimmingpool gutgehen lässt und niemand ihn schnell wieder loswerden will. Vietnamesische Truppen vertreiben die Roten Khmer aus Phnom Penh, und Mutter Teresa erhält den Friedensnobelpreis.

Doch hat Michel durchaus auch eigene Probleme. Wie es sich für einen Zehnjährigen gehört, ist er verliebt – in Caroline, die Schwester seines besten Freundes Lounès, Dann aber taucht ein Nebenbuhler auf, der nicht nur stärker ist als Michel sondern auch ein guter Fußballspieler. Auch Michels Versuche, seinen ältesten Bruder dazu zu bringen, sich endlich ausschließlich der reizenden Geneviève zuzuwenden, sind zunächst von wenig Erfolg gekrönt. Richtig schlimm aber wird es, als ein Schamane, den Mama Pauline und Papa Roger aufgesucht haben, weil Mama Pauline schon lange vergeblich darauf wartet, noch einmal schwanger zu werden, den Eltern einredet, er, Michel, habe den Bauch seiner Mutter verschlossen, um ihr einziges Kind zu bleiben, und sie sollten ihn mit Geschenken dazu bewegen, den Schlüssel herauszurücken. – Nun bekommt Michel alles was er will – aber eben doch nicht will. Verzweifelt macht er sich auf die Suche und durchwühlt schließlich die Mülltonnen der Stadt in der Hoffnung, einen Schlüssel zu finden, den er seiner Mutter bringen könnte. Dabei hilft ihm ein als verrückt geltender Obdachloser, der in Wahrheit jedoch ein Philosoph ist. In all diesen Verwirrungen findet Michel Trost, indem er zu seinen beiden Schwestern betet, seiner Sternenschwester und seiner Namenlos-Schwester, die direkt vom Bauch der Mutter in den Himmel gereist waren, ohne einen Zwischenstopp auf der Erde einzulegen. Dann gibt es aber auch noch den Radio-Recorder, den Papa Roger von einem Hotelgast geschenkt bekommen hat – mit einer einzigen Kassette, auf der Georges Brassens (von Michel nur der schnurrbärtige Sänger genannt) „Auprès de mon arbre“ singt, und das ebenfalls Papa Roger gehörende Buch „Eine Zeit in der Hölle“ von Arthur Rimbaud, von dessen Rückendeckel Arthurs Porträt Michel aufmunternd zulächelt.

Es ist nicht lange her, dass ich irgendwo – ich glaube in einem Kommentar – mich dazu geäußert habe, dass es m.E. dringend notwendig ist, über das Leben in Afrika auch in einer Weise zu schreiben, welche die politischen Auseinandersetzungen und zum Teil unvorstellbar grausamen Kämpfe auf dem Schwarzen Kontinent nicht in den Mittelpunkt stellt – freilich ohne die Realität zu verschweigen. Dem Jungen, den man beim Lesen dieses Romans mehr und mehr lieb gewinnt, mit dessen kleinen Gewissenkonflikten, Träumen und Ängsten man sich aus der eigenen Kindheitserinnerung bestens identifizieren kann, wünscht man von ganzem Herzen ein gutes, glückliches und erfolgreiches Leben und ein friedliches Alter. Ich denke, dass es auch solcher Bücher bedarf, um unsere Empathie mit von Gewaltherrschaft und Krieg betroffenen oder bedrohten Völkern wach zu halten, uns nicht zu sperren gegen ein Maß von Brutalität, das wir uns nicht nur kaum vorstellen können, sondern auch kaum vorstellen wollen.

In einem 2013 vom Africa Book Club geführten Interview antwortete Alain Mabanckou auf die Frage, warum es ihm wichtig gewesen war, diesen fiktional-autobiographischen Roman zu schreiben: „Es war sehr wichtig, weil ich herausgefunden hatte, dass uns in der kongolesischen Literatur keine Geschichten mit der Stimme eines Kindes erzählt wurden. In ‚Morgen werde ich zwanzig‘ wollte ich erklären, wie wir unter diesem kongolesischen Regime lebten, das als „Sowjet-Sozialismus“ bezeichnet wurde. Wir waren ein rotes Land! Immer ging es um Marx und Engels, um den Materialismus und die Philosophie, die aus der UdSSR kamen.“


Alain Mabanckou
Morgen werde ich zwanzig
Roman
Aus dem Französischen von
Holger Fock und Sabine Müller
368 Seiten, € 22,00
ISBN978-3-95438-040-4

Georges Brassens „Auprès de mon arbre“

 

Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast. Wir alle kennen den Spruch in dieser oder leicht abgewandelter Form. Dennoch lassen wir uns von Zahlen immer wieder beeindrucken. Zahlen sind für uns gleich Mathematik, und die Mathematik ist die exakteste aller Wissenschaften. So haben wir es verinnerlicht.

Ich habe mir vorgenommen, alle Zahlen, die mir in den Medien präsentiert werden, zu hinterfragen. Ich werde diesen Vorsatz vermutlich nur zu einem eher geringen Teil umsetzen können, denn es sind einfach zu viele Zahlen – abgeschossen wie Pfeile, die so spitz sind wie das Wort exakt.

Gestern zum Beispiel war es die Aussage: „Etwa jedes sechste Kind in Deutschland kommt aus einer Familie, in der Alkoholismus oder Drogenabhängigkeit herrscht.“ – Was heißt in diesem Fall Familie? Ist die Rede, von den Familienmitglieder, die im selben Haushalt leben? Oder hat man Schulkinder befragt, ob es in ihrer Familie jemanden gibt, der zu viel trinkt oder Drogen nimmt, und Verwandte, die zwar zur Familie gehören aber nicht mit dem Kind in einem Haushalt leben, wurden mitgezählt? Und wie groß war die befragte Gruppe? Oder handelt es sich um Erkenntnisse des Jugendamtes? Wenn aber doch die Aussagen von Kindern zugrunde liegen, können die z.B. feststellen, ob ein Familienmitglied tablettenabhängig ist?

Nun kann man freilich sagen, dass, auch wenn der Prozentsatz niedriger wäre, auch wenn es nur jedes siebente, achte, neunte, zehnte … Kind wäre, sind es zu viele Kinder, die mit Suchtproblemen konfrontiert sind. Kinder, die Probleme haben, weil sie in bildungsfernen Familien zu wenig gefördert werden, weil ein Elternteil zu Gewalttätigkeit neigt, weil vielleicht sogar Missbrauch vorkommt, weil es in der Familie Kriminalität oder den eingangs erwähnten Drogenmissbrauch gibt, gehen uns alle an. Kinder sind unsere Zukunft. Eine andere Zukunft hat die Menschheit nicht. Die Kulturschätze, die wir anhäufen sind nichts, wenn die Kinder sie sich nicht erschließen können. Wissenschaftliche Erkenntnisse und technische Neuerungen sind nichts, wenn die Kinder keinen weisen Umgang damit pflegen können. – Derzeit also eine Aktionswoche, ins Leben gerufen vom Verein NACOA Deutschland (Interessenvertretung für Kinder aus Suchtfamilien e.V.).

Was mir die Sache besonders interessant machte, war ein Interview mit der Schauspielerin Katrin Sass, Schirmherrin dieser Aktionswoche, das ich gestern früh im Radio hörte. Der eine oder andere Fernsehzuschauer erinnert sich vielleicht, dass Katrin Sass von 1993 bis 1998 als Hauptkommissarin Tanja Voigt in der Fernsehserie Polizeiruf 110 ermittelte. 1998 wurde ihr vom ORB, der damals produzierenden Sendeanstalt, gekündigt – wegen ihrer Alkoholsucht. Inzwischen ist sie trockene Alkoholikerin und engagiert sich im Kampf gegen Alkoholismus. Die durch alkoholkranke Eltern betroffenen Kinder liegen ihr besonders am Herzen.

Frau Sass sagte sinngemäß, dass es Kinder aus Alkoholikerfamilien heute schwerer haben als früher, sich jemandem anzuvertrauen. In einer Gesellschaft, die so großen Wert legt auf Fitness, Verzicht auf Alkohol und Tabak, und gesunde Ernährung bis hin zu vegetarischer oder veganer Lebensweise, habe das Verständnis für Suchtverhalten stark abgenommen. Früher, als noch in fast allen Familien geraucht und zumindest bei Familienfesten Alkohol in erheblichen Mengen konsumiert wurde, sei es leichter gewesen, darüber zu sprechen, dass in der eigenen Familie ein Problem besteht.

Dem, dass es früher angeblich leichter für ein Kind war, sich jemandem anzuvertrauen, würde ich nicht unbedingt zustimmen. Ich bin ja aufgewachsen in jener Zeit, als viel geraucht und nicht wenig getrunken wurde. Ich habe durchaus bemerkt, dass meine Mutter (auch wenn das nur über einen Zeitraum von wenigen Jahren der Fall war) deutlich zu viel trank. Gesprochen wurde darüber nicht – nicht einmal in der eigenen Familie. Es Fremden erzählen? Unmöglich. Im Gegenteil, ich lud während dieser Jahre keine Freundinnen zu mir ein, denn oft begrüßte meine Mutter mich schon mittags, wenn ich aus der Schule kam, leicht schwankend und mit glasigem Blick an der Wohnungstür. Nicht dass sie mich beschimpft oder gar geschlagen hätte. Doch Freundinnen würden ihren Zustand genauso bemerken wie ich. Mich einem Lehrer anvertrauen, der dem Jugendamt Meldung machen konnte? Auf keinen Fall! Meine Mutter war alleinerziehend. Schlimmstenfalls wäre ich in einem Heim gelandet. Mir fehlte es ja auch an nichts, denn meine Großeltern kümmerten sich und sorgten für alles. Nein, es war nie leicht, sich jemandem anzuvertrauen. – Und dennoch denke ich, dass Katrin Sass recht hat mit der Feststellung, dass die gesundheitsbewusste Gesellschaft, zu der wir uns entwickelt haben, Suchtkranke und deren Umfeld stärker ausgrenzt als dies früher der Fall war. Ich denke, dass wer heute suchtkrank ist, noch stärker das Gefühl hat, hoffnungslos schwach zu sein und für den Rest seines Lebens auf der Verliererseite zu bleiben. Meine Mutter hingegen ist damals ohne besondere Therapie und viel Aufhebens über ihre Sucht hinweggekommen – vielleicht weil um sie herum das Leben seinen geordneten Gang weiter ging und Eingriffe, die einen Gesichtsverlust bedeutet hätten, unterblieben. – Man hilft den Kindern am meisten, indem man den Eltern hilft.