„La Nuit du carrefour“ entstand im April 1931 im Château de la Minaudiere bei La Ferté-Alais und erschien im Juni desselben Jahres beim Verlag Fayard. Die erste deutsche Übersetzung „Maigret und der Mann von Welt“ von Hansjürgen Wille und Barbara Klau veröffentlichte Kiepenheuer & Witsch im Jahr 1965.

Der Anfang dieses Romans liest sich, als wäre er bereits sein Ende. Das Verbrechen ist geschehen, der Hauptverdächtige, ein vor drei Jahren nach Frankreich zugezogener Däne namens Carl Andersen, wurde verhaftet und sitzt nun in Maigrets Büro am Quai des Orfèvres, wo er abwechselnd vom Kommissar und von Inspektor Lucas verhört wird – ununterbrochen seit 17 Stunden. Doch mehr als die bereits bekannten Tatsachen ist nicht aus ihm herauszubekommen. Andersen lebt mit seiner Schwester Else an der Kreuzung der Drei Witwen, benannt nach eben jenem über hundertjährigen, heruntergekommenen Haus, welches das Geschwisterpaar bewohnt, und gelegen an der Route nationale von Paris nach Étampes zwischen Arpajon und Avrainville. Am vorhergehenden Morgen hatte der ebenfalls an dieser Kreuzung wohnende Versicherungsvertreter Michonnet in seiner Garage anstelle seines nagelneuen 6-Zylinders den klapperigen Citroën 5 CV des Dänen vorgefunden. In Anbetracht dessen, dass Michonnett um sein neues Auto ziemlich viel Wind gemacht hatte, könnte man das Ganze für nachbarlichen Schabernack halten, hätten die von dem Versicherungsmann gerufenen Gendarmen in der Garage des Dänen außer dem 6-Zylinder nicht auch „auf dem Vordersitz, über das Steuerrade gebeugt“ die Leiche des Diamantenhändlers Isaac Goldberg aus Antwerpen entdeckt. Carl Andersen und seine Schwester waren offenbar geflohen, konnten dank der sofort eingeleiteten Fahndung jedoch bei ihrer Ankunft in Paris verhaftet werden. Mehr aber, als dass er selbst am Morgen den ihm nicht gehörenden Wagen und den Toten in seiner Garage entdeckt und in der Überzeugung, unweigerlich im Verdacht zu stehen, mit seiner Schwester die Flucht ergriffen hatte, gibt Carl Andersen nicht zu. Doch es ist nicht so sehr die Beharrlichkeit, mit welcher der Däne bei seiner Aussage bleibt, ohne sich je in Widersprüche zu verwickeln, was Maigret beeindruckt. Weit mehr ist es die „aristokratische Eleganz“, die der Mann nach entwürdigender erkennungsdienstlicher Behandlung und einem schier endlosen Verhör unverändert ausstrahlt. Der zuständige Untersuchungsrichter gibt „die Partie von vornherein verloren“ und im Einvernehmen mit ihm lässt der Kommissar den Verdächtigen frei. Doch wäre Maigret nicht Maigret, würde er so schnell aufgeben. Entschlossen herauszufinden, wer den Diamantenhändler erschossen und die beiden Autos der Nachbarn in den Garagen vertauscht und was diesen Isaac Goldberg überhaupt an jene Kreuzung geführt hat, an der außer dem alten Haus „Drei Witwen“, dem Haus des Versicherungsvertreters und einer Tankstelle mit angeschlossener Autowerkstatt nur Felder und Wiesen existieren, begibt er sich selbst dorthin.

Kritiker stören sich an der Fiktionalität des Romans und merken an, dass der Pariser Kommissar hier, gute 30 Kilometer von Paris entfernt, außerhalb seines Zuständigkeitsbereichs agiere und einerseits nachlässig ermittle, andererseits immer wieder polizeiliche Befugnisse überschreite. Das ist zwar richtig, bedeutet aber, die falschen Maßstäbe anzulegen. Es geht in Maigret-Romanen ja nie vordergründig um die realistische Darstellung von Polizeiarbeit. Dagegen haben wir es, was atmosphärische Dichte und lebendige Beschreibung der Charaktere betrifft, mit einem Simenon par exellence zu tun. Und vielleicht war es das, was den Regisseur Jean Renoir dazu bewegte, im Sommer 1931 nach Ouistreham zu fahren, wo der Schriftsteller zu der Zeit mit seinem Schiff vor Anker lag, und ihm anzubieten, nach dem gerade erschienen Buch mit ihm gemeinsam ein Drehbuch zu entwickeln. Gesagt, getan. Doch bei der Probevorführung des Films zeigte sich, dass ein Teil des Drehbuchs – aus widersprüchlich angeführten Gründen – unberücksichtigt geblieben war. Die gefilmte Geschichte war logisch kaum nachvollziehbar, und entsprechend wenig Anklang fand der Film bei Kritikern und Publikum. Simenon selbst soll jedoch Renoirs Werk stets als gelungenste Maigret-Verfilmung betrachtet haben, und Autor und Regisseur blieben befreundet. – Ich bedaure sehr, dass eine digitalisiere Fassung des alten Films scheinbar nicht aufzutreiben ist. Doch immerhin habe ich ein paar Bilder daraus in einem WordPress-Blog gefunden: Heavy Traffic : Georges Simenon – „Night at the Crossroads“.

Nochmals zurück zur Handlung des Romans. Eine der diversen Merkwürdigkeiten, denen Maigret an der schicksalsträchtigen Kreuzung auf die Spur kommt, ist der Umstand, dass Carl Andersen seine Schwester Else, nachts und wenn er nicht zu Hause ist, in ihrem Zimmer einschließt. Die näheren Gründe herauszufinden, überlasse ich denen, die den Roman lesen oder ihre Neugier mittels der Inhaltsangabe im Wikipedia-Artikel befriedigen. Worauf ich hinaus will, ist ein Aspekt des Märchenhaften in den Maigret-Romanen. Ich könnte allerdings ebenso von einem Aspekt des Kriminellen in Märchen sprechen. Ich neige zu der Ansicht, dass vielen Volksmärchen tatsächliche Verbrechen aus dem Umkreis ihrer Entstehung zugrunde liegen: Kindesentführungen, Morde aus Eifersucht, aus Habgier, das unaufgeklärte Verschwinden von Personen. Das Motiv der eingesperrten und eifersüchtig bewachten Jungfrau begegnet uns nicht nur in verschiedenen Märchen, wir begegnen ihm auch in den Maigret-Romanen hier zum ersten aber nicht zum letzten Mal.

Georges Simenon
Maigrets Nacht an der Kreuzung
Überfsetzung: Hansjürgen Wille, Barbara Klau und Bärbel Brands
Kampa Verlag, 2018
ISBN: 978-3311130079

Georges Simenon
Maigrets Nacht an der Kreuzung (Hörbuch)
Überfsetzung: Hansjürgen Wille, Barbara Klau und Bärbel Brands
Der Audio Verlag, 2018
ISBN: 978-3742407351