Ich folge Christianes Schreibeinladung. Wortspenderin der Textwoche 16.18 ist diesmal Anna-Lena, und die Wörter, die in maximal zehn Sätzen untergebracht werden müssen, lauten: Milchmädchenrechnung, dingfest, untertreiben. Ein Klick auf die von Ludwig Zeidler beigesteuerte Graphik führt zur Einladung.

50 FARBEN GRAU – theoriegrau

„Übrigens habe ich gestern den Verkauf meines alten Wagens bei Auto-Meyer für glatte fünftausend dingfest gemacht“, sagte Ines, während sie Honig auf eine gebutterte Brötchenhälfte träufelte.
„Einen Verkauf kann man nicht dingfest machen, sondern nur Menschen“, entgegnete Rüdiger, ohne von seiner Zeitung aufzublicken.
„Wieso kann man einen Verkauf nicht dingfest machen, sondern nur den Käufer?“ fragte sie irritiert.
„Auch einen Käufer kann man nur dingfest machen, wenn er eine Straftat begangen hat, denn ‚dingfest machen‘ bedeutet ‚verhaften‘ – im Gegensatz zu ‚dingflüchtig‘, einem heute nicht mehr gebräuchlichen Ausdruck, wenn jemand sich der Gerichtsbarkeit entzogen hat, und das Ganze geht auf den alten Begriff ‚Thing‘ zurück – eine Gerichtsversammlung freier Männer nach germanischem Recht.“
Ines runzelte die Stirn und dachte, dies wäre nun wieder ganz typisch, dass Rüdiger sich nicht die Bohne für ihren Autoverkauf interessierte und mit Wortklaubereien vom Thema ablenkte, dann aber zeigte sich, dass ihrem Mann der eigentliche Sinn ihrer Ankündigung doch nicht entgangen war, denn er setzte hinzu: „Fahr mal schön vorsichtig, bis Dein Autoverkauf über die Hebebühne gegangen ist, denn sonst sind Deine ‚dingfesten‘ Fünftausend eine Milchmädchenrechnung.“
„Keine Sorge, mein Schatz, ich fahre mit dem Bus, und mein Auto habe ich in die Garage gestellt. Es macht Dir hoffentlich nichts aus, dass ich Deinen Wagen zu dem Zweck umgeparkt habe und er jetzt hundertfünfzig Meter weiter die Kometenstraße runter steht.“

Am Abend desselben Tages vermeldeten die 20-Uhr-Nachrichten, dass ein größerer Metallkörper, bei dem es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um ein nicht verglühtes Fragment einer ehemaligen chinesichen Raumstation handelte, ein Garagendach in der Kometenstraße durchschlagen und das dort abgestellte Auto beschädigt hatte, Personen aber nicht zu Schaden gekommen wären. – Was den Zustand des Autos in der Garage betraf, hatten die Nachrichten ausnahmsweise untertrieben.

 

 

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Brian Moore (1921 – 1999) wurde als Sohn eines irischen Chirurgen und Nationalisten in Belfast geboren und katholisch erzogen, Im Zweiten Weltkrieg diente er als Sanitäter und arbeitete danach für das UN-Hilfswerk in Polen, wo er begann, Reportagen zu schreiben. 1948 wanderte Moore nach Kanada aus. Hier arbeitete er bis 1952 für die Zeitung The Gazette in Montreal und publizierte gleichzeitig unter dem Pseudonym Michael Bryan mehrere Thriller. Sein erster, 1956 unter eigenem Namen veröffentlichter Roman „The Lonely Passion of Judith Hearne“ brachte ihm ein Guggenheim-Stipendium in New York ein. Als Alfred Hitchcock ihn mit dem Drehbuch zu Torn Curtain (1966) beauftragte, ließ er sich in Kalifornien nieder. Von 1976 bis 1989 unterrichtete Moore an der University of California in Los Angeles. Weitere im Lauf der Jahre veröffentlichte Romane wurden mehrfach mit Litraturpreisen bedacht. Er verstarb 1999 in in Malibu,
Außer dem nicht mehr regulär bestellbaren Roman „Die Große Viktorianische Sammlung“ erschien von Brian Moore im Diogenes Verlag auch „Hetzjagd“ (1999). Für Juni 2018 hat Diogenes die Titel „Die Frau des Arztes“ und „Dillon“ angekündigt.

Königin Victoria eröffnet die Weltausstellung im Crystal Palace

Dr. Anthony Maloney war ein 29 Jahre junger Assistenzprofessor für Geschichte an der McGill University in Montreal (Kanada). Promoviert hatte er mit einer Doktorarbeit unter dem Titel „Eine Untersuchung der Auswirkungen der Errichtung eines kolonialen Weltreiches auf die sozialen Konventionen des Viktorianischen Englands am Bespiel von Kunst und Architektur der Zeit“.

Maloney war nach San Francisco geflogen, um an einem Seminar in Berkeley teilzunehmen. Es war seine erste Reise an die Westküste der Vereinigten Staaten, und am letzten Tag des Seminars begab er sich mit einem Mietwagen auf eine Entdeckungsfahrt in Richtung „Big Sur“, eines landschaftlich besonders reizvollen Küstenstreifens. Man hatte ihm empfphlen in Carmel-by-the-Sea und dort im Sea Winds Motel Quartier zu nehmen.

Es ist ein kleiner kalifornischer Kurort direkt an der Küste, der manchmal ein „Künstlerparadies“. genannt wird. Aber sogar schon am ersten Abend hatte Maloney, als er durch die Galerien mit den gemalten Carmelensien ging, an den Arkadenläden, die in Heimarbeit gefertigte Kerzen verkauften, und den Büchergeschäften, die in ihren Schaufenstern die Gesammelten Werke von Khalil Gibran ausliegen hatten, vorbeikam, den Eindruck, daß ein aufrechter, wahrer Künstler kaum anders als erschreckt sein mußte angesichts der „Werte“, die hier zu sehen waren.

Nichts ließ vermuten, dass Maloney, der vorhatte, nach diesem Wochenende nach Montreal und an seine Arbeit zurückzukehren, hier einen Eindruck hinterlassen könnte, so wie auch er von nichts nachhaltig beeindruckt zu sein schien. Beides jedoch sollte sich ins Gegenteil verkehren und an eine Rückreise Maloneys am Montag nicht zu denken sein.

Am Abend seines Ankunftstages ging Maloney ganz normal zu Bett. Später in der Nacht hatte er einen Traum, der nicht seltsamer war, als komplexere Träume dies zu sein pflegen, und in Anbetracht von Maloneys Interesse an und Kenntnis von Victoriana ist es auch nicht erstaunlich, dass solche in seinem Traum auftauchten. Was hingegen in der Tat erstaunte – nicht nur Maloney selbst, sondern auch eine große Menge anderer Leute, war, dass die Große Viktoriaische Sammlung, die in seinem Traum auf dem wegen geplanter Baumaßnahmen gesperrten Parkplatz des Motels wie von Zauberhand erschienen war, sich am Morgen nach Maloneys Erwachsen tatsächlich dort befand. Die Sammlung, an diesem unwürdigen Ort aufgebaut wie ein Marktplatz oder eine Messe, enthielt Stücke, die sich von den Originalen in weltbekannten Sammlungen in absolut nichts unterschieden, dazu aber auch Stücke, die nur aus Beschreibungen in alten Büchern bekannt waren, wie der Osler-Brunnen aus Kristall. der auf der ersten Weltausstellung 1851 in London gezeigt wurde.

Und wer nun in seinem schlichten Gemüt denkt, dass dies ja ein herrliches Märchen sei, das in vergleichbarer Weise wahr zu werden einem selbst einmal passieren müsste – freilich mit einem Wunschtraum aus der eigenen „Traumfabrik“, der möge bitte innehalten und gründlich darüber nachdenken. Schon nur das Traumhaus auf der Brache nebenan, über Nacht entstanden auf einem Grund und Boden, der einem nicht gehört, brächte den Träumer in erhebliche Schwierigkeiten mit einer ganzen Reihe zuständiger Behörden. Nicht minder die Yacht, für die man weder den passenden Segelschein besitzt, noch rechtzeitig einen der raren Liegeplätze gepachtet hat. Und dann stelle man sich vor, Besitzer einer Sammlung zu sein, für die sich der Zoll (Einfuhrgenehmigung?), die Polizei (Diebstahl?), die Presse (Sensation!) und die einschlägigen Historiker (Unglauben???) interessieren, und die der Motelbetreiber auf seinem Parkplatz partout nicht haben will, es sei denn, man zahlt dafür entsprechend. Wen Gott strafen will, dem erfüllt er seine Wünsche, heißt es. Maloney aber ist unschuldig, denn Besitzer einer bedeutenden Sammlung von Victoriana zu sein, hat er sich keineswegs gewünscht, kann sich der Verantwortung dafür aber nicht entziehen. Übrigens buchstäblich nicht entziehen, denn sobald Maloney sich von der Sammlung räumlich entfernt, nimmt sie offenbar Schaden. Bald aber ist Maloney nicht mehr sicher, was den Verfall der Sammlung bewirkt, ob es wirklich seine Abwesenheit ist, oder wie es sich auf diese Ausgeburt eines Traumes auswirkt, wenn er schläft oder nicht schläft, träumt oder nicht träumt, und damit gerät er in den Sog der Zweifel, die wir alle erfahren, wenn wir auf mehrere Weisen versuchen, ein Übel zu bekämpfen, uns immer mehr Zwängen unterwerfen, ohne noch beurteilen zu können, wie sinnvoll diese Unterwerfung ist. Dass der schlaflose Träumer eine nervende Mutter hat, eine Ehefrau, die sich scheiden lassen will, und dass er sich in die Freundin seines ewas unüberlegt engagierten PR-Mannes verliebt, führt zu weiteren Komplikationen.

In deutscher Sprache erschien „Die Große Viktorianische Sammlung“ von Brian Moore 1978 im Diogenes Verlag in Zürich. Das Original kam 1975 unter dem Titel „The Great Victorian Collection“ heraus.

Brian Moore
Die Große Viktorianische Sammlung
aus dem Englischen von Helga und Alexander Schmitz
Diogenes Verlag, Zürich 1978
ISBN-10: 3-257-21931-8

nur antiquarisch erhältlich

Ich folge Christianes Schreibeinladung. Wortspenderin der Textwoche 16.18 ist diesmal Christiane selbst (Irgendwas ist immer), und die Wörter, die in maximal zehn Sätzen untergebracht werden müssen, lauten: Notenblatt, schwanger, trainieren. Ein Klick auf die von Ludwig Zeidler beigesteuerte Graphik führt zur Einladung.

50 FARBEN GRAU – taubengrau

Marcel schleppte die beiden vollen Einkaufskörbe die letzte Treppenflucht zum ausgebauten Dachgeschoss des hundertjährigen Mietshauses hinauf. Hier oben übertönte das Gurren der Tauben unter der Traufe das Knarren der Stufen. Zwischen den Wasserflaschen steckte der zusammengeknüllte Einkaufszettel. Er würde Marie bitten, dafür künftig kein Notenblatt zu benutzen. Es gab noch einiges mehr, worum er sie bitten wollte, aber als er das einzige Zimmer betrat, aus dem die Wohnung bestand – sah man einmal von der kleinen Küche und dem winzigen Bad ab, verschlug es ihm erst einmal die Sprache. Marie hatte sich seine Weihnachsmannwampe aus Studentenjobzeiten umgeschnallt und spazierte im Zimmer auf und ab – etwas breitbeinig, eine Hand ins Hohlkreuz gestützt.
„Was treibst du da?“ fragte Marcel und dachte: Bitte nicht, und wenn überhaupt je, dann nicht schon jetzt.
„Ich trainiere, schwanger zu sein“, antwortete Marie unbekümmert. Dann bemerkte sie seinen bestürzten Gesichtsausdruck, flog ihm an den Hals, dass er die Einkaufskörbe gerade noch abstellen konnte, bevor es Scherben gab, und quetschte die Weihnachtsmannwampe an seinem Bauch platt, während sie ihm einen Kuss aufdrückte.
„Blödmann, ich hab‘ die Zusage für die Komparsenrolle bekommen – als schwangere Nachbarin in der Fernsehserie.“

Als Kulturtasche bezeichnete man in meiner Jugend (und bezeichnet man, wenn auch seltener, heute noch) eine (ab-)waschbare Tasche, in welcher der/die Reisende all jene Utensilien verstaut, welche der Körperpflege dienen. Es wird auch niemand bestreiten, dass Körperpflege ebenso zur Kultur gehört wie Bildung oder Schöngeistiges, und dieser Logik folgend, könnte man einen Drogeriemarkt auch als Kulturkaufhaus bezeichnen, auch wenn ein ganz bestimmter Anbieter von Büchern und Ton- und Bildträgern gerne so tut, als habe er diesen Begriff für sein Geschäftsmodell gepachtet, und sich die entsprechende Internetadresse daher gesichert hat. Da auch in vielen Buchhandlungen – jedenfalls den größeren, kettenbildenden – heute so manches angeboten wird, was mit Büchern sowie Ton- und Bildträgern nur sehr, sehr entfernt zu tun hat, erscheint es nicht mehr als recht und billig, wenn Anbieter von Kulturtaschen und deren möglichem Inhalt nebenher auch Bücher, CDs und DVDs in ihre Regale stellen. Dennoch bin ich nicht der Meinung, dass man seine Bücher, Hörbücher und ähnliches im Drogeriemarkt kaufen sollte, nur ist es eben so, dass solche Einstellung ihren Inhaber nicht unbedingt davor schützt, hin und wieder eine Ausnahme zu machen.

Es geschah vor einigen Jahren, als mein Aktionsradius aus gesundheitlichen Gründen gerade etwas eingeschränkt war, ein allfälliger Einkauf von Drogerieartikeln sich aber nicht aufschieben ließ, dass ich mit dem nicht näher spezifizierten Wunsch, ich hätte ja doch gerne etwas Neues zu lesen oder zu hören, den Inhalt des entsprechenden Regals des Drogeriemarktes in Augenschein nahm. Die Auswahl war nicht gerade üppig, und noch weniger die Anzahl der Titel, die mir in Betracht zu kommen schienen – darunter das Hörbuch „Föhnlage“ von Jörg Maurer. Alpenkrimi stand unter dem Titel, und das wäre normalerweise ein ausreichender Grund gewesen, die CD-Box gleich wieder zurück zu stellen, aber auf der Rückseite wurde die von mit geschätzte Süddeutsche Zeitung zitiert: „Mit morbidem Humor, wilden Wendungen und skurrilen Figuren, im Ton eigen und authentisch.“ – Na, schön. Morbider Humor passte gerade ganz gut in meine allgemeine Gefühlsgemengelage. Und als ich am selben Abend die erste CD in meinen Player eingelegt hatte, war ich bald regelrecht begeistert und hatte bereits während der ersten 30 Minuten mehrmals herzlich gelacht.

Der zwölfjährige Pauli Schmiedinger, Sohn des Hausmeisters des Kulturhauses im voralpenländischen Kurort mit dem komischen Doppelnamen hat von seinem Onkel zum Geburtstag den Bausatz für eine Kalaschnikow geschenkt bekommen, und statt das Präsent wegzuwerfen, wie seine Eltern es von ihm verlangen, baut er die Anscheinwaffe zusammen.
Gleichzeitig findet auf dem örtlichen 4-Sterne-Kirchhof eine Beisetzung statt, bei der es ein Malheur mit der automatischen Hebebühne gibt, und statt langsam und feierlich in die Grube abgesenkt zu werden, kracht der Sarg regelrecht nach unten. Die gar nicht traurige Trauergemeinde stört das nicht. Umso mehr erschrickt das Ehepaar Grasegger, Inhaber des verantwortlichen Bestattungsinstituts, und hat allen Grund dazu.
Ingo Stoffregen, ein kleiner Ironman, hat beim Squasch die Bekanntschaft der Frau eines ortsansässigen Rechtsanwalts gemacht und ist nun mit ihr zum Klavierkonzert der Pianistin Pe Feyninger, „einer rechten Skandalnudel“ verabredet, für welches er die Karten geschenkt bekommen hatte.
Es herrscht Föhn, und gerade braut sich ein Gewitter zusammen. Und dann geschieht etwas, womit wahrhaftig niemand rechnen konnte. Ingo Stoffregen will gerade seinen Platz im Konzertsaal einnehmen – er und seine Verabredung haben sich etwas verspätet, da stürzt von der Saaldecke (man könnte sagen, aus heiterem Himmel) der Obertürschließer Eugen Liebscher und kommt dabei nicht nur selbst zu Tode, sondern erschlägt auch den kleinen Ironman. – Soweit die Ereignisse, die Kommissar Jennerwein und sein Ermittlerteam auf den Plan rufen.

Das Ganze ist mit wunderbar leichter Hand geschrieben und, da Jörg Maurer, eine erfahrener Kabarettist, das Buch nicht nur selbst liest, sondern die Personen der Handlung auch regelrecht spielt, eine Gaudi vom Feinsten. Nicht nur die urbayerischen Ortseinwohner, sondern auch Jennerwein und seine Beamten werden von Maurer so liebevoll karikiert, dass der Humor die Grundstimmung bildet, während die Handlung, von der man zunächst nicht weiß, ob es sich nicht nur um einen Unfall oder doch um eine Verbrechen handelt, und worin dieses eigentlich bestehen soll, nicht ohne Spannung ist und dabei nie in jene volkstümelnde Beschaulichkeit abgleitet, die dem wahren Liebhaber von Kriminalromanen manche Alpenkrimis verleidet. Alles in schönster Balance. Man hoffte auf weitere Jennerwein-Krimis. Und die kamen auch. Seit „Föhnlage“ in jedem Jahr einer. Nur reichte – für meinen Geschmack – keiner davon an den Debütroman heran.

Der Fairness halber muss ich einräumen, dass ich „Hochsaison“ (2010) und „Niedertracht“ (2011) nicht gelesen habe – nicht, weil ich das nicht gewollt hätte, aber manchmal verbeiße ich mich in einen sportlichen Ehrgeiz und verwehre mir die Bestellung im Internet, sondern klappere Buchhandlung ab. Die vorgenannten beiden Titel habe ich dabei nie entdeckt. Dafür aber „Oberwasser“ (2012), „Unterholz“ (2013), „Felsenfest“ (2014), „Der Tod greift nicht daneben“ (2015), „Schwindelfrei ist nur der Tod“ (2016), „Im Grab schaust du nach oben“ (2017). Sie alle habe ich als Hörbuch gekauft, und ich kann in aller Aufrichtigkeit sagen. dass es mir bei keinem diese Romane besonders leidgetan hätte, wäre er mir entgangen. Am meisten empörte mich wohl „Schwindelfrei ist nur der Tod“, weil Maurers Einfallsreichtum dabei dermaßen überbordete, dass ihm schließlich die Puste ausging und einiges völlig ungeklärt blieb, was dann endlich auch solche Rezensenten kritisch anmerkten, die bis dahin jedes neue Buch gelobt hatten. Für mein Empfinden stimmt in keinem der genannten Titel das Zusammenspiel von teils hanebüchenen Verbrechen und Klamauk, und irgendwann hängen einem die Marotten der Stammbesetzung auch zum Halse heraus, mag man die Polizeipsychologin Maria Schmalfuß nicht mehr endlos in ihrer Tasse rühren hören und kennt man das Register bayerischer Kraftausdrücke rauf und runter. Vor zwei Tagen kam mir in einer Buchhandlung die gerade erschienene CD-Box „Am Abgrund lässt man gern den Vortritt“ in die Finger, und ohne zu zögern, legte ich sie zurück. Ich habe die Hoffnung, dass Maurer noch mal eine „Föhnlage“ gelingt, aufgegeben. – Schade. Ich werde meine Jennerwein-Krimis demnächst der Stadtbücherei vermachen, nur den ersten behalten und versuchen zu vergessen, dass es danach weitere gegeben hat.

Jörg Maurer
Föhnlage
Gekürzte Autorenlesung (4 CDs)
Argon Verlag, Berlin, 2011
ISBN 978-3-8398-9051-6

Muriel Barbery, 1969 in Casablanca (Marokko) geboren, ist mittlerweile Autorin von drei Romanen. Sie studierte Philosophie an der Pariser Elite-Hochschule École normale supérieure, überlegen lässig Normale sup genannt, und unterrichtete anschließend am Institut universitaire de formation des maîtres von Saint-Lô. Dem Vernehmen nach war es ihr Mann Stéphane, ein Psychologe, der sie im Jahr 2000 dazu drängte, unverlangt das Manuskript ihres ersten Romans an den Verlag Éditions Gallimard zu schicken.

„Die letzte Delikatesse“ war äußerst erfolgreich, denn dieser Roman über einen Gastronomiekritiker wurde in 14 Sprachen übersetzt. Eine gewisse Anhänglichkeit ist der Autorin nicht abzusprechen, denn auch in ihrem zweiten Roman, „Die Eleganz des Igels“ (2006) spielte ein Restaurantkritiker, wenn auch nicht die Haupt-, so doch eine Rolle. Mit ebensolcher Treue huldigte Barbery in diesem zweiten Buch ihrem Fachgebiet, der Philosophie. Das ging so weit, dass sie in der Handlung dem Philosophen, Schriftsteller und Literaturkritiker Roland Barthes eine Reminiszenz widmete. Barthes war 1980 in Paris vom Lieferwagen einer Wäscherei überfahren worden und an den Folgen des Unfalls gestorben.

Die Eleganz des Igels – Handlung:

Die Witwe Renée Michel, 54 Jahre alt, die sich selbst als „klein, hässlich, mollig“ beschreibt verbirgt ihre Intelligenz und autodidaktisch erworbene Bildung seit 27 Jahren in der Hausmeisterloge eines herrschafftlichen Hauses in der Rue de Grenelle 7 (acht 400-qm-Eigentumswohnungen) und hinter dem Dunst der Arme-Leute-Küche sowie der Geräuschkulisse eines ständig laufenden Fernsehapparates.

Zur Zeit meines verstorbenen Mannes nahm ich es hin, weil die Ausdauer, mit der er sich dieser Beschäftigung widmete, mir selbst die lästige Aufgabe ersparte. In die Eingangshalle gelangten entsprechende Geräusche, und das reichte aus, um das Spiel der gesellschaftlichen Hierarchie aufrechtzuerhalten, …

Abgesehen von ihrem fetten Kater Leo (so genannt als Hommage an Leo Tolstoi) ist ihre einzige Gesellschaft ihre Freundin Manuela, die von zwei Familien im Haus als Putzfrau beschäftigt wird (am Dienstag von den Arthens, am Donnerstag von den Broglies) und diese Gelegenheiten nutzt, um Renée zu besuchen – stets mit köstlichem, selbstgemachten Gebäck.

Manuela ist eine einfache Frau, deren Eleganz die zwanzig Jahre, die sie damit vertan hat, bei anderen Leuten dem Staub nachzustellen, nichts anhaben konnten.

[…]

So wie ich ein ständiger Verrat meines Archetypen bin, ist Manuela, ohne es zu wissen, eine Renegatin der portugiesischen Putzfrau. Denn die Tochter aus Faro, unter einem Feigenbaum geboren, nach sieben anderen und vor sechs weiteren, schon früh aufs Feld geschickt und genauso rasch it einem bald auswandernden Maurer verheiratet, Mutter von vier Kindern, die dem Recht des Bodens nach französisch, dem Blick der Gesellschaft nach jedoch portugiesisch sind, die Tochter aus Faro also, einschließlich schwarzer Stützstrümpfe und Kopftuch, ist eine Aristokratin, eine echte, eine große, von der Art, die keine Abrede duldet, da ihre Aristokratie direkt aufs Herz geprägt, aller Etiketten und Prädikate spottet. Was ist eine Aristokratin? Eine Frau, der die Vulgarität nichts anhaben kann, obschon sie von ihr umgeben ist.

Für die Manieriertheiten, Allüren, Borniertheiten und Psychosen der Hausbewohner empfindet Madame Michel nur Verachtung, und entsprechend kratzbürstig, hart an der Grenze zur Unhöflichkeit, begegnet sie ihnen. Sie ahnt nicht, dass es im Haus eine verwandte Seele gibt. Aber ist die zwölfjährige Paloma wirklich eine verwandte Seele? War ich als Zwölfjährige mit irgendjemandem verwandt, oder hätte ich mit jemandem seelenverwandt sein wollen? Nein! Dieses weit überdurchschnittlich intelligente Kind jedenfalls betreibt eine ähnliche Camouflage wie die Concierge, wenn auch, wie man am Ende erfahren wird, aus anderen Gründen. Paloma meint das Spiel der Erwachsenen durchschaut zu haben, zweifelt daran, ob sie noch lange die Kraft haben wird, sich den Erfolgszwängen ihrer Gesellschaftsschicht zu entziehen, und hat deshalb beschlossen, an ihrem 13. Geburtstag die Wohnung mit Grillanzünder in Brand zu stecken, bevor sie mit einer ausreichenden Menge Schlaftabletten das Haus verlässt, um bei ihrer Großmutter zu übernachten. Halbgare Sprüche, wie: „Wichtig ist nicht, dass man stirbt oder in welchem Alter man stirbt, sondern was man tut in dem Moment, wo man stirbt“, darf man ihr nachsehen.
Da zunächst nicht mehr passiert als kleine, alltägliche Begebenheiten, bekommen wir es also vor allem mit dem Innenleben dieser Hauptpersonen zu tun – im Wechsel erzählt aus der Sicht der Concierge und in Gestalt von Palomas „Tiefgründigen Gedanken“ und „Tagebuch der Bewegung der Welt“.

Wie ich diversen Rezensionen entnehmen konnte, vermissten einige Leser in der Geschichte bis hierher einiges an Schwung. Ich hingegen las durchaus mit Vergnügen und delektierte mich bisweilen regelrecht an Renées Schmähungen, wenn sie zum Beispiel den Gastronomiekritiker Pierre Arthens aus dem vierten Stock als „Oligarchen der schlimmsten Sorte … mit großer, arrogante Nase“ beschreibt oder den jungen Antoine Pallières, dessen kümmerlichen Schnurrbart sie widerwärtig findet, einen „letzten Aufstoßer der großen Unternehmerbourgeoisie – welche sich nur durch saubere und sittliche Schluckaufs fortzupflanzen pflegt“ nennt. Und schließlich kommt ja Bewegung in die Handlung, denn der Gastronomiekritiker stirbt plötzlich (das Herz), und seine Witwe verkauft die Wohnung an den wohlhabenden japanischen Geschäftsmann Kakuro Ozu.

In seiner Rezension schrieb Urs Jenny im SPIEGEL am 10.05.2008:

Man muss es so sagen: Monsieur Ozu hat etwas von einem asiatischen Glücksgott, der auf die Erde hinabsteigt, um unter all den Halunken und Heuchlern einen wahren Menschen zu finden. Und wie es die Fabel erwarten lässt, wendet er sich der verachtetsten, niedrigsten Kreatur zu und hebt sie aus ihrem Aschenputteldasein zu sich empor.

Das Gegenseitige Erkennen (nein, nicht im biblischen Sinn) wird ausgelöst durch einen schlichten Satz, bei dem es sich jedoch immerhin um den ersten Satz in Tolstois Roman „Anna Karenina“ handelt. Als Herr Ozu sich bei der Concierge nach den Vorbesitzern seiner Wohnung erkundigt, antwortet Renée Michel. Sie seien wie die anderen auch gewesen, und fährt fort: „Wissen Sie, alle glücklichen Familien ähneln einander.“ Woraufhin Kakuro Ozu entgegnet: „Doch jede unglückliche Familie ist auf ihre Art unglücklich.“

Voilá! Das Anna-Karenina-Prinzip!

Mit derselben asiatischen Hellsichtigkeit erkennt Monsieur Ozu auch in Paloma das ganz besondere Mädchen, und es dauert nicht lange, bis die Zwölfjährige immer häufiger in der Conciergerie zu Gast ist – ein guter Ort zum Verstecken aber auch eine Gelegenheit, in Madame Michel eine Vertraute zu finden. – Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute, erwartet man fast an dieser Stelle zu lesen, aber die zweite Hälfte des Buches liegt noch vor einem.

Und dann passierte etwas Seltsames – nicht im Roman, sondern mit mir: Auf Seite 270, riss mir der Geduldsfaden, dessen zunehmende Spannung ich bis dahin nicht einmal bemerkt hatte. Vielleicht lag es an der Fußnote auf eben dieser Seite: „*Elitehochschule für Ausbildung von Lehrern an höheren Schulen“, stand da als Erklärung des Begriffs Normale sup. Von einem Atemzug auf den nächsten wurde mir beinahe übel, so satt hatte ich plötzlich die nonchalante Überheblichkeit, die man ja keineswegs nur den reichen Hausbewohnern, sondern auch Madame Michel vorwerfen kann – ihr Hochmut der kleinen Leute, ihre ständigen Unterstellungen, dass jedes höflich an sie gerichtete Wort eigentlich nur Ausdruck von Geringschätzung wäre. Und dann fütterte sie ihren fetten Kater auch noch ständig mit „Schweinernem“, wo man doch weiß Gott nicht studiert haben muss, um zu wissen, dass man Katzen niemals Schweinefleisch – nicht gekocht und schon gar nicht roh – zu fressen gibt. Ich war drauf und dran das Buch in die Ecke zu schmeißen. Aber da hatte ich mir den Film schon bestellt, weil ich ja Buch und Film hatte vergleichen wollen. Also las ich weiter.

Für den Fall, dass jemand weder Buch noch Film kennen sollte, werde ich mehr vom Inhalt jetzt nicht verraten. Nur soviel: nämlich dass ich über die letzten Seiten nicht kam, ohne mir immer wieder die Augen wischen zu müssen. Weiß der Geier, welche Klaviatur Muriel Barbery da gespielt hat. Romeo und Julia 50+? Ach, diese armen, armen Reichen? Ach, diese armen, armen Armen? Ach, diese späte Erkenntnis?

Muriel Barbery
Die Eleganz des Igels
Deutscher Taschenbuch Verlag, 2008
ISBN-10: 3423138149
ISBN-13: 978-3423138147

„Niemand kann den Welterfolg des Romans „Die Eleganz des Igels“ so ganz erklären“, sagte Carolin Fischer im Deutschlandfunk Kultur am 9. Juni 2016, und sie sagte es im Rahmen ihrer Buchkritik zu „Das Leben der Elfen“ und nicht ohne durchblicken zu lassen, dass begeisterte Leser, die acht Jahre lang auf einen neuen Roman der Autorin gewartet hatten, von Elfen im Nebel womöglich enttäuscht sein könnten.

Da ich meine Einschätzung des Romans bis heute mit mir selbst noch nicht ausdiskutiert habe, hoffte ich, der Film könnte mich dazu bringen, ihm den Vorzug zu geben oder mich dann doch zu den positiven Seiten des Romans zu bekennen. Doch weit gefehlt.

Gesagt werden muss, dass die Hauptrollen kaum besser hätten besetzt werden können. Josiane Balasko überzeugt als Renée Michel ebenso wie Garance Le Guillermic als Paloma. Die Gedankenfülle des Romans aber erfordert bei der filmischen Umsetzung viel Einfallsreichtum und damit verbundene Abweichungen von der Romanvorlage. So wird Palomas Tagebuch durch eine Videokamera ersetzt, mit der das Mädchen ihre Umwelt auf Schritt und Tritt beobachtet. Wirklich Schade ist, dass auch Renées Vorgeschichte weggekürzt wurde, und nur aus ihr erklärt sich, warum sie sich so unscheinbar gibt und jeden Kontakt zur „besseren“ Gesellschaft auf das Nötigste beschränkt. Einen Vorteil bringt die Verfilmung dann aber doch mit sich: Das hohe Maß an Verachtung, mit dem Renée die wohlhabenden Mieter betrachtet, und dessen ich dann irgendwann überdrüssig wurde, kommt – da selten ausgesprochen – im Film nicht zum Tragen. Das mag einige enttäuschen, mir war es eher angenehm, und die schauspielerischen Fähigkeiten von Josiane Balasko genügen durchaus, ihre Gefühlsgemengelage auszudrücken.
Statt aber weiter über die Unterschiede zwischen Buch und Film zu schreiben, möchten ich erwähnen, was den Kauf des Videos für mich vor allem zu einem Gewinn gemacht hat: Die DVD enthält ein halbstündiges Making-of, und dabei handelt es sich nicht um slapstickhafte Szenen im Sinne von Pleiten, Pech und Pannen, sondern man gewinnt einen guten Eindruck der Arbeit der Regisseurin Mona Achache mit den Schauspielern, aber auch von alle dem, von dem der Zuschauer später nichts mehr merken wird (Kulissenbau, Maske, Requisite, Technik …). Unbedingt empfehlenswert!

Die Eleganz der Madame Michel
Originaltitel: Le Hérisson
Produktionsland: Frankreich
Erscheinungsjahr: 2009
Drehbuch und Regie: Mona Achache

Andrea Camilleri, 1925 in Porto Empedocle (Sizilien) geboren, ist italienischer Drehbuchautor, Theater- und Fernsehregisseur und Schriftsteller. International bekannt wurde er vor allem durch seine erfolgreichste Romanfigur, den sizilianischen Commissario Montalbano.

„Die Form des Wassers“ (1994), „Der Hund aus Terracotta“ und „Der Dieb der süßen Dinge“ (beide 1996), „Die Stimme der Violine“ (1997), „Das Paradies der kleinen Sünder“ und „Die Nacht des einsamen Träumers“ (Kurzgeschichten, beide 1998), „Das Spiel des Patriarchen“ (2000), „Der Kavalier der späten Stunde“ (2001), „Die Rache des schönen Geschlechts“ (Kurzgeschichten, 2002), „Das kalte Lächeln des Meeres“ (2003), „Die Passion des stillen Rächers“ (2004), „Die dunkle Wahrheit des Mondes“ (2005), „Die schwarze Seele des Sommers“ (2006) – in Klammern ist jeweils das Erscheinungsjahr des italienischen Originals angegebenen – diese alle habe ich gelesen, und wenn sich nichts davon hier im Blog niedergeschlagen hat, dann aus dem Grund, dass ich zu der Zeit eben noch nicht bloggte. Zwischen 2006 und 2017 schrieb Camilleri weitere Commissario-Montalbani-Krimis, von denen noch nicht alle übersetzt sind, ich aber keinen mehr gelesen habe. Man kann nicht alles lesen, und ich entdeckte andere Krimi-Autoren für mich. Kürzlich aber kam mir „Das Labyrinth der Spiegel“ (2011) in einer hübschen bibliophilen Ausgabe der Büchergilde Gutenberg unter, und nachdem ich die vorgenannten Titel als Taschenbücher schon vor geraumer Zeit an eine meiner Töchter weitergegeben hatte, beschloss ich, mir diesen einen noch zuzulegen. Ein kleines Denkmal für Commissario Salvo Montalbano in meinem Bücherregal. Und natürlich habe ich das Buch auch gelesen.

Auch Montalbano, den man zu Beginn der Serie als Mann in den Vierzigern kennengelernt hat, wird älter. Doch davon abgesehen, fühlte ich mich auch nach Jahren des Nichtlesens sofort wieder zu Hause – als hätte ich die meisten Urlaube meines Lebens auf Sizilien verbracht, während ich doch kein einziges Mal dort war. Montalbanos Häuschen am Strand von Marinella, das Komissariat in Vigàta, Enzos Trattoria sind so vertraut wie das Personal der Montalbano-Romane. Trotz ständiger Streitereien am Telefon, hat der Commissario sich nicht von seiner in Genua lebenden Dauerverlobten Livia getrennt, während Montalbanos Haushälterin, die alte Adelina, die ihn liebevoll bekocht, eben diese Verlobte mit ungebrochener Entschiedenheit nicht ausstehen kann und nichts unversucht lässt, die Beziehung zu hintertreiben. Montalbanos Stellvertreter Mimì Augello ist – auch nach seiner Eheschließung mit Beba – der unverbesserliche Schürzenjäger geblieben, und der bemitleidenswert (vielleicht aber auch beneidenswert) schlichte Polizist Catarella gerät noch immer ins Stottern, wenn er Montalbano ausrichten muss, dass der Signore Questore den Commissario zu sprechen wünscht.

„Das Labyrinth der Spiegel“ beginnt mit scheinbar banalen Vorkommnissen, die nichts miteinander zu tun zu haben scheinen. Der neuen Nachbarin des Kommissars, einer sehr attraktiven Frau, deren Ehemann offenbar mehr auf Geschäftsreisen als zu Hause ist (und es hat sich natürlich auch nichts daran geändert, das Montalbano – dauerverlobt oder nicht – für die Reize des weiblichen Geschlechts sehr empfänglich ist), hat jemand den Motor ihres Autos mit einem Hammer demoliert. Außerdem ist in Vigàta ein in einem Pappkarton versteckter Sprengsatz hochgegangen – eine nicht ungewöhnliche Warnung der Mafia an diejenigen, die kein Schutzgeld zahlen wollen. Der Schaden beschränkt sich in diesem Fall darauf, dass das Tor eines ungenutzten Lagerraums leicht lädiert wurde. Dann aber komplizieren sich die Dinge und werden immer mehr Verflechtungen offenbar.

In seinem Nachwort schreibt Andrea Camilleri:

Dieser Roman verdankt seine Entstehung nicht einer Verbrechensmeldung wie so viele andere aus der Serie Montalbano. Er ist frei erfunden. Umso mehr kann ich behaupten, dass die Namen der Personen, die Situationen und Ereignisse nichts mit der Wirklichkeit zu tun haben. Gewiss, all das hätte auch geschehen können. Und es ist tatsächlich geschehen, im Sommer 2010, nachdem ich den Roman beendet hatte. Aber das steht auf einem anderen Blatt.

Andrea Camilleri
Das Labyrinth der Spiegel – Commissario Montalbanos achtzehnter Fall
Taschenbuch Bastei Lübbe, 2018
ISBN: 978-3-404-17640-3

Lizenzausgabe für die Büchergilde Gutenberg
Frankfurt am Main, Zürich, Wien, 2016
ISBN: 978-3-7632-6871-9

KOMME WAS WOLLE – Eine Geschichte mit unvorhersehbarem Ende

Die Eindringlinge erstarrten – die drei Männer mit hochgezogenen Schultern, als könnten sie sich dadurch klein oder besser noch unsichtbar machen, Melli mit lauschend zurückgewandtem Gesicht.
„Tut mir leid, ist jemand über den Karton mit den leeren Kunstschnee-Sprühdosen gestolpert?“ ließ sich Helena Krügleins Stimme vernehmen, doch kein Geräusch kündigte an, dass sie im Begriff war, selbst nach dem Rechten zu sehen.
Mit einem schnellen Blick zu den Männern wies Melli überdeutlich auf einen Karton, der zwei Schritte von der Haustür entfernt an der Wand stand und eine beachtliche Menge großer Spraydosen enthielt, von denen einige umgekippt waren, wohl weil der Karton bereits früher angerempelt worden war, und gleichzeitig rief sie in Richtung der offenen Zimmertür: „Es ist nichts passiert!“ und wedelte ihre Begleiter eilig nach draußen.

Nachdem sie das Grundstück verlassen und die beiden Autos erreicht hatten, die auf der gegenüberliegenden Straßenseite jetzt hintereinander parkten, getrauten sie sich endlich, miteinander zu sprechen.
„Wie kommst DU eigentlich hierher?“ fragte Sven Melli dummdreist, doch sie wurde einer Antwort enthoben, weil sich im selben Moment ein denkwürdiger Dialog entspann.
„Sag mal, wer hortet denn 20 leere Schneespray-Dosen, und was sollten wir da eigentlich klauen – Porzellan ohne Porzellankiste?“ fragte der lange Lupo.
„Die Frau wollte eben garantiert weiße Weihnachten im ganzen Garten“, sagte Mecki und fügte aufgeregt hinzu: „aber viel wichtiger ist doch Svens Idee, denn das können wir doch wirklich machen, das mit dem Wachdienst, weil, die Konzession kriegt man leicht, das weiß ich, und wir sind ja nicht vorbestraft, und man kann damit richtig Kohle verdienen.“
„Was du nicht alles weißt!“ zischte Sven ihn an, zuckte aber gleich darauf zusammen, weil Melli allen dreien mit der flachen Hand – patsch, patsch, patsch – auf die Stirn klatschte.
„Was soll das hier sein, Frühlingserwachen?“ fauchte sie, und schon saß sie hinter dem Lenkrad ihres Autos und hatte die Wagentür wütend zugeschlagen.

Die Fahrt nach Hause würde über eine Stunde dauern, und soviel Zeit brauchte sie auch, um sich zu überlegen, wie weitere Katastrophen dieser Art zu verhindern wären – durch Drohung mit dem Scheidungsanwalt, oder indem sie sich und ihr Organisationstalent in künftige Unternehmungen des Trios beziehungsweise Quartetts einbrachte.

ENDE

für die a.b.c. etüden – Textwoche 15.18 | Wortspende von Ludwig Zeidler

Ohne die Wortspenden aller anderen Mitstreiter bei den a.b.c. etüden hinanstellen zu wollen (was sie definitiv nicht verdient hätten), war es mir doch eine kleine Extrafreude, ausgerechnet mit Ludwig Zeidlers Wortwahl den Abschluss für „KOMME WAS WOLLE“ gefunden zu haben, denn schließlich ist er der Autor aller Grafiken, die dieses Schreibprojekt begleiten. Wer meinen kleinen Fortsetzungsroman nicht verfolgt oder über die Wochen den Faden verloren hat, kann hier die ganze Geschichte lesen, ohne die einzelnen Beiträge aufsuchen zu müssen.

Demnächst geht es weiter – nicht mehr mit Fortsetzungen aber doch unter einer gemeinsamen Überschrift für die Text-Miniaturen: 50 FARBEN GRAU.