Das Schlaraffenland. Gemälde von Pieter Brueghel dem Älteren

Wenn jemand sagt, es sei bereits alles gesagt, so würde ich zwar nicht meinen Kopf darauf verwetten, aber ich wäre geneigt, dem zuzustimmen. Vermutlich ist wirklich alles gesagt – jedenfalls alles Wichtige. Was jedoch unbestreitbar ist: Es hat noch nicht alles jeden erreicht. Nicht einmal das Wichtige hat jeden erreicht. Und das kann nichts anderes bedeuten, als dass es nochmals gesagt werden muss, in anderen Sprachen. mit anderen Worten, …
Zu behaupten, es sei alles gesagt und (schriftstellerische) Kreativität sei – wenn überhaupt – nur noch möglich, indem man Text als Material behandelt, ist blanker Zynismus. Als Charles Bernstein 1979 auf die Idee verfiel, die „Abhebungen“ vom Korrekturband seiner Schreibmaschine zu transkribieren, war das ein Einfall, aus dem man etwas hätte machen können. Die Transkription mit dem Titel „Lift Off“ zu versehen und zum Gedicht zu erklären, war für mein Empfinden blanker Zynismus. Wenn heute Programmier-Künstler (oder Kunst-Programmierer) davon schwadronieren, dass demnächst Roboter Gedichte für Roboter schreiben werden, ist das blanker Zynismus. Und tatsächlich bleiben andere Bereiche der Kreativität von solchen Tendenzen ja nicht verschont. Computerprogramme komponieren aus Bach-Sequenzen neue Bachwerke, und der musikalisch Halbgebildete erkennt sogar, dass es sich „um ein Werk von Bach handeln“ muss – auch wenn es nicht wirklich an Bach heranreicht. Aber es gibt Menschen, die noch nie Musik von Bach gehört haben. Echte Musik vom echten Bach. Nun kann man nur hoffen, dass sie keinen falschen Eindruck vom nachgemachten Bach bekommen.

Und wie mir so die Unfähigkeit zu wahrer Kreativität aus allen Ritzen der Unterhaltungselektronik und auch schon zwischen Buchdeckeln hervor entgegen kriecht und dabei die noch größere Unfähigkeit zur Demut demonstriert, fällt mir wirklich nur noch eine Frage ein:

WAS SOLL DENN DIESER SCHEIß?

P.S.: Habe Kenneth Goldsmith‘ „Uncreative Wrting“ nach Seite 52 in die Ecke gefeuert und werde es diese Woche der Stadtbücherei spenden (obwohl ich nicht glaube, damit ein gutes Werk zu tun; es ist die Ehrfurcht vor den Bäumen, die mich treibt).

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Gestern erwähnte ich meine Bestellung in einer Buchhandlung, und … Nein, so eine schnelle Leserin bin ich nicht, dass ich heute bereits über die Bücher schreiben wollte. Es geht um etwas ganz anderes.

An der fraglichen Buchhandlung  komme ich oft vorbei, wenn ich mit meinem Enkelkind spazieren gehe, und hin und wieder nutze ich die Gelegenheit, ein Buch zu bestellen oder abzuholen. Diesmal aber wollte ich telefonisch bestellen, brauchte also die Telefonnummer, … Und wo hätte ich sie schneller gefunden als im Internet?  Neben dem Google-Link wurde – wie oft bei Geschäftsadressen – eine Kurzinformation angezeigt, ein paar Bilder auch, eines davon ein Link zu Street View (Von außen ansehen). Ich klickte darauf. Eigentlich völlig überflüssigerweise, denn die Telefonnummer hatte ich schon abgeschrieben. Virtuell stand ich nun vor der S-Bahnunterführung und schaute über die Straße zur Buchhandlung hinüber, und dann konnte ich der Versuchung nicht widerstehen: Ich wollte (virtuell) den gleichen Weg gehen, den ich schon so oft den Kinderwagen vor mir her geschoben hatte. Fast überrascht entdeckte ich mit Baugerüsten eingerüstete Häuser, die ich nur ohne Baugerüst kenne, und erst da wurde mir bewusst, dass mich dieser virtuelle Spaziergang ins Jahr 2009 zurückversetzte – vor Enkelkind, vor der Hochzeit meiner Tochter und somit auch vor meiner Vertrautheit mit dieser Gegend. Das hatte einen unglaublichen Reiz! Ich verfolgte mir heute wohlbekannte Wege und achtete auf jede Veränderung. Es waren keine großen Überraschungen oder Offenbarungen darunter. Acht Jahre sind nur ein kleiner Sprung in die Vergangenheit. Dann aber stellte ich mir vor, wie es wäre, wenn Google schon vor 50 oder sechzig Jahren alle Straßen gefilmt hätte, wenn ich virtuell durch die Straßen meiner Kindheit laufen und sie so sehen könnte, wie sie damals waren. Plötzlich wünschte ich mir, Google würde noch viel regelmäßiger und absolut Flächendeckend durch jede Straße fahren, dass es außer einem hochaktuellen Street View auch ein Time View gäbe, und ich stellte mir vor, dass meine Enkel in 50 Jahren nach Belieben jeden Ort an dem sie je gewohnt oder den sie je besucht hatten „rückblickend“ würde aufsuchen können, um ihren Enkeln zu zeigen: Guck mal, und das war die Eisdiele, in der meine Oma mir immer eine Kugel Eis spendiert hat.

Was für ein hinreißender Gedanke!
Und gleichzeitig: Was für ein beängstigender Gedanke…

Blätternd in einem Bildband über italienische Gartenarchitektur, fühle ich mich doch recht unabhängig von dem, was der nasseste Sommer in Deutschland seit Beginn der Wetteraufzeichnung zu werden droht.

Verdis Garten auf seinem Landgut Sant’Agata in der weiten Ebene der Bassa Padana suche ich allerdings vergebens. Er muss ihn regelrecht komponiert haben. Vielleicht geht das im gartenarchitektonischen Sinn als Kunst nicht durch. Aber was ist Kunst? Verdi selbst hat das von ihm geschaffene Altersheim für Musiker, die Casa Verdi in Mailand, als sein größtes Werk bezeichnet. So etwas wäre einem Wagner nie eingefallen.

Übrigens habe ich mir heute ein Buch bestellt. Nicht online. Per Telefon in „meiner“ Buchhandlung: „Uncreative Writing“ von Kenneth Goldsmith. Kenneth Goldsmith und meine Form der Bestellung sind ein Widerspruch in sich. Oder vielleicht doch nicht. Auf meine alten Tage werde ich noch zur Revoluzzerin.

Teure Heimat, …

Ist Gott schuld daran. dass Kain Gelegenheit hatte, Abel zu erschlagen?

Oder hätte Adam es verhindern müssen?

Hat Eva bei der Erziehung ihrer Söhne etwas versäumt?

 

 

Ich verlange die Einsetzung eines Untersuchungsausschusses!

Ich habe festgestellt, dass ein Milchtopf und mein Postzusteller etwas gemeinsam haben: Bewachter Milchtopf kocht nie, und erwarteter Postbote kommt nie.

Dazu muss ich sagen, dass ich nie – oder jedenfalls sehr selten – auf den Postboten warte. Was im Briefkasten landet, sind der dicke Packen in eine Plastikhülle eingeschweißter Werbung (Ich sollte endlich mal so einen Aufkleber „Keine Werbung!“ anbringen.), Kontoauszüge, Wahlbenachrichtigungen, Privates eigentlich nur zu Weihnachten und zum Geburtstag, selten eine Urlaubskarte. Man mailt und whatsappt eben. Ich muss dazu aber sagen, dass ich mich über „richtige“ Post von lieben Menschen sehr freue; das Darauf-Warten habe ich eingestellt – jedenfalls bis Anfang dieser Woche.

Am Sonntag hatte mein Tochter mich angerufen, um mir einen Brief anzukündigen und sich gleichzeitig für das „Attentat“ zu entschuldigen, denn der Brief enthielt u.a. ihre Versicherungskarte mit der Bitte, bei ihrer Ärztin ein Rezept abzuholen, und wegen des neuen Quartals musste dafür die Karte eingelesen werden. Mit einer Neugeborenen und eine noch nicht Zweijährigen sind solche Erledigungen für die junge Mutter ziemlich umständlich, während es mir kaum Umstände machen würde … Oder ich sollte besser sagen: …kaum Umstände gemacht hätte.

Am Montag war der Brief noch nicht in der Post. Mein Eindruck: Es war überhaupt keine Post für unser Haus gekommen. Alle sechs Briefkästen leer. Das war nicht wirklich verwunderlich, denn montags kommt immer besonders wenig Post, und dass ein sonntags in einen Briefkasten geworfener Brief auch innerhalb der Grenzen unserer Hauptstadt mal etwas länger brauchte, mochte an der Leerungszeit des Briefkastens liegen. Am Dienstag versuchte ich, den Postboten auf der Straße abzupassen. Da hatte die Ärztin nur vormittags Sprechstunde, und ich hätte die Sache gerne erledigt. Straßauf, straßab, um die Ecke, … das gelbe Postfahrrad war nirgends zu sehen. Nachmittags dann mehrmals die Treppe runter, um von sechs leeren Briefkästen angegähnt zu werden. Am Mittwoch dasselbe Spiel – oder nicht ganz dasselbe, denn am Mittwoch sichtete ich den Postboten. Er kam aus einer Nebenstraße, ich befand mich auf der anderen Seite der Hauptstraße, zwischen uns tobte der Verkehr. Bis ich den Fußgängerüberweg erreichte, war der Postbote in einem Amtsgebäude verschwunden – für längere Zeit. Danach würde er (MUSSTE ER!) die Straßenseite wechseln – so dachte ich jedenfalls. Der gute Mann erschien endlich, schwang sich auf sein Fahrrad und radelte flugs auf seiner Seite des Verkehrsstroms und in entgegengesetzter Richtung davon. Ein Blick auf die Uhr verriet mir, dass ich es ohnehin nicht mehr in die auch am Mittwoch nur vormittags gehaltene Sprechstunde schaffen würde. Ich konnte also abwarten, bis die Post in meinem Kasten landete. Sie war ja offenbar unterwegs. Nachmittags wieder mehrere Male die Treppen und sechs Briefkästen, hinter deren Sichtfenstern absolut nichts von eingeworfener Post zu sehen war. Inzwischen hätte ich Zusammenrottungen der aufgebrachten, ihre Post vermissenden Mieter erwartet, aber es rottete sich niemand. Scheinbar nehmen alle das Ankommen oder Ausbleiben der Post als etwas Schicksalsgegebenes hin, und ich hätte das schließlich auch getan, wäre da eben nicht dieser eine, mir so wichtige Brief gewesen. Seltsam war es natürlich in jedem Fall. Wir schrieben den 5. des Monats – noch dazu zu Beginn eines Quartals. Wo blieben meine Kontoauszüge? Das beunruhigte mich nicht, denn ich konnte den Kontostand ja online einsehen, aber es wunderte mich und störte mich nun auch aus Prinzip. Noch war ich nicht an dem Punkt, mich offiziell zu beschweren, aber ich schaute im Internet schon mal nach, wo und wie man eine Beschwerdestelle erreichen konnte. Bei giga.de wird geraten, Beschwerde nur im Falle von anhaltenden oder wiederholten Unregelmäßigkeiten zu führen. Waren drei postlose Tage „anhaltend“. War dies ein wiederholter Fall und mir nur früher nie bewusst geworden?

Am Donnerstag (gestern), stellte ich mich bei meiner Briefzusteller-Abfang-Aktion geschickter an. Ich begab mich zum frühestmöglichen Zeitpunkt, zu dem man dem Postboten begegnet (das ist in meiner Gegend Viertel vor zwölf) diesmal gleich auf die andere Seite der Hauptverkehrsstraße, und an der nächsten Kreuzung erspähte ich das Postfahrrad tatsächlich in der Nebenstraße. Fest entschlossen, keinen – vielleicht ja ganz unberechtigten – Vorwurf im Ton zu haben, sprach ich den Postboten freundlich an, setzte kurz auseinander, dass ich seit Montag – sehr dringen! – einen Brief erwartete und ihn deshalb bäte, ihn mir doch jetzt und hier auszuhändigen, den Ausweis hätte ich dabei. Der Ausweis wäre nicht einmal nötig gewesen. Mein Postzusteller kannte mich mit Namen. Donnerwetter! Heute habe er mit Sicherheit einen Brief für mich – von meiner Bank. Er erwähnte sogar den Namen des Kreditinstituts. Das begeisterte mich schon weniger. Schließlich sind wir hier nicht auf dem Dorf. Ich fragte mich, was er sonst noch so im Lauf der Jahre an Informationen über mich in seinem Gedächtnis gespeichert hatte. Versuchte er mit Google Schritt zu halten? – Nein, an einen weiteren Brief konnte er sich nicht erinnern, und auch den Bankbrief konnte er mir nicht aushändigen. Die Post für diesen Abschnitt der Tour war irgendwo eingeschlossen; die musste er erst abholen.

Mittlerweile war ich sensibilisiert. Das zweimalige Schlagen der Haustür in kurzem Abstand gegen halb drei veranlasste mich zu einem Gang durchs Treppenhaus. In meinem Briefkasten der bereits vom Zusteller erwähnte Bankbrief. Einer! Zu Quartalsbeginn sind es normalerweise drei. Vom Brief meiner Tochter keine Spur.

Ich habe dann ein bisschen recherchiert. Auch wenn man von keiner Häufung sprechen kann, so ist es doch auch kein Einzelfall, wenn Post mit erheblicher Verspätung oder gar nicht zugestellt wird. Beschwerden führen – bestenfalls – zu einem Antwortschreiben, in dem die Post ihr Bedauern ausdrückt. Ob, wie und mit welchem Ergebnis einer Beschwerde nachgegangen wurde, bleibt für den Postkunden ein Geheimnis. Man kann nur froh und dankbar für die Möglichkeiten zur „Nachverfolgung“ bei den mit DHL verschickten Paketen sein. Im Fall von Briefen heißt es: Shit happens!

Die laxe Vorgehensweise bei „Brief-Beschwerern“ führt allerdings dazu, dass mich eine andere böse Ahnung beschleicht. Vielleicht würde man uns durch solchen Schlendrian den altmodischen analogen Briefverkehr gerne abgewöhnen, um sich ganz auf die Beförderung der online eingekauften Waren konzentrieren zu können. – „Schreib mal wieder!“ war mal.


Unverdrossen singe ich meinem Enkelkind das Lied vom Kuckuck und vom Esel vor, die einen Streit hatten, und jedes Mal, wenn ich zu der Zeile von der „schönen Maienzeit“ komme, strafen der Blick aus dem Fenster und das Außenthermometer mich Lügen. Aber immer, wenn ich das Lied (wie gesagt, unverdrossen) zu Ende gebracht habe, ruft die Kleine „Nochmal!“. – Also, eigentlich ruft sie eher „…maaaaal!“ Aber der Wortschatz einer 1,66-Jährigen ist nicht das Entscheidende. Es ist der Ausdruck in ihren Augen. Nichts drückt positive Erwartungen besser aus als die Augen eines kleines Kindes, das gerade „…maaaaal!“ gerufen hat.

Das Problem ist ja, dass man sich nicht mehr als Donaldist bezeichnen kann, ohne völlig missverstanden zu werden.