Unverdrossen singe ich meinem Enkelkind das Lied vom Kuckuck und vom Esel vor, die einen Streit hatten, und jedes Mal, wenn ich zu der Zeile von der „schönen Maienzeit“ komme, strafen der Blick aus dem Fenster und das Außenthermometer mich Lügen. Aber immer, wenn ich das Lied (wie gesagt, unverdrossen) zu Ende gebracht habe, ruft die Kleine „Nochmal!“. – Also, eigentlich ruft sie eher „…maaaaal!“ Aber der Wortschatz einer 1,66-Jährigen ist nicht das Entscheidende. Es ist der Ausdruck in ihren Augen. Nichts drückt positive Erwartungen besser aus als die Augen eines kleines Kindes, das gerade „…maaaaal!“ gerufen hat.

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Das Problem ist ja, dass man sich nicht mehr als Donaldist bezeichnen kann, ohne völlig missverstanden zu werden.

Olivenöl "Frescolio"

Jedes mal, wenn ich mir etwas „Flüssiges“ schicken lasse, bemächtigt sich meiner eine gewisse Nervosität, ob das Bestellte heil ankommen wird. Diese Woche befürchtete ich einen riesigen Fettfleck in der Packstelle. Noch mehr aber fürchtete ich, auf das leckere Olivenöl im Falle eines Malheurs noch länger warten zu müssen. Dabei tropfte mir schon der Zahn: Die ersten Olivenöle der neuen Ernte kommen eben in den Handel. Dabei gehört Öl aus Sizilien zu den Vorreitern. – Jedenfalls hat mich das Päckchen heute unversehrt erreicht, und mir läuft das Wasser im Mund zusammen, während ich einen Blick in eine Zeitung werfe, die mir ohne diese Flaschenpost nie unter die Augen gekommen wäre.

Vor einer Woche (Herrje, es ist wirklich schon wieder eine Woche her!) fuhr ich mit der S-Bahn vom allfreitäglichen Enkelkindhüten nach Hause, als mir im Waggon schräg gegenüber sich ein Mann mit Gitarre eingerichtet hatte. Ja, „eingerichtet“ trifft es wohl, denn die Hülle seines Instruments besetzte die beiden Sitzplätze ihm gegenüber, und neben ihm, der seine Gitarre auf den Knien hielt, hätte sich auch schlecht jemand setzen können. Und nein, ich schreibe dies nicht, um Volkszorn zu provozieren gegen Menschen, die in öffentlichen Verkehrsmitteln mehr Platz beanspruchen, als ihnen nach Erwerb einer Fahrkarte zusteht. Es geht um ganz etwas anders.

Besagter Gitarrenspieler schien ganz versunken in sein Tun, das darin bestand, dass er auf den ersten Blick (was wäre denn der Entsprechende Ausdruck für „erstes Hören“?) auf den Saiten seines Instruments einen schnellen Rhythmus – keineswegs eine Melodie – erzeugte. Und war es überhaupt ein Rhythmus? Bald stand er, ohne sein Spiel zu unterbrechen, auf, und andere Fahrgäste, die ihn teils kopfschüttelnd, teils belustigt beobachteten, mögen erwartet haben, er würde nun herumgehen, um Geld einzusammeln. Er jedoch wandte sich lediglich dem Fenster zu, schaute spielend auf die vorbeifliegende Gleisböschung und die Häuser dahinter. Und selbst für mein in solchen Dingen nicht übermäßig erfahrenes Ohr wurde deutlich: Er versuchte mit seiner Gitarre, dem Geräusch des fahrenden Zuges bald zu folgen, bald vorauszueilen, bald zu begegnen. Ganze Publikümmer kreischen in Konzerthallen vor Begeisterung, wenn ihnen Geräusche von Maschinen imitiert und/oder konterkariert von welchen Instrumenten auch immer als Neue Musik vorgesetzt werden. Nur in der sich von Station zu Station mehr und mehr füllenden S-Bahn stieß der Künstler auf Unverständnis. Schließlich gab er auf und räumte die vier von ihm besetzten Plätze, auf denen sich sofort (Na, wurde ja auch Zeit!) andere Fahrgäste breitmachten.

Ehrlich gesagt, ich bin bis heute nicht sicher, ob es sich um einen Künstler oder einfach um einen seltsamen Mann mit Gitarre gehandelt hat. Aber ich kreische ja auch nicht in Konzerthallen.

P.S.: Ich bedanke mich bei allen, die hier gelegentlich lesen, und entschuldige mich dafür, dass ich mich so selten im Blog herumtreibe und noch seltener kommentiere. Bin analog sehr beschäftigt.

Grüne Gurken - Foto: Christa Hartwig

Über EU-taugliche Gurken ist schon viel geschrieben (und gelästert!) worden, doch als ich jetzt am Eingang des Supermarktes vor den aufgetürmten Kisten mit Gurken stand – alle fast gleichgroß und kaum bis nicht gekrümmt, fragte ich mich wieder einmal, ob es wirklich gelingt, alle Gurken so normgerecht zu ernten, und wenn nicht, was wohl mit den anderen, für unverkäuflich erachteten, Gurken geschieht. Und da fiel dieses seltsame Wort mir wieder ein, tauchte nach über dreißig Jahren aus der Erinnerung auf: Gurkenfeger.

Nun hat der Gurkenfeger mit Gurken – im landläufigen Sinne – gar nichts zu tun. Und überhaupt hat er nichts mehr zu tun. Sollte noch jemand über die entsprechende Qualifikation verfügen, so darf er diese als brotlose Kunst erachten. Ich fragte mich sogar, ob der Begriff im Internet noch auffindbar wäre, und tatsächlich hätte ich wohl sehr danach suchen müssen, wäre nicht im vergangenen Jahr der zweite Band der Buchreihe „texturen“ im UdK-Verlag erschienen. Er enthält Texte zum Thema „Spielen“ – darunter auch „Die Angst vorm Gewinnen“ von Alexander Stolle, der hier online gelesen werden kann, und aus dem ich mir kurz zu zitieren erlaube, um eine Definition des Begriffes „Gurkenfeger“ zu liefern.

Die Reportage vom Monarchen hab ich gesehen. Der Gurkenfeger, ein Typ der in den 80er Jahren mit seinem speziellen Talent das System der damals noch analogen Spielautomaten verstanden hatte. Die „Mint300“ waren seine Haupteinkommensquelle: 20.000 Mark im Monat. Er hatte sogar Angestellte.

Ja, auch ich hatte damals diese Reportage gesehen. Längst gibt es keine analogen Spielautomaten mehr, sieht man von denen ab, die in Privaträumen als Sammlerstücke stehen oder an der Wand hängen. Folglich kann heute niemand mehr ein regelmäßiges Einkommen durch geschicktes Bedienen von Spielautomaten erzielen. Es sind also nicht nur die Gurkenfeger arbeitslos geworden, auch der Begriff ist in die Bereiche des Vergessens versunken. Vielleicht könnte man ihn ja daraus hervorholen, indem man Menschen oder Roboter, die unverkäufliche Gurken aussortieren, so nennt. Ich will jetzt meiner Phantasie nicht die Zügel schießen lassen, wen oder was man sonst noch als „Gurkenfeger“ bezeichnen könnte.

Gefäß für Olivenöl (Detail)

Allerdings handelt es sich bei der „Flasche“ um ein von der holländischen Künstlerin Angela Teunissen für die spanische Marke „Cortijo Spiritu Santo“ entworfenes Gefäß (Auflage: 150 Stück, in Handarbeit hergestellt) und beim Inhalt um das Olivenöl entsprechenden Namens, … aber wer würde einem guten Olivenöl seine Heiligkeit absprechen wollen?

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Olivenöl auch included???

Marseille,  „Alte Charité“, Innenhof mit Arkaden und Olivenbäumen
Marseille, „Alte Charité“, Innenhof mit Arkaden und Olivenbäumen
Foto: Philippe Alès

Immer wieder wird dem Menschen – besonders dem jungen – empfohlen, sich ein gutes Vorbild zu suchen, dem nachzueifern sich lohnt. Dann aber kommt es vor, dass der Mensch – besonders der ältere – feststellen muss, dass sein Vorbild für ihn unerreichbar geblieben, im schlimmsten Fall sogar zur Ursache lebenslanger Unzufriedenheit geworden ist.

Besser und ungemein befriedigender ist es, ein gutes Vorbild zu sein – für Menschen, die ebenfalls gute Vorbilder sein möchten.

So entsteht das Bild einer Menschenkette, von denen jeder einzelne den ihm nachfolgenden voran zieht – an Stelle einer Horde, die sich müht, einem Davoneilenden zu folgen, der davon kaum etwas bemerkt, ist er doch selbst in Nöten, ein fernes Idol einzuholen.