Alle-Tagebuch


Olivenöl "Frescolio"

Jedes mal, wenn ich mir etwas „Flüssiges“ schicken lasse, bemächtigt sich meiner eine gewisse Nervosität, ob das Bestellte heil ankommen wird. Diese Woche befürchtete ich einen riesigen Fettfleck in der Packstelle. Noch mehr aber fürchtete ich, auf das leckere Olivenöl im Falle eines Malheurs noch länger warten zu müssen. Dabei tropfte mir schon der Zahn: Die ersten Olivenöle der neuen Ernte kommen eben in den Handel. Dabei gehört Öl aus Sizilien zu den Vorreitern. – Jedenfalls hat mich das Päckchen heute unversehrt erreicht, und mir läuft das Wasser im Mund zusammen, während ich einen Blick in eine Zeitung werfe, die mir ohne diese Flaschenpost nie unter die Augen gekommen wäre.

Vor einer Woche (Herrje, es ist wirklich schon wieder eine Woche her!) fuhr ich mit der S-Bahn vom allfreitäglichen Enkelkindhüten nach Hause, als mir im Waggon schräg gegenüber sich ein Mann mit Gitarre eingerichtet hatte. Ja, „eingerichtet“ trifft es wohl, denn die Hülle seines Instruments besetzte die beiden Sitzplätze ihm gegenüber, und neben ihm, der seine Gitarre auf den Knien hielt, hätte sich auch schlecht jemand setzen können. Und nein, ich schreibe dies nicht, um Volkszorn zu provozieren gegen Menschen, die in öffentlichen Verkehrsmitteln mehr Platz beanspruchen, als ihnen nach Erwerb einer Fahrkarte zusteht. Es geht um ganz etwas anders.

Besagter Gitarrenspieler schien ganz versunken in sein Tun, das darin bestand, dass er auf den ersten Blick (was wäre denn der Entsprechende Ausdruck für „erstes Hören“?) auf den Saiten seines Instruments einen schnellen Rhythmus – keineswegs eine Melodie – erzeugte. Und war es überhaupt ein Rhythmus? Bald stand er, ohne sein Spiel zu unterbrechen, auf, und andere Fahrgäste, die ihn teils kopfschüttelnd, teils belustigt beobachteten, mögen erwartet haben, er würde nun herumgehen, um Geld einzusammeln. Er jedoch wandte sich lediglich dem Fenster zu, schaute spielend auf die vorbeifliegende Gleisböschung und die Häuser dahinter. Und selbst für mein in solchen Dingen nicht übermäßig erfahrenes Ohr wurde deutlich: Er versuchte mit seiner Gitarre, dem Geräusch des fahrenden Zuges bald zu folgen, bald vorauszueilen, bald zu begegnen. Ganze Publikümmer kreischen in Konzerthallen vor Begeisterung, wenn ihnen Geräusche von Maschinen imitiert und/oder konterkariert von welchen Instrumenten auch immer als Neue Musik vorgesetzt werden. Nur in der sich von Station zu Station mehr und mehr füllenden S-Bahn stieß der Künstler auf Unverständnis. Schließlich gab er auf und räumte die vier von ihm besetzten Plätze, auf denen sich sofort (Na, wurde ja auch Zeit!) andere Fahrgäste breitmachten.

Ehrlich gesagt, ich bin bis heute nicht sicher, ob es sich um einen Künstler oder einfach um einen seltsamen Mann mit Gitarre gehandelt hat. Aber ich kreische ja auch nicht in Konzerthallen.

P.S.: Ich bedanke mich bei allen, die hier gelegentlich lesen, und entschuldige mich dafür, dass ich mich so selten im Blog herumtreibe und noch seltener kommentiere. Bin analog sehr beschäftigt.

Rettungsboot der "unfreiwilligen Feuerwehr" am Ufer des Schlachtensees

Angepasst dem Umstand, dass heute der 14. Februar und damit Valentinstag ist, hätte ich wohl besser die „Alte Liebe“ fotografieren sollen an die meine Erinnerungen bis zu Sommer-Sonntagen meiner Kindheit zurückreichen, Aber erstens führte mein Spaziergang am allwöchentlichen Oma-Tag mich nicht an der Havel entlang, sondern um den Schlachtensee herum, und zweitens wäre in meinem Fall ein entflammtes Herz eher ein Fall für die Feuerwehr – ob nun freiwillig oder unfreiwillig.

Die Geschichte, die ich heute erzähle, könnte sich so zugetragen haben. KÖNNTE. Warum sie sich eher nie zugetragen hat, erzähle ich ganz am Schluss. Und überhaupt wurde mir die Geschichte seinerzeit als Parabel vorgesetzt, und ich weiß nicht mehr, was der Anlass war, und wofür sie mir als Gleichnis dienen sollte. Vermutlich ist es nicht wichtig, war nie wichtig und wäre mir zu keinem Zeitpunkt von praktischem Nutzen gewesen. Die Geschichte möchte ich dennoch hier wieder- bzw. weitergeben.

Ein Mann hatte die Tomaten in seinem Garten abgeerntet, im Keller eingelagert, und als er danach wieder in den Keller ging, um sich eine Tomate zum Abendessen zu holen, musste er feststellen, dass einer dieser Paradeiser bereits ein faule Stelle hatte. Der Mann – von Natur aus eher sparsam – beschloss, sie nicht wegzuwerfen, sondern nur die faule Stelle zu entfernen, bevor er die Tomate verzehrte, und so geschah es. Ärgerlicherweise wiederholte sich das Ganze am folgenden Abend. Er entdeckte eine Tomate mit einer faulen Stelle, warf sie nicht weg, sondern verspeiste sie, nachdem er die faule Stelle weggeschnitten hatte. So auch am dritten Abend, am vierten, … Woche um Woche ging der Mann in dem Keller, in dem sich die Tomaten gut hielten – eben bis auf jeweils eine, die er dann mit leisem Missvergnügen aß. Da es sich um eine Parabel handelt, bildete auch die letzte Tomate des Vorrats keine Ausnahme, und die Lehre, die man aus dieser Sache ziehen soll, ist, dass – wäre der Mann nicht zu geizig gewesen, die erste faule Tomate, die er entdeckt hatte, wegzuwerfen, er die ganze Zeit über tadellose Tomaten hätte essen können.

Das ist natürlich völliger Blödsinn, das wurde mit heute endlich klar, als ich vor meinem Kühlschrank kauerte und dessen Inhalt auf Haltbarkeit überprüfte. In meinem Kühlschrank steht u.a. eine Schale mit Tomaten. Sie steht da schon einige Tage, denn aus unerfindlichen Gründen verließ mich unmittelbar nach dem letzten Tomatenkauf plötzlich der Appetit auf Tomaten. So langsam sollte ich sie mir aber trotzdem einverleiben, denn sie wegzuwerfen wäre schade. Ich begutachtete also die Tomaten, die alle gleichermaßen gut aussahen, und von denen keine mir verriet, ob sie morgen vielleicht … Mit welcher Tomate also beginnen? Ich weiß es nicht. Und genau dieses Problem hätte auch der Faule-Tomaten-Esser gehabt. Auch wenn er die erste faule Tomate weggeworfen hätte, hätten seine Chancen, die jeweils „fällige“ Tomate zu essen, X zu 1 gestanden.

Und was lernen wir daraus?

Tomaten eignen sich einfach nicht zur Vorratshaltung.

Sie wohnen in einander gegenüber liegenden Häusern, deren Balkone auf einen begrünten Hof hinaus gehen. Der Eindruck einer grünen Idylle wird noch verstärkt dadurch, dass alle Balkone von ihren Besitzern liebevoll bepflanzt wurden. Einige gleichen Lauben, von anderen hängen die blühenden Ranken weit hinunter.
Es ist Morgen. Die Frau – sie mag um die siebzig sein, ihr Haar ist weiß – tritt auf den Balkon, um (und dies ist etwas überraschend) sich die Zähne zu putzen. Warum sie dies nicht in der Abgeschlossenheit ihres Badezimmers erledigt, sondern an der Balkonbrüstung stehend, wird klar, wenn man ihrem Blick folgt. Es ist nur ein kurzer, beinahe flüchtiger Blick, mit dem sie sich vergewissert, dass gegenüber, ein Stockwerk unter ihr, ein Mann – auch er nicht mehr jung – auf seinem Balkon steht und es ihr gleichtut. Mit einem Blick nach oben, kurz und flüchtig wie der der Frau, vergewissert er sich, dass sie da ist, auf dem Balkon steht, den Becher in der einen, die Zahnbürste in der anderen Hand. Dann widmen sich beide dem Zähneputzen, zwei oder drei Minuten lang, sorgfältig. Schließlich verschwinden sie wieder in ihrer jeweiligen Wohnung, ohne einander mit einem Wort oder auch nur einer Geste gegrüßt zu haben.
Es ist die Gleichzeitigkeit, die fast perfekte Synchronität, aus der sich schließen lässt, dass sie diese Gewohnheit schon lange pflegen. Dabei spürt man, dass es zwischen dem seltsamen Paar keinen Kontakt gibt, der über das gemeinsame Zähneputzen hinaus geht, dass aber – und das macht sie eben zu einem Paar – ihre kleine friedliche und zufriedene Alltagswelt gleichsam den Todesstoß erhielte, würde einer von ihnen mit dem täglichen Ritual brechen oder ihm nicht mehr nachkommen können.

Heiligabend

Zum ersten Mal in meinem Leben bin ich am Heiligabend ins Kino gegangen, und nun frage ich mich, warum ich das nicht längst zum festen Programmpunkt an diesem Tag gemacht habe – nachdem mir doch schon vor Jahren klar wurde, dass ich einfach nicht mehr willens bin, Weihnachtspredigten (oder sonstige Predigten) zu ertragen. Meine Wahl fiel auf „Ich bin dann mal weg“, die Verfilmung von Hape Kerkelings 2006 erschienenem autobiographischem Bericht über seine Pilgerreise nach Santiago de Compostela nach einem Zusammenbruch des Erfolgsentertainers ist mit erstaunlicher Verspätung in die Kinos gekommen. Ich hatte mir vor neun Jahren das von Kerkeling gelesene Hörbuch zu Gemüte geführt, und war nun neugierig auf die visuelle Fassung, in der Hape Kerkeling von Devid Striesow gespielt wird. Außerdem war ich gespannt, wie viele Menschen es außer mir am 24. Dezember um 16 Uhr (letzte Vorstellung) ins Kino statt in den Familiengottesdienst zieht. Vorsichtshalber hatte ich mir die Karte schon einige Tage zuvor besorgt, was sich als überflüssig erwies. Kino 3 (in Kino 1 lief „Die Peanuts – Der Film“) war nur zu einem guten Drittel gefüllt. Wie eine Insel aus Entengrütze waren die Zuschauern im hinteren linken Bereich des Saals zusammengetrieben. Vielleicht eine Maßnahme , die dem Personal das Putzen am Ende der Vorstellung erleichtern sollte. Schließlich wollten an diesem Abend alle möglichst schnell nach Hause zu Lichterbaum, Geschenken, Kartoffelsalat mit Würstchen oder was auch immer.

Ich bezweifle, dass es der zeitliche Abstand ist. Der mir das Hörbuch besser erscheinen lässt als der Film. Vom Klappsitz gerissen hat mich das Kino-Epos nämlich nicht. Tief enttäuscht war ich jedoch auch nicht, hätte eine saubere Doku über den „Camino“ mit mehr Landschaftsbildern und objektiveren Eindrücken am Wegesrand allerdings vorgezogen.

1. Weihnachtsfeiertag

Die Essenseinladung von Tochter #1 hatte ich dankend abgelehnt, um viel Muße für die Vorbereitung des Weihnachtsessens am nächsten Tag zu haben. Bei guter Musik und einem Gläschen Küchenwein den Schmortopf zu betreuen und nebenher ein paar Telefongespräche mit Menschen zu führen, die man an den Feiertagen nicht treffen kann, hat durchaus seinen eigenen Reiz.

Vor dem Einschlafen Teil 3 von Richard Dawkins „Der Gotteswahn“ gehört. Eine bewusst unweihnachtliche aber durchaus lohnende Entscheidung.

2. Weihnachtsfeiertag

Zwar gab es bei mir keinen Weihnachtsbaum, dafür aber Olivenzweige und blühende Quitten. Die sind zwar nicht billiger als eine Edeltanne, gefallen mir aber besser. Und Im letzten Moment war es mir sogar gelungen, eine kleine Krippe zu erstehen, kitschig genug, um meinen kritischen Blick auszustechen.

Weihnachtskrippe

Zum ersten Mal war dann der größere Familienkreis um den neuen Eichentisch versammelt. Nur die Rosenheimer fehlten, um die Nachkommenschaft komplett zu machen. Mit dreieinhalb Monaten die Jüngste, hatte die kleine Clara doch schon ein Geschenk mitgebracht: ihre gute Laune. Sie lächelte jeden an, der sich ihr zuwandte. Erst als auch sie Hunger bekam, wurde ein Schippchen gezogen und ein bisschen geweint. Aber dem Problem konnte schnell abgeholfen werden. Danach machte sie ein Schläfchen in meinem Bett, und als auch das seine Wirkung getan hatte und sie mir die Ärmchen entgegenstreckte mit der unmissverständlichen Aufforderung „Nimm mich auf den, Arm, damit ich wieder den Überblick habe“, gab es nicht den geringsten Zweifel (Camino hin, Dawkins her), was der Sinn des Lebens ist.

Edward Hopper: (Christmas Card), 1929

Edward Hopper
Weihnachtskarte (1929)
Collage auf Papier, 13,3 × 18,7 cm
Whitney Museum of American Art, New York

Allen die hier vorbeischippern, wünsche ich ein harmonisches Weihnachtsfest in der Gesellschaft lieber Menschen.
C.H.

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