In seiner Überschrift den Titel des Romans von Eric Malpass zitierend, berichtete am 17. Oktober 2015 Bersarin über seine Fahrt zur Frankfurter Buchmesse („Nein, ist sie nicht, und auch nicht morgens um sechs Uhr, …“). Entdeckt habe ich diesen Blogartikel, weil ich selbst verbissen (jawohl, verbissen!) nach einem Beweis dafür suchte, dass der oben erwähnte Roman als Vorabdruck in der Wochenillustrierten Stern erschienen war und ich ihn in eben diesem Blatt gelesen hatte – damals, 1965 oder früher. Das, was ich eigentlich gesucht hatte, fand ich nicht, halte jedoch bis zum Beweis des Gegenteils an meiner „Erinnerung“ fest.

Komme ich also zum Grund meiner verbissenen Suche. Mir erschien der Titel schon, als ich ihn zum ersten Mal las, als habe jemand mein kindliches Morgengefühl in einem schlichten Satz zusammengefasst. Das Aufwachen inmitten vertrauter Geräusche: Geschirrklappern aus der Küche, der morgendliche Raucherhusten meines Großvaters, die leichten Schritte meiner Mutter im Korridor, das Rauschen der Wasserspülung. Mit der Einschulung hörte das auf – von den Ferien und den Sonntagen einmal abgesehen. Geweckt werden, Ankleiden im halbdunklen, noch ungeheizten Zimmer, Bammel vor dem angekündigten Diktat. Was lange seinen Zauber behielt, waren die Neujahrsmorgen: das Aufwachen vor allen anderen Familienmitgliedern, die – etwas anderes gab es bei uns nicht – alle dort waren, wo sie hingehörten, friedlich in ihren Betten schlafend. Und vor mir lag nicht nur ein neuer Tag, sondern ein ganzes Jahr, das so begann, wie es sein sollte. Die Welt war noch in Ordnung – oder schien es aus meiner bescheidenen Perspektive doch zu sein. Unschuldig und verheißungsvoll wie ein unbeschriebenes Blatt. Was für ein Trugschluss! Aber was für ein schönes Gefühl!

Der Inhalt des Romans ist mir nur schemenhaft in Erinnerung geblieben, und als ich gestern versuchte, mein Gedächtnis mittels der Inhaltsbeschreibung im Wikipedia-Artikel aufzufrischen, musste ich zu meiner Beschämung feststellen, dass mir das „Kleinod“, ein Briefbeschwerer, um den es immer wieder geht, völlig entfallen war. Ich halte es aber nicht für ausgeschlossen, dass mein Faible für Briefbeschwerer zumindest eine seiner Wurzeln in diesem Roman hat. Nebenbei möchte ich davon abraten, sich über den Inhalt bei Wikipedia zu informieren. Es ist eine schlimme Aufzählung von Begebenheiten, die einem jegliche Lust, das Buch zu lesen, mit Sicherheit verdirbt. – Dass es sich bis heute um ein lesenswertes Buch handelt, darf man daraus schließen, dass „Morgens um sieben ist die Welt noch in Ordnung“ über fünfzig Jahre nach seiner Erstausgabe in deutscher Sprache noch immer als rororo-Taschenbuch aufgelegt wird. Hier der Klappentext:

Gestatten: Gaylord, Frühaufsteher und Herzensbrecher. Der achtjährige Gaylord hat seine Augen und Ohren überall. Vor allem dort, wo sie nicht hingehören. Schon morgens früh hopst er von Bett zu Bett und will seine Familie mit selbstgebrühtem Kräutermatsch-Tee beglücken. Doch der Haussegen hängt auch so schon gewaltig schief: Der Vater wurde aus dem elterlichen Schlafzimmer verbannt, Großtante Marigold steckt irgendwo in der Vorkriegszeit fest, und Tante Becky spannt der eigenen Schwester den Liebhaber aus … Voller Witz und Phantasie beobachtet Gaylord die Welt um ihn herum. Und steckt so lange seine Nase in fremde Angelegenheiten, bis die Welt wieder in Ordnung ist.

Eric Malpass
Morgens um sieben ist die Welt noch in Ordnung
Übersetzung: Brigitte Roeseler
Rowohlt Taschenbuch, 2. Neuausg., 02.07.2012
ISBN: 978-3499258916

Pardon. Ich hatte den Grund für meine kleine Buchrecherche noch immer nicht hinreichend erklärt, denn ich hatte noch nicht erzählt, warum ich gerade jetzt auf einen vor so langer Zeit gelesenen und dann – bis auf den Titel – weitgehend von mir vergessenen Roman kam. Auslöser waren die Schwimmbadbesuche, zu denen mein Orthopäde mich verdonnert hat. – Sollte ich mich doch wieder in diesem schicken Fitnessklub anmelden, um dann nichts anderes als den wohltemperierten Swimmingpool zu nutzen? Und was mache ich, wenn die Fitnessklubs aus Sicherheitsgründen wieder geschlossen werden? Zahle ich dann den nicht unerheblichen Mitgliedsbeitrag ein Jahr lang für nichts und wieder nichts? Die Berliner Hallenbäder sind von wenigen Ausnahmen abgesehen jetzt geschlossen, und das Hallenbad, das ich sogar fußläufig oder in null-Komma-nix mit dem Bus erreichen könnte, gehört nicht zu den Ausnahmen. Bleibt ein relativ gut mit zwei Bussen zu erreichendes Freibad. Wäre da nicht mein Horror vor größeren Menschenansammlungen aller Art.

Morgens um sechs – da gebe ich Bersarin unbedingt recht – ist die Welt keineswegs in Ordnung. Die Anzeige an der Bushaltestelle ist außer Betrieb. Das Smartphone hatte ich an den ersten beiden „Badetagen“ zu Hause gelassen, würde also ohne Uhrzeit sein – jedenfalls bis ich im Sommerbad war, wo eine große Uhr an einer Gebäudewand angebracht ist. Auch am zweiten Tag saß vor mir im Bus der junge Mann mit dem eigenwilligen Haarschnitt und der noch eigenwilligeren Verzierung seiner Ohren, der offenbar in einem der Supermärkte arbeitet, die sich am Kamenzer Damm häufen. Aber wo blieb die dunkelhäutige ältere Dame, die nach ihm eingestiegen war und so wunderbar nach Kräuterwiese duftete? Kann man sich denn nicht einmal darauf verlassen, um dieselbe Uhrzeit mit denselben Menschen im Bus zu sitzen und seine Langzeitbeobachtungen fortsetzen zu können? Und während ich das dachte, fiel mir ein, dass dies etwas ist, was mir als Rentnerin abgeht: die wortlose Vertrautheit mit Menschen, mit denen man ein Stück des Weges zur Arbeit teilt.

Im Schwimmbad allerdings erfüllen sich meine Erwartungen. Morgens um sieben ist die Welt noch in Ordnung.