Da übersetzt doch tatsächlich ein Kommentator im Radio Varoufakis‘‘ Stellungnahme zum Stinkefinger-Video mit: „“Ich weiß, dass Sie das nicht wussten. Aber das ist getürkt.““

Wer sich ein bisschen in griechisch-türkischer Geschichte auskennt, muss sich fragen, zu welchen diplomatischen Verwicklungen das nun wieder führen wird, bis klargestellt ist, dass es sich hier lediglich um einen „Übersetzungsfehler“ handelt. Ich habe allerdings keine Ahnung, was türken auf Griechisch heißt.

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Nicht zu fassen, dass ich mich seit Wochen (tatsächlich schon so lange?) durch einen Stapel Bücher arbeite, während Max noch immer mit einem Chat befasst ist, der mit seinem Erstaunen darüber, dass sich sein Gesprächspartner oder seine Gesprächspartnerin offenbar nicht in Berlin befindet, begann. An einem Tag wie heute wäre er weniger erstaunt, hätte –sozusagen –keinen Verdacht auf größere räumliche Entfernung geschöpft. Zwar schneit es in Berlin gerade nicht, aber der Schnee liegt noch, und der Himmel sieht aus, als könnte es jeden Moment wieder schneien. Vielleicht schneit es ja in Hermsdorf oder Johannisthal. Aus Spandau hörte ich gerade, dass es stürmt, und hier bei mir ragt die kahle Pappel ganz reglos in den grauen Himmel. Ein Grund mehr, wieder in die zweidimensionale Welt der Texte zurückzukehren.

Bevor ich mich weiter mit der „Geschichte der Literatur unseres Jahrhunderts, so wie [Max] sie in dem Augenblick sah, als [er] von ihr aus der Bahn geworfen wurde“, befasse, möchte ich noch kurz beim Thema Übersetzungen verweilen. Erinnern wir uns! Max hatte behauptet, um den Reichtum der deutschen Sprache zu erfahren, müsse man zu Übersetzungen greifen. Damit meint er Romane, die aus der Muttersprache ihrer nicht deutschsprachigen Verfasser, ins Deutsche übersetzt worden sind. Ich habe darüber nachgedacht, und es mag sein, dass ich mir selbst jetzt in einigem widerspreche, was ich zuvor geschrieben habe. Ich habe mal (dienstlich) einen lyrischen Text aus dem Spanischen ins Deutsche übersetzt, weil die mitgelieferte und dringend benötigte Übersetzung –- so viel konnte ich nun doch beurteilen –- schlicht grottenschlecht und völlig daneben war. Es war nicht viel Text, und ich habe Stunden gebraucht, nach Synonymen gesucht, Synonyme gegen wieder andere Synonyme ausgetauscht, Sätze um- und nochmals umgestellt, bis ich fand, dass nach meinem besten Vermögen Worte und Rhythmus der Sprache dem spanischen Original entsprachen. Dabei war auch mir aufgefallen, dass ich letztendlich viele Worte verwendet hatte, auf die ich beim Verfassen eines eigenen Textes wohl nie verfallen wäre. Das lag nicht daran, dass ich Vokabeln ausgegraben hatte, die mir völlig neu waren. Ich und sicher jeder, der über einen mehr als rudimentären Wortschatz verfügt, bedient sich trotzdem nur eines Auswahl aus dem Wörterbuch seiner Muttersprache, und diese Auswahl wird bestimmt durch eine Reihe von Faktoren. Und dies gilt auch für die Autoren, deren ins Deutsche übersetzte Texte uns hier wie eine Frischzellenkur für unsere Sprache erscheinen. Das Neue, das „Frische“ ergibt sich m.E. hauptsächlich aus dem ernsthaften Bemühen des Übersetzers um Adaption. Es ist artifiziell, was im Sinne von Sprachkunst ja nicht unbedingt negativ aufzufassen ist. Indessen wage ich zu bezweifeln, dass ich für meine Sprache etwas gewinne, indem ich möglichst viele ins Deutsche übersetzte Bücher lesen. Unbestreitbar dagegen ist, dass ich für mich viel gewinne, wenn ich eine Sprache gut beherrsche. Von den beiden Fremdsprachen, die ich -– wenn auch nicht fehlerfrei, aber doch mit einer gewissen Nonchalance beherrsche – kann ich sagen, dass ich, mehr als dass ich sie nur spreche, gleichsam in sie hineinschlüpfe. Es ist wie von Jeans in einen Rock zu wechseln, vom Trainingsanzug in ein Cocktailkleid, vom formellen Kostüm in den bequemen Hausmantel. Ich bewege mich anders, atme anders, ja, selbst meine Sicht auf die Dinge wird davon beeinflusst. Was ich damit sagen will, ist, dass ein guter Übersetzer bemüht ist, den Rezipienten einen Text möglichst so auffassen zu lassen, wie ein Landsmann des Autors ihn auffassen würde. Ich bezweifle, dass dies jemals ganz gelingt. – Übrigens sind Knut Hamsuns „Mysterien“ auch Anmerkungen des Übersetzers nachgestellt. Hierin erklärt Siegfried Weibel, warum er den norwegischen Text nicht in gutes Schriftdeutsch übersetzt hat. Für mich bedurfte es dieser Erklärung nicht. Interessant zu lesen waren die Anmerkungen dennoch, weil sie noch einmal auf verschiedene sprachliche Eigenheiten bei Knut Hamsun hinweisen, die manchmal so eigen sind, dass sie einen Norweger noch mehr irritieren als den Leser der deutschen Übersetzung.

Auch noch anmerken möchte ich, dass ich die „Mysterien“ nicht nur gelesen habe. Ich bin in Nachvollzug von Bernd Wagners „“Club Oblomow““ so weit gegangen, dass ich den Roman abgeschrieben (!) habe. Auch Max schreibt schließlich Bücher ab –- wenn auch als eine Ersatzhandlung für das Nichtschreiben. Mir diente es eher als besonders intensive Beschäftigung mit dem Text. Es hat übrigens funktioniert, denn mir ist es völlig unmöglich, etwas abzuschreiben, ohne mich damit auseinanderzusetzen.

Vielleicht habe ich meine Hinwendung an ein Stück Literatur ja übertrieben. Manchmal hatte ich tatsächlich das Gefühl, einen langen Weg zurücklegen zu müssen, um aus der kleinen Küstenstadt in Norwegen wieder in mein Wohn- und Arbeitszimmer zurückzukehren. Als ich dann jedenfalls fertig war und zu Grimmelshausens „Abenteuerlichem Simplicissimus“ griff, weil das als Nächstes an der Reihe wäre, schmiss ich das Buch nach 16 Seiten auf die Fensterbank. Es reicht!
Für den Moment jedenfalls reicht es. Ich brauche einen geistigen Verdauungsspaziergang, und der kann auch etwas länger dauern. Und sollte mir die Anklage wegen nicht unverzüglich eingelöster Vorsätze nicht erspart bleiben so könnte es passieren, dass ich brülle: „Ich lese nur Trivialliteratur!!!“ Das wäre zwar übertrieben aber auch nicht ganz und gar gelogen. Und das Schöne ist: Bei Trivialliteratur habe ich nie (oder nur selten) das Gefühl, etwas darüber schreiben zu müssen oder auch nur zu möchten.

Und überhaupt bin ich gerade leicht deprimiert.
Ich habe letzte Nacht schlecht geschlafen, hatte deshalb das Radio an und kriegte in meinem Dusel gerade noch irgendwie mit, dass irgendjemand schon vor 150 Jahren gesagt hat, irgendwann würde jeder sein eigenes Feuilleton schreiben.
Wie zutreffend!
Wie schrecklich!
Liest eigentlich überhaupt noch jemand?

Diesem Eintrag liegt der Roman „Club Oblomow“ von Bernd Wagner zugrunde, erschienen 1999 bei Ullstein in Berlin, ISBN 3-550-08298-3