Albrecht Dürer: Feldhase

Ich finde ja, man sollte Kindern nicht zu früh den Glauben an den Osterhasen nehmen –- auch wenn das heutzutage gar nicht leicht ist, denn in jedem Supermarkt und Kaufhaus sehen die lieben Kleinen die überwältigende Fülle an österlichen Süßigkeiten und nirgends Hasen in den Schlangen an den Kassen, sondern Mütter, Väter, Großeltern, …… die das Zeug körbeweis kaufen. Warum wohl? Wer klug ist, hält die Kinder vor Ostern von den Konsumtempeln fern. Wer noch klüger ist, tut das nicht nur vor Ostern, und dies nicht nur, weil Ostern gleich nach Weihnachten beginnt.

Dabei gibt es über den Osterhasen, der nur zu Ostern so genannt wird und während des restlichen Jahres als Feldhase sein Dasein fristet, einiges zu erfahren, was sogar manche Eltern und Großeltern überraschen dürfte. So weiß zum Beispiel nicht jeder, dass Hasenkinder aus ein und demselben Wurf verschiedene Väter haben können. Es lässt sich nicht leugnen, dass Häsinnen ausgesprochen promiskuitiv sind. Hasenmänner, die sich erfolgreiche Boxkämpfe mit anderen Hasenmännern liefern, dürfen ihr Glück gerne mal versuchen, auch wenn die Häsin eigentlich schon „„was zu laufen““ hat. So kommt es nicht selten vor, dass die Hasengeschwister nur Halbgeschwister sind und dazu noch nicht mal unbedingt im genau gleichen Alter. Superfötation nennt man jenes Wunder der Natur, das es einer Häsin ermöglicht, Embryonen in unterschiedlichen Entwicklungsstadien unter ihrem Hasenherzen zu tragen.

Dass Feldhasen keine Kaninchen sind, wissen die meisten, und auch, dass man dies am Körperbau (z.B. an den längeren Hinterläufen des Feldhasen) erkennen kann. Doch gibt es noch andere interessante Unterscheidungsmerkmale. Während Kaninchen ihre Jungen im Bau, also unterirdisch zur Welt bringen, und der Kaninchennachwuchs anfangs völlig hilflos ist –- nackt und blind, erblicken die jungen Feldhasen das Licht der Welt im wahrsten Sinn des Wortes, denn sie werden oberirdisch geboren, können von Anfang an sehen und laufen und verfügen über ein schützendes Fell. Ein drittes Unterscheidungsmerkmal: Kaninchen leben in Kolonien, während Hasen eher Einzelgänger sind. In anderer Beziehung haben aber Kaninchen und Feldhasen doch einiges gemeinsam: Ihr Leben ist ziemlich stressig (nicht nur zu Ostern), und genau wie Menschen brauchen Kaninchen und Feldhasen Vitamine, um topfit zu sein und allen Stress unbeschadet zu überstehen. Ein ausgeklügelter Speiseplan und der Gang in die Apotheke bleiben ihnen freilich erspart. Das Nervenschutzvitamin B1 wächst in Gestalt von Hafer, Weizen und Sonnenblumenkernen praktisch vor ihrer Nase und stellt ohnehin den Löwenzahnanteil ihrer Lieblingsspeisen dar. Ganz so unkompliziert ist es aber dann doch nicht, denn der Organismus von Hasen und Kaninchen kann B1 nicht ohne weiteres aufnehmen. Die Hasen-Vitamine werden im Darmtrakt der Tiere praktisch zu spät aufgeschlossen und müssen in Form „selbstgelegter“ Vitamin(kot)pillen erneut gefressen werden. Auch für dieses Phänomen haben die Wissenschaftler ein kluges Wort: Coecotrophie.

Das alles ist recht interessant, ob es sich jedoch als Ostergeschichte für die Kinder eignet, hängt sehr davon ab, wie Eltern oder Großeltern die Geheimnisse der Hasen erklären. Mit Begriffen wie Promiskuität, Superfötation und Coecotrophie lassen sich Kinder im Allgemeinen nicht abspeisen, und wer sich mit anschaulicheren Erklärungen überfordert fühlt, ist gut beraten, sich auf die traditionell vom Osterhasen gelegten und versteckten Eier zu besinnen.

Ich selbst habe an den Osterhasen übrigens ziemlich lange geglaubt -– dank eines von meiner Großmutter angewandten Tricks. Natürlich wusste auch ich schon bevor ich in die Schule kam, dass es die unter dem Schrank, hinter den Gardinen und (nur bei warmem Osterwetter) in der Ofenröhre versteckten Eier in den Geschäften zu kaufen gab. Umso verhasster war mir die blöde Sucherei, und ich verstand nicht, warum die Osternester nicht ebenso überreicht werden konnten, wie Weihnachts- oder Geburtstagsgeschenke. Doch später am Ostermorgen, wenn ich auch das letzte Marzipanei längst aufgestöbert hatte, kam dann stets meine Großmutter aus der Küche, ganz aufgeregt. „“Jetzt war der Osterhase da““, flüsterte sie mir zu und zeigte mir, als sei es ein Geheimnis, was sie in der Schürze trug: Hasenwarme Ostereier. Der Form und Größe nach hätten es Hühnereier sein können, aber so rotbraune und glänzende Eier legte kein Huhn und gab es in keinem Laden!

ALLEN FREUNDEN UND BESUCHERN EIN FROHES OSTERFEST!

Für die echten Hasengeheimnisse verantwortlich: http://www.DeutscheWildtierStiftung.de

Für die echten Ostereier verantwortlich: reichlich Zwiebelschalen, die mit den Eiern gekocht werden, und Speckschwarten (oder Speiseöl) zum Blankreiben der auf „Hasentemperatur“ abgekühlten Eier.

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Vor einigen Tagen durchkramte ich mein Fotoarchiv nach einem Bild, mit dem ich meinen Blog-Lesern – möglichst ohne viel Worte – frohe Ostern wünschen könnte. Was ich fand, war dies:

gefärbtes Ei im Eierbecher, mit Salzstreuer und Gabel

Ein Foto, das beim familiären Oster-Brunch vor vier Jahren entstand – als Resultat einer Spielerei mit der Kamera, die man sich zu Zeiten, als man noch Filme kaufen, entwickeln lassen und Abzüge bezahlen musste, eher nicht geleistet hätte. Ein JPEG, dessen Überleben nur meiner Nachlässigkeit beim Aufräumen des Archivs zu danken ist. Aber doch wenigstens ein Ei und noch dazu ein bemaltes! -– Nur: Was dazu schreiben? Einfach: Frohe Ostern? Oder doch mit dem Zusatz, dass man Eier nicht mit der Gabel isst?

Die Sache blieb unentschieden bis gestern Vormittag, als ich – häuslich beschäftigt – zwischen Stube und Küche hin und her lief und, die Küche betretend, aus dem Radio den Satz hörte: „“Er isst die Eier immer ohne Salz und Pfeffer.““ [Deutschlandfunk, DAS FEATURE, 18.04.2014] Spontan versuchte ich, diesen Satz einer Person, einer Situation zuzuordnen. Und während ich noch überlegte, ob ihn die Köchin zum neuen Dienstmädchen sagen könnte, das eben im Begriff ist, Salz- und Pfefferstreuer auf das Frühstückstablett zu stellen, das sie dem gnädigen Herrn ans Bett tragen wird – oder in den Wintergarten, wo er (im Morgenrock) bereits die Zeitung liest… Während sich also Bilder in meinem Kopf zu eine kleinen Film reihten, hielt der Sprecher im Radio nicht inne, sondern zerstörte meine Illusion, indem er mir klarmachte, das es sich, bei besagter Mitteilung, um einen der 40 (endgültigen) Sätze Georg Wenkers handelt, sorgfältig entwickelt und als Fragebogen an Lehrer in Deutschland verschickt, um die räumliche Ausbreitung der deutschen Dialekte genau zu ermitteln. Nach Abschluss der Erhebungen in Deutschland 1887 lagen insgesamt 44.251 Fragebögen aus 40.736 Schulorten vor. Das Ergebnis dieser mühsamen Arbeit, die den als Bibliothekar tätigen Georg Wenker seine ganze Freizeit gekostet haben muss, ist der Deutsche Sprachatlas, der in seiner digitalen Form bis heute von Wissenschaftlern und Kriminologen genutzt wird. Auch Ansichten der Original-Fragebögen finden sich dort.

Ach, ich wollte es doch „„ohne viel Worte““. Ein weiterer Satz von Wenker lautet: „“Du hast heute am meisten gelernt und bist artig gewesen, du darfst früher nach Hause gehen als die anderen.““

Frohe Ostern!

…, das kleine Kerlchen.

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Trotzdem:

Frohe Ostern!

Forschungsreaktor FRM I in Garching bei München

Forschungsreaktor FRM I in Garching bei München

Der Forschungsreaktor München wurde als erster Forschungsreaktor Deutschlands am 31. Oktober 1957 in Betrieb genommen, zu einer Zeit also, als Atom ein durchweg positiv besetzter Begriff war, was sich dann auch in vielen Produkt- und Gerätenamen niederschlug. An radioaktive Niederschläge dachte kein Mensch, dafür aber war das Erfinden lustiger Namen für neuzeitiche Bauwerke mindestens ebenso beliebt. Der Forschungsreaktor erhielt den hübschen Namen Atom-Ei. Im selben Jahr gewann Egon Eiermann den Architekturwettbewerb zum Neubau der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, der nach seiner Fertigstellung den Spitznamen Jesus-Kraftwerk erhielt. Auch Kraftwerk war ein durchweg positiv besetzter Begriff. Überhaupt war alles sehr positiv gestimmt (s. Wirtschaftswunder), obwohl – ebenfalls 1957 in der Nähe der Insel Kiritimati, die damals noch Weihnachtsinsel hieß, Großbritannien den ersten erfolgreichen Test einer Wasserstoffbombe durchführte. Ich erinnere mich, dass ich es als Neunjährige ziemlich empörend fand, dass so eine Bombe ausgerechnet auf die Weihnachtsinsel geworfen wurde, und als sich das wiederholte, machte ich mir ernsthafte Sorgen um die Osterinsel. Mit dem Atom-Ei hatte man uns sicher nur beschwichtigen wollen. Im Alter von neun Jahren fängt man an, gewisse Tricks der Erwachsenen zu durchschauen. Daran änderte auch das Atomium nichts, das zur „Expo ‘58“ in Brüssel errichtet wurde und als Symbol für das Atomzeitalter und die friedliche Nutzung der Kernenergie galt.

Seither sind über fünfzig Jahre vergangen. In dieser Zeit hatten wir die atomare Aufrüstung, bis 1981 die Theologin Uta Ranke-Heinemann die sehr berechtigte Frage stellte, woher man denn die 100 Milliarden Menschen bekommen würde, die durch die Sprengkraft vernichtet werden könnten (Overkill). Dann hatten wir die atomare Abrüstung, deren Nulllösung allerdings bis heute ein Ziel in unbekannter Ferne ist. Wir hatten Tschernobyl und jüngst Fukushima. Jetzt haben wir Ostern 2011, und bei den rund 80 Ostermärschen fordern die Teilnehmer neben dem Abzug der NATO-Truppen aus Afghanistan, das Ende des militärischen Eingreifens in Libyen und dem Stopp aller Rüstungsexporte auch die Abschaltung sämtlicher Atomkraftwerke. Schließt sich damit ein Kreis? – Noch nicht, fürchte ich. Und wo ein Schlupfloch bleibt, da schlüpft auch immer was. Es wird wohl kein Küken aus dem Ei sein.

Tochter #1 hat ein lustig-nachdenkliches (ja, so etwas gibt es, oder jedenfalls habe ich gerade beschlossen, dass es das gibt) Foto zu Ostern gemacht.

ei(dot)nsam

Foto: JackyBerlin

Sehr assoziativ, oder? Jedenfalls fiel mir beim fröhlich-nachdenklichen Assoziieren (auch das gibt es bei mir) u.a. die gern zitierte Kontaktanzeige „Einsamer sucht Einsame zum Einsamen“ ein, und ich beschloss, doch mal den Duden zu befragen, was der an Synonymen für „einsamen“ zu bieten hat, und zu meiner Überraschung musste ich feststellen, dass es nicht nur keine Synonyme, sondern dass es das Verb „einsamen“ einschließlich seiner substantivierten Form „Einsamen, das“ überhaupt nicht gibt. Dabei hätte ich schwören können, auf diesen kleinen Tütchen, die Samen für Radieschen, Geranien oder von mir aus auch Mahagoni enthalten, schon Sätze gelesen zu haben wie etwa: „Das Einsamen erfolgt vorzugsweise in Anzuchterde.“ Einsamen dabei immer in der substantivierten Form, weil „Samen Sie vorzugsweise in Anzuchterde ein“ sich irgendwie seltsam liest. Na ja, im Grunde auch nicht seltsamer als der erste Satz.

Da das Internet etwas weniger pingelig ist als der Duden, bei dem ja jedes Wort erst mal amtlich aufgenommen worden sein muss, bevor es dort gedruckt wird, googelte ich also „einsamen“ und fand einsame Abende, einsame Tage, einsame Adlige, einsame Frauen, einsame Inseln, einsame Wege… Man glaubt gar nicht, was alles einsam sein kann. Praktisch alles! Über Einsamkeit wird mindestens so viel geschrieben wie über die Fährnisse der Zweisamkeit und deutlich mehr als über die Gefahren, die in Gruppen oder gar Menschenmassen lauern. Ich wäre nicht einmal erstaunt, irgendwo zu lesen: „Auf dem Platz hatte sich eine einsame Menschenmenge versammelt.“

Lange Rede, kurzer Sinn: Ich wollte hier eigentlich nur die Empfehlung geben, dass, wer sich heute einsam fühlt, sich mit dem Einsamen von irgendetwas auf schöne Gedanken bringen könnte. Schließlich ist nicht nur Ostern, sondern auch Frühling, und irgendwo im Keller oder in dem Schrank, in dem die Putzmittel und die Saugglocke zum Entstopfen (steht das wenigstens im Duden?) von Abflüssen aufbewahrt werden, stecken in der hintersten Ecke bestimmt noch ein paar Tütchen mit Sämereien. Ich muss bei mir gleich mal nachschauen – nicht weil es mich zum Einsamen drängt, sondern weil ich inzwischen das dringende Bedürfnis nach einem schriftlichen Beweis habe. Bei Geranien sollte unbedingt draufstehen: „Zum Einsamen wird die Verwendung des spitzen Endes eines Trinkhalms, wie sie zu Trinkpäckchen geliefert werden, empfohlen.“ Geraniensamen sind so winzig wie gemahlener Kaffee und sehen auch ungefähr so aus.

Einsame sucht „Einsamen“. Ja, ja…
Lacht nur!

Foto: „ei.nsam“
© JackyBerlin

Seidenschwänze auf Birke

Bei dem Wort Rute denkt der gemeine Christ ebenso wie der weniger fromme Nutznießer christlichen Brauchtums an die Vorweihnachtszeit, genauer: an den Nikolaustag, pflegt doch der „brave Knecht“ am 6. Dezember ungebührliches Benehmen oder ungeputzte Stiefel damit zu ahnden, dass er in dieselben statt Äpfeln und Nüssen eine Rute steckt. Doch auch zu Ostern findet die Rute brauchtümliche Verwendung.

Als ich ein Kind war, stand schon Tage vor Ostern Birkenreisig an einem warmen Ort in der Küche in einem Eimer Wasser, damit zum Ostersonntag das erste Birkengrün mit daran aufgehängten, ausgeblasenen und bemalten Eiern die Wohnung schmücken konnte. Und von eben diesem Reisig schnappte sich mein Großvater am Ostersonntag in aller Herrgottsfrühe ein paar Zweige und stiepte uns damit aus den Betten. Dabei rief er: „Stiep, stiep, Osterfest!“ Das wiederum ist bemerkenswert, denn der Spruch – das habe ich erst viel später erfahren – lautet traditionell:

Stiep, stiep, Osterei!
Gibst du mir kein Osterei,
Stiep ich dir dein Hemd entzwei!

Mein Großvater hatte vielleicht ein schlechtes Gedächtnis für Kinderreime, auf jeden Fall aber einen Heidenspaß dabei, wenn dieser Ausdruck erlaubt ist, obwohl im Fall des Osterstiepens nichts darauf hinweist, dass es sich um einen in seinen Ursprüngen heidnischen Brauch handelt, der vom Christentum nur annektiert wurde, weil das Christentum so eine stille und ernste Angelegenheit ist, und die Heiden bekanntlich so viel Radau machten und so viel Spaß dabei hatten. Mit den Fruchtbarkeitssymbolen Hase und Ei sieht es da schon anders aus. Das Stiepen aber, das verstand ich schon als Kind (und vielleicht wegen des verkürzten Spruches), bedeutete, dass man den Beginn dieses Tages keinesfalls verschlafen durfte.

Stiep, stiep, Osterfest!

Paul zündete sich eine Zigarette an und blickte lächelnd auf seinen Freund, der vor einer dampfenden Tasse Kaffee saß, noch bekleidet mit der blauen, leinenen Schreinerschürze, an der die Späne hingen. Mit den langen schmalen Fingern griff er in die Seitentasche seines grauen Rockes und zog einige Blätter sehr zerknitterten Papiers hervor, die er langsam entfaltete; sein langes schmales Gesicht rötete sich ein wenig, und er sah den geduldig wartenden Freund noch einmal lange an, indem er den Blick dieser ruhigen grauen Augen in dem gesunden jungen Gesicht prüfte. „Ich habe heute nacht eine kleine Geschichte geschrieben, ich will sie dir vorlesen.“ Seine dunkle Stimme hob sich gegen Ende wie zu einer Frage, und da kein Widerspruch erfolgte, begann er zu lesen.

„Caius Decimus Moguntiacus, seines Zeichens Besitzer einer florierenden Fabrik für Gipsbüsten lebender und gestorbener Caesaren und Götzen aller Nationen, rheinischer Abstammung und römischer Bürger, betrat eines Morgens um die Iden des Juli des Jahres 134 nach Christus, auf dem Gesicht die Zeichen wachsenden Mißmutes, sein Büro in der guten Stadt Köln, wo er in der Vorstadt eine nette neumodische Villa besaß. Die Büromädchen, die Laufjungen und die Zeichner zitterten bereits vor dem schrecklichen Zorn des Chefs, der wie alle Chefs im Privatleben ganz nett sein sollte, aber das Gesicht des mit einem Bauch und einer Glatze versehenen fünfzigjährigen Caius erhellte sich gleich, als er in den Liegestühlen des Empfangssalons seinen alten Geschäftsfreund Pompeius gewahrte, der in Rom eine Niederlassung der Firma leitete und alljährlich einmal an den schönen Rhein kam.

„ Edler Pompeius, wie geht’s, wie steht’s?“ Mit diesen holdseligen Worten begrüßte Caius seinen ebenfalls dickwanstigen Freund und führte ihn in sein Privatkontor. Pompeius räkelte sich nach der Art eines gewiegten Faulenzers auf die rote Ottomane und nahm erst einen Schluck schweren Cypernweines, ehe er überhaupt sein Karpfenmaul öffnete. Dann sagte er mit einer dünnen Stimme, die den Dickwanst als einen Kastraten erscheinen ließ: „So du mein leibliches Wohl meinest, geht’s mir gut… so du aber meine Geschäftsaussichten, unsere vielmehr… oh böse böse Zukunft…“, und er verzog seine Fratze zu einer Grimasse schlechter Laune. Caius lachte laut auf, daß sein Bauch wackelte, und rieb sich vor Vergnügen seine schlaffen Wangen. „Immer Pessimist… gut haben wir verkauft in diesem Jahr… keine Restbestände in den Lagern… sogar die paar Büsten des scheußlichen Nero hast du doch an einige ältere Jungfern, die nicht mehr recht sehen konnten, verkauft und die alten verstaubten Reliefs des Trajan, hahaha, und dennoch – Pessimist… Pessimist…“ Pompeius fuhr, etwas pikiert, über sein riesiges schlappes Maul und sagte in milder Strenge: „Ich sprach von der Zukunft, o Caius, nicht von der Vergangenheit, vom abgeschlossenen Geschäftsjahr… du weißt, daß diese verfluchte Sekte der Christus-Leute sich immer mehr ausbreitet, zumal bei den Proleten, die nun einmal für jede sozial gefärbte Lehre zu haben sind (in politisch eingeweihten römischen Kreisen spricht man von einer neuen Spartakusbewegung)… nun, und du weißt auch, daß die unteren Schichten unsere Hauptabnehmer sind für den mistigen Tand deiner Fabrik… und ich sage dir, es macht sich schon bemerkbar, daß der Sinn der Leute sich geändert hat. Schon im verflossenen Geschäftsjahr“ (seine Stimme überschlug sich, man hörte draußen die Büromädchen lachen) „konnte ich nur mit Mühe in Rom die Hälfte der bisher verkauften Büsten und Reliefs absetzen, die andere habe ich den Händlern, die nach Smyrna und Alexandria zogen, verkauft, weit unter Preis.“ Er kreuzte die Arme über der Brust und lauerte mit der Genugtuung eines vollkommen gesättigten Schweines auf seinen Geschäftsfreund, der in ernstes Nachdenken versunken war, wobei der Schweiß in Strömen über das bleiche Gebirge seines fetten Gesichts rann. Einige Minuten vergingen in Ruhe, dann klatschte sich der fette Caius auf die Stirn, daß sein Fleisch bis an die Schenkel erzitterte. „Heureka!“ brüllte er, „heureka, wie simpel, wie einfach… heureka!“ , und er lachte eine Minute still den erstaunten Pompeius an, wobei seine Augen verschwanden, so daß der dicke römische Wanst sich in einen Mehlsack verwandelte, der in Bewegung geraten ist. Als er ausgelacht hatte, wischte er ruhig den Schweiß ab und sagte nüchtern: „Furchtbar simple Sache das… wir machen einfach Gipszeug, das diesen Christen in den Kram passt. Bilder von diesem Christus, der alle Menschen befreit hat, hahaha…“ Pompeius vergaß vor Staunen die ganze Würde eines römischen Bürgers, er schlug sich auf die Knie und brüllte: „Du bist ein Genie… du bist ein Genie!“ Aber Caius’ Laune hatte sich wieder verschlechtert, er murmelte mißmutig: „Eine Schwierigkeit ist da allerdings… alle unsere Büsten sind nach dem Original gezeichnet oder nach Originalbüsten modelliert; die Originale werden sorgfältig in unserem Archiv bewahrt; gibt’s ein Bild von diesem Christus?“ – „Nein! … er war ein Jude, der gekreuzigt wurde… so an die dreißig Jahre alt.“ Caius überlegte wiederum einige Minuten, dann sprach er lächelnd: „Wir machen Miniaturkreuze mit Miniatur-Gipsfiguren eines gekreuzigten Juden. Die Kreuze werden aus Holz gemacht, und einen Juden von dreißig Jahren haben wir auch, meinen Sklaven Cantus, einen semitischen Syrer… wir werden ihn ans Kreuz heften und von unseren Zeichnern ein streng realistisches Bild von einem dreißigjährigen gekreuzigten Juden anfertigen lassen.“ Ohne lange die Antwort des Pompeius abzuwarten, zog er an einer Schelle, und als ein junges Mädchen ehrfürchtig in der Tür erschien, sagte er kurz: „Lasse nach meiner Privatwohnung schicken, der Sklave Cantus soll sofort hierherkommen.“

Eine halbe Stunde später zimmerten drei riesige Sklaven des Caius, die sonst in der Fabrik den Gips anmengten, auf dem Hofe der Fabrik ein großes Kreuz aus roh behauenen Balken. Caius, Pompeius, einige Zeichner und der Sklave Cantus standen dabei. Cantus, der erst vor wenigen Monaten aus Afrika hierhergekommen war, war Christ. Er war ein einfacher und gebildeter Arbeiter, der den Garten des Caius in Ordnung hielt, ein stiller Mann, der nichts verstand und nichts besaß als Glaube, Hoffnung und Liebe. Er hatte mehrmals schon in seiner sanften Weise Einspruch erhoben gegen diesen schrecklichen Spott, den man hier treiben wollte, aber Caius hatte ihn mit seinen fetten Händen ins Gesicht geschlagen, daß Blut aus seinem Munde floß, und Pompeius hatte ihn mit seinem Gürtel über den Rücken geschlagen, so daß sein dünnes Gewand von Blut klebte. Als sie das Kreuz gezimmert hatten und ihn ergreifen wollten, da trat er nochmals vor seinen Herrn hin und sagte leise: „Ich bin ein Christ… tut es nicht.“ Alle lachten laut auf: „Oho, ein Christ!“ Und Caius gab den Sklaven einen Wink, daß sie ihn lassen sollten, und er kniff das eine Auge gegen die Umstehenden zu, so daß Cantus es nicht sehen konnte, und sagte milde: „Gut… vielleicht laß ich dich leben, aber erzähle uns doch mal, wie sie euren Christus gekreuzigt haben.“ Cantus stand still und beugte den Kopf, und sein Schweigen griff sogar diesen feisten Hunden ans Herz, und der Caius, um seine Gewissensbisse auszulöschen, brüllte mit einer schrecklichen Stimme: „Rede, jüdischer Hund!“ Das Brüllen löste den Schrecken der Umstehenden, und sie brachen in ein lautes Lachen aus, als sie den jämmerlichen, blutverschmierten Juden besahen. Cantus sprach leise, ohne den Kopf zu heben: „Sie nagelten ihn ans Kreuz… und sie zerschlugen den beiden Mitgekreuzigten die Knochen, als sie aber zu Jesus kamen uns sahen, dass er schon tot war, öffneten sie nur mit einem Speer seine Seite, und es floß Blut und Wasser heraus.“ Caius gab den Sklaven einen Wink, wie ihn nur Herren zu geben verstehen, und sie packten ihn lachend und schlugen ihn ans Kreuz. Der Jude Cantus gab keinen Laut von sich. Es herrschte Schweigen in der Runde, man hörte nur das schwache Geräusch der Stifte, die über das Papier der Zeichner fuhren. Und plötzlich packte der Pompeius einen Hammer und schlug dem gekreuzigten Juden die Seite ein, dass Blut und Knochenteile hervorspritzten, und er schrie: „Wir sind Realisten!“ Der Jude Cantus aber schrie schrecklich und gab seinen Geist auf.“

Paul zerriß das Papier in tausend Stücke und stützte seinen Kopf in die Hände. Melchior schien wie ein Schlafender, er hatte sich zurückgelehnt, die Augen geschlossen. Es war Totenstille in dem dunklen Zimmer, und plötzlich schlugen beide die Hände vors Gesicht und brachen in Weinen aus.

aus „Jugend [1937]“

Heinrich Böll
Erzählungen
Kiepenheuer & Witsch, 2006
ISBN 978-3-462-03697-8