Marseille,  „Alte Charité“, Innenhof mit Arkaden und Olivenbäumen
Marseille, „Alte Charité“, Innenhof mit Arkaden und Olivenbäumen
Foto: Philippe Alès

Immer wieder wird dem Menschen – besonders dem jungen – empfohlen, sich ein gutes Vorbild zu suchen, dem nachzueifern sich lohnt. Dann aber kommt es vor, dass der Mensch – besonders der ältere – feststellen muss, dass sein Vorbild für ihn unerreichbar geblieben, im schlimmsten Fall sogar zur Ursache lebenslanger Unzufriedenheit geworden ist.

Besser und ungemein befriedigender ist es, ein gutes Vorbild zu sein – für Menschen, die ebenfalls gute Vorbilder sein möchten.

So entsteht das Bild einer Menschenkette, von denen jeder einzelne den ihm nachfolgenden voran zieht – an Stelle einer Horde, die sich müht, einem Davoneilenden zu folgen, der davon kaum etwas bemerkt, ist er doch selbst in Nöten, ein fernes Idol einzuholen.

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In letzter Zeit ging mir immer öfter der Gedanke durch den Kopf, dass es höchste Zeit wäre, meinem Blog wieder einmal einen Beitrag anzufügen, der dem Blogmotto Rechnung trägt – und wenn schon nichts mit später(er) Liebe, so doch wenigstens irgend was mit Oliven oder Olivenbäumen. Völlig klar also, dass bei der Ankündigung des heutigen Kinostarts des deutsch-spanischen Films „El Olivo“ kein Aufschub mehr hinnehmbar war. Ich muss sofort ins Kino, und ich muss darüber schreiben, sagte ich mir,

Eine Idylle mediterraner Landwirtschaft ist der Betrieb von Almas Familie nicht. Haupteinnahmequelle sind die Hühner, und wer Alma beim Füttern des Geflügels und Entsorgen der im Gedränge verendeten Vögel sieht, verliert – falls er sie noch hatte – alle Illusionen darüber, was „Bodenhaltung“ bedeutet. Aber da sind auch die Olivenbäume – viele davon uralt und ein prachtvoller Anblick. Viel Gewinn lässt sich damit allerdings nicht erwirtschaften, denn der Markt wird von Anbietern billigen Olivenöls beherrscht. Nur einmal hat ein Olivenbaum der Familie richtig Geld gebracht. Er war der älteste Baum auf dem Anwesen – der Legende nach zur Zeit der alten Römer gepflanzt. Eine Gärtnerei hatte 30.000 Euro dafür bezahlt. Das geschah zu einer Zeit, als Alma noch ein Kind war. Alma, inzwischen Anfang zwanzig, ist davon überzeugt, dass das Verschwinden eben dieses Baumes dafür verantwortlich ist, dass ihr Großvater seit Jahren kein Wort mehr gesprochen hat. In der Strandbar, mit der sich ihre Eltern und ihr Onkel Alcachofa, der jetzt als LKW-Fahrer arbeitet, einst eine Existenz hatten aufbauen wollen, und von der nichts übrig ist, als ein leerstehender Flachbau voller Gerümpel, findet sie die Unterlagen, aus denen der Name der Gärtnerei ersichtlich ist, die den Olivenbaum mit schwerem Gerät abgeholt hatte. Empört fragt sie ihren Onkel, warum man zu einer Zeit, als die Banken jedem, der es nur wollte, Kredite regelrecht aufdrängten, den Baum zu Geld hatten machen müssen, und der Onkel gesteht ihr, dass der Verkaufserlös als Schmiergeld für den Bürgermeister gebraucht wurde, um eine Baugenehmigung so nahe am Strand zu bekommen. In der Gärtnerei erfährt Alma, dass der Baum von einem deutschen Energiekonzern gekauft wurde, in dessen Konzernzentrale in Düsseldorf er jetzt als „Kübelpflanze“ die Eingangshalle ziert. Der Konzern hat ihn sogar zum Firmenlogo gemacht – als Symbol für Nachhaltigkeit in der firmeneigenen Energiepolitik. Alma überredet ihren Onkel und Rafa, einen heimlich in Alma verliebten Kollegen, mit ihr nach Düsseldorf zu fahren, und Alcachofa riskiert seinen Job, als er ohne Wissen seines Chefs den Tieflader über ein langes Wochenende ausleiht. Die beiden Männer lässt Alma jedoch zunächst in dem Glauben, es handle sich darum, den Baum ohne Schwierigkeiten von einer deutschen Kirchengemeinde abzuholen, die ihn bereitwillig an den ursprünglichen Eigentümer zurückgeben werde.

Massentierhaltung, Wirtschaftskrise, Bankenkrise, Bestechlichkeit und Augenwischerei wenn es um Umweltschutz und Nachhaltigkeit geht – wobei „Nachhaltigkeit“ sowieso eine Worthülse ist, in der sich alles mögliche verstecken lässt. Was hier an Missständen im Europa der ersten anderthalb Dekaden des 21. Jahrhunderts aufgefächert wird stellt an sich schon eine Überfrachtung für einen Spielfilm dar, der in 98 Minuten schließlich auch noch eine Familiengeschichte erzählen will. Das Problem lässt sich auch nicht dadurch besser handhaben, dass der Film in seiner Mitte zum Roadmovie wird. Dass Alcachofa auf dem Weg zur französischen Grenze einem Mann, der ihm viel Geld schuldet, eine Skulptur aus dem Garten klaut, bei der es sich ausgerechnet um eine Nachbildung der amerikanischen Freiheitsstatue handelt, ist quälend plakativ und wäre m.E. besser aus dem Drehbuch gestrichen worden.

An dieser Stelle will ich aufhören, den Inhalt nachzuerzählen. Vielleicht möchte sich ja doch jemand den Film anschauen und nicht um das Bisschen Spannung gebracht werden, das neben leisen Befürchtungen, die Story könnte total ins Unrealistische abgleiten, noch bleibt. Die Hauptrollen sind mit Anna Castillo, einem neuen Gesicht auf der Leinwand, als Alma und dem Goya-Preisträger Javier Gutiérrez als Alcachofa jedenfalls nicht schlecht besetzt, und die Olivenbäume sind wirklich wunderschön.

Filmplakat "El Olivo"

EL OLIVO – DER OLIVENBAUM
Spanien / Deutschland 2016, 98 min

mit
Anna Castillo als Alma
Ines Ruiz als Alma (8 Jahre)
Javier Gutiérrez als Alcachofa
Pep Ambros als Rafa
u.v.a.

Regie – Icíar Bollaín
Buch – Paul Laverty
Kamera – Sergi Gallardo

Erwähnen möchte ich noch, dass zahlreiche Kinos durch Previews die spanische NGO apadrinaunolivo.org (Adoptiere einen Olivenbaum) unterstützt haben bzw. dies noch tun.

„Oye, que satisfacción.“
Ist er nicht herrlich, dieser alte Mann?

200808112237

… noch einmal verzeiht?

Ich habe ihn schon ziemlich lange, wohl länger als seine Erzeuger ihm an Lebenserwartung unterstellten. Seit ich ihn, mit einem Miniaturfläschchen Olivenöl an die Äste geknotet, im Supermarkt kaufte, gab es mindestens zwei weitere Werbeaktionen mit Bonsai-Olivenbäumchen samt Olivenölfläschchen als Dreingabe.

Ab und zu bildete er lange Triebe mit Blättern in normaler Größe aus. Da sie unproportioniert wirkten, und auch weil ich glaubte, das koste den kleinen Baum zuviel Kraft, schnitt ich sie immer ab, sobald ich sie entdeckte. Bis zum 7. Mai. Da schrieb ich einen kleinen lyrischen Text zu Panflötenmusik ins Tagebuch. Der Zweig war schon eine Handspanne lang, und ich ließ ihn tatsächlich weiter wachsen, wie ich es versprochen hatte. Das Foto von dem abgeschnittenen Zweig fügte ich erst später in den Eintrag ein. Gleichzeitig entstanden die Bilder für den Haeder des Blogs. Und gestern bearbeitete ich diese Header-Bilder farblich, damit sie besser zu der Hintergrundtextur und zu den neuen Buttons passen. Als ich mir das Ergebnis heute früh noch einmal ansah, war ich ziemlich zufrieden. Da kam mir der Gedanke, ich könnte noch mehr Olivenzweigfotos machen, sobald das Bäumchen wieder so einen Trieb hätte, und ich ging in die Küche, um nachzusehen, ob es dafür Anzeichen gab.

Offenbar habe ich ihn lange nicht richtig angeschaut. Sporadisch gebe ich ihm etwas Wasser, nie zuviel, denn er mag es nicht sehr nass. Aber ich war wohl nicht nur mit dem Anschauen, sondern auch mit dem Wasser in letzter Zeit zu nachlässig.
Tag für Tag sah ich den Header, und ich weiß nicht, wie oft ich mich darüber ärgerte, dass dieses eine Pixel mehr oder weniger nur bewirkte, dass der Rand entweder rechts oder links zu breit war. Jetzt, mit der dunkelgrünen Umrandung, fällt es nur weniger auf. Ich sah also die Graphik, aber den kleinen Baum übersah ich.

Man könnte sagen, so etwas passiert. Und es ist ja auch nicht so schlimm. Diese Pflanzen aus dem Supermarkt werden selten sehr alt. Vielleicht gibt es schon bald wieder Bonsai-Olivenbäumchen mit Miniaturfläschchen…

Aber auch wenn der kleine Baum sterben sollte, ich werde keinen neuen kaufen.