Zeitung

Brummelmanns Küche / Tag
Herr und Frau Brummelmann sitzen am Küchentisch, auf dem sich die Reste des Frühstücks befinden. Beide lesen in einer Zeitung, die sie miteinander geteilt haben. Einige unordentlich gefaltete Zeitungsblätter liegen auf einem freien Küchenstuhl.

Frau Brummelmann:
[von der Zeitung aufblickend] Woll’n wa morjen nich mal wieda rausfahr’n, ins Jrüne?

Herr Brummelmann:
[ohne aufzuschauen] Und wie willste da hinkommen,… ins Jrüne? Sag ma, wo de hin willst, damit ick lachen kann!

Frau Brummelmann:
Wieso? – Grunewald dacht‘ ick. Aber wenn du woanders hin möchtest ……

Herr Brummelmann:
[blättert eine Zeitungsseite um] Möchten kann ick ville. Aber kann det sein, dass die S-Bahn streikt?

Frau Brummelmann:
Nee, mein Hase, die fährt wieder… seit jestern. Oder wat meinst du, wieso meine Mutter hier jestern plötzlich uff der Matte stand?

Herr Brummelmann:
Deine Mutter würde von Jesundbrunnen bis Kreuzberg loofen, bloß um mir uff’n Senkel zu jehn.

Frau Brummelmann:
Na, so sehr liebt se dir nu ooch wieder nich.

Herr Brummelmann:
Jut, det war jestern. Und wann streiken se wieder?

Frau Brummelmann:
Woher soll ick det wissen? Erst mal verhandeln se. In den Nachrichten ham se wat von Friedenspflicht jesacht.

Herr Brummelmann:
Hör uff! Ick kann’s nich mehr hör’n! Friedenspflicht! Entweder is Frieden oder eben nich. Und wenn keena nachjibt, denn jibt et ooch keen Frieden.

Frau Brummelmann:
Ja, hast ja Recht. Jedenfalls fährt die S-Bahn erst mal wieda. Wat is denn nu mit Rausfahrn?

Herr Brummelmann:
Wetter soll ja schön werden. [stutzt] Nee, warte mal, det jeht nich morjen.

Frau Brummelmann:
Und wieso nich?

Herr Brummelmann:
Weil wa morjen wählen jehn müssen.

Frau Brummelmann:
Wat denn wählen?

Herr Brummelmann:
Na, die Volksabstimmung wejen Flaschenpfand.

Frau Brummelmann:
Quatsch! Die is erst nächsten Monat. Det weeß ick jenau.

Herr Brummelmann:
Biste sicher? Aber morjen is ooch wat. Warte mal… …
[erhebt sich schwerfällig und tritt an die Pinnwand, die dicht mit Briefen und Rechnungen bespickt ist, von denen er mehrere näher anschaut]
Hier! Ick wusste et doch! Morjen is Abstimmung wejen Nachtflugverbot.

Frau Brummelmann:
Und wat interessiert uns det? Wohn’’ wir vielleicht inner Einflugschneise?

Herr Brummelmann:
[zum Tisch zurückkehrend] Aber ick hab doch seinerzeit die Liste unterschrieben.

Frau Brummelmann:
Wat kümmerste dir ooch immer um Sachen, die uns nischt anjehn?

Herr Brummelmann:
Also, weeßte, wenn jeder so denken würde …… [schnaubt ärgerlich]

Frau Brummelmann:
Na, so denkt doch ooch jeder. Und weil et so is, muss man’s jenauso machen. Denn is die Jerechtichkeit wieda herjestellt.

Herr Brummelmann:
Da könnten wa jetz lange drüber diskutiern. Aber ejal! Jedenfalls jeh ick morjen abstimmen. [setzt sich und raschelt ärgerlich mit der Zeitung]

Frau Brummelmann:
Denn stehste eben am Sonntag mal ‚’n bisschen früher uff, und denn könn wir imma noch rausfahrn.

Herr Brummelmann:
[brummt] Mal sehn.

Beide schweigen kurz, während sie weiter die Zeitung lesen.

Frau Brummelmann:
[laut lesend] Seit Jahresbeginn wurden über 100 Gaststätten in private Rauchklubs verwandelt. Zutritt haben nur Mitglieder. Eine Befragung der Betreiber hat ergeben, dass die Einnahmen dadurch teilweise die vor dem Rauchverbot übersteigen. [blickt von der Zeitung auf] Recht ham se ja, die Kneipiers.

Herr Brummelmann:
[ohne aufzublicken] Und warum interessiert dir det? Du roochst doch nich!

Frau Brummelmann:
Det musst jetz ausjerechnet du sagen!

Herr Brummelmann:
Is doch nich zu fassen! Uff der vorletzten Seite ne kleene Meldung. Da hattet in Tatschirnkavlo …… Mein Jott! Wer soll denn det aussprechen? Jedenfalls hat ‚’s da ’’n Unfall innem Kernkraftwerk jejeben, und die Rejierung lässt keene internationale Kommission ooch nur inne Nähe, damit die feststellen könn, ob Strahlung ausjetreten is. Jeder Scheiß macht Schlachzeilen, und so wat… …

Frau Brummelmann:
Na is doch mit die BSE-Fälle jenau detselbe. Ick möchte nich wissen, wat wir allet nich erfahrn. [stutzt] Wo, haste jesaacht? Tatsch… wat?

Herr Brummelmann:
[ihr die Zeitung über den Tisch reichend] Lies selba! Warum is det wichtich? Jedenfalls isset weit wech.

Frau Brummelmann:
Heutzutage is nischt mehr weit wech. [liest] Tatschirnkav…– Ach, du meine Jüte! Aber is det nich, wo unsre Milch herkommt?

Herr Brummelmann:
Die H-Milch?

Frau Brummelmann:
Wann koofen wir denn mal andre Milch?

Herr Brummelmann:
Weeß ick nich mehr.

Frau Brummelmann:
Na, also! Wat fragste denn? [greift nach der Milchtüte, die auf dem Tisch steht, wendet sie hin und her und versucht zu lesen, wobei sie die Augen zusammenkneift] Könn die det nich noch kleener drucken?

Herr Brummelmann:
Jib her! [nimmt ihr die Milchtüte ab und hält sie am fast ausgestreckten Arm, um zu lesen] Tatsche & Kaufmann oHG steht da. Ohne Haftung. In Vierndigsbums.

Frau Brummelmann:
Deswejen weeß man aber noch nich, wo die Milch herkommt, oda?

Herr Brummelmann:
Nee, vielleicht stell’n die bloß die Tüten her.

Frau Brummelmann:
Ick meine, wenn wir Äppel aus Neuseeland essen …… Sach ma’, wärste langsam soweit, dass wa einkoofen jehn können?

Herr Brummelmann:
Haste soviel einzukoofen, dass ick mitkomm’ muss?

Frau Brummelmann:
Eijentlich nich, aber ick würd’ jerne ’’n Karton von die Milch mitnehmen, bevor wieda allet ausverkooft is, wie damals bei Tschernobyl.

Herr Brummelmann:
Na, den Namen ham wa wenichstens aussprechen jelernt.

Beide erheben sich vom Tisch, und Frau Brummelmann beginnt, das Geschirr abzuräumen.

Straße / Tag
Herr und Frau Brummelmann nähern sich einem Briefkasten, aus dessen Klappen, schon von weitem sichtbar, Briefumschläge quellen, und bleiben davor stehen.

Frau Brummelmann:
[mit dem Brief wedelnd, den sie in der Hand hält] Und nu?

Herr Brummelmann:
Ja, willste hier steh’n bleiben, bis der Kasten in paar Wochen jeleert wird? Die streiken unbefristet. Steck det Ding so dazwischen, dass et vom Wind nich wegjeweht wird.

Frau Brummelmann:
Det is det Formular für die Rentenversicherung. Die ham mir die sechs Wochen nich anjerechnet, wo ick bei dem Anwalt jeputzt habe. Uff Steuerkarte! Zum Ausfüll’n hab ick zwee Stunden jebraucht.

Herr Brummelmann:
Und du meinst, die sechs Wochen machen den Käse fett?

Frau Brummelmann:
Fett nich, aber vielleicht ’’n bisschen wenjer mager. Jedenfalls steck ick den Brief hier nich rin, wo jeder ihn wieder rausfleddern kann. Kannsten vielleicht in deine Innentasche ……? [hält ihm auffordernd den Umschlag entgegen]

Herr Brummelmann:
[den Umschlag in die Innentasche seiner Jacke steckend] Wenn de denn ruhijer bist.

Frau Brummelmann:
Bin ick, mein Hase. Und nu komm, bevor die Milch ausverkooft is!
Sie setzen ihren Weg die Straße hinunter fort und entfernen sich.

Herr Brummelmann:
Da sei man unbesorcht. Die kleene Meldung wird kaum ena jelesen ham. Vielleicht bring die det ja mit Absicht nich so jroß. Wegen der Hamsterkäufe. Stell dir ma vor, die Leute fang an, allet Möchliche zu horten. Und det, während die Bahn streikt. Die Fluglotsen ham übrijens ooch schon wieder jedroht. Det wäre doch furchtbar, wenn in so ’ner Situation … [Fade out]

© Christa Hartwig

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