Der Roman „Pietr le Letton“ des belgischen Schriftstellers Georges Simenon erschien im Mai 1931 im französischen Verlag Fayard und wurde unter verschiedenen Titeln ins Deutsche übersetzt: 1935 veröffentlichte ihn die Schlesische Verlagsanstalt unter dem Titel „Nordexpress“ in der Übersetzung von Harold Effberg; 1959 Kiepenheuer & Witsch die Übersetzung von Isolde Kolbenhoff unter dem Titel „Maigret und die Zwillinge“; 1978 brachte der Diogenes Verlag eine Neuübersetzung von Wolfram Schäfer unter dem Titel „Maigret und Pietr der Lette heraus“; und diesen Titel trägt auch die Übersetzung von Susanne Röckel für den Kampa Verlag (2019).

Die Geschichte, in deren Kern es um die Zerrissenheit eines Mannes zwischen der an Hörigkeit grenzenden Bewunderung für seinen Zwillingsbruder und der Liebe zu einer Frau geht, wird gerne als Auftakt der langen Reihe von Romanen und Kurzgeschichten um den wohl berühmtesten Kommissar der Literaturgeschichte bezeichnet. Simenon selbst gab an, ihn im Winter 1929/30 – also als ersten – geschrieben zu haben, doch war es nicht der erste Roman, welcher der Öffentlichkeit präsentiert wurde. Der Verlag Fayard hatte zur Bedingung gemacht, dass mehre Romane druckfertig vorlägen, bevor er die Werbetrommel rührte, und es erschienen dann 1931 tatsächlich zehn Romane in kurzer Folge. Ich kann mir lediglich vorstellen, dass die Figur des Kommissars in Simenons Kopf eine sehr fertige Figur gewesen sein muss, um so etwas überhaupt möglich zu machen. Dazu taugt keiner, der sich erst einmal den Respekt seiner Untergebenen und die Anerkennung seiner Vorgesetzten verschaffen muss. Dazu taugt nur einer, der bereits Fels in der Brandung der kleinen Gaunereien und großen Verbrechen ist. Und wenn es einer Klarstellung bedurfte, welches Gewicht – nicht nur physisch – diese Gestalt hat, so wird diese uns durch Maigrets berühmten Ofen geliefert. Wenn die Pariser Polizei ihre Dienstgebäude modernisieren und auf Zentralheizung umstellen lässt, dann muss man schon jemand sein, um sich den Erhalt der geliebten Feuerstelle erfolgreich in der Verwaltung zu erstreiten.

Aber ich will nicht übertreiben. In „Pietr der Lette“ begegnet uns Maigret gleich in mehreren Situationen als alle Gefahren verachtender Held, und diesem Draufgängertum setzte sein Erfinder in späteren Romanen Grenzen. Das passte nicht so recht zu dem besonnenen Pfeifenraucher. Also doch ein paar Holperchen in der Aufwärmphase. Was Simenon aber von Anfang an gelingt, das ist, alle Figuren der Handlung mit wenigen Strichen treffend zu skizzieren, ohne dass Karikaturen daraus werden. Und dennoch bin ich ganz froh, dass dieser Roman nicht mein erster „Maigret“ war, denn andernfalls hätten gewisse Ungereimtheiten mich mehr irritiert und vielleicht auch etwas verärgert.

Da kommt ein international unter Polizeibeobachtung stehender Krimineller nach Paris – den Staatsorganen wichtig genug, als dass jede Station seiner Reise länderübergreifend verfolgt und telegrafisch weitergemeldet wird, und dann begibt sich Maigret allein zum Bahnhof, um ihn zu beschatten? Er erkennt ihn zweifelsfrei (!) aufgrund der im Telegramm übermittelten detaillierten Personenbeschreibung, lässt ihn aber das Bahnhofsgebäude verlassen. Wohin soll der Mann auch schon gehen, da doch der Hausdiener eines Grandhotels von den Champs-Élysées ihm den Weg durch die Menge der Reisenden bahnte? Stattdessen wird Maigrets Interesse von einem Zwischenfall gefesselt. Im Wagen 5 des Étoile du Nord, dem Wagen, in welchem den Telegrammen zufolge Pietr der Lette gereist war, musste etwas passiert sein. Ein Leichenfund auf einer der Zugtoiletten. Und die Beschreibung von Maigrets Zielperson hätte auf den Toten ebenso genau gepasst wie auf den angereisten Gast des Grandhotels. Maigret hätte ihn zweifellos für Pietr den Letten gehalten, hätte er zuvor nicht den anderen gesehen. Und so begibt er sich nun in besagtes Hotel – und ist sicher, dem richtigen Mann zu folgen? So fragte ich mich verwundert. Allerdings erübrigt sich die Verfolgung einer Leiche ja auch, und man schaut besser, was der Lebende treibt.

Wer nur die besten Maigret-Romane lesen möchte, sollte diesen vielleicht auslassen. Wer in die Serie aber hineingebissen hat wie in ein Landschinkenbrot und nicht abbeißen kann, dem bleibt nichts anderes übrig, als den ganzen Maigret zu verschlingen.

Georges Simenon
Maigret und Pietr der Lette
Übersetzung: Susanne Röckel
Kampa Verlag, 2019
ISBN 978-3311130017

Maigret und Pietr der Lette (Hörbuch)
Übersetzung: Susanne Röckel
Sprecher: Walter Kreye
Der Audio Verlag, Berlin, 2019
ISBN 978-3742410214