Der Einstieg in diese Geschichte hatte mich schon beim ersten Lesen begeistert: Der Redakteur Dr. Murkes betritt am Morgen das Funkhaus, steigt in den Paternoster, und – statt im zweiten Stock auszusteigen, wo sich sein Arbeitsplatz befindet, fährt er hinauf in den fünften Stock und noch darüber hinaus, bis ganz nach oben, wo die Paternosterkabine sich an ungeputzten Wänden vorbei und unter Knacken und Rasseln der Mechanik seitwärts bewegt, bevor sie wieder nach unten sinkt. (Ich jubele. Wie gerne bin ich als junges Mädchen mit meiner Freundin Paternoster gefahren – und natürlich über den Dachboden und durch den Keller!) Dr. Murkes fährt jedoch nicht durch den Keller. Als er abermals den zweiten Stock erreicht, steigt er aus, nun durch die kleine Mutprobe gestärkt, auch wenn nicht besonders viel Mut dazu gehört. In einem kurzen Dialog kommt in dieser Anfangsszene auch zur Sprache, womit sonst noch Dr. Murke sich gegen das Geschwätz der Welt wappnet: Er sammel Schweigen: jene Tonbandschnipsel, die von den Technikern herausgeschnitten werden, weil geschwiegen wurde, während das Band lief, und Sendezeit nicht einfach mit Schweigen vertan werden darf. Dieses Schweigen setzt Murke wieder zusammen und hört es sich zu Hause zur Entspannung an.

Sich gegen die Unerquicklichkeiten des Arbeitstages zu wappnen ist angebracht, denn in der Tat steht Murke auch an diesem Tag (Anfang der 1950er-Jahre) eine unliebsame Aufgabe bevor. Professor Bur-Malottke, eine einflussreiche Geistesgröße, mit der man es sich besser nicht verdirbt, sucht den Intendanten auf mit einer Bitte, welche jener nicht zurückweisen kann. Er, Bur-Malottke, hatte vor dem Krieg dem Klerus gegenüber eine eher distanzierte Haltung eingenommen, war 1945 in der allgemeinen religiösen Begeisterung konvertiert, möchte nun aber zu seiner früheren Haltung zurückkehren. Insbesondere möchte er „an der religiösen Überlagerung des Rundfunks“ nicht mitschuldig werden. Nun hatte er eine Woche zuvor einen halbstündigen Vortrag zum Wesen der Kunst auf Band gesprochen und darin mehrfach das Wort „Gott“ verwendet. Dieses muss dringend vor dem Sendetermin durch die Formulierung „jenes höhere Wesen, das wir verehren“ ersetzen werden. Den zaghaften Einwand des Intendanten, es wäre doch am einfachsten, … weist er zurück, noch bevor er ganz ausgesprochen wird. Er wird nur die Worte „jenes höhere Wesen, das wir verehren“ aufsprechen, eben genauso oft, wie er ursprünglich „Gott“ verwendet hatte. – Wie sich herausstellen soll, handelt es sich um 27 Textstellen, unterschieden nach Nominativ/Akkusativ, Genitiv, Dativ und einem Vokativ („O Gott!“). – Die Szene ist wahrhaft gottvoll. in der Bur-Malottke.angeleitet von Murke, 27 mal, notwendige Wiederholungen nicht mitgezählt, …

Die Geschichte endet mit einer genialen Pointe. Während Dr. Murke zu Hause seine Freundin ein Band „beschweigen“ lässt, hat im Funkhaus der Dramaturg der Hörspielabteilung ein Kurzhörspiel noch einmal abgehört und findet dessen Schluss nicht befriedigend. „Die Stelle mit den Fragen des Atheisten in der großen, leeren Kirche“ soll der Techniker ihm nochmals vorspielen. „Wer denkt noch an mich, wenn ich wieder zu Staub geworden bin?“ und elf weitere ähnliche Frage, denen jeweils ein Schweigen folgt. Ein zu langes Schweigen, wie der Dramaturg findet. Der Autor war bereits zu derselben Einsicht gelangt und hatte vorgeschlagen, dass eine Stimme – die einer anderen Person und wie aus einem anderen Raum gesprochen – „Gott“ antworten soll. Der Techniker reicht dem Regisseur die Schachtel mit Bur-Malottkes „Gott“-Schnipseln und freut sich, dass er Murke für seine Sammlung fast eine Minute Schweigen wird schenken können.

„Bölls grandioser Satirehieb gegen den Kulturbetrieb“, fasst es der Rückentext der Hörspiel-CD griffig zusammen und greift damit natürlich zu kurz. Literaturwissensschaftlicher meldet sich da schon der Wikipedia-Artikel zu Wort: „… wurde die Geschichte überwiegend als satirische, karikierende Abrechnung mit dem Rundfunksystem der 1950er-Jahre und deren Umgang mit ehemaligen Nationalsozialisten, bzw. deren Mitläufern und Nutznießern gedeutet.“ Aber auch das ist noch zu grob gerastert. In einem der Hörspiel-CD beigegebenen Vor- oder Nachwort von Viktor Böll zitiert dieser, was sein Onkel selbst über die Entstehung der Kurzgeschichte gesagt hat:

„Der Einfall, dass man also auf Tonbändern mal Schweigen sammeln sollte, den hab‘ ich lange gehabt und lange mit mir herumgetragen, wollen wir sagen. Die Schwierigkeiten bei einer solchen Sache, bei einer Kurzgeschichte dieser Art, auch anderer Art, ist, sie richtig zu plazieren. Nicht nur im Milieu. Dass diese Geschichte ins Rundfunkmilieu gehört, war klar, aber die richtigen Figuren zusammenzukriegen und das, den Ureinfall [der] gesammelten Stücke Schweigen richtig unterzubringen, zwischen diesen Figuren, das war die Schwierigkeit, da habe ich sehr lange darüber nachgedacht.“ – Ausgehend von der Überlegung, dass man in einer immer lauter werdenden Welt auch mal schweigen könnte, ist das Ergebnis von Bölls Nachdenken viel mehr als ein Hieb gegen den Kulturbetrieb oder eine Abrechnung mit dem Rundfunksystem.

Anmerkung für diejenigen, die Lust auf Paternoster bekommen haben:
Der WDR-Paternoster in Köln darf aus Sicherheitsgründen nur noch von Mitarbeitern des Hauses benutzt werden.

Titelfoto: Racool_studio

Heinrich Böll
Dr. Murkes gesammeltes Schweigen
Hörspielder Hörverlag, 2017
EAN 9783844526509

Man kann sich das Hörspiel aber auch bei YouTube anhören.