Das Vertrackte am Radiohören ist, dass man ja selten intensiv lauschend vor dem Kasten sitzt, sondern eher nebenbei Radio hört, noch dazu wenn man sich in seiner Wohnung umherbewegt, das Radio diese Bewegung aber nicht mitmacht, sondern stur in der Küche weiterdudelt. So passiert es dann, dass man einen Begriff aufschnappt, gesprochen in einem Kommentar, der eben, als man sein Umherwandern unterbricht, um interessiert zuzuhören, zu Ende ist. So ging es mir mit der Demoszene.

Altersbedingt – ich kann es leider nicht leugnen – assoziierte ich damit spontan jene Demonstranten der 68er, die in ihren Demonstrationskalender schauen mussten, um festzustellen, ob sie zur Teilnahme an einer Demo, die dann und dann da und dort losgehen sollte, überhaupt Zeit hatten. Sie bildeten, so könnte man sagen, die damalige Demo-Szene. Indessen hatte ich aber doch noch mitbekommen, dass nicht von Demonstranten und schon gar nicht von den 68ern die Rede war, sondern von Computern. Und noch ein Wortfetzten hatte mein Ohr erreicht und war auf Wohlwollen gestoßen: Retro. – Als Retro bezeichnet man eine rückwärts gewandte Mode. Sich mit Stilmöbeln einzurichten, ist tendenziell out, weil zu weit rückwärts gewandt. Retro dagegen ist ein Stil, von dem noch niemand weiß, ob er überhaupt ein Stil ist. Zwar spricht man versuchsweise immer wieder vom Stil der Fünfziger-. Sechziger-, Siebzigerjahre – aber wo fängt der an, wo hört der auf? Bei Retro weiß man zwar auch nicht so genau, wo es anfängt, und wo es aufhört, aber es klingt schon mal weniger verbissen.

Da ich ja ständig darüber stöhne, dass die digitale Technik sich mit einer Geschwindigkeit entwickelt, die ich mir ungern aufzwingen lassen, erzeugte bei mir Retro in Verbindung mit Computer ein regelrechtes Heimwehgefühl. Glaube niemand, ich hätte vor gut zehn Jahren nicht geflucht, wenn mein PC, auch „Schmach fürs Netz“ genannt, zum Laden bildlastiger Internetseiten so lange brauchte, dass ich mir in der Zwischenzeit nicht nur die Nägel lackieren konnte, nein, der Nagellack war auch trocken, bevor ich wieder zur Maus griff, um etwas anzuklicken.

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Aber animierte GIFs entzücken mich bis heute, und die sind ganz zweifellos retro!

Bei der Demoszene geht es hauptsächlich um das Entwickeln (Programmieren) guter Demos und Intros bei Begrenzung der zur Verfügung stehenden Hardware. Es geht ums Ausreizen aller Möglichkeiten, und das Tollste: Die Demoscener verstehen noch, was sie da tun, und was es bewirkt. – Wer a little Bit nicht ehrt, is a lot of Bites nicht wert! – Zeige mir heute jemand einen IT, der weiß, warum etwas nicht funktioniert. Meistens stellt er nur fest, dass es nicht funktioniert (nachdem er sichergestellt hat, dass der dusselige Nutzer nicht einfach vergessen hat, irgendetwas einzustöpseln).

Nun hat die Sache freilich auch einen leicht bitteren Beigeschmack – ähnlich dem beim Anblick von Dingen im Museum, die man in der Kindheit noch aus dem täglichen Gebrauch kannte, ähnlich dem letzten Flug des Space Shuttle. Programmierkenntnisse, auf die ich vor zwanzig Jahren noch stolz war, gehören heute, wie der erste Mixer, ins Museum – und genau dorthin strebt die Demoszene auch, die jungen Leute, die die innovativen Herausforderungen von einst mit cooler Verachtung für „Unlimited“ künstlerisch ausschöpfen.

Mehr zur Demoszene bei Wikipedia.

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