Das ist auch so ein Satz, der im Begriff ist, aus unserem Sprachgebrauch zu verschwinden: Darf’’s ein bisschen mehr sein? Früher wurde einem diese Frage mit einer gewissen Regelmäßigkeit gestellt, fast immer, wenn man in der Fleischerei oder an der Fleisch- und Wursttheke eines Supermarktes stand und darauf wartete, dass der Metzger oder die Wurstverkäuferin die gewünschte Ware abgewogen hatte. Man hatte 150 Gramm Zervelatwurst verlangt, Scheibe um Scheibe landete auf der Waagschale, schon kletterte der Zeiger (später die digitale Anzeige) auf 142 und sprang, nach der nächsten Wurstscheibe locker über die 150 hinweg. Und dann kam es: „“Darf’’s ein bisschen mehr sein?““

Heute kaufe ich -– ich gebe es zu –- die Wurst meistens abgepackt. Nein, das ist auch gelogen. Ich kaufe Wurst meistens überhaupt nicht – nur wenn ich Besuch erwarte. Meistens kaufe ich Käse. Ich habe -– mich betreffend –- hier einfach das falsche Beispiel gewählt. Aber ich will jetzt nicht kleinlich sein und noch mal von vorne anfangen, so wie ich früher nicht kleinlich war, und die Frage, ob es ein bisschen mehr sein dürfe, üblicherweise mit: „“Ja, lassen Sie es so““, beantwortete. Ob Fleisch, Wurst, Käse oder der Apfel mehr oder weniger am Marktstand – man wurde zumindest gefragt. Heute bekommt man dauernd ein bisschen mehr von allem möglichen, ohne dass man gefragt wird. Damit meine ich nicht die vorgenannten Lebensmittel. Auf deren Verpackung stehen, Gewicht, Preis, dazu auch noch der Kilopreis und das Haltbarkeitsdatum. Man wirft das Zeug in den Einkaufswagen oder legt es zurück ins Kühlregal – ohne Diskussion. Was ich meine, ist zum Beispiel dies: Man kauft sich einen neuen Laptop, und auch wenn so ein Gerät heute nicht mehr mit der neuesten Version von Microsoft Office ausgestattet ist, so hat es doch eine Menge Zeug drauf, das man gar nicht will. Bei mir fängt das schon damit an, dass jeder Laptop über eine Kamera verfügt. Ich will keine! Ich skype zum Beispiel nicht. Skype ist auch immer schon vorinstalliert. Und bei dem ganzen Kram, den ich von einem neuen Laptop dann erst mal runter schmeißen muss, bleibt es ja nicht. Es folgen die regelmäßigen Updates. Auch da wird man nicht gefragt. Nichtsahnend fährt man seinen Rechner herunter und bekommt die Anzeige: Bitte schalten Sie den Computer nicht aus. Update 1 von 17 wird heruntergeladen. Und nun stelle man sich ein „„Intelligentes Haus““ vor! Das würde mit Sicherheit auch ständig upgedatet (kann man das so sagen?). Man käme nach Hause, und nach dem letzten automatischen Update wird beim Öffnen der Wohnungstür nicht mehr die Beleuchtung im Badezimmer eingeschaltet, sondern der Kühlschrank für die Dauer des Urlaubs (welches Urlaubs? welche Dauer?) diebstahlsicher verriegelt. Das intelligente Haus hält mich für den Blumengießdienst, und ich stehe ganz schön blöd da mit einem halben Dutzend tiefgekühlter Forellen und muss dringend aufs Klo. Aber das habe ich jetzt davon, dass ich seinerzeit die automatische Blumenbewässerung nicht mitbestellt habe. Allerdings, wer weiß, was daraus inzwischen geworden wäre, womöglich eine Dusche beim Weckerklingeln.

Das unerbetene „bisschen Mehr“ macht ja an der Wohnungstür nicht halt, und da ich mit dem „intelligenten Haus“ begonnen habe, überschreiten wir die Grenze zwischen öffentlichem und privatem Raum mal in umgekehrter Richtung. Ob es die Stadtbibliothek ist, in der man seine Bücher jetzt „automatisch“ ausleiht und zurückgibt, das Postamt, von dem ich nicht mehr weiß, welche Dienstleistungen es außer der Postbeförderung noch alles anbietet, der Fahrkartenautomat auf dem Bahnhof, vor dem sich fast immer ein Grüppchen Ratloser bildet, die Grüner-Punkt-Tonne im Hof, die gegen eine Wertstofftonne ausgetauscht wurde, … Haben Sie eine Payback-Karte? Sammeln Sie unsere Treue-Punkte? Ob die City-Toiletten noch nach demselben Prinzip funktionieren wie bei meinem letzten Besuch? Wer die Apps für alle Lebenslagen nicht auf seinem Smartphone hat, ist selber schuld. -– Hallo!!! Darf’s auch ein bisschen weniger sein?

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Das Vertrackte am Radiohören ist, dass man ja selten intensiv lauschend vor dem Kasten sitzt, sondern eher nebenbei Radio hört, noch dazu wenn man sich in seiner Wohnung umherbewegt, das Radio diese Bewegung aber nicht mitmacht, sondern stur in der Küche weiterdudelt. So passiert es dann, dass man einen Begriff aufschnappt, gesprochen in einem Kommentar, der eben, als man sein Umherwandern unterbricht, um interessiert zuzuhören, zu Ende ist. So ging es mir mit der Demoszene.

Altersbedingt – ich kann es leider nicht leugnen – assoziierte ich damit spontan jene Demonstranten der 68er, die in ihren Demonstrationskalender schauen mussten, um festzustellen, ob sie zur Teilnahme an einer Demo, die dann und dann da und dort losgehen sollte, überhaupt Zeit hatten. Sie bildeten, so könnte man sagen, die damalige Demo-Szene. Indessen hatte ich aber doch noch mitbekommen, dass nicht von Demonstranten und schon gar nicht von den 68ern die Rede war, sondern von Computern. Und noch ein Wortfetzten hatte mein Ohr erreicht und war auf Wohlwollen gestoßen: Retro. – Als Retro bezeichnet man eine rückwärts gewandte Mode. Sich mit Stilmöbeln einzurichten, ist tendenziell out, weil zu weit rückwärts gewandt. Retro dagegen ist ein Stil, von dem noch niemand weiß, ob er überhaupt ein Stil ist. Zwar spricht man versuchsweise immer wieder vom Stil der Fünfziger-. Sechziger-, Siebzigerjahre – aber wo fängt der an, wo hört der auf? Bei Retro weiß man zwar auch nicht so genau, wo es anfängt, und wo es aufhört, aber es klingt schon mal weniger verbissen.

Da ich ja ständig darüber stöhne, dass die digitale Technik sich mit einer Geschwindigkeit entwickelt, die ich mir ungern aufzwingen lasse, erzeugte bei mir Retro in Verbindung mit Computer ein regelrechtes Heimwehgefühl. Glaube niemand, ich hätte vor gut zehn Jahren nicht geflucht, wenn mein PC, auch „Schmach fürs Netz“ genannt, zum Laden bildlastiger Internetseiten so lange brauchte, dass ich mir in der Zwischenzeit nicht nur die Nägel lackieren konnte, nein, der Nagellack war auch trocken, bevor ich wieder zur Maus griff, um etwas anzuklicken.

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Aber animierte GIFs entzücken mich bis heute, und die sind ganz zweifellos retro!

Bei der Demoszene geht es hauptsächlich um das Entwickeln (Programmieren) guter Demos und Intros bei Begrenzung der zur Verfügung stehenden Hardware. Es geht ums Ausreizen aller Möglichkeiten, und das Tollste: Die Demoscener verstehen noch, was sie da tun, und was es bewirkt. – Wer a little Bit nicht ehrt, is a lot of Bites nicht wert! – Zeige mir heute jemand einen IT, der weiß, warum etwas nicht funktioniert. Meistens stellt er nur fest, dass es nicht funktioniert (nachdem er sichergestellt hat, dass der dusselige Nutzer nicht einfach vergessen hat, irgendetwas einzustöpseln).

Nun hat die Sache freilich auch einen leicht bitteren Beigeschmack – ähnlich dem beim Anblick von Dingen im Museum, die man in der Kindheit noch aus dem täglichen Gebrauch kannte, ähnlich dem letzten Flug des Space Shuttle. Programmierkenntnisse, auf die ich vor zwanzig Jahren noch stolz war, gehören heute, wie der erste Mixer, ins Museum – und genau dorthin strebt die Demoszene auch, die jungen Leute, die die innovativen Herausforderungen von einst mit cooler Verachtung für „Unlimited“ künstlerisch ausschöpfen.

Mehr zur Demoszene bei Wikipedia.