Neubau der zentrale des Bundesnachrichtendienstes

Foto: Jean-Pierre Dalbéra, 26. August 2013

Der Wasserhahndiebstahl im Neubau der BND-Zentrale war –– wie kaum anders zu erwarten –– eine Steilvorlage für Spekulationen und Frotzeleien auf breiter Medienfront. Natürlich hat auch die Süddeutsche Zeitung sich nicht enthalten können und titelte am vergangenen Freitag auf Seite 10 (Panorama): „“Die Bundesnasszelle““. Den Artikel ziert ein Foto der Rückseite des Gebäudes und einer der beiden Blechpalmen, über die auch schon genug gelästert und spekuliert wurde. Das Foto, das ich hier zeige, ist übrigens nicht das aus der Süddeutschen, sondern ein bei Wikipedia eingestelltes. Das bei der SZ unterscheidet sich insofern, als es mehr von unten nach oben geknipst wurde, die Palmwedel sich gegen einen blauen Himmel abzeichnen, und dadurch der Eindruck verstärkt wird, die Zentrale des BND befände sich in den Vereinigten Arabischen Emiraten, oder solle Reklame für die Fußball-WM 2022 machen. Unter dem SZ-Foto steht: „Die neue BND-Zentrale gefällt mit ihrer stattlichen Fassade und zwei künstlichen Palmen, die an getarnte Funkmasten erinnern sollen.“

Wie bitte? Was soll das denn? Entweder etwas ist getarnt, oder es soll erinnern. Getarntes Erinnern ergibt nicht eben viel Sinn, verfehlt es doch den Zweck. Man erkennt dann ja nicht, an was man erinnert werden soll. Sind es nun Funkmasten oder nicht? Und wenn es Funkmasten sind, warum sollte man sie tarnen? Das Funken und Abhören gehört doch zu einem Nachrichtendienst wie das Klappern zum Handwerk.

Ich habe also versucht, mich kreuz und quer im Internet ein bisschen schlauer zu machen. Man möge es mir nachsehen. Der Bau einschließlich des echten und künstlichen Baumbestandes liegt nicht an meiner üblichen Rennstrecke. Das letzte Mal habe ich mich dafür interessiert, nachdem Baupläne verschwunden waren. Es handelt sich eben nur um eine von mehreren Skandal-Baustellen in und um Berlin. Da käme ich aus der Empörung gar nicht mehr heraus, wenn ich immer am Ball bleiben wollte. Leider kann ich nicht behaupten, mit dem Ergebnis meiner Recherche zufrieden zu sein –– abgesehen vielleicht davon, dass zur Ehrenrettung der SZ gesagt werden muss, dass die verquarkte Bildunterschrift von keinem ihrer Redakteure stammt, sondern dass der Künstler, also der Schöpfer der beiden Palmen selbst, diese Aussage getroffen hatte. Ulrich Brüschke hat da wohl um zwei Ecken herum gedacht, bevor er das Werk „„0° Breite“ nannte. Weder nördlich noch südlich. Äquator eben, dargestellt durch einen als Palme getarnten …… Lassen wir das!

Da Wasserhähne, die nicht da sind, auch nicht tropfen können, und da man nicht jede Kunst am Bau verstehen muss, hätte ich das Thema gar nicht nochmals aufgegriffen, wäre mich nicht plötzlich eine Assoziation angesprungen. So was kommt vor, wenn man sich nicht schont, nicht auf der Hut ist, sich gnadenlos den täglichen Wahnsinn reinzieht, …… Heute Morgen entnahm ich den Nachrichten, dass unser Wirtschaftsminister nach Saudi-Arabien gereist ist, wo er –– Menschenrechte hin, Blogger her –– vor allem die guten Handelsbeziehungen pflegen wird, und man kann schon froh sein, dass er nicht in Begleitung von Rüstungsindustriellen reiste (so wurde jedenfalls versichert). Gestern (oder schon vorgestern?) hörte ich, das der scheidende Neuköllner Bürgermeister Heinz Buschkowsky („„Multikulti ist gescheitert““ aber ansonsten ein wahrer Fels in der Brandung der Integration)– sich nun dahingehend geäußert hat, dass von Integration eigentlich keine Rede sein könne, dass es sich vielmehr inzwischen doch eher um ein „Landnahme“ handele, schon dreijährige Mädchen mit Kopftuch in die Kita gebracht würden, und Eltern darauf bestünden, das islamische Erzieher die Klassenfahrten an Neuköllner Schulen begleiten. Und dann gucke ich so auf diese Palme –– wie gesagt, in der SZ sich vor einem blauen (Wüsten-)Himmel abzeichnend –– und plötzlich frage ich mich, ob die Jungs (und Mädels) beim BND etwas wissen, was wir Normalsterblichen nicht wissen. Und ich frage mich außerdem, ob sich schon jemand Gedanken macht über Reservate für die German First Nations (Bayern, Sachsen, Friesen, Schwaben …). Nein, ich beklage mich nicht. Ich will hier auch nicht Unruhe stiften. Ich sage nicht, dass eine Welt, in welcher der Rest von uns in Freizeitparks bestaunt wird, eine schlechtere Welt wäre. Mir wäre nur wohler, wenn ich wüsste, dass jemand wenigstens solche Reservate plant. Nicht mit Blechpalmen. Ein bisschen anheimelnder bitte.

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Zu den ersten Lektionen, die ein Geheimagent lernen muss, dürfte gehören: Wenn du ein Gespräch führst in einem Raum, von dem du annimmst, dass dort Abhörmikrophone (Wanzen) versteckt sind, dreh alle verfügbaren Wasserhähne auf, um ein Störgeräusch zu erzeugen und das Abhören unmöglich zu machen.

Was folgt daraus für die Gegenseite:

Wenn du die Gespräche in einem Raum mittels versteckter Mikrophone (Wanzen) abhören willst, sorge dafür, dass keine Wasserhähne da sind, die jemand aufdrehen könnte.

Jemand muss das falsch verstanden haben.

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Blick auf die BND-Neubauten entlang der Chausseestraße
Visualisierung Büro Kleihues + Kleihues

„“Es gibt das Staats-, das Steuer- und das Bankgeheimnis, es gibt Familien- und Betriebsgeheimnisse, aber kann es auch ein Baugeheimnis geben?““ fragte Hans Leyendecker in der Süddeutschen Zeitung am 18. Juli. Mir fallen da noch ein paar Geheimnisse mehr ein – vom Anwaltsgeheimnis und Beichtgeheimnis über das Postgeheimnis bis zur ärztlichen Schweigepflicht steckt die ganze Welt voller Vertraulichkeiten und Geheimnisse, denen ein eklatanter Mangel an Integrität und Diskretion gegenübersteht. Ich möchte wetten, jeder von uns verrät täglich mindestens ein Geheimnis, wenn sich die Chance dazu bietet, und schämt sich nicht einmal. Hätten wir es denn erfahren, wäre es wirklich so geheim? Und wäre es nicht unfair, andere an unserem Wissen nicht teilhaben zu lassen?

Um aber auf die Ausgangsfrage zurückzukommen: Na, klar gibt es auch ein Baugeheimnis. Das kannten schon die alten Ägypter, von denen einer meiner Lehrer sogar behauptete, sie hätten mit den Arbeitern, die den Geheimgang zur innersten Grabkammer einer Pyramide gebaut hatten, kurzen Prozess gemacht. Unter diesem Aspekt könnte Herr Uhrlau froh sein, wenn er einfach nur „“gehen““ muss. Aber auch das fände ich übertrieben, es sei denn, der Präsident des Bundesnachrichtendienstes hätte, um eine von ihm zu verantwortende Nachlässigkeit nicht zugeben zu müssen, eine gravierende Sicherheitslücke bewusst bagatellisiert – ein „Leak“, durch das in Zukunft heraus sickern könnte, was so geheim ist, das selbst unsere Regierungsspitze vehement leugnen würde, davon gewusst zu haben. Dies ist schließlich die andere Seite der Geheimnisträgerei und -krämerei: Es kommt nicht nur darauf an, etwas zu wissen, sondern von Fall zu Fall auch darauf, glaubhaft versichern zu können, dass man nicht den blassesten Schimmer hatte. Leider habe ich noch nichts darüber gelesen, ob sich John le Carré schon zu den gestohlenen (vielleicht ja aber auch nur verschluderten) Bauplänen geäußert hat. Mein schreibender „“Lieblingsspion““ ist gerade mit dem Murdoch-Skandal beschäftigt.

Feststeht, was geheim ist, interessiert uns besonders. Feststeht ebenfalls, dass die Deutschen ein mehr als zwiespältiges Verhältnis zu „ihrem“ Geheimdienst haben – das bedauerte schon Reinhard Gehlen, vormals General der Wehrmacht und Leiter der Abteilung „Fremde Heere Ost“, später (1956-1968) erster Präsident des Bundesnachrichtendienstes. Wir sehen ein, dass wir einen Geheimdienst brauchen, aber wir hätten ihn gerne schön transparent. Und wer wollte uns nach Gestapo und Stasi diese Ambivalenz auch verdenken? So wundert sich auch niemand darüber, dass das Geheimnis um das Verschwinden geheimer Baupläne zum Gegenstand öffentlicher Diskussionen werden kann. Oder doch, ich wundere mich. Ich bin Romantikerin. Warum können die sich nicht benehmen, wie man es von Spionen erwartet? In diesem Sinne wäre es sogar völlig korrekt, wenn Herr Uhrlau behauptet, es seien nie Baupläne verschwunden, und dann seine Leute losschickt, den Dieb ausfindig zu machen, dessen Räume in einer Nacht- und Nebelaktion zu durchsuchen, die Pläne, mit Herdplattenschwärze getarnt unter der Bratpfanne oder in einer Packung Cornflakes vergraben zu finden und den Baugeheimnisverräter in einer „sicheren Wohnung“ zu verhören, ob er schon dazu gekommen ist, das Baugeheimnis zu verraten und, wenn ja, wem. Die sichergestellten Baupläne könnten dann in einem „„toten Briefkasten““ deponiert und dort von einem unauffälligen Herrn abgeholt werden, der auf einem Bahnsteig mit einem anderen unauffälligen Herrn die identisch aussehenden Taschen tauscht. Schließlich gelangte das Corpus Delicti wieder in jenen Schuppen, in dem es sicher verwahrt wird. Möge der Zweck die Mittel heiligen, und mögen die Guten immer die besseren Mittel haben! – Richtig blöd wäre, wenn sich herausstellte, dass die Pläne nur deshalb weg sind, weil ein Subunternehmer ganz unplanmäßig geschludert und öffentliche Kohle für nicht erbrachte Leistungen eingesackt hätte. Ich sage nur: Baumängel! Denn Mängel gibt es mindestens ebenso viele wie Geheimnisse.

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