Zitate


Das Verb türken ist –- das wissen die meisten –- ein Synonym für fälschen oder vortäuschen. Von gleicher Bedeutung ist die Redewendung einen Türken bauen. Was viele nicht wissen, ist, woher das Verb und die Redewendung stammen, und dass sie schon weit länger im deutschen Sprachgebrauch sind als die Geschichte türkischer Migration in Deutschland zurückreicht. Die „Bildungslücke“ wäre so verzeihlich wie unbedeutend, würde sie nicht zu Missverständnissen führen, dann nämlich wenn der oben beschriebene Wortgebrauch als diskriminierend empfunden wird -– so, als würde man Türken eine Neigung zum Fälschen und Täuschen unterstellen.

Tatsächlich habe ich eine Lieblingstheorie zur Herkunft des Türkens und Türken-Bauens, aber der Vollständigkeit halber sollen auch die anderen möglichen Herkünfte hier aufgezählt und kurz erläutert werden, als da zum Beispiel wäre eine Entlehnung aus dem Französischen.

Frankreich hatte über lange Zeit großen Einfluss auf die deutsche Kultur, und dieser schlug sich nicht zuletzt darin nieder, dass viele Begriffe aus dem Französischen übernommen wurden (Gallizismen). Die Akquise, das Bonbon, die Chaussee, die Drogerie, der Friseur, das Portemonnaie und unzählige mehr tummeln sich mit größter (Selbst-)Verständlichkeit in unserer Sprache. Es wird daher etymologisch u.a. die Theorie vertreten, türken sei eine Eindeutschung des französischen Verbs truquer (fälschen). Das ist nicht unbedingt von der Hand zu weisen, allerdings lässt es einen Türken bauen als eine recht willkürliche entstandene Formulierung im Raum stehen.

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In einem Interview, das der Filmemacher Edgar Reitz dem SZ-Magazin gab, sagte Reitz, man sollte Filme machen, die nicht aufhören. „Nur wenn ich immer weitererzähle, bin ich dem Leben auf der Spur. Das Happyend ist eine Erfindung, um sich vom Leben zu verabschieden.“ Und dann zitierte er Karl Valentin:

Solange ich leb, muss ich damit rechnen, dass ich weiterleb.

Noch-Immer-StarWars-Fan Ingo POHLMANN hat absolut Recht, wenn er (sinngemäß) sagt, dass man sich seinen Optimismus erarbeiten müsse, denn sonst wäre man ja einfach nur… ALBERN.

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Als Whodunnit bezeichnet man jene Unterkategorie der Kategorie Kriminalroman, in der es um die Frage geht: Wer war der Täter? (im Gegensatz zu Romanen, in denen der Täter bekannt ist und die Spannung sich aus der Jagd nach ihm ergibt. Nun hat aber Silvia Bovenschen ihren Roman nicht „Wer War Es“ betitelt, ja, nicht einmal behauptet, dass dieser etwas anderes sei, als „Eine deutliche Mordgeschichte“, dennoch murren viele Rezensenten, das sei ja kein richtiger Krimi, empfehlen der Autorin, zukünftig doch gleich einen Gesellschaftsroman zu schreiben, und manchen sind auch die reichlich vorhandenen, in Klammern gesetzten Autorenanmerkungen zu deutlich, die einem schon in der Buchhandlung ins Auge springen müssten, wenn man sich die Zeit nimmt, ein Buch mal kurz aufzublättern. Und wer macht das nicht, wenn er nach neuem Lesefutter sucht? – Ach, ich zitiere Tucholsky doch zu gerne: „

Der Leser hat’s gut: Er kann sich seine Schriftsteller aussuchen.“

Vielleicht sind viele Berufsrezensenten ja auch nur so gnatzig, weil sie das eben nicht können. Sie müssen über bestimmte Neuerscheinungen schreiben. Im Fall der Bovenschen mussten sie, und man kann es nachlesen, z.B. von Sylvia Staude in der Frankfurter Rundschau, bei www.spiegel.de aber auch die Kundenrezensionen bei Amazon. Ich beschränke mich deshalb auf die Wiedergabe des „Klappentextes“ der von mir erworbenen Taschenbuchausgabe.

Ein Mord? Professor Urlach liegt auf dem Klo der Universität? Er hat ein Messer im Rücken? Wer hat da ein Motiv? Wer war am Tatort? Sollten diese aufgescheuchten Akademiker das Fragen nicht der Polizei überlassen? Aber warum ist Hauptkommissar Merker so nervös? Stehen nicht alle im Flutlicht des Verdachts? Wird so eine ‚nahe‘ Leiche ihr Leben radikal verändern? Ihr Denken, ihr Fühlen? Und: Ist Molly träge? Krüss verrückt? Johanna nymphoman? Wird die Schriftstellerin Carola ihren braven Hochschullehrer mit dem freundlichen Lektor betrügen? Was hat das mit dem Mord zu tun? Und was sind das für merkwürdige Beobachter, die ihre eigenen Ziele verfolgen? Weiß Kurt das? Aber wer oder was ist Kurt?

Persönlich möchte ich anmerken, dass ich mich beim Lesen sehr gut unterhalten fühlte. Einen Thriller hatte ich nicht erwartet, der eigenwillige Stil amüsierte mich, und ich fand auf den 334 Seiten so manche zitatwürdige Lebensweisheit und Beobachtung, über die das Nachdenken lohnt. Ja, ich hätte dieses Buch mit einem Rund-um-Wohlbehagen konsumiert, wäre ich nicht beim Lesen erwischt worden. Nein, nicht mit der Taschenlampe unter der Bettdecke. Aus dem Alter bin ich raus. Auch nicht am Arbeitsplatz von meinem Chef. Da könnte ich lesen und es als beruflich notwendig rechtfertigen. Von der Autorin selbst!

Um das zu erklären, muss ich eine kleine Leseprobe geben.

Freidank hatte mit altmodischer Höflichkeit angefragt, ob es gestattet sei, dass er sein Jackett ausziehe und die Ärmel seines Hemdes etwas hochgeschlagen. Sie hatte das (auffällig) gerne bewilligt. Sie war, was Männer betraf, eine Arm- und Handfetischistin. (Übertreibung!) Freidank hatte wohlproportionierte Unterarme. Kräftig und gut geformt im Übergang zu Knöchel, Gelenk und Hand.

Ich bin, dachte sie, als sie seine Arme und Hände betrachtete, die Sklavin meiner erotischen Disposition. Weiß der Geier, wie dergleichen zustande kam. Irgendwann in früher Jugend hat sich ein Formgesetz in mir verwurzelt. Nein, dachte sie dann, von einer pathologischen Fixierung kann die Rede nicht sein. Eher von einem seltsam übersteigerten Wohlgefallen, vor dem ich mich hüten muß, will ich nicht blind für andere Qualitäten werden …

Kennt mich diese Schriftstellerin? Oder geht es ihr wie mir, nur dass sie sich diese besondere Schwäche (wörtlich, denn mir werden regelrecht die Knie weich) viel bewusster eingesteht? Im Nachhinein frage ich mich, wie ich durchs Leben gekommen bin, obwohl Männer das Tragen von Manschettenknöpfen –- zu ihrem aber mehr noch zu meinem Schutz –- fast gänzlich eingestellt haben. – Jetzt übertreibe ich. Im Grunde gibt es wohl doch nur ein Paar Handgelenke (okay, zwei Paar, *hüstel*) ……

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Silvia Bovenschen
Wer Weiß Was
Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, Mai 2011
334 Seiten
ISBN 978-3-596-18689-1

Wenn ich neun Jahre lang einen schönen Apfel habe, der im Innern faul ist, und seine Fäulnis erst nach neun Jahren und sechs Monaten weniger vier Tage entdecke, darf ich dann nicht sagen, ich hätte neun Jahre lang einen schönen Apfel gehabt?

aus „Die allertraurigste Geschichte“ von Ford Madox Ford

Höre ich über einen Mann, dass er ein „großer Schweiger“ ist, weckt das spontan mein Interesse. Nichts allerdings ist ernüchternder, als wenn sogenannte „große Schweiger“ sich dann als schüchterne Schwätzer erweisen und, kaum dass man das Wort an sie gerichtet hat, gar nicht mehr aufhören zu reden.

Der Erste, den man den „großen Schweiger“ nannte, war Helmuth Graf von Moltke, der während des Deutsch-Französischen Krieges (1870-1871) selten viel mehr sagte als z.B. „Getrennt marschieren, vereint schlagen!“ – Und da haben wir es auch schon! Vom „großen Schweiger“ erwarten wir Taten.

Fast genau 100 Jahre nach dem Deutsch-Französischen Krieg bekam den Titel „großer Schweiger“ Gregory Peck in dem gleichnamigen Western für seine Rolle des Sam Varner. Seither wird immer wieder mal jemand als „großer Schweiger“ bezeichnet, und die geschwätzige Welt ist nur zu gern bereit, dies nicht nur als Siegel der Verschwiegenheit sondern als Gütesiegel überhaupt zu betrachten. Wer hört schon auf die Frauen, die sich über ihren eigenen „großen Schweiger“ auf der Wohnzimmercouch beklagen? Ihnen zum Trost hier ein Zitat, das interessanterweise dem schweigsamen Moltke zugeschrieben wird: „

Wenn Du etwas hast, was Du mir nicht erzählen kannst, dann sei dadurch vor Dir selbst und durch Dich selbst gewarnt.“

Das könnte man ja bei Gelegenheit mal anbringen.

Sic ego nec sine te nec tecum vivere possum.
So kann ich weder ohne dich noch mit dir leben.
Ovid, Amores, III, xi, 39

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