Wortschatz


Das Problem ist ja, dass man sich nicht mehr als Donaldist bezeichnen kann, ohne völlig missverstanden zu werden.

Grüne Gurken - Foto: Christa Hartwig

Über EU-taugliche Gurken ist schon viel geschrieben (und gelästert!) worden, doch als ich jetzt am Eingang des Supermarktes vor den aufgetürmten Kisten mit Gurken stand – alle fast gleichgroß und kaum bis nicht gekrümmt, fragte ich mich wieder einmal, ob es wirklich gelingt, alle Gurken so normgerecht zu ernten, und wenn nicht, was wohl mit den anderen, für unverkäuflich erachteten, Gurken geschieht. Und da fiel dieses seltsame Wort mir wieder ein, tauchte nach über dreißig Jahren aus der Erinnerung auf: Gurkenfeger.

Nun hat der Gurkenfeger mit Gurken – im landläufigen Sinne – gar nichts zu tun. Und überhaupt hat er nichts mehr zu tun. Sollte noch jemand über die entsprechende Qualifikation verfügen, so darf er diese als brotlose Kunst erachten. Ich fragte mich sogar, ob der Begriff im Internet noch auffindbar wäre, und tatsächlich hätte ich wohl sehr danach suchen müssen, wäre nicht im vergangenen Jahr der zweite Band der Buchreihe „texturen“ im UdK-Verlag erschienen. Er enthält Texte zum Thema „Spielen“ – darunter auch „Die Angst vorm Gewinnen“ von Alexander Stolle, der hier online gelesen werden kann, und aus dem ich mir kurz zu zitieren erlaube, um eine Definition des Begriffes „Gurkenfeger“ zu liefern.

Die Reportage vom Monarchen hab ich gesehen. Der Gurkenfeger, ein Typ der in den 80er Jahren mit seinem speziellen Talent das System der damals noch analogen Spielautomaten verstanden hatte. Die „Mint300“ waren seine Haupteinkommensquelle: 20.000 Mark im Monat. Er hatte sogar Angestellte.

Ja, auch ich hatte damals diese Reportage gesehen. Längst gibt es keine analogen Spielautomaten mehr, sieht man von denen ab, die in Privaträumen als Sammlerstücke stehen oder an der Wand hängen. Folglich kann heute niemand mehr ein regelmäßiges Einkommen durch geschicktes Bedienen von Spielautomaten erzielen. Es sind also nicht nur die Gurkenfeger arbeitslos geworden, auch der Begriff ist in die Bereiche des Vergessens versunken. Vielleicht könnte man ihn ja daraus hervorholen, indem man Menschen oder Roboter, die unverkäufliche Gurken aussortieren, so nennt. Ich will jetzt meiner Phantasie nicht die Zügel schießen lassen, wen oder was man sonst noch als „Gurkenfeger“ bezeichnen könnte.

Manchmal erfinde ich Wörter. Meistens geschieht das zufällig und in der Mehrzahl der Fälle merke ich es nicht einmal, wenn niemand mich darauf aufmerksam macht. [Dies als Hinweis für meine Leser, mit meinem Dank vorab.] Öfter, als dass ich Wörter erfinde, kommt es vor, dass mir Wörter begegnen, die ich gerne erfunden hätte. Ein schönes Beispiel dafür ist Inkompetenzkompensationskompetenz. Das Schöne an diesem Wort: man weiß sofort, was damit gemeint ist – vorausgesetzt natürlich, man kennt die Bedeutung der Begriffe Kompetenz und Kompensation, was ich bei meinen Lesern voraussetze, denn Leser, die Fremdwörtern und Anglizismen abhold sind, haben das Lesen in diesem Blog mit Sicherheit längst aufgegeben. Hätte ich Inkompetenzkompensationskompetenz erfunden, würde ich das Wort dem Blogkollegen Koskator widmen, als Dank dafür, dass er meine Einträge für „“büldend““ befindet -– nicht etwa, weil der Kollege selbst ein Beispiel für Inkompetenzkompensationskompetenz wäre. Herr Koske ist vielmehr einer von denen, die eher tiefstapeln, während in meinem Fall – ich bin halt Generalistin -– eine gewisse Kompensation der sich auf allen Gebieten zwangsläufig ergebenden Inkompetenz geradezu überlebensnotwendig ist. Leider habe ich das Wort trotzdem nicht erfunden, sondern das hat bereits 1973 der Philosoph Odo Marquard getan, als er die Laudatio zum 60. Geburtstag des Münchner Philosophen Hermann Krings hielt.

In seiner Rede beschrieb Marquard die Geschichte der Philosophie als eine Geschichte des sukzessiven Verlusts von Kompetenzen. Demnach sei die Philosophie in der Antike „kompetent für alles“, gewesen, denn es ging darum, der Menschheit den Weg zum richtigen Leben zu weisen. In diesem Anspruch wurde sie vom Christentum überboten. Es blieb ihr also nichts, als sich dem Nutzenwissen zuzuwenden -– ein Gebiet, auf dem die exakten Wissenschaften der Denkkunst aber so erfolgreich Konkurrenz machten, dass die Philosopie sich schließlich nur noch als Wissenschaftstheorie halten konnte – oder eigentlich auch nicht halten konnte, und so stellte sie sich der Politik, wurde in der Praxis jedoch ausgeschaltet und musst sich auf das von den wenigsten Politikern beachtete Feld der Geschichtsphilosophie zurückziehen. Daraus schloss Marquard -– wie gesagt, schon 1973: „“Die Philosophie: sie ist zu Ende; wir betreiben Philosophie nach dem Ende der Philosophie.“ Der Philosophie bleibe nur noch eine Kompetenz, eben die Inkompetenzkompensationskompetenz.“

Nachzulesen ist dies u.a. in Odo Marquard: Abschied vom Prinzipiellen. Philosophische Studien, S. 23–38. Reclam (UB 7724), Stuttgart 1981, ISBN 3-15-007724-9.

Nun hatte ich in einem Kommentar ja gerade angekündigt, dass ich -– wenn es denn zutrifft, dass Philosophie das Alter kleidsam macht –- ich mich von Spiegel ab- und der Philosophie zuwenden würde, und wenn dies laut Odo Marquardt bedeutet, mich mit Inkompetenzkompensationskompetenz zu befassen, dann passt das hervorragend, denn mein zweiter Vorname ist nun mal Inkompetenz. [Mein dritter Vorname ist übrigens Insubordination -– dies als Hinweis an alle, die vorhaben, mich in irgendwelche Schranken zu weisen.]

Mohren Kaffee
Bar Goethe. Via Johann Wolfgang Goethe, Meran
Foto: Spill

Ich weiß gar nicht, wann ich das letzte Mal einen Mohrenkopf in der Vitrine eine Bäckers und/oder Konditors gesehen habe. Ich bin jedoch sicher, dass es in der kleinen Bäckerei in unserer Straße –- ich spreche von der Straße, in der ich aufgewaschen bin – Mohrenköpfe gab. Wir kauften sie nie. Wir kauften, Amerikaner, Kameruner, Negerküsse, …… Die zuletzt Genannten dürfen nicht mehr so genannt werden; darüber gibt es mehr internette Literatur als auch die militantesten Verfechter der political correctness vernünftigerweise verlangen können. Die Kameruner, die aussehen, als hätte der Bäckerlehrling immer noch nicht begriffen, wie man Brezeln formt, heißen noch, wie sie immer hießen, und wenn man Glück hat, findet man sie (manchmal sogar „3 Stück für 1 €“Euro), aber nur in Berlin und Umgebung. Vielleicht hat sie die Beschränktheit ihrer Verbreitung vor dem Zorn der nationalen Sprachbereiniger bewahrt. Amerikaner gibt es auch noch, aber wegen des unverkennbaren Ammoniumhydrogencarbonataromas mag ich sie nicht besonders, und über das Überleben dieser Bezeichnung für ein Gepäck öffentlich nachzudenken, reizt mich weder unter politischen, noch unter kulturellen Aspekten. Schließlich hat auch noch niemand verlangt, die unter ökologischem Dauerverdacht stehenden Hamburger müssten anders genannt werden. – Blieben die Mohrenköpfe im Minenfeld der überall lauernden Diskriminierungsanwürfe.

Was sagt der Duden zum Gebrauch von Mohr und Mohrenkopf? Zu Letzterem vermerkt er, das Wort werde „häufig als diskriminierend empfunden“. Als Bedeutungen bietet der Duden das mit Schokolade überzogene „kugelförmige Gebäckstück aus Biskuitteig“ sowie den „Schokokuss“. Dass aber der zum Schokokuss mutierte Negerkuss etwas völlig anderes ist als ein Mohrenkopf, weiß doch jeder halbwegs vernaschte Mensch. Der Mohr wird lt. Duden hingegen nicht als subjektiv diskriminierend, sondern nur als „veraltet“ eingestuft und bezeichnet einen „Menschen mit dunkler Hautfarbe“. Was das Wort Mohr davor bewahrt hat, dass seine Ausrottung konsequent betrieben wurde, so dass im Struwwelpeter der „kohlpechrabenschwarze Mohr“ noch immer vor dem Tor spazieren gehen darf, kann nicht das Schiller-Wort „“Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen““ sein. Eher dürfte es an der großen Zahl von Bezeichnungen liegen, die alle geändert werden müssten, sollte der Mohr auf die Liste „geächteter Wörter“ gesetzt werden.

Da wäre außer dem eingangs erwähnten Gebäck (und ich habe wirklich gejubelt, als ich jetzt das Rezept nachschlug und las, dass man den speziellen Biskuitteig dafür Othello-Masse nennt) z.B. der „Mohrenkopf-Pokal“ des Nürnberger Goldschmieds Christoph Jamnitzer, der zum Schatz der Sachsen gehört und im Bayerischen Nationalmuseum in München ausgestellt ist. Mohrenkopf heißt auch ein Berg in den Allgäuer Alpen, und dieser Mohrenkopf hat sogar seine eigene Webcam. Häufig Mohrenkopf genannt wird ein Schmetterling, dessen korrekte Bezeichnung Großer Sackträger (Canephora hirsuta) ist, während es sich beim Altdeutschen Mohrenkopf um eine Haustaubenrasse handelt. Der Mohrenkopf-Milchling (Was für ein widersprüchlicher Name!) ist ein geschätzter Speisepilz mit schwarzbraunem Hut und ebensolchem Stiel. Damit nicht genug.

In Korsika trifft man überall auf den schwarzen Mohren- oder Maurenkopf mit dem weißen Band im krausen Haar. Er gilt als Freiheitssymbol, seine Herkunft ist allerdings nicht eindeutig geklärt. Auf einer frühen Darstellung des Kopfes ist das Stirnband kein Stirnband sondern eine Augenbinde, die darauf hinweist, dass ihr Träger ein Sklave ist. Die ins Haar hinauf geschobene Binde signalisiert also die Befreiung.

Das mittelfränkische Städtchen Pappenheim führt einen Mohrenkopf im Stadtwappen. Unmittelbar zurückgeführt wird dies auf die Helmzierde der Pappenheimer Marschälle. Heraldiker, die sich darüber wunderten, weil Ritter üblicherweise Adler, Löwen oder andere stolze Symbole bevorzugten, fanden im Vergleich mit alten Münzen heraus, dass es sich ursprünglich um das edle Haupt Hieron II. von Syrakus gehandelt haben muss, bis historisch ungebildete Siegelstecher daraus einen „gewöhnlichen“ Mohrenkopf und schließlich sogar den Kopf einer Mohrin mit Zöpfen machten, bevor daraus schließlich der heute verwendete Mohrenkopf wurde. In keinem Zusammenhang steht diese auf die Antike zurückgreifende Hudelei mit dem Ausspruch: „Ich kenne meine Pappenheimer.“ Dieses Zitat hat zwar auch ein ärgerliches Schicksal erlitten, verdient aber eine eigene Ehrenrettung, wird es doch heute, wenn überhaupt noch, eher abwertend benutzt, während Schillers Wallenstein die Worte „„Daran erkenn’ ich meine Pappenheimer““ in Anerkennung der Treue der Genannten ausspricht.

Dass ich als Kind nie einen Mohrenkopf zu essen bekam, bedeutet nicht, dass ich keinen Begriff davon hatte. Zu den Büchern, welche meine Altvorderen für angemessene Literatur für mich hielten, gehörten Else Urys Nesthäkchen-Romane. Und in Kapitel 11 von „“Nesthäkchen und ihre Puppen““ schildert Else Ury, wie einmal der Besuch von Tante Albertinchen erwartet wurde und Annemie (das Nesthäkchen) sich als so versessen auf den Mohrenkopf in der Kuchenschüssel erwies, dass sie am Ende zur Strafe nicht einmal die von ihrer Mutter für sie reservierte Marzipankartoffel bekam. Für mich als geborene Naschkatze war dieses Mohrenkopf-Debakel beeindruckend genug, um mir bis heute in Erinnerung zu bleiben. Für eine besondere Affinität zum Mohrenkopf spricht auch, dass man allenthalben danach benannte Cafés findet, u.a. in Ingolstadt, Trier und Zürich, nicht zu vergessen das „Café Mohrenkopf“ genannte Zelt auf dem Münchner Oktoberfest, mit welchem seit 60 Jahren die Tradition des Gründers Paul Wiemes fortgeführt wird.

Bringt die sogenannte politische Korrektheit den in vielen Fällen nach wie vor diskriminierten Menschen wirklich zunehmend Respekt ein? Oder ist es nur so, dass man sich heute zwar korrekter ausdrückt, wes Geistes Kind der Sprecher ist aber dessen dunkles Geheimnis bleibt? Es bestand ja einst (und besteht vielleicht noch) die Hoffnung, eine achtsame (Achtung zum Ausdruck bringende) Sprache würde sich quasi erzieherisch auf das Denken auswirken. Sprache verändert das Denken –- sowohl zum Besseren als auch zum Schlimmeren, habe auch ich einst geglaubt, bin davon aber durchaus nicht mehr rundum überzeugt. So wünschte ich mir, als ich ein kleines Mädchen war, ein Negerbaby (als Puppe), bis mir der Wunsch endlich erfüllt wurde. Nicht für den Hauch einer Sekunde verband sich mit dem Wort Neger etwas Herabwürdigendes in meinem kindlichen Sinn. Wie auch? Es wurde bei uns zu Hause nie herabwürdigend über Menschen von anderer Hautfarbe gesprochen, und als ich die Puppe hatte, liebte ich sie ebenso innig wie meine anderen Puppen. Wer dagegen verfolgt hat, wie aus „schwer erziehbaren“ Kindern „verhaltensgestörte“ wurden, bis man auch „gestört“ als störend empfand und dazu überging, von „verhaltensauffälligen“ Kindern zu sprechen und schließlich –- weil ja auch Auffälligkeit ausgrenzt –- von „verhaltensoriginell“, der muss schon ein außerordentlich gefestigter Charakter sein, um nicht laut zu lachen und den Eindruck von Lächerlichkeit dann genau auf jene Gruppe zu übertragen, die man nicht durch unbedachte Worte stigmatisieren wollte.

Eher als dass eine bereinigte Sprache uns zu besseren Menschen macht, gilt wohl die Devise des englischen Hosenbandordens: Honni soit qui mal y pense (Schämen soll sich, wer Schlechtes dabei denkt).

Für das „Titelbild“ meinen sehr herzlichen Dank an Spill, langjährigen treuen Leser und Kommentator dieses Blogs.

Das Verb türken ist –- das wissen die meisten –- ein Synonym für fälschen oder vortäuschen. Von gleicher Bedeutung ist die Redewendung einen Türken bauen. Was viele nicht wissen, ist, woher das Verb und die Redewendung stammen, und dass sie schon weit länger im deutschen Sprachgebrauch sind als die Geschichte türkischer Migration in Deutschland zurückreicht. Die „Bildungslücke“ wäre so verzeihlich wie unbedeutend, würde sie nicht zu Missverständnissen führen, dann nämlich wenn der oben beschriebene Wortgebrauch als diskriminierend empfunden wird -– so, als würde man Türken eine Neigung zum Fälschen und Täuschen unterstellen.

Tatsächlich habe ich eine Lieblingstheorie zur Herkunft des Türkens und Türken-Bauens, aber der Vollständigkeit halber sollen auch die anderen möglichen Herkünfte hier aufgezählt und kurz erläutert werden, als da zum Beispiel wäre eine Entlehnung aus dem Französischen.

Frankreich hatte über lange Zeit großen Einfluss auf die deutsche Kultur, und dieser schlug sich nicht zuletzt darin nieder, dass viele Begriffe aus dem Französischen übernommen wurden (Gallizismen). Die Akquise, das Bonbon, die Chaussee, die Drogerie, der Friseur, das Portemonnaie und unzählige mehr tummeln sich mit größter (Selbst-)Verständlichkeit in unserer Sprache. Es wird daher etymologisch u.a. die Theorie vertreten, türken sei eine Eindeutschung des französischen Verbs truquer (fälschen). Das ist nicht unbedingt von der Hand zu weisen, allerdings lässt es einen Türken bauen als eine recht willkürliche entstandene Formulierung im Raum stehen.

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Es gibt Sätze (oder Halbsätze), die muss man auf eine ganz bestimmte Weise sagen, sonst stimmen sie einfach nicht. Jemand, der zum Beispiel im Ton überschwänglicher Herzlichkeit ausriefe: „„Mein lieber Freund und Kupferstecher!““ würde beim derart Angeredeten und bei allen, die der Sache sonst noch anhörig werden, wohl einige Irritation auslösen. Diesem „“Mein lieber Freund und Kupferstecher!““ muss ein kleines nachdenkliches Zögern vorausgehen. Dann ist der Satz eher leise und keinesfalls zu schnell zu sprechen, und in der Stimme muss ein Vorbehalt, etwas wie ein unausgesprochener Misstrauensantrag mitschwingen, auch etwas Ermahnendes vielleicht. Keinesfalls aber darf es sich wie ein strenger Verweis anhören oder so, als sei der Sprecher ernsthaft oder gar unversöhnlich erzürnt. Vielmehr sollte ein prüfender aber nicht unfreundlicher Blick in die Augen des Gegenübers den Charakter der Ansprache noch unterstreichen, …

Der Witz allerdings ist: Das entspricht gar nicht dem eigentlichen Ursprung des Satzes, welcher mit größter Wahrscheinlichkeit auf den Dichter und Orientalisten Friedrich Rückert (1788-1866) zurückgeht. In Rückerts Sinn wäre die betonte Herzlichkeit die einzig richtige Form, denn so formulierte er die Anrede in den Briefen an seinen Freund, den Kupferstecher Carl Barth –– ohne jeglichen Vorbehalt. Rückert war mit Barth nicht nur befreundet, dieser war ihm auch überaus nützlich, fand Rückerts Werk doch durch die Handwerkskunst des Freundes Verbreitung, denn der Kupferstich war zu jener Zeit weniger eine eigenständige Kunst als eben die gegebene Technik der Vervielfältigung. Freilich barg das Kupferstechen auch Möglichkeiten des Betruges. Es konnte über den Auftrag hinaus abgekupfert werden. Und da auch Papiergeld mittels der Technik des Kupferstiches gedruckt wurde, war die Herstellung von Falschgeld für den Kupferstecher eine Kleinigkeit.

Es ist anzunehmen, dass die Ansprache „„Mein lieber Freund und Kupferstecher“…“ nicht unmittelbar durch Rückerts Briefe zum Gemeingut wurde, denn es ist eher unwahrscheinlich, dass diese einer breiten Öffentlichkeit zur Kenntnis gelangten. Im Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten verweist Lutz Röhrich als wahrscheinliche Quelle für die Verbreitung des „Freundes und Kupferstechers“ auf das 8. Kapitel von Theodor Fontanes Roman Frau Jenny Treibel (1892):

Gegen halb acht war er draußen, und einen halbwachsenen Jungen mit nur einem Arm und dem entsprechend losen Ärmel (den er beständig in der Luft schwenkte) heranwinkend, stieg er jetzt ab und sagte, während er dem Einarmigen die Zügel gab: „Führ es unter die Linde, Fritz. Die Morgensonne sticht hier so.“ Der Junge that auch, wie ihm geheißen, und Leopold seinerseits ging nun an einem von Liguster überwachsenen Staketenzaun auf den Eingang des Treptower Etablissements zu. Gott sei Dank, hier war alles wie gewünscht, sämtliche Tische leer, die Stühle umgekippt und auch von Kellnern niemand da, als sein Freund Mützell, ein auf sich haltender Mann von Mitte der Vierzig, der schon in den Vormittagsstunden einen beinahe fleckenlosen Frack trug und die Trinkgelderfrage mit einer erstaunlichen, übrigens von Leopold (der immer sehr splendid war) nie herausgeforderten Gentilezza behandelte. „Sehen Sie, Herr Treibel“, so waren, als das Gespräch einmal in diese Richtung lief, seine Worte gewesen, „die meisten wollen nicht recht und streiten einem auch noch was ab, besonders die Damens, aber viele sind auch wieder gut und manche sogar sehr gut und wissen, daß man von einer Cigarre nicht leben kann und die Frau zu Hause mit ihren drei Kindern erst recht nicht. Und sehen Sie, Herr Treibel, die geben und besonders die kleinen Leute. Da war erst gestern wieder einer hier, der schob mir aus Versehen ein Fünfzig-Pfennigstück zu, weil er’s für einen Zehner hielt, und als ich’s ihm sagte, nahm er’s nicht wieder und sagte blos: „Das hat so sein sollen., Freund und Kupferstecher; mitunter fällt Ostern und Pfingsten auf einen Dag.“

Der Umstand, dass Fontanes Roman recht erfolgreich war, und dass man Fontane selbst durchaus zutrauen kann, den Briefwechsel zwischen dem Dichter Rückert und seinem Kupferstecher gekannt zu haben, lässt diesen Werdegang zur allgemeinen Redensart plausibel erscheinen. Und siehe da! Schon bei Fontane sind die Worte in Richtung des Jovialen, Augenzwinkernden gerückt, von wo es bis zur wohlwollenden Mutmaßung einer kleinen Unregelmäßigkeit oder Vorteilnahme nur ein Schritt ist. Heute verwendet man die Redensart im Sinne von: „„Mein lieber Freund, glaub nur nicht, ich wüsste nicht, was du im Schilde führst““, oder „pass bloß auf, dass ich Dir nicht auf die Schliche komme!““

Ganz ohne Schliche kommt ein wahrhaftiger Kupferstecher*) unserer Zeit aus. John Franzen wurde 1981 in Aachen geboren, wuchs in Belgien auf, absolvierte die Kunstakademie in Maastricht und begann schon vor Jahren mit seinem Zyklus „“Each Line One Breath““ (Jede Linie ein Atemzug). Ursprünglich handelte es sich um Bleistiftzeichnungen, inzwischen ist Franzen dazu übergegangen, die Linien freihändig in schwarz beschichtete Kupferplatten zu ritzen. Dabei folgt er dem Prinzip jede Linie parallel zur vorhergehenden zu ziehen, was zwangsläufig misslingt (selbst wenn man den Atem anhält, bis man absetzen kann). Man bekommt Lust, es selbst einmal zu versuchen – freilich die Bleistiftvariante. Die bei John Franzen so entstehenden Bilder wirken jedenfalls beschwingt und beruhigend zugleich. Sie scheinen zu atmen, und das ist einfach schön. Hier ein kurzes Video.

*) Dass es sich bei John Franzens Technik nicht um einen Kupferstich handelt, hat Trithemius im Kommentar wunderbar erklärt.

Es gibt verschiedene Theorien, woher der Begriff D-Day stammt, die wahrscheinlichste und auch am häufigsten gelieferte Erklärung ist, dass es sich mit dem D-Day der Engländer und Amerikaner genauso verhält wie mit ihrer H-Hour und dem Jour J der Franzosen. In Deutschland sprechen wir vom Tag X. Das X steht hier nicht für Beliebigkeit, sondern – ganz im Gegenteil – eher für ein Kreuz im Kalender. Doch während D-Day im Grunde weder etwas über die Art oder den Zweck eines Geschehens, noch über einen genauen Zeitpunkt aussagt (Üblicherweise findet der Begriff Verwendung für militärische Operationen.), wurde er in den deutschen Sprachgebrauch ganz konkret für den 6. Juni übernommen, dem Tag, an dem die alliierten Truppen in der Normandie landeten. Dieses Ereignis jährt sich heute zum 80. Mal, und deshalb ist gerade heute so oft vom D-Day die Rede.

Eigentlich wäre dieser T-Tag ein Anlass, mir mal wieder „Der längste Tag“ (1962) anzusehen. Interessanterweise hatte dieser Film vier Regisseure: die beiden Amerikaner Andrew Marton und Darryl F. Zanuck, den Engländer Ken Annakin und den Deutschen Bernhard Wicki. Die Liste der Darsteller verzeichnet so klingende Namen wie Hans Christian Blech, Richard Burton, Sean Connery, Henry Fonda, Gerd Fröbe, Curd Jürgens, Peter Van Eyck, John Wayne, Dietmar Schönherr, Vicco von Bülow u.v.a. Keiner von Ihnen glänzte in einer Paraderolle, jeder spielte seinen eigenen kleinen aber nicht unbedeutenden Part. Es ging um die Sache. Vielleicht sollte es das öfter.

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