wohnen


EssgruppeObwohl ich kein „Gruppenmensch“ bin, bin ich seit gestern doch Vorsitzende einer Essgruppe. Und es sitzt sich da wirklich sehr bequem. Die Stühle erinnern nicht nur optisch an Autositze, man würde auf ihnen auch eine Reise durch die internationale Küche ermüdungsfrei durchhalten, und der Ledergeruch suggeriert dabei gehobenen Fahrtkomfort.

An den Wänden hängen die Bilder noch nicht.  Und statt meiner in edelster Weise streifig ausgeblichenen olivgrünen Vorhänge, von denen ich mich zu trennen erst bereit sein werde, wenn sie in Fetzen zerfallen, hängen noch Mikrofaserbetttücher von Woolworth (Stück 3,95) als Sichtschutz vor den Fenstern, bis die „schwergängigen“ Vorhangschlaufen durch Kräuselband und Click-Haken ersetzt sind. Aber es wird so langsam, mit dem Wiedereinrichten der frisch renovierten Wohnung. Jedenfalls geht es damit flotter voran als mit meinem Blog-Umzug, bei dem ich mich „Monat für Monat“ durch das Nachbearbeiten der übertragenen Einträge wurschtele.

Eine kleine Sorge bereitet mir allerdings, was auf dem Tisch liegt:

Dübel

Etwa eine Stunde haben die Möbelmänner zum Aufbau des sehr soliden Eichentisches gebraucht. Am Ende blieb dieser Dübel übrig. „Überzählig“, sagten sie. Soll ich das glauben?

Morgen fängt der Maler an meine Wohnung neu zu tapezieren, und in Vorbereitung dieser Aktion, ist das große Zimmer jetzt leergeräumt. Obwohl ich seit über 15 Jahren in dieser Wohnung lebe, inspiriert ein leerer Raum doch zu Neuem. Den Gedanken an eine kleine Hanf-Plantage habe ich schnell wieder fallenlassen, obwohl der Auftritt eines Einsatzkommandos der Polizei sicher nicht ohne Reiz wäre. Aber ich hatte ja gerade erst den Auftritt der BSR. Keine Ahnung, warum Leute so viel Geld bezahlen, um die Blue Man Group zu sehen, wenn es doch die Orange Man Group als Privatvorstellung gibt und man gleichzeitig seinen Sperrmüll loswird. Die Jungs waren hinreißend. Danke BSR!

Was aber nun mit dem leeren Zimmer, wenn alles schön geweißelt und mit neuem Teppichboden ausgelegt ist? Da ich mich gegen die Plantage entschieden habe, wird auf jeden Fall ein Esstisch dorthin kommen mit Stühlen, die so bequem sind, dass man gar nicht auf den Gedanken kommt, auf die Couch umzuziehen (welche man auch vergeblich suchen würde). Und da findet man im Internet dann gute Ratschläge wie diesen:

Wählen Sie die richtige Lage der Esstisch und dann sollten Esszimmerstühle an den richtigen Stellen platziert werden. Stellen Sie sicher, dass die Tabelle in Harmonie mit den Stühlen einen stilvollen Look zu haben. Manchmal entscheiden sich die Menschen, um benutzerdefinierte kaufen Esszimmerstühle, weil sie ihre Perspektiven perfekt erhalten möchten. Gib es zu; es ist sehr verlockend, zu essen, wenn Sie die Atmosphäre der Korrespondenz des Speisesaals fühlen. Und es ist sehr unangenehm zu Esszimmerstühle Fehlanpassung zu sehen.

Der Himmel bewahre mich vor benutzerdefinierten Fehlanpassungen!

Ausserirdische Zytruspresse

Das Wunder in meiner Straße

Nachdem rechts von meiner Grundstückseinfahrt der kleine türkische Bäcker ausgezogen und ein „„Späti““ eingezogen ist und links von der Einfahrt der Juwelier sein Geschäft aufgegeben und ein Nagelstudio eröffnet hat, nehme ich mir kein Taxi mehr nach Hause. Ich finde es irgendwie peinlich zu sagen: „“Halten Sie bitte zwischen dem Späti und dem Nagelstudio.““ Scheinbar geht es mit der Gegend bergab. Natürlich wäre Gentrifizierung auch alles andere als wünschenswert. Unversehens zahlt man die doppelte Miete, oder man kann sie eben nicht mehr bezahlen. Und um nun für den „Niedergang“ einen Ausgleich zu schaffen, habe ich dem Drängen meiner Töchter nachgegeben.

Irgendwann, irgendwo in diesem Blog habe ich mal geschrieben, dass ich -– was das Wohnen betrifft -– offenbar Französin bin. Über die Franzosen hatte ich nämlich vor Zeiten gelesen, dass sie mit ihren Wohnungen nicht annähernd so viel Schöner-wohnen-Kult treiben wie die Deutschen. Dem Durchschnittsfranzosen genüge es, wenn ihn an und in seiner Wohnung nichts stört. Da mich noch nie Franzosen zu sich nach Hause eingeladen haben (von einer Studentenbude in Paris abgesehen), konnte ich diese Behauptung zwar nicht nachprüfen, aber ich glaube sie auch ungeprüft gerne.

Dass einen etwas stört, ist freilich keine objektive Feststellung. Gut möglich ist, dass mich Dinge nicht stören, die für die Mehrzahl meiner Mitmenschen nicht hinnehmbar wären, während mich andererseits etwas die Wände hoch treibt, was andere nicht einmal bemerken, und wenn man sie darauf hinweist, mit einem Schulterzucken abtun. In meiner heimischen Hütte jedenfalls störte mich nichts –- oder doch wenig, jedenfalls nicht genug, um eine Komplettrenovierung nebst Austausch einigen Mobiliars zu rechtfertigen. Meine Töchter sehen das anders, und sehen ist hier wörtlich zu nehmen. Seit Jahren verging kein Besuch töchterlicherseits, ohne dass der kritische Blick an diesem oder jenem Aspekt meiner Behausung hängen blieb, und ich wusste immer schon vorher, jetzt kommt ein Satz der mit den Worten beginnt: „„Mama, Du solltest aber wirklich mal …“…“

Wer auch nur ein bisschen Phantasie besitzt, kann sich vorstellen, dass die Komplettrenovierung einer voll eingerichteten 46-qm-Wohnung eine Herausforderung darstellt, im Vergleich zu der die Probleme des Bauern, der mit einem Wolf, einer Ziege und einen Kohlkopf einen Fluss überqueren muss und im zur Verfügung stehenden Bötchen jeweils nur einen „Passagier“ mitnehmen kann, ein Klacks sind. Tage habe ich mit der strategischen Planung zugebracht. Ein Umzug wäre leichter zu bewerkstelligen. Ich will aber nicht umziehen. Also habe ich inzwischen einen Maler beauftragt, Listen für das Be- und Entsorgen aller möglichen Dinge aufgestellt und auch den Ohnmachtsanfall über den Preis von ökologischer Auslegware, bei deren Herstellung 30% weniger Energie verbraucht und 60% weniger CO2-Emission verursacht werden (im Vergleich zu was???), überstanden. Was mir in den sogenannten kreativen Pausen zwischen all diesen Vorbereitungen aber zu schaffen macht: Die Kreativität hat schwer gelitten. Sei es das Kinderbuch, das ich zu schreiben angefangen habe, sei es nur ein Blogeintrag –- kaum sitze ich zehn Minuten am Computer und habe ein paar Zeilen zu Papier gebracht, fällt mir etwas ein, wie z.B. dass ich die Deckenlampe im kleinen Zimmer doch gegen eine andere austauschen sollte, eine, bei der ich kaputte Leuchtmittel selbst auswechseln kann und nicht jemanden um Hilfe bitten muss, weil man auf der obersten Leitersprosse mit beiden Händen über Kopf hantieren muss. Oder dass die Sperrmüllabholung unbedingt die Glasschiebetüren der Vitrine mitnehmen muss, die ich als offenes Bücherregal benutzt habe. Flachglas gehört nämlich nicht in die Glastonne. Also notieren, damit es nicht vergessen wird. Und was packe ich in den Koffer, aus dem ich leben werde, während der Kleiderschrank in seine Einzelteile zerlegt und sein Inhalt in andere Koffer und Umzugskartons verpackt sein wird? –- Schon bis zum Erreichen dieser Stelle im Text bin ich drei Mal aufgestanden, habe gemessen, dass der Standherd in der Küche 50 cm breit ist, Zettel von der Pinnwand genommen und die Pinnwand zu den Sachen gestellt, die wir nächste Woche auf den Betriebshof der Stadtreinigung bringen, und habe notiert, dass ich die Töchter fragen werde, ob sie mein ungarisches Gewürzschränkchen haben möchten. Es passt nicht zu den Pylones-Küchengeräten, die ich jetzt sammle, nachdem ich bei meinen Urenkeln Paul und Anton festgestellt habe, wie gerne sie die Küchenschränke ihrer Mama ausräumen. Außerdem macht der bunte Kram gute Laune.

Man sieht daran, wie wichtig es für einen schreibenden Menschen (oder jedenfalls für mich) ist, den schnöden Belangen des Alltags nur das Nötigste an Beachtung zu schenken, denn der Alltag ist durchaus in der Lage, mehr Ablenkung zu schaffen als dem Schreiben guttut. Die Töchter meinen, ich soll mich nicht aufregen, denn sobald die Renovierung überstanden wäre, würde ich noch viel besser und entspannter -– weil nicht mehr durch irgendwelche Unschönheiten gestört -– schreiben können. Ich bin da nicht so sicher. Ich werde schon froh sein, wenn das Verhältnis zu den „Mädels“ während dieser ganzen Aktion ungestört bleibt.

Du liebe Güte! Fast vier Jahre ist es her, dass ich die Rosenbach-Episode mit den geblümten Gardinen geschrieben habe. Und überhaupt habe ich Rosenbach sträflich vernachlässigt, auch wenn das nicht bedeutet, dass er mir jemals ganz aus dem Sinn ginge. Erst kürzlich wurde mir so richtig bewusst, wie ich damals auf „geblümte Gardinen“ gekommen war. Nicht nur gab es in meiner Kindheit geblümte Vorhänge in unserem Schlafzimmer, es gibt auch heute in meinem Leben (sprich: in meiner Wohnung) einen geblümten Vorhang. Noch letztes Jahr wäre es mir unangenehm gewesen, dessen Vorhandensein überhaupt zu thematisieren. Die geblümte Gardine haben die Vormieter in dieser Wohnung zurückgelassen, und ich hatte sie –- als ein Provisorium –- erst einmal behalten. Doch auch hier erwies sich wieder einmal, dass nichts so lange hält wie ein Provisorium. Die geblümte Gardine ist weiß Gott nicht das einzige Dauerprovisorium in meinem Haushalt. Was mich nur wundert ist, dass Tochter #2, in deren ehemaligem Zimmer sie hängt, dagegen nicht irgendwann sturmgelaufen ist. Ich selbst bin –- was das Wohnen betrifft – Französin. Ich habe mir sagen lassen, nur die Deutschen seien so wählerisch mit der Einrichtung ihrer Wohnung, während es Franzosen üblicherweise genügt, wenn sie nichts stört. Ich möchte das ungeprüft glauben, denn genauso ist es mit mir. Um etwas zu verändern, müsste der Ist-Zustand mich erheblich stören, und so leicht bin ich nun mal nicht aus der Ruhe zu bringen.

Das Muster der geblümten Gardine

Was eine innere Auseinandersetzung mit meinen geblümten Gardinen bewirkt hat, ist die schlichte Tatsache, dass ich seit meiner Heimkehr aus der Reha-Klinik in eben diesem ehemaligen Tochterzimmer, das mir normalerweise als begehbarer Kleiderschrank und Gästezimmer dient, schlafe -– zunächst wegen der „“Komforthöhe““. Durch Kauf einer neuen Matratze und deren Platzierung auf der alten, ließ sich eine Liegehöhe herstellen, die die von den Ärzten verbotene Einhaltung des Winkels Hüfte/Oberschenkel von max. 90 Grad gewährleistet. Dank meiner unerbittlichen Physiotherapeuten könnte ich inzwischen zwar nicht nur auf die Komforthöhe verzichten, sondern notfalls sogar auf dem Fußboden schlafen, aber nun hat es mir die geblümte Gardine angetan. Mit schläfrig verschwommenem Blick ähnelt sie den Gardinen meiner frühen Kindheit: pastellfarbene Blumen auf hellgelbem Grund. Ich erinnere mich, wie sie sich im Luftzug bauschten und mich dadurch manchmal belustigten und manchmal erschreckten. Die Blumen allerdings waren naturalistischer als die meiner jetzigen Gardine, deren Phantasiegewächse, so dicht neben meinem Bett, mich zu langen Betrachtungen reizen. Immer wieder meine ich, eine Knospe, eine Blüte oder ein Blatt zu entdecken, an dem mir etwas auffällt, was ich vorher nie bemerkt habe. Es ist wirklich verrückt. Ich, die sich höchst selten ein gemustertes Kleidungsstück kauft, weil jedes Muster mich sehr bald langweilt, ich betrachte nun Tag für Tag diese geblümte Gardine und bekomme manchmal sogar Lust, selbst zum Zeichenstift zu greifen, und Pflanzen mit den seltsamsten Blüten und Blättern zu erfinden, ihnen Namen zu geben, Düfte, giftige oder heilenden Eigenschaften ……

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