Wissenschaft


Was schreibt die Frau im Hochsommer – und hochsommerlicher, als es jetzt gerade ist, geht es ja wohl kaum … Was schreibt sie jetzt über Taschentücher, jene Requisiten, derer wir hauptsächlich in der Erkältungsjahreszeit bedürfen! – Nun, ganz so ist es nicht. Ließe sich ein Nachweis führen, würde ich sogar darauf wetten, in den letzten Tagen mehr gezückte Taschentücher gesehen zu haben, als im letzten November und Dezember zusammengenommen. In der Mehrzahl waren es Papiertaschentücher, die hauptsächlich genutzt wurden, Schweiß von Stirnen, Wangen und Hälsen zu trocknen. Aber ich gebe zu: „Okkulte Erlebnisse“ scheinen eher in die dunklere Hälfte des Jahres zu passen – wie ja schon die Bezeichnung vermuten lässt. Tatsächlich fand ich keinen Hinweis darauf, in welcher Jahreszeit die Séance stattfand, an welcher Thomas Mann teilgenommen hatte, bevor er seine Erinnerung daran in dem Roman „Der Zauberberg“ verwendete. Dass ich gerade jetzt über eine Séance und ein Taschentuch schreibe, hat einen sehr praktischen Grund: Das Taschentuchreservat.

Ich bin noch nicht ganz hier (bei WordPress) angekommen. Zwar ist mein Hauptblog (dieser hier) – von ein paar verworfenen Einträgen abgesehen – jetzt komplett übertragen; es fehlen aber noch die „Nebengelasse“. Und so habe ich gestern nicht nur die beiden Untertext-Seiten endlich verlinkt (siehe am rechten Rand: Meine Seiten und Blogs), sondern auch das „Taschentuchreservat“ an Bord geholt.

Entstanden ist dieses Blog aus einem Kommentargeplänkel zwischen Blogfreunden und einer sich daraus ergebenden kleinen und nicht unbedingt ernst gemeinten Blog-Aktion, wie sie in den ersten zwei Jahren meines Bloggens durchaus keine Seltenheit war. Schließlich wurde ein Reservat für die vom Aussterben bedrohten Stofftaschentücher (aber auch für Papiertaschentücher mit besonderen Eigenschaften) gegründet. Inzwischen (seit 2009!) ist es dort recht ruhig geworden. Ich gehe aber davon aus, dass es allen Taschentüchern in der Obhut von Lydia Hohlsaum-Niesen gut geht. Als verantwortungsbewusste ehemalige Assistentin der Geschäftsleitung des Reservats habe ich beim Übertragen auch darauf geachtet, dass die in den Einträgen verwendeten Links möglichst noch funktionieren. Als ich feststellte, dass ein Video nicht mehr bei YouTube abgerufen werden kann, machte ich mich auf die Suche nach einem adäquaten Ersatz – leider vergeblich. Dafür aber stieß ich auf eine (vermutlich mit einer Handykamera gemachte) Aufzeichnung des Vortrags „Thomas Mann und das Okkulte. Der Einfluss des Geisterbarons Dr. A. Schrenck-Notzing als Hypnosearzt und Tiefenpsychologe“, den Prof. Dr. Manfred Dierks im Universitätsclub Bonn gehalten hat – vermutlich nicht lange bevor das Video am 18.12.2011 hochgeladen wurde. Leider ist die Aufzeichnung (auch von der Tonqualität her) so schlecht, dass es mir nicht angebracht erschien, es hier einzubinden. Unterschlagen wollte ich es trotzdem nicht, denn immerhin war es ausreichend, meine Neugier zu wecken – zumal das Ganze etwas mit einem Taschentuch zu tun hatte.

Weiteres Nachforschen brachte mich dann auf einen Artikel, der bereits am 19. Mai 2008 in der Badischen Zeitung erschienen war. Das Blatt berichtete darin über ein von dem Diplom-Psychologen Eberhard Bauer, Leiter des Archivs des Freiburger Instituts für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene (IGPP), gehaltenes Referat über Thomas Manns Erfahrungen mit dem Okkultismus: Der 1929 verstorbene Münchner Arzt Albert von Schrenck-Notzing hatte eine Leidenschaft für paranormale Experimente. Zu den Gästen, die er dazu einlud, gehörten andere Ärzte und Physiker aber auch prominente Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, darunter auch Schriftsteller wie Gustav Meyrink und Thomas Mann. Abschließend wurden die Gäste von Schrenck-Notzing gebeten, ein persönliches Protokoll ihre Eindrücke anzufertigen. Eberhard Bauer sagte, die handschriftlichen Protokolle der drei Sitzungen, an denen Mann teilgenommen hatte, gehörten zu den „größten Schätzen“, des von ihm verwalteten Archivs.

Hier ein Textauszug:

Thomas Mann - Foto: dpa

Thomas Mann – Foto: dpa

Da versuchte der Hausherr ein letztes Reizmittel. Er zog strenge Saiten auf und sprach: „Nein, Minna, alles was recht ist. Wir sitzen nun über zwei Stunden, du kannst nicht sagen, daß wir es an Geduld haben fehlen lassen. Aber alles hat seine Grenzen. Wir geben dir jetzt noch fünf, noch zehn Minuten. Passiert nichts bis dahin, so machen wir Schluß, und die Herren gehen nach Hause, und mancher von ihnen wird allerdings denken, daß du nichts kannst und nichts vermagst, und wird es herumerzählen, und die Skeptiker werden sich freuen.“ – „Aber nein“, sagt von K. und sekundiert dem Baron, indem er ihm zu widersprechen scheint. „Aber nein, Herr Baron, was sagen Sie da, sie ist ja dicht daran, das weiß sie ja selbst am besten, immer noch hat sie es selbst am besten gewußt, meine Minna, wann sie ihre Ärmchen weit genug entwickelt und ausgestreckt hatte, um ordentlich … Wie? Was sagst du? Still die Musik! Was hast du gesagt, liebe Minna?“
In seine Worte hinein hat das Medium etwas geflüstert. Die Musik schweigt, wir alle schweigen. Es kommt noch einmal, schwer lallend: „Das Taschentuch!“
„Das Taschentuch!“ wiederholt befehlshaberisch von K.
„Sie weiß genau, was sie will, sie wird es schon machen, meine Freundin die Minna …“
„Selbstverständlich“, sagt der Baron. „Wenn es weiter nichts ist. Hier ist das Taschentuch.“ Und er zieht es aus der Brusttasche, sein großes, weißes, nur wenig gebrauchtes Schnupftuch, nimmt es am Zipfel und läßt es neben dem Tischchen zu Boden sinken. Da liegt es, schwach schimmernd sichtbar. Vorgestreckt starrt alles darauf hin.
„Den Tisch weiter zurück!“ flüstert Willi, dessen Gesicht auf seinen Händen liegt, die wir halten. „So recht?“ – Nein, nicht so. Er sieht nichts, aber weiß in seinem Traum, was geschieht, und daß es noch nicht genau so geschieht, wie er will; ungeduldig korrigiert er das Tun des Barons, als sähe er ihn: Mehr dorthin will er das Tischchen haben, erst etwas links und dann näher zum Hausherrn, so ist es recht. Der Raum zwischen Tisch und Taschentuch ist nun größer … „Die Kette!“ flüstert Willi, und man drückt sich die Hände. „Unterhalten!“ flüstert er, und man macht diensteifrig: „Jawohl, jawohl, Rhabarber, Rhabarber.“ Auch ich wende mich zu meinem Nachbarn, dem Polen, um etwas Gleichgültiges zu parlieren. Ich habe angefangen zu sprechen, da höre ich jemanden mit künstlicher Ruhe sagen: „Es kommt.“ Ich werfe den Kopf herum …
Erinnert man sich an die Stelle im Lohengrin, 1. Akt, wenn nach Elsas Gebet der Chor mit einer Einzelstimme einsetzt: „Seht! Welch seltsam Wunder!“ So ähnlich war es. Das Taschentuch hatte sich vom Boden erhoben und war aufgestiegen. Vor aller Augen, mit rascher, sicherer, energischer, fast schöner Bewegung stieg es aus Schattengründen in den Lichtschein der Lampe empor, der es rötlich färbte, stieg auf, sage ich, aber das ist nicht richtig, nicht so war der Vorgang, daß es leer und flatternd emporgeweht wäre, es wurde genommen und erhoben, eine tätige Stütze steckte darin, die sich oben in knöchelartigen Erhebungen darunter abzeichnete, und von der es faltig herniederhing; von innen her wurde lebendig damit manipuliert, drückende und schüttelnde Umgestaltungen wurden damit vorgenommen in den zwei oder drei Sekunden, während welcher es frei ins Lampenlicht gehalten wurde – und dann kehrte es mit ebenso ruhiger und sicherer Bewegung zum Boden zurück.
Das war nicht möglich – aber es geschah. Der Blitz soll mich treffen, wenn ich lüge. Vor meinen unbestochenen Augen, die ebenso bereit gewesen wären, nichts zu sehen, falls nichts da sein würde, geschah es, und zwar nicht einmal, sondern alsbald aufs neue: Kaum unten, so kam das Tuch schon wieder empor ins Licht, schneller diesmal als zuvor, und jetzt sah man mit unverkennbarer Deutlichkeit das von innen erfolgende Hinein- und Übergreifen der Glieder eines Greiforgans, das schmaler als eine Menschenhand, klauenartig erschien. Hinan und wieder herauf … Zum drittenmal oben, wird das Tuch von etwas Unsichtbarem kräftig geschwenkt und gegen den Tisch geworfen – nicht darauf, nicht gut gezielt, es bleibt an der Kante hängen und fällt auf den Teppich.
Bravorufe und laute Lobeserhebungen für „Minna“ hatten das Phänomen begleitet, und mehrmals hatte der Baron bei uns Neulingen angefragt, ob wir sähen, ob wir alles gut sehen könnten. Gewiß, wie hätte ich das wohl nicht sehen sollen. Ich hätte die Augen schließen müssen, um es nicht zu sehen, während ich diese meine Augen doch niemals gespannter offen gehalten hatte als jetzt. Ich hatte Größeres gesehen auf Erden, Schöneres, Würdigeres. Aber daß etwas Unmögliches, trotz seiner eigenen Unmöglichkeit, mit ruhiger Sicherheit und schließlich mit Übermut geschah, das hatte ich noch nicht gesehen, und darum wiederholte ich nur erschüttert: „Sehr gut! Sehr gut!“, obgleich mir nebenbei auch etwas übel war.

aus Thomas Mann – Okkulte Erlebnisse: Text (Fischer Klassik PLUS)

Bei allen berechtigten Zweifeln an den Vorgängen bei spiritistischen Sitzungen bleibt doch anzumerken: Es ist erstaunlich, was einem Taschentuch im Lauf seines Lebens alles widerfahren kann. Auch wenn es sich beim Taschentuchreservat natürlich um einen großen Spaß handelt, findet sich doch auch hier manches an tieferer Wahrheit und die eine oder andere kulturhistorische Betrachtung von Interesse. So wird auch der Auszug aus dem Thomas-Mann-Text demnächst dort unter Artenschutz gestellt werden. Leser, die ein wenig Zeit mitbringen, lade ich herzlich ein, im Taschentuchreservat auf Entdeckungsreise zu gehen. Auch wenn dort lange keine Aktivitäten stattgefunden haben: Die Kommentare sind offen und Neuzugänge bei den Taschentüchern nach wie vor willkommen.

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Beim Überarbeiten der von blog.de hierher übertragenen Einträge stieß ich heute wieder auf das Video, welches Zartschrecken (schon dies ein die Phantasie anregendes Wort) beim Liebesspiel zeigt. Ich weiß nicht, ob außer mir noch jemand bei dem im zitierten Text vorkommenden Wort Spermatophore – aufgrund flüchtigen Lesens gepaart mit mangelnden Kenntnissen der Biologie – an Sperma in einer Amphore denken muss.

Amphoren in der Burg zu BodrumUnd auch heute wieder fragte ich mich, ob ich mich mit diesem Gedanken jemals hätte anfreunden können, da ja Amphoren – man könnte sagen – eine sinnliche Figur haben. Ich muss jedoch gestehen, dass ich in manchen Dingen schon in jungen Jahren eher konservativ war. Social Freezing in Amphoren könnte ich mir allerdings vorstellen. „Amphorisieren“ hörte sich zudem weniger nach sozialer Kälte an.

Bild:
In der Burg zu Bodrum (Türkei), dem weltweit ersten Museum für Unterwasser-Archäologie, ausgestellte Amphoren
Foto: Tim Rogers, 07.09.2004

Dass man für seine Stimme etwas (tun) kann, ist keine neue Erkenntnis, sondern wird z.B. an Schauspielschulen praktiziert, seit es sie gibt. Den ersten Sprechunterricht erhalten Menschen jedoch üblicherweise von den Eltern: „“Sag Mama, Ma-ma, Mammm-ma!““ Irgendwann klappt es, und das Kind sagt „Mama“, oft noch bevor es freihändig stehen kann. Dabei wird nicht nur das Wort wiederholt und in seiner Bedeutung mehr oder weniger verstanden, denn auf Papas Arm lautet die Aufforderung …… Na, wie wohl? Es findet auch ein Versuch statt, den Klang der Stimme zu imitieren.

Inzwischen haben Wissenschaftler festgestellt, dass dieser Lernprozess noch viel früher einsetzt, nämlich schon im Mutterleib -– während des letzten Drittels der Schwangerschaft. Es ist also nicht nur sinnvoll, das Ungeborene mit Musik zu berieseln, auch die Sprachmelodie der Eltern, welche das kindliche Ohr jetzt schon erreicht, wirkt sich vorbildend aus. Den Beweis erbrachten Stimmaufzeichnungen bei jeweils 30 Neugeborenen in Frankreich und Deutschland. Während die deutschen Babys ein abfallende „Melodie“ schrien, war es bei den kleinen Franzosen eine ansteigende Tonfolge.

typical_cry

Quelle: Current Biology 19, 1994–1997, December 15, 2009

Die ersten Axolotl brachte Alexander von Humboldt von seinen Forschungsreisen mit. Es waren zwei präparierte Tiere, die als Larven einer noch unbekannten Spezies klassifiziert wurden. Die ersten lebenden Axolotl wurden 1864 von einer französischen Expedition nach Europa (Paris) gesandt. Es handelte sich um 34 Tiere, deren einziges bekanntes Vorkommen im Seensystem im Tal von Mexiko liegt. Empfänger war die Société impériale zoologique d’acclimatation, eine Gesellschaft, die gegründet worden war, um exotische Lebewesen in neue Lebensräume zu verpflanzen. Von Paris aus kamen die Axolotl sowohl in die Aquarien von Liebhabern exotischer Wesen als auch in die Labore der Wissenschaftler. Auf diese Weise entwickelte sich eine europäische und später globale Axolotlpopulation, unabhängig von den Tieren in der mexikanischen Heimat.

Mit Erstaunen bemerkten die Zoologen die nahezu perfekte Regenerationsfähigkeit der Axolotl: Bei Versuchen wuchsen abgetrennte Gliedmaßen vollständig wieder nach. Verblüffend war auch, dass manche Axolotl das Larvenstadium hinter sich ließen und an Land gingen, die Mehrzahl der Tiere es jedoch vorzog bis an ihr Ende im Wasser zu leben. „Offenbar würde das Verlassen ihrer Tümpel den Tieren keinen Vorteil verschaffen“, sagt der Biologiedidaktiker und Wissenschaftshistoriker Prof. Dr. Uwe Hoßfeld.

Hoßfeld hat gemeinsam mit dem Zoologen Prof. Dr. Lennart Olsson von der Friedrich-Schiller-Universität Jena und dem Wissenschaftshistoriker Dr. Christian Reiß von der Universität Regensburg – Letzterer promovierte in Jena mit einer Arbeit über das Axolotl – 150 Jahre Axolotl-Forschung in dem Beitrag „The History of The Oldest Self-Sustaining Laboratory Animal“ für das Journal of Experimental Zoology zusammengefasst. Henry Gee, der Senior-Editor für Biologie im Wissenschaftsjournal Nature, hat über die Veröffentlichung in seinem Wissenschaftsblog geschrieben.

axolotl

Quelle: idw – Informationsdienst Wissenschaft

Ist es nicht zauberhaft und auf seine eigene, ganz besondere Art schön? Dazu noch ewig jung! Axolotl scheinen der Phantasie eines Animationsfilmemachers zu entspringen. Kein Wunder also, dass ein anonymer Dichter sie im MAD-Magazin “besungen” hat.

I Wandered Lonely as a Clod

I wandered lonely as a clod,
Just picking up old rags and bottles,
When onward on my way I plod,
I saw a host of axolotls;
Beside the lake, beneath the trees,
A sight to make a man’s blood freeze.

Some had handles, some were plain;
They came in blue, red pink, and green.
A few were orange in the main;
The damnedest sight I’’ve ever seen.
The females gave a sprightly glance;
The male ones all wore knee-length pants.

Now oft, when on the couch I lie,
The doctor asks me what I see.
They flash upon my inward eye
And make me laugh in fiendish glee.
I find my solace then in bottles,
And I forget them axolotls.

Anonymous, with apologies to William Wordworth
(from Mad Magazine, issue #43 in 1958)

 

Im Rahmen der Forschungsarbeiten zu ihrer 2012 am Zoologischen Forschungsmuseum Alexander Koenig – Leibniz-Institut für Biodiversität der Tiere in Bonn veröffentlichten Diplomarbeit filmte Isabella Terpkovitz erstmals das bis dahin weitestgehend unbekannte Fortpflanzungsverhalten der punktierten Zartschrecke, einer in Europa verbreiteten Heuschreckenart. Besonders spannend ist, dass und wie das Männchen eine Spermatophore an das Weibchen übergibt.

Da die politischen Nachrichten –- von wenigen Ausnahmen abgesehen –- dazu geeignet sind, mich zu deprimieren, entwickle ich mich jetzt zum Fußball…… Nein, zum Fußball noch nicht, auch wenn das römische „“panem et circensis““ den Nagel auf den Kopf trifft und ich ein bisschen weniger „“panem““ essen und mich an ein bisschen mehr „„circensis““ aktiv beteiligen sollte. Nur jetzt gerade wollte mir ……fan nicht von den Fingern in die Tasten rutschen. Mich als Fußballfan zu bezeichnen, wäre dann doch übertrieben, aber ich verfolge im Radio live übertragene Spiele mit vergnügtem Behagen. Man darf für oder gegen eine Seite sein, hoffen, dass es so und nicht anders oder noch besser kommt, aber auch, wenn es das nicht tut, ist es im Grunde völlig egal. Wie wohltuend das ist!

Ich genieße also die UEFA Champions League, die Bundesliga und die Abstiegskämpfe. Und es ist ja auch wirklich was los im Moment. Letzte Woche die 1:3-Niederlage des FC Bayern gegen den FC Porto, diese Woche beim Rückspiel ein furioses 6:1 für die Bayern, dazwischen legte Mannschaftsarzt Müller-Wohlfahrt nach fast 40 Jahren sein Amt nieder, und es wird über geheimnisvolle Behandlungsmethoden mit Magnetismus gemunkelt. Waren da etwa mal die Pole vertauscht worden, als die Jungs aus München Bälle verstolperten „wie eine Schüler“mannschaft?

Ach, die Wissenschaft, die Wissenschaft! Ein Wissenschaftler schafft Wissen, indem er erst einmal neugierig ist und sich selbst und anderen Fragen stellt, auf die ein Nichtwissenschaftler so ohne Weiteres gar nicht käme. So wollten zum Beispiel die Forscher am Bonner Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA) wissen, wie sich die Feinstaubbelastung der Luft auf die Leistungen von Fußballspielern auswirkt. Auch wenn Fußballprofis nicht repräsentativ für den typischen Arbeitnehmer sind -– sie verdienen ja auch viel mehr, lassen sich aus den Ergebnissen der IZA-Studie doch wichtige Erkenntnisse für die Erwerbsbevölkerung insgesamt ableiten. Denn die Produktivität eines durchschnittlichen Erwerbstätigen, der körperlich weniger fit ist als ein Profi-Fußballer, dürfte unter Luftverschmutzung sogar noch massiver leiden. Darauf deuten ähnliche Studien zu Erntehelfern in den USA sowie Fabrikarbeitern in China hin. Das jedenfalls behaupten die Wissenschaftler. Ich persönlich wäre da nicht so sicher. Alles Perfektionierte -– ob Mensch oder Maschine -– reagiert besonders empfindlich, will mir scheinen. Aber das nur nebenbei.

Andreas Lichter, Nico Pestel und Eric Sommer werteten die Leistungsdaten von mehr als 1.700 Spielern über einen Zeitraum von zwölf Spielzeiten aus (29 verschiedene Vereine in fast 3.000 Spielen der ersten Fußball-Bundesliga). Als Leistungsindikator diente die Anzahl der jeweils gespielten Pässe. Da Tag, Ort und Uhrzeit jedes Spiels bekannt sind, ließen sich stundengenaue Informationen zur Feinstaubkonzentration in unmittelbarer Umgebung des jeweiligen Stadions ermitteln. Dabei kam heraus, dass bereits bei Luftwerten deutlich unterhalb der geltenden EU-Grenzwerte sich negative Produktivitätseffekte nachweisen ließen, die sich bei extremer Luftverschmutzung vervielfachen. Die Leistungsdaten zeigen außerdem, dass ältere Spieler stärker vom Feinstaub beeinträchtigt werden als Nachwuchstalente. Besonders ausgeprägt ist der Effekt für Abwehr- und Mittelfeldspieler mit langen Laufwegen. -– Ich würde den Trainern empfehlen, jeweils kurz vor Spielbeginn beim Umweltbundesamt anzurufen, um die Messwerte für das jeweilige Stadion zu erfragen und vorgewarnt zu sein, wann es angezeigt wäre, einen alten Hasen durch ein junges Talent auszutauschen –- jedenfalls solange noch keine Magneten erfunden sind, die allen Feinstaub aus der Luft klauben, so dass dann auch die Fankurven noch frenetischere Gesänge anstimmen könnten.

Dabei fällt mir ein, dass Fußballspiele sich früher ganz anders angehört haben. Damals, als ich es weit von mir gewiesen hätte, mich dafür zu interessieren, an lauen Frühsommerabenden aber durch das offene Fenster die Fernseher der Nachbarn hörte. Da war die Stille im Stadion, in der man nur die Stimme des Kommentators hörte, der selbst manchmal in atemloses Schweigen verfiel, und dann diese Ausbrüche von Tor-Geschrei, gefolgt von Trillerpfeifen, Tröten und kurzzeitigem Anstimmen einer Vereinshymne. Dann wieder gespannte Stille. Jetzt wird stramm durchgesungen. Keine Ahnung, wie die Leute das aushalten. Es ist schon gut, dass ich nicht wirklich ein Fan bin. Ich wünschte nur, ich müsste fortan beim Hören einer Fußballübertragung im Radio nicht dauern an die Feinstaubbelastung der Luft denken… … und an die Umwelt… … und an die Umweltpolitik… … und an die Politik überhaupt… …

Die Angaben zur Studie des Bonner Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA) beruhen auf einer Pressemitteilung vom 17. April 2015.

Wem Gott will rechte Gunst erweisen,
den schickt er in die weite Welt,
dem will er seine Wunder weisen
in Berg und Wald und Strom und Feld.

Als Joseph von Eichendorff diese Zeilen schrieb (1822) und Friedrich Theodor Fröhlich elf Jahre später eine Melodie dazu komponierte, da waren die Menschen nicht nur frommer als heute, sie erwanderten sich „Gottes Wunder“ in der „weiten Welt“ auch noch eher, als dass sie sie erfuhren oder gar erflogen, denn obwohl den Brüdern Montgolfier bereits 1783 ein Flug in einem Heißluftballon gelungen war, können wir auch vierzig Jahre später davon ausgehen, dass Eichendorff hauptsächlich an den Wanderer „in Berg und Wald und Strom und Feld“ dachte.

Bis zum heutigen Tag ist weder Eichendorffs Gedicht, noch Fröhlichs Melodie in Vergessenheit geraten, und das Wandern erfreut sich wieder zunehmender Beliebtheit. Das war Prof. Dr. Heinz-Dieter Quack von der Ostfalia Hochschule Anlass genug, in den vergangenen zwei Jahren 643 Personen zu befragen, was ihnen auf ihren Wanderwegen und in der durchwanderten Landschaft als besonders störend aufgefallen war. Der Hintergedanke bei dieser Befragung war, ob etwa die vermehrt sichtbaren Formen alternativer Energiegewinnung -– vor allem aber die Windkraftanlagen –- zu einer Beeinträchtigung des Wandergenusses führen.

Von den über 50-Jährigen fühlen sich fast die Hälfte durch Windkraftanlagen gestört, während es in der Altersgruppe bis zu 29 Jahren nur 23 Prozent waren. Abgesehen von diesem „Störfaktor“, waren den Wanderern vor allem Abfall in der Landschaft, Atom- und Kohlekraftwerke und Flug- und Verkehrslärm unangenehm aufgefallen, und viele hätten sich eine bessere Beschilderung der Wanderwege gewünscht.

Dies lesend, fragte ich mich plötzlich, wie es wohl den Wanderern in alter Zeit ergangen sein mag, als Windmühlen die Landschaft zu verunzieren begannen. Ja, verunzieren! – Man betrachte bitte dieses Bild:

Windmühlen auf dem Kinderdijk

Kinderdijk

Es heißt, die Mühlenlandschaft von Kinderdijk gehöre zu den bekanntesten Sehenswürdigkeiten der Niederlande, wobei das Wort „Mühlenlandschaft“ gut gewählt ist, denn ohne Mühlen –- das muss auch ich zugeben -– könnte man von Landschaft kaum sprechen. Da ist nichts. Das ist völlig plattes Land. -– Aber schön …… Also, schön sind diese Mühlen, bei denen es sich übrigens um Windpumpen handelt, trotzdem nicht, wenn man es mal objektiv betrachtet, und obwohl Schönheit immer im Auge des Betrachters liegt. Mit demselben Fug und Recht kann man Windräder als schön bezeichnen. Und wer sagt denn, dass nicht auch der eine oder andere Windpark irgendwann in die UNESCO-Liste des Welterbes aufgenommen wird –- vorausgesetzt er steht lange genug, was man bei allem heutzutage Gebauten leider bezweifeln muss. Irgendwann wird allein der Umstand, dass etwas alt ist, ausreichen, es als Welterbe zu betrachten. Einigen wir uns darauf: Die Mühlen von Kinderdijk sind alt, und sie sind Welterbe, aber auch sie wurden einst aus rein praktischen Erwägungen heraus gebaut und mögen das Auge des einen oder anderen Betrachters erst einmal gestört haben, bevor es sich daran gewöhnte. Man erinnere sich nur an den armen Don Quijote, der sich von Riesen bedroht fühlte und im Kampf gegen Windmühlen einige böse Beulen davontrug. Hier ist noch anzumerken, dass die Windmühlen auf der iberischen Halbinsel ursprünglich von den Arabern eingeführt worden waren und sich mit dem Islam verbreitet hatten. Wir sollten die Chance ergreifen und uns mit Windparks revanchieren. Es wäre eine Überlegung wert, im Mittelmeer Offshore-Windparks so anzulegen, dass sie gleichzeitig als sichere Fluchtwege benutzt werden können. Vorab könnte man ja schon mal eine Befragung bei Yachtbesitzern durchführen.

Quelle:
Wandern und Windenergie – Ergebnisse einer Langzeitstudie

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