West-Berlin 1950-1990


Kurfürstendamm 203

Das Licht, das uns beleuchtet, hat nichts zu bedeuten.
Auch die Kleidung, die wir tragen, hat nichts zu bedeuten.
Sie zeigt nichts, sie sticht nicht ab, sie bedeutet nichts.
Sie will Ihnen
keine andere Zeit bedeuten,
kein anderes Klima,
keine andere Jahreszeit,
keinen anderen Breitengrad,
keinen anderen Anlaß, sie zu tragen.
Sie hat keine Funktion.
Auch unsere Gesten haben keine Funktion,
die Ihnen etwas bedeuten soll.
Das ist kein Welttheater.

Wer 1967 abends durch die Knesebeckstraße flanierte, dem konnte es passieren, dass ihm, aus einem plötzlich aufgerissenen Fenster heraus, ein Schimpfwort an den Kopf geworfen wurde. Das Schimpfwort stammte aus dem Text von Peter Handkes „Publikumsbeschimpfung“; das Aufreißen des Fensters war Bestandteil der Inszenierung von Günther Büch.

1962 übernahm Dr. Klaus Hoser mit H. Köppen und F. Burckner die Leitung des Forum Theaters am Kurfürstendamm 203, über dem Mercedes-Salon. Ziel: avantgardistisches, experimentelles und literarisch-politisches Theater zu machen. 1975 stellte das Forum Theater wegen Subventionsentzug den Spielbetrieb ein.

Wie das Leben so kullert, durfte ich als Ganz-am-Randfigur an einem kleinen Ausschnitt der Forum-Theater-Zeit teilhaben. Hoser stellte mich 1967 für die Einlasskontrolle ein. Manchmal durfte ich auch die Garderobe annehmen oder herausgeben, eine Aufgabe, die ich nur deshalb nicht gern übernahm, weil ich dann den liebestollen Angriffen des Königspudels, welcher der Frau an der Kasse gehörte, ausgesetzt war – sehr zur Belustigung all derer, die zuschauten, während ich versuchte, das schwarze Ungeheuer von meinem Bein fernzuhalten.

Waren alle Zuschauer drin, durfte auch ich mich in den Theatersaal setzen, dessen 180 Plätze selten restlos verkauft waren. Passagen der „Publikumsbeschimpfung“ könnte ich heute noch mitsprechen, und kriege den Rhythmus nicht aus dem Kopf, bin also für eine objektive Rezeption dieses Stücks total versaut. Für mich müsste es immer die Inszenierung von Büch, müssten die Schauspieler immer Hans-Werner Bussinger, Reinhard Jahn, Manfred Lehmann und Michael Rüth sein.

Das Stück lief – mit Unterbrechungen – angeblich fünf Jahre lang. So lange blieb ich jedoch nicht „bei der Truppe“, zu der ich ja auch nicht wirklich gehörte. Obwohl – so etwas wie ein Zugehörigkeitsgefühl kam manchmal dennoch auf – besonders wenn Robert Wolfgang Schnell sich die Ehre gab, der mir Standpauken hielt wie: „Mädchen, rauchen tust’e nich. saufen tust’e nich. Willst’e irgenwann ’nen ganz intakten Körper in Sarg legen lassen? Wär doch schade drum!“, wenn er nicht gerade gewagte Theorien entwickelte, z.B. dass die Bildhauer der Antike vielleicht gar nicht so selbstverleugnerisch gewesen seien, wie gerne geglaubt würde. „Wer sagt, denn, dass nicht der Eine die Pimmel rot angemalt hat und der Andere blau – als Markenzeichen sozusagen, bloß dass man heute von der Farbe natürlich nix mehr sieht.“ [Ich bitte, weder das eine noch das andere Thema mit mir zu diskutieren. Ich zitiere nur (sinngemäß).] Mit Schnell und einigen aus der Truppe nach der Vorstellung noch in den Weißer Mohr zu gehen, war jedenfalls immer ein großes Vergnügen – und das nicht nur, weil man im Weißen Mohr zu jeder beliebigen Nachtstunde noch ein Frühstück bekam (Schrippe mit Butter und Marmelade + pflaumenweich gekochtes Ei).

Handkes „Publikumsbeschimpfung“, uraufgeführt in Frankfurt 1966 (Video weiter unten), sollte, wie gesagt, in Berlin ein Dauerbrenner werden. Skandale, wie bei der Uraufführung, blieben – zumindest in der ersten Spielzeit, die ich miterlebte, aus. Nur einmal sorgte ein kleiner Zwischenfall für eine Schlagzeile. In eine (übrigens besonders schlecht besuchte) Vorstellung waren einige Schauspieler gekommen, ehem. Mitschauspielschüler von (wenn ich mich recht erinnere) Michael Rueth. Sie saßen in der ersten Reihe und bald war klar, dass sie mit dem festen Vorsatz (und gut vorbereitet) gekommen waren, die Vorstellung zu sprengen. Als es unseren Schauspielern schließlich reichte, sprang einer von ihnen über die Rampe und haute dem Anführer der Störenfriede eine runter. Am nächsten Tage titelte die B.Z. auf der ersten Seite: „Schauspieler schlägt Zuschauer!“ Davon abgesehen, verhielt sich das Berliner Publikum in dieser frühen Phase – nun, schlimmstenfalls zu passiv. Handke wollte ja durchaus schockieren, dass Zuschauer empört den Saal verließen, wurde billigend in Kauf genommen, Betroffenheit war in jedem Fall erwünscht, angeblich auch Zwischenrufe, ein gedämpfter Tumult, … Ich persönlich fand, das Zwischenrufe immer störten. Das muss gesagt werden: Das Stück funktionierte am besten, wenn das Publikum mitmachte, indem es ein normales Publikum spielte, nicht eine auf Skandal gebürstete Horde.

Ich versuche, mich zu erinnern, was nach der Publikumsbeschimpfung kam. Ich glaube, das muss so eine Art Lückenbüßer gewesen sein vor der Premiere der „Hanswurstiaden“. Ja, dann wurde Goethe gezeigt. Robert Wolfgang Schnell hatte das Stück zusammengeschrieben aus Goethes „Jahrmarktsfest von Plundersweilen“ und „Hanswursts Hochzeit“. Sehr deftige Texte, die der junge Goethe da zu Papier gebracht hatte. Die Kostüme dafür entwarf und fertigte Ray Abel, und zusammen mit einigen anderen jungen Leuten aus „der Truppe“ half ich dabei. Sollte ein Leser das Stück zufällig gesehen haben und sich erinnern: Die unzähligen Knöpfe am Rock des Pfarrers, die hatte ich angenäht, und daher weiß ich, dass Theaterkostüme viel sorgfältiger verarbeitet werden, als normale Kleidung. Da darf kein Knopf abspringen und keine Naht platzen. Was ich damals nicht wusste, sondern erst viel später gelesen habe: Rio Reiser und sein Bruder, damals noch als Ralph und Gert Möbius bekannt, verdächtigten den englischen Kostümbildner des Forum-Theaters der Werkspionage und fürchteten Ideenklau. Es ist schon bemerkenswert, wer und was sich alles im Dunstkreis dieses kleinen Berliner Theaters bewegte. Wenn jemand damals geklaut hat, dann war ich das – nämlich Ray Abels wunderbares Eintopfrezept. Die Beköstigung war so ziemlich die einzige Entlohnung für die Mithilfe in der Kostümschneiderei.

Auf der Bühne habe ich die „Hanswurstiaden wohl nur ein Mal gesehen. Meine Forum-Theater-Zeit ging zu Ende, was an den privaten Turbulenzen in meinem Leben lag, und die hatten wiederum mit dem Theater nichts zu tun. Es muss im Winter 1970/71 gewesen sein, dass ich das Forum-Theater noch einmal besuchte. Trotz heftiger Erkältung und leichten Fiebers hatte ich einen kleinen Ku’dammbummel gemacht und verspürte plötzlich Lust, mal nachzuschauen, wer von der alten Garde noch da war – nur eben schnell guten Tag sagen. An der Kasse saß noch dieselbe Pudelbesitzerin. Ob ich mir nicht die Vorstellung anschauen wollte, ich könne eine Freikarte haben, bot sie mir an. Gespielt wurde „… und sie legen den Blumen Handschellen an“ von Fernando Arrabal. Wie gesagt, hinter mir lag eine Zeit, in der ich wenig Gelegenheit gehabt hatte, mich mir der Kultur in der Stadt zu beschäftigen. Ich tappte also ahnungslos durch die Einlasskontrolle, und dass ich das lieber nicht hätte tun sollen – jedenfalls nicht in meiner Verfassung – wurde mir erst klar, als es zu spät war. Völlige Dunkelheit. Ich wurde ein bisschen hin und her geschubst. Das war ja schlimmer als Geisterbahn fahren. Endlich ein Arm, der sich um meine Schultern legte, eine Stimme die leise und tröstend auf mich einredete und mich zu meinem Platz führte. Keineswegs ein normaler Theatersessel. Eine niedrige Holzbank ohne Rückenlehne. Dann noch sehr lange Dunkelheit, durch die man Schreie, Schüsse, Kommandostimmen, Stöhnen hörte, … Wenn jemanden das Stück interessiert, vielleicht den SPIEGEl-Artikel dazu lesen. Von mir nur noch soviel: So ziemlich am Ende pinkelte der nackte Manfred Lehmann, während er stranguliert wurde, auf Kommando in einen Eimer. Dafür habe ich ihn sehr bewundert, weil ich auf Kommando nie … Egal! Es war jedenfalls eine sehr nachhaltige Erfahrung.

Ich kann bis heute nicht an der Hausnummer 203 des Kurfürstendamms vorbeigehen, ohne dieser Zeit ein bisschen nachzutrauern.

„Publikumsbeschimpfung“
Uraufführung im Frankfurter Theater am Turm 1966
Regie: Claus Peymann

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Wer war nur auf die Idee gekommen, der Kneipe diesen Namen zu geben? Renato wohl eher nicht. Oder vielleicht doch? Um Kundschaft von der nahen US Air Base anzulocken?

Woher der Name stammte, den ich seltsamerweise nie vergessen habe, fand ich erst vor drei Tagen und rein zufällig heraus. Er war eine Anspielung auf den Song „Dirty Old Man“ von dem Album „The Fugs“ – das zweite Album der gleichnamigen Rockband, erschienen 1966. Es handelt von einem „dreckigen alten Kerl“, der am Schultor herumlungert, den Mädchen in den Busen kneift und neben Pornos und Pillen auch Joints an die Jugendlichen vertickt.

Es war im Winter 1967/68. Seit dem Erscheinen der Platte war nur etwas über ein Jahr vergangen, als ich zum ersten Mal diese Kneipe betrat, die so hieß, wie nur eine Kneipe Ende der Sechziger heißen konnte – in Harper-Valley-P.T.A.-Zeiten – und die auch wie eine Kneipe aussah, bei der es sich aber – das muss fairerweise gesagt werden – um ein Speiselokal handelte. Das erhärtet natürlich den Verdacht gegen Renato, für diesen Namen verantwortlich zu sein. Dennoch habe ich weder beim ersten, noch bei späteren Besuchen auch nur einen Hauch von Gras feststellen können. In Renatos Restaurant duftete es nach frisch gebackener Pizza.

Das muss ich an dieser Stelle auch noch erzählen: Ich betrat nicht nur zum ersten Mal „The Dirty Old Man’s Joint“, ich hatte davor auch noch nie Pizza gegessen. Ich wusste nicht einmal, was eine Pizza war, bis … Okay, eins nach dem anderen.

Ich war damals im Begriff in meine erste eigene Wohnung zu ziehen. Eigentlich war es nur eine halbe Wohnung und (aus meiner heutigen Sicht) eine Unmöglichkeit. Sie lag im vierten Stock eines Hauses in der Willibald-Alexis-Straße/Ecke Chamissoplatz. Vier Treppen und Ofenheizung! Aber wenn man jung ist und seine Unabhängigkeit will, lässt man sich davon nicht schrecken. Auch dass, wer auch immer irgedwann aus einer Wohnung zwei gemacht hatte, konsequent das einstige Badezimmer in zwei Toiletten (immerhin Innentoiletten!) umgebaut hatte, hielt mich nicht ab. Auf die Dauer ging es mir dann allerdings doch auf die Nerven, dass ich meine Toilette nur vom kleineren der beiden Zimmer aus betreten konnte – durch eine Tür, die so niedrig war, dass auch ein eher klein gewachsener Mensch den Kopf einziehen musste. Aber das hier ist keine Beitrag zum Welt-Toilettentag (der war am 19. November). Ich will mich bemühen, nun doch schleunigst auf den Anlass meiner ersten Begegnung mit Renato und mit Pizza zu sprechen zu kommen.

Mein Einzug in diese Luxusbehausung stand kurz bevor, und ich hatte zwecks Renovierung Farben und Tapeten gekauft, hatte aber noch nie selbst eine Wohnung renoviert. Meien Familie pflegte für so etwas einen Maler kommen zu lassen. Die Do-it-yourself-Zeiten brachen gerade erst an. Also hatte ich im Farben-und-Tapeten-Laden darum gebeten, dass man mir jemanden vermittelte. Der Typ, der daraufhin vorstellig wurde, hatte eine wirklich erschütternde Ähnlichkeit mit meiner ersten großen Liebe – jedenfalls solange er den Mund nicht aufmachte. Da er das aber beständig tat, legte sich meine Erschütterung ziemlich schnell, und wir kamen überein, dass er und sein Kumpel die zwei Zimmer, Flur und Küche renovieren würden – bei dem Preis, auf den wir uns einigen konnten, natürlich ohne Rechnung.

Vielleicht lag es ja an meinen beschränkten finanziellen Möglichkeiten, dass die Sache nur schleppend voran kam. Der Möbelwagen war schon bestellt, und wenn die Wohnung zum geplanten Termin bezugsfertig sein sollte, musste ich dem Typen und seinem Kumpel nicht nur endlich mal Dampf machen, sondern würde das Streichen der Rauhfasertapeten auch selbst übernehmen müssen. Und so kam es dann, dass wir noch spät am Abend vor dem Morgen, für den der Umzug angesetzt war, letzte Hand anlegten. Wir waren müde und … natürlich hungrig. Ich weiß nicht mehr, ob es der Typ war oder sein Kumpel, der etwas von „noch nichts gegessen“ brummte. Da die beiden durchgehalten und mich nicht im letzten Moment hängen gelassen hatten, fühlte ich mich verpflichtet, ihnen außer der stets nachgefüllten Kiste Bier (Damals war es wirklich noch üblich, Handwerker besoffen zu machen. Was für ein Schwachsinn!) etwas Essbares anzubieten. Und da schlug der Kumpel des Typen vor, ich könne ja Pizza von Renato holen.

Pizza? – Er versuchte, mir zu erklären, was das war, und versprach: Schmeckt ganz prima! Dann beschrieb er mir, wo ich Renatos Lokal finden würde: ein ganzes Stück die Straße rauf, auf der anderen Seite, noch hinter der Friesenstraße. – Ich zog los.

Auf der anderen Straßenseite hinter der Friesenstraße gab es nur ein Lokal: „The Dirty Old Man’s Joint“. Wie schon gesagt, es sah aus wie eine Kneipe, und ich hatte ernthafte Zweifel, ob dies das Etablissment war, in dem ich die Pizza bekäme, von der man mir vorgeschwärmt hatte. Als ich aber die Tür öffnete, die, wie es sich für eine Kneipentür gehörte, nach außen auf ging, roch es nicht nach abgestandenem Zigarettenrauch und schalem Bier, sondern verführerisch nach … Pizza eben.

Es gibt so erste Male, die vergisst man nicht, und ich glaube, dazu gehört auch die erste Pizza – jedenfalls wenn sie so gut ist wie die von Renato es war. Eine Speisekarte gab es nicht. Neulingen zählte Renato auf, was als Pizzabelag zur Auswahl stand. Jede Kombination war möglich, und jede Pizza kostete 4 Mark oder einen Dollar, was dem damaligen Wechselkurs entsprach. Tatsächlich waren über die Hälfte der Gäste in dem kleinen Lokal Soldaten von der US Air Base auf dem Flughafen Tempelhof. Im Laufe der nächsten Monate sollte ich die Gepflogenheiten in diesem Lokal kennenlernen. Normalerweise beschäftigte Renato eine Kellnerin, die die Gäste bediente. Verzögerungen in der Bedienung gab es nur, wenn Renato gerade seine Pizzasoße neu anrührte, denn deren Rezept war so geheim, dass dann nicht einmal die Kellnerin die Küche betreten durfte. Hatte die Kellnerin frei oder war sie krank, zapften sich die Stammgäste ihr Bier selbst und machten einen Strich auf ihrem Bierdeckel. Ich habe dieses Lokal bis heute in sehr guter Erinnerung, und ich habe nie bessere Pizza gegessen.

Nachtrag:
Laut Selbstauskunft ist die älteste Pizzeria Berlins die „Trattoria Pizzeria Roma„, die 1965 in der Belziger Straße in Berlin-Schöneberg eröffnete.

Dass im Berliner Ortsteil Lankwitz ein Stück Filmgeschichte geschrieben wurde, mag man kaum glauben. Hier gibt es keine Oberschicht und keine Unterwelt, kein Milljö und keine Szene, hier passt keine der Etiketten, die den Berliner Bezirken so gerne aufgeklebt werden. Lankwitz ist einfach nur langweilig. Und vielleicht lebe ich gerade deshalb ganz gerne und nun schon seit 20 Jahren hier. Man muss nicht so oder so sein, um hierher zu passen. Dass auf diesem gerade mal sieben Quadtratkilometer großen Fleckchen Berlin dennoch Filmgeschichte passierte, dürfte ursächlich daran liegen, dass 1938 die Hauptfilmstelle des Reichsluftfahrtministeriums ein eigens für sie errichtetes Gebäude in der Mühlenstraße 52-54 bezog, wo sie Schulungs- und Propagandafilme produzierte. Diese waren es allerdings nicht, die hier mit „Filmgeschichte“ gemeint sind.

Als mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs auch das Ende des Reichsluftfahrtministeriums und damit das von dessen Hauptfilmstelle gekommen war, zog in das nur teilzerstörte Gebäude in der Mühlenstraße die Firma Mosaik-Film ein, welche die Räumlichkeiten und vermutlich auch einen Teil der noch vorhandenen Einrichtung als Kopierwerk nutzte. Wirklich spannend aber wurde es am 14. Oktober 1949, denn mit diesem Datum hatte der Filmproduzent Wenzel Lüdecke seine Firma Berliner Synchron gegründet. Als Firmensitz mietete er „ein paar Räume unter der Treppe“ im Gebäudes der einstigen Hauptfilmstelle des RLM. Es war dies der bescheidene Anfang eines sehr ambitionierten Unternehmens, denn Lüdecke hatte klar erkannt, dass man dem deutschen Kinopublikum mit Untertiteln nicht kommen durfte. Die Filme, die nun in wachsender Zahl vor allem aus den USA und aus England kamen, mussten synchronisiert werden, und die Genehmigung dazu erteilten die Besatzungsmächte vorläufig exklusiv der Berliner Synchron Wenzel Lüdecke.

Im Laufe der folgenden Jahre fand das Gebäude in der Mühlenstraße noch weitere Nutzer – alle aus der Filmbranche. Schließlich war das gesamte Grundstück im Flächennutzungsplan als Filmgelände ausgewiesen. So unterhielt in den 1950er Jahren das in München ansässige Institut für Film und Bild in Wissenschaft und Unterricht (FWU) dort eine Zweigstelle; die Deutsche Mondial-Film GmbH produzierte hier zwischen 1952 und 1955 zwei prominent besetzte Spielfilme; bei der Inter-West-Film GmbH (auch einer Wenzel-Lüdecke-Gründung) entstand 1956 Georg Tresslers „Die Halbstarken“. Doch was produktiv alle anderen locker überholte, war die Berliner Synchron. Unter den unzähligen Synchronfassungen, die zwischen Gründung und silbernem Firmenjubiläum entstanden, waren so erfolgreiche Titel wie „Zwölf Uhr mittags“ (1953), Hitchcock-Klassiker wie „Das Fenster zum Hof (1954), „Psycho“ (1960) und „Die Vögel“ (1963), „Bettgeflüster“ (1959), „Frühstück bei Tiffany“ (1962), die zweite Synchronfassung von „Arsen und Spitzenhäubchen“ (1962), „Jules und Jim“ (1962), „Leih mir deinen Mann“ mit Jack Lemmon und Romy Schneider (1964), „Der Spion, der aus der Kälte kam“ (1965), „Spiel mir das Lied vom Tod“ (1968), eine Neusynchronisierung von „Der dritte Mann (1949/1969), „Der Pate“ (1972) und „Der Große Gatsby (1974) – um nur einige zu nennen. Kein Wunder also, dass die Berliner Synchron – nachdem Wenzel Lüdecke 1972 mit der Kirch-Gruppe zusammen auch noch die nun ebenfalls in Lankwitz ansässige Arena Synchron gegründet hatte – 1974 den gesamten Komplex Mühlenstraße 52-54 übernahm.

1987 übergab der inzwischen siebzigjährige Wenzel Lüdecke die Geschäftsleitung an seinen Sohn Wolfram. Die Firma war nach wie vor gut im Geschäft. Sämtliche Star-Wars-Filme (ab 1977) wurden hier bearbeitet, und in schnell wachsendem Umfang kamen Fernsehserien hinzu, wie z.B. ab 1984 „Die Bill Cosby Show“. Die Gesamtzahl der von der Berliner Synchron Wenzel Lüdecke bis heute synchronisierten Streifen beläuft sich auf über 8.000. Wir haben es also mit mehr als 100 Produktionen pro Jahr zu tun. Eine zwischen den Jahren leicht schwankende Zahl von etwa 60 bis 80 Mitarbeitern hat daran mitgewirkt: Regisseure, Tonmeistern, Geräuschemacher, … nicht zu vergessen die Synchronsprecher. Wie die für das Publikum sichtbaren Schauspieler, stehen auch sie in keinem festen Anstellungsverhältnis, sondern die Rollen werden nach Bedarf besetzt, die Sprecher aus einer über 3.000 Namen umfassenden Kartei ausgewählt. Von vielen Synchronsprechern kennt das Publikum nur die Stimme, aber auch bekannte Schauspieler wie z.B. Harald Juhnke, Martin Held, O.E. Hasse, Heinz Drache, Romy Schneider, Georg Thomalla, Gert Fröbe, Curd Jürgens, Liselotte Pulver, Günter Pfitzmann, Senta Berger und Judy Winter arbeiteten in den Lankwitzer Studios.

Da das Thema „Berliner Synchron“ hier unter „West-Berlin 1950-1990“ angelegt ist, könnte ich an diesem Punkt Schluss machen: Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute. – Aber die Geschichte der Berliner Synchron Wenzel Lüdecke ist kein Märchen. Gestorben sind so einige, die an ihr teilhatten, das wissen wir schon, wenn wir nur die wenigen oben erwähnten Schauspielernamen überfliegen. Auch Wenzel Lüdecke, der Firmengründer lebt nicht mehr. Er starb zwei Jahre, nachdem er seinen Schreibtisch für seinen Sohn geräumt hatte. Das Unternehmen selbst gibt es noch, es trägt auch noch den Namen „Berliner Synchron Wenzel Lüdecke“, ist aber nicht mehr in Lankwitz ansässig. Warum das so ist, versuche ich durch eine Zusammenfassung der Firmengeschichte nach 1990 zu erklären.

Das Jahrtausend neigte sich seinem Ende zu, und die Geschäfte der Berliner Synchron liefen gut – so gut, dass 1999 an der Ecke Mühlenstraße/Paul-Schneider-Straße nach Entwürfen des Architektenbüros Metz & Partner ein neues „Filmsynchronisations- und Bürogebäude“ errichtet wurde. Das markante rote Haus mit der schieferverkleideten Fassade verlieh dem Unternehmen ein zeitgemäßes, der viel befahrenen Paul-Schneider-Straße zugewandtes Gesicht. Eine erste Delle dürfte die bis dahin unbeirrt aufwärts weisende Erfolgskurve der Firma im Jahr 2002 durch die Insolvenz und nachfolgende Zerschlagung der Kirch-Gruppe bekommen haben, denn – wir erinnern uns – zusammen mit dem Medienkonzern hatte Wenzel Lüdecke 30 Jahre zuvor das Quasi-Halbschwester-Unternehmen Arena Synchron gegründet. Sowohl die Berliner Synchron, als auch die Arena Synchron, die zum fraglichen Zeitpunkt nicht mehr in Lankwitz saß, sondern in die ehemaligen DEFA-Studios in Berlin-Johannisthal gezogen war (inzwischen sitzt sie auf dem ehemaligen AEG-Gelände am Hohenzollerndamm) schienen aus den durch die Kirch-Pleite verursachten Turbulenzen relativ unbeschadet hervorgegangen zu sein. Wie viele Federn die Sturmvögel gelassen hatten, ist aus öffentlich zugänglichen Quellen nicht ersichtlich. Am 3. Juli 2006 erfolgte jedenfalls die Umwandlung der Berliner Synchron von einer GmbH in eine Aktiengesellschaft, und vom 16. Oktober desselben Jahres an war das Unternehmen an der Börse notiert. 72% der Anteile hielt nach wie vor die Familie Lüdecke. Aus der Welt geschafft waren die Probleme damit nicht. – Ab 2008 wurde die AG von der Wirtschaftsprüfungs- und Steuerberatungsgesellschaft msw betreut. Deren zuständiger Mitarbeiter, Marcus Dröscher (Jahrgang 1980), war optimistisch, andernfalls hätte er wohl nicht drei Jahre später ganz zur Berliner Synchron gewechselt. Weitere zwei Jahre später wurde er deren „operativer Vorstand“. Dem Wirtschafts-Autor der Berliner Zeitung, Matthias Loke, erklärte Dröscher Ende Juli 2013: „Die Firma ist im Wandel […]. Es gibt Neuerungen, und die bringen viel Arbeit, Gesprächsbedarf, neue Konzepte und die eine oder andere wichtige Entscheidung mit sich.“ – Am 10 Juli 2015 fasste Steffen Uhlmann von der Süddeutschen Zeitung den Stand der Dinge, und wie es dazu gekommen war, so zusammen: “ Die Geschäfte des Spezialisten für Filmsynchronisationen liefen spätestens seit 2006 mehr schlecht als recht. Jahrelang wurden den Anteilseignern Verluste präsentiert. Die weltweite Finanzkrise, der steigende Preisdruck in der kleinen, stark fragmentierten Branche, nicht zuletzt aber die Insolvenz der Kirch-Gruppe […] brachten das Unternehmen an den Rand des Ruins. Die Substanz war aufgezehrt, Schulden drückten und der Aktienkurs gab um bis zu 90 Prozent nach.“ Man hatte sich zu einem Standortwechsel entschieden. Karla Rabe von der Berliner Woche hatte das allerdings schon anderthalb Jahre früher gewusst und in einem Artikel, der am 27. Januar 2014 erschien. Nicole Müller, die Leiterin Marketing und Kommunikation der Berliner Synchron AG zitiert: „Wir haben das Betriebsgrundstück verkauft, um die Gesellschaft zu entschulden und erforderliche Mittel für weitere Restrukturierungsmaßnahmen und die Entwicklung des Unternehmens freizusetzen.“ Der Verkauf war im Rahmen einer Sale-and-Lease-Back-Transaktion vonstatten gegangen. Das Areal an der Mühlen- und Paul-Schneider-Straße gehörte der Berliner Synchron zwar nicht mehr, wurde von ihr aber weiterhin in Pacht genutzt. Klar war jedoch von Anbeginn dieses Arrangements, dass die Filmfirma sich schleunigst nach einem neuen Standort umsehen musste, denn der Grundstückseigentümer wartete nur auf die behördliche Umwandlung des „Filmgeländes“ im Flächennutzungsplan in normales Bauland, um hier mit dem Bau von Wohnungen beginnen zu können. – Im August 2016 wurde die Berliner Synchron Wenzel Lüdecke durch die S&L Medien Gruppe (München) übernommen, durfte ihren Namen aber behalten, und Geschäftsführer war weiterhin Marcus Dröscher. Wolfram Lüdecke, der den Chefsessel ja schon 2013 frei gemacht hatte, begab sich nun endgültig in den Ruhestand. Auch ein neuer Standort war zu diesem Zeitpunkt gefunden. Das Unternehmen würde auf den EUREF-Campus am Schöneberger Gasometer ziehen. Und so geschah es dann auch im März 2017.

Da der Trend allenthalben zur „Doppelspitze“ geht, wurde mit dem Umzug auch die Geschäftsführung der Berliner Synchron durch eine Dame verstärkt: Dr. Martina Berninger. Die Gründe, die zu all den Veränderungen geführt haben, sind eher kein Thema mehr – jedenfalls nicht in Interviews und öffentlichen Verlautbarungen. Da preist man doch lieber die Vorteile des neuen Standortes und die spannenden Entwicklungen in der Film- und Medienbranche. – Indessen ist in Lankwitz das passiert, was Karla Rabe (Berliner Woche) schon im November 2014 mit einem Euphemismus angekündigt hatte: „Die bisher gewerblich genutzten Häuser sollen zurückgebaut werden.“

Und so sieht das „Zurückbauen“ dann aus:

Das Foto habe ich am 27 August 2017 gemacht. Über ehemalige Nazi-Bauten – wenn es nicht gerade Monumente wie das Berliner Olympiastadion oder der Flughafen Tempelhof sind – muss man vielleicht keine Tränen vergießen. Ich ärgerte mich nur ein bisschen darüber, dass die Berliner Synchron es so lieblos verabsäumt hatte, ihre Fahne einzuholen, die nun ausgeblichen und zerschlissen über Trümmerbergen wehte. Zu dem Zeitpunkt hoffte ich noch, der von den Baggern noch nicht angetastete Neubau würde erhalten bleiben – irgendwie anders genutzt, ohne dass ich mir so richtig vorstellen konnte, wofür ein zu so besonderen Zwecken entworfenes Haus sonst noch dienen könnte – noch dazu hier, im langweiligen Lankwitz.

Es war jedenfalls pures Wunschdenken, denn als ich vor Weihnachten mit dem Bus daran vorbeifuhr, stand nur noch die Hälfte des Gebäudes. Der Rest war in keinem besseren Zustand als die ehemalige Hauptfilmstelle des Reichsluftfahrtministeriums.

Die Stimmen kommen also jetzt aus Schöneberg, und ein Video des rbb-Fernsehens zeigt u.a. die schönen neuen Studios dort – allerdings auch (und noch davor) die Abrissarbeiten in Lankwitz. Vielleicht wurde das zerschlissene Fähnchen ja gar nicht lieblos vergessen, sondern bewusst seinem Schicksal überlassen, um einen letzten große Auftritt zu haben. Bei solchen Filmfritzen weiß man ja nie so genau, was echt und was inszeniert ist.

Der Steglitzer Ortsteil Lankwitz ist noch ein bisschen langweiliger geworden. Oder vielleicht auch nicht. Ist mir hier je beim Einkaufen ein Filmstar über den Weg gelaufen? Wenn ja, ist es mir entgangen. Die Frage ist, ob die neuen Wohnhäuser eine Bereicherung werden oder nur eine Schlafstadt, deren Bewohner zum Einkaufen mindestens in die Steglitzer Schloßstraße fahren, zum Essen in einen der Berliner Szene-Bezirke und zu Kinobesuchen an den Potsdamer Platz.

Wie auch immer, der Berliner Synchron wünsche ich auch in Schöneberg viel Erfolg und eine gesicherte Zukunft. Das meine ich aufrichtig, zumal meine Motive nicht ganz uneigennützig sind. Ich möchte auch in Zukunft gerne gut synchronisierte Filme sehen.

Einem auf der Seite filmportal.de veröffentlichten Artikel entnehme ich, dass es in West-Berlin 1955 250 Kinos gab. Der Steglitzer Lokal-Anzeiger Nr. 7 vom 11. Februar 1956 wusste zu berichten: „Jeder Steglitzer, angefangen vom Säugling bis zum Greis, besuchte 20 Mal im Jahr das Kino, […] der Westberliner 28mal. […] Die häufigsten Kinobesucher sind die Charlottenburger, die 44mal im Jahr ins Kino gingen, am wenigsten die Wilmersdorfer (17mal im Jahr).“

Wir befinden uns ja wieder einmal an dem Punkt des Jahres, an dem manche Menschen gute Vorsätze fassen, während andere sich für das bevorstehende neue Jahr einfach nur etwas vornehmen, wie z.B. Freund Werner und Tante Ida nie wieder gleichzeitig einzuladen. Ob nun mit hehrem Anspruch oder aus rein praktischen Erwägungen: Eine Prognose, deren Erfüllung man ein bisschen beeinflussen kann, muss her! – Mal sehen, ob ich es Ende 2018 in puncto Cineastik wenigstens mit einem Wilmersdorfer des Jahres 1955 werde aufnehmen können. In diesem Jahr habe ich es – fürchte ich – nicht mal auf einen Kinobesuch pro Monat gebracht – natürlich weil meistens, wenn ich Lust gehabt hätte, ins Kino zu gehen, „nur Mist!“ gezeigt wurde.

Über Baron Gaigerns Wagen erfahren wir in Vicki Baums Roman „Menschen im Hotel“ nicht mehr, als dass es sich um einen „unbedeutenden Viersitzer“ von graublauer Farbe handelte. Gaigern selbst hingegen war eine eher schillernde Persönlichkeit – Hochstapler und Hoteldieb und nun auch noch ernsthaft verliebt in eine alternde Primaballerina, die er ursprünglich nur um ihr Perlenkollier berauben wollte. Es musste also eine andere Geldquelle gefunden werden: Der sterbenskranke Buchhalter Kringelein, der – als die Ärzte ihm keine Hoffnung mehr machten, sich seine Lebensversicherung hatte auszahlen lassen.

„Wohin fahren wir?“ schrie er in Gaigerns rechtes Ohr, denn ihm kam die Stimme des Motors ungeheuer laut vor, und er fühlte sich wie mitten im Getös und Sturm.
„Bißchen raus zum Mittagessen. Über die Avus“, antwortete Gaigern ganz gemütlich. […]
Die Straße rannte in das Auto hinein mit immer steigender Schnelligkeit. Sie kamen in die Nähe des Funkturms. Hier war Kringelein schon gestern mit Doktor Otternschlag im letzten Abendnebel gewesen, müde und nicht mehr fähig aufzufassen. Die merkwürdigen, glatten, neuen und halbfertigen Hallen hier draußen waren ihm in den Traum nachgelaufen, und nun lag Wirklichkeit und Geträumtes in zwei Schichten über einander, halb bedrohlich und halb unbegreiflich. „Wird das noch fertiggebaut?“ schrie Kringelein und zeigte auf die Ausstellungshallen. „Das ist schon fertig“, wurde geantwortet. Kringelein wunderte sich. Hier war alles kahl wie im Werk, aber es sah nicht häßlich aus wie das Werk in Fredersdorf.
„Komische Stadt“, sagte er kopfschüttelnd und schielte stärker. Er bekam einen Stoß, daß sich ihm die Kopfhaut zusammenzog, aber das bedeutete nichts. Gaigern hatte nur beim Nordtor der Avus gehalten, und es ging schon wieder weiter. „Jetzt geht’s los“, sagte er, und schon bevor Kringelein etwas begriffen hatte, war es losgegangen. […]
Er schnappte aus zusammengequetschter Brust nach Luft, das Auto riß unerkennbare Dinge an sich vorbei, rote, grüne, blaue, auch Bäume stürzten seinem Kneifer entgegen, dann ein roter Punkt, der ein Wagen wurde und wieder hinter dem Auto ins Bodenlose zurückfiel – und noch immer konnte Kringelein nicht atmen. Sein Zwerchfell erlitt neue, ungeahnte Sensationen. Kringelein versuchte den Kopf nach Gaigern zu wenden, siehe da, es gelang, ohne daß er ihm abrasiert wurde. Gaigern saß etwas vorgeneigt über dem Lenkrad, er hatte die Waschlederhandschuhe angezogen, aber nicht zugeknöpft; das sah aus irgendeinem Grund beruhigend und ungefährlich aus. Gerade, als das bißchen Magen, das Kringelein noch besaß, den Versuch machte, bei der Kehle herauszusteigen, begann Gaigern mit zusammengeschlossenen Lippen zu lächeln. Er deutete, ohne den Blick von der sausenden Straßenspule der Avus zu lassen, mit dem Kinn irgendwohin, und Kringelein folgte mit gehorsamen Blicken. Weil er nicht dumm war, begriff er nach einigen Spekulationen, daß er den Kilometermesser vor sich hatte. Der kleine Zeiger vibrierte schwach und wies 110.
‚Donnerwetter!‘ dachte Kringelein. Er schluckte seinen geängstigten Adamsapfel hinunter, er beugte sich vor und legte sich in die vorwärtsreißende Bewegung hinein. Plötzlich überkam ihn der grelle und erschreckend neue Genuß der Gefahr. ‚Noch schneller!‘ verlangte ein unbekannter, tobsüchtiger Kringelein in seinem Innersten. Der Wagen willfahrte: 115. Ein paar Augenblick lang hielt er sich auf 118, Kringelein gab es jetzt endgültig auf zu atmen. Er hätte jetzt so hinsausen mögen in etwas Schwarzes. ‚Vorwärts, los, Explosion, Zusammenstoß, hin sein mit einemmal und aus diesem Tempo heraus!‘ dachte etwas in ihm. ‚Kein Spitalbett‘, dachte er. ‚lieber Schädelbruch.‘ Es tobten noch Reklametafeln an dem Wagen vorbei, die Abstände dazwischen veränderten sich, dann wurden die grauen, hinfetzenden Streifen zu seiten der Straße Föhrenwälder. Kringelein sah Bäume, die sich langsam dem Auto entgegendrehten und wie Menschen wieder in den Wald zurücktraten, wenn das Auto vorbeifuhr. Es war wie auf dem Kinderkarussell in Mickenau, bevor es zu drehen aufhörte. Auf den Reklametafeln las er jetzt Namen von Ölen, Reifen und Wagenmarken, die Luft wurde weicher und strömte in seine Kehle ein. Der Kilometerzeiger sank auf 60, die Nadel tanzte noch ein bißchen, 50 – 45 –, sie verließen die Avus beim Südtor und fuhren nun ganz bürgerlich zwischen den Wannseevillen dahin.

Eine Geschwindigkeit von 115 km/h erschreckt uns heute nicht mehr – oder nur noch, wenn wir geblitzt werden. Auf der Avus (Automobil-Verkehrs- und Uebungsstraße) besteht seit 1989 eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf 100 km/h. Kringeleins Fahrt über die älteste Autobahn Europas aber fand um das Jahr 1926 statt. Der Funkturm wird erwähnt, der ein Jahr zuvor aufgestellt und 1926 zur 3. Großen Deutschen Funk-Ausstellung in Betrieb genommen wurde. Die erste der von Kringelein als „kahl“ empfundenen Messehallen war erst 1921 eingeweiht worden – im selben Jahr also, in dem auch die Avus mit einem Rennwochenende am 24./25. September eröffnet und ab 1. Oktober für den öffentlichen Verkehr freigegeben worden war. „Frei“ war sie allerdings nur in dem Sinne, dass jeder, der es sich leisten konnte und willens war, für die einmalige Durchfahrt eine Gebühr von zehn Reichsmark (oder 1.000 RM für ein Vierteljahr) zu zahlen, sie benutzen durfte. So war mit der ersten Autobahn auch gleich die erste Autobahn-Maut ins Leben gerufen worden, und hier findet sich der Grund, warum Baron Gaigern am Nordtor kurz anhielt – bereit, ein bisschen zu investieren und in der Hoffnung, seinem ängstlichen Beifahrer später umso mehr aus den Rippen leiern zu können.

Die gerade Strecke, über die Baron Gaigern seinen blaugrauen Viersitzer jagte, war 8,3 Kilometer lang. Mit der Nordkurve am Messegelände und der Südkurve in Nikolassee ergab sich für Autorennen ein Rundkurs von 19 Kilometern Länge. Am 11. Juli 1926 wurde der erste Große Preis von Deutschland auf der Avus ausgetragen, doch schlechtes Wetter und der den steigenden Belastungen und Geschwindigkeiten nicht gewachsene Straßenbelag führten zu schweren Unfällen. Schon während des Trainings war ein Beifahrer in der Südkurve ums Leben gekommen. Beim Rennen selbst kam Adolf Rosenberger am Ausgang der Nordkurve von der Piste ab und krachte mit seinem Mercedes-Benz in die Rundenzähltafel und in ein Zeitnehmerhäuschen. Er und sein Beifahrer kamen mit Verletzungen davon, aber für zwei Studenten im Zeitnehmerhäuschen und den Schildermaler an der Anzeigetafel kam jede Hilfe zu spät.

So diente die Strecke ab 1927 außerhalb der Rennveranstaltungen nicht mehr nur als Verkehrs- und Übungsstraße, sondern auch als Teststrecke für verschiedene Straßenbautechniken. Die Deckenversuchsbauten, bei denen Privatunternehmen wahre Pionierarbeit leisteten, stießen jedoch nicht bei jedermann auf Verständnis. Die Straßenbaustellen störten und boten einen Grund mehr, immer wieder die Abschaffung der „mittelalterlichen Maut“ zu fordern.

Blick über die Avus zum Avus-Motel (Mercedeshaus), Berlin

Mitte der 30er Jahre wurde die Avus (als Rennstrecke) durch eine 200 Meter lange Tribüne und das Mercedeshaus ergänzt (Architekten: Fritz Wilms und Walther Bettenstaedt). Der Runde Turmbau mit den vier umlaufenden Galerien zur Rennbeobachtung, dem Mercedes-Stern auf dem Dach und dem angrenzenden Verwaltungsgebäude der Avus GmbH wurde vierzig Jahre später (1977) zur Autobahnraststätte umgebaut und steht heute unter Denkmalschutz. Letzteres gilt auch für die Tribüne. Doch während sich der Turm am Rand der von der A 115 durch eine Leitplanke abgesperrten Nordkurve nur etwas kurios ausnimmt, ist die mit stümperhaftem Graffiti beschmierte und von Unkraut überwucherte Zuschauertribüne ein echter Schandfleck. Seit Jahren wird vergeblich nach einem Investor gesucht, dessen Pläne mit den Vorstellungen der Denkmalschützer kompatibel sind. „Was sollen die Leute denn da machen – sich den Verkehr auf der Autobahn anschauen?“ fragt mich später die Bedienung im Restaurant der Raststätte. Ich muss an den Mann denken, der neben der Tribüne an der Einzäunung der Autobahn lehnte und ganz in die Beobachtung des vorbeiflutenden Verkehrs versunken zu sein schien. Der hätte sicher gern auf der Tribüne gesessen – ich übrigens auch, aber Geld wäre mit uns zwei Figuren natürlich nicht zu verdienen.

Zuschauertribüne an der Avus (Berlin), Rückseite

Zuschauertribüne an der Avus in Berlin, Rückseite (Detail) Zuschauertribüne an der Avus in Berlin, Rückseite (Detail)

 

Avus-Motel, Berlin

Wie erreicht man als Fußgänger das Mercedeshaus? Es war mir schließlich gelungen, indem ich in einer weiten Kurve der Halenseestraße gefolgt war und einen sehr großen Parkplatz überquert hatte. Vom Restaurant des Motels aus hätte ich allerdings auch mein Fernglas gebraucht, um einen wirklich guten Blick auf die Tribüne zu haben. Da boten sich eher die Tischplatten als Fotomotiv.

Blick von Restaurant des Avus-Motels, Berlin

Tischplatte im Restaurant des Avus-Motels, Berlin

Schließlich erklärte mir die Bedienung, wie ich den S-Bahnhof schneller erreichen konnte – über die abgesperrte Nordkurve und den LKW-Parkplatz und durch ein Autobahn-Unterführung.

Ehemalige Nordkurve der Avus (Teilansicht), Berlin

Mit der Nordkurve ging es in der Geschichte der Avus als Rennbahn tatsächlich auf- und abwärts. Die ursprünglich weite Kehre am nördlichen Ende der Rennstrecke wurde 1937 durch eine gemauerte Steilkurve mit einem Neigungswinkel von 43,6 Grad ersetzt, was nicht nur die Rundengeschwindigkeit erhöhte, sondern auch Platz für die oben erwähnte Halenseestraße schuf, und 1940 konnte hier der Anschluss zum Berliner Ring für den Verkehr freigegeben werden. Die Avus verlor den Charakter einer Privatstraße und wurde zum Zubringer. Einige der Klinkersteine, aus denen die Fahrbahn der 1967 abgetragenen steilen Nordkurve bestand, sollen in der Dauerausstellung „Mensch in Fahrt“ im Berliner Technikmuseum zu besichtigen sein – letzte Erinnerungsstücke – z.B. an das Rennen am 30. Mai 1937 in dem die Silberpfeile dominierten. Der Sieger Hermann Lang erreichte eine Spitzengeschwindigkeit von knapp 400 km/h, Bernd Rosemeyer fuhr mit seinem Auto-Union-Rennwagen die schnellste Rennrunde mit einem Schnitt von 276,39 km/h. Die dreifache Erdanziehung sollte Fahrer und Fahrwerke bis an ihre Grenzen fordern, aber die Straßenbauingenieure hatten sich verrechnet. Die Fliehkraft in der Kurve presste die Fahrzeuge nicht an die Fahrbahn, sondern drückten sie Richtung oberer Fahrbahnrand, und Dellen, Bodenwellen und die zu glatten Klinkerziegel taten ein übriges. Es blieb das einzige Mal, dass die Silberpfeile ihre Reifen in die überhöhte Kurve pressten. Sie sollte nachgebessert werden, doch der Krieg ließ dieses Vorhaben nicht über die Planungsphase hinaus gedeihen.

Nach dem Krieg wurden zunächst nur die gröbsten Schäden ausgebessert, so dass ab 1951 viermal jährlich Rennen stattfinden konnte. Zum ersten Rennen der Nachkriegszeit hatte Bundespräsident Theodor Heuss eine Grußbotschaft auf Tonband geschickt. Es sollte ein deutsch-deutscher Tag werden, und im Rennen der Formel-2-Wagen siegte der „Ostzonenfahrer“ Paul Greifzu im modifizierten BMW des Rennkollektivs Johannisthal. Die Nordkurve aber blieb gefährlich, und es kam dort auch in der Folgezeit zu zahlreichen Unfällen – einige davon tödlich. Etwas böswillig könnte man behaupten, dass es nicht nur Motorsportbegeisterung, sondern auch Sensationslust war, was an den Renntagen bis zu 350.000 Zuschauer anlockte. 1959 wurde sogar der Große Preis von Deutschland statt auf dem Nürburgring auf der Avus ausgetragen. Mitten im Kalten Krieg wollte man in der geteilten aber noch nicht von einer Mauer durchtrennten Stadt ein Zeichen setzen, und die Besucher aus Ost-Berlin konnten ihre Eintrittskarten mit Mark der DDR bezahlen. Das weitere Schicksal der Avus als Rennstrecke war aber am Vortag des Rennens schon besiegelt worden, als der Porsche 718 des Vorjahressiegers Jean Behra im Regen über den äußeren Rand der Steilwandkurve schoss und mit dem Sockel einer ehemaligen Flakstellung kollidierte. Der Schock saß so tief, dass drei Jahre lang überhaupt keine Autorennen auf der Avus ausgetragen wurden. Die Zeit der Grand-Prix-Rennen war für die Avus endgültig vorbei. Ab 1975 verlängerte sich der Zyklus für kleinere Veranstaltungen auf zwei Rennen jährlich. Mit dem wachsenden Individualverkehr brachten Sperrungen der Avus für Rennsportveranstaltungen immer mehr Probleme mit sich, und das weitere Ansteigen des Verkehrs nach Öffnung der Berliner Mauer 1989 machte das Ende des Rennbetriebs auf der Avus im April 1998 unausweichlich. Heute bildet die Avus einfach die südwestliche Einfahrt nach Berlin und ist Teil der Bundesautobahn A 115, Zubringer Magdeburg Leipzig.

Gerne hätte ich das Ganze noch von oben – von der Aussichtsplattform des Funkturms aus – fotografiert, aber Plattform und Restaurant sind seit dem 4. Juli und bleiben bis zum 26. August 2016 wegen Wartungsarbeiten geschlossen, und werden unmittelbar danach und bis zum 13. September „ aufgrund exklusiver Veranstaltungen zur Internationalen Funkausstellung 2016“ für die Öffentlichkeit nicht zugänglich sein. – Berlin, du enttäuscht mir mal wieda! Aber wozu gibt es die gute alte Tante Wiki?

Aussicht über Berlin von der oberen Plattform des Funkturms. Avus (BAB 115).

Aussicht über Berlin von der oberen Plattform des Funkturms. Avus (BAB 115). Foto: A. Savin, 21. April 2013

 

Blick auf die AVUS (Berlin) von der Nordkurve aus

Schaue ich zu selten nach oben, oder ist es tatsächlich kein ganz alltäglicher Anblick, wenn sich eine so klar abgegrenzte geschlossene Wolkendecke über den blitzblauen Himmel schiebt? – Das worauf ich hier stehe – und auch da bin ich nicht sicher – scheint mir die ehemalige Nordkurve der Berliner AVUS zu sein. Von der aktiven Autobahn durch eine Leitplanke abgesperrt, schwingt sie sich um einen Parkplatz für LKWs. Im Hintergrund sieht man das zwar unter Denkmalschutz stehende aber völlig heruntergekommene Tribünenhaus.

Tasse Kaffee im AVUS-Motel, Berlin

Und mit herzlichen Grüßen an rochusthal:
Die Tasse Kaffee und ein Plausch mit der Kellnerin im AVUS-Motel hat es wirklich gebracht, und demnächst folgt ein Textlein mit weiteren Fotos zum Thema der ältesten Autobahn.

Vor einer Woche hatte ich Anlass nach Steglitz hinein zu fahren. Ich wohne nämlich am etwas langweiligen Rand des Bezirks. und da ich nun schon mal im Zentrum (!) war, nutzte ich die Gelegenheit, eines meiner bevorzugten Cafés in der Schlossstraße aufzusuchen -– bevorzugt schon deshalb, weil man dort noch am Tisch bedient wird. Ich halte wenig von Starbucks und Konsorten. Da wird an Personal gespart, und der Kaffee ist trotzdem völlig überteuert. Für einen Moment überlegte ich, ob ich mir vorher eine Zeitung besorgen sollte, aber da in jenem Café der Ständer mit Zeitungen immer gut gefüllt ist, ließ ich es bleiben. Dann stellte sich aber heraus, dass just an diesem Tag und zu dieser Stunde die Auswahl sich auf mehrere noch ganz jungfräulich aussehende Ausgaben der Welt beschränkte. Die wird von anderen Besuchern des Cafés offenbar ebenso wenig favorisiert wie von mir. Ich biss in den sauren Apfel, zog ein Blatt aus der Halterung und tröstete mich damit, dass zumindest mein Lieblingstisch noch frei war.

Ich weiß gar nicht mehr, welche Schlagzeilen auf der Titelseite prangten. Der Aufmacher des Feuilletons jedenfalls nahm die kurzbevorstehende Wiedereröffnung des Zoo Palasts zum Anlass, die „alte Neue Mitte der Stadt“ zu rühmen, die langsam wieder zu glänzen beginne. Den Weihnachtsmarkt um die Gedächtniskirche habe man dann hoffentlich zum letzten Mal in dieser Form gesehen, hieß es in der Welt, und wenn erst einmal das Bikini-Haus renoviert sei, … … Alles in allem klang das für mich, als mache man die „neue Alte Mitte“ oder zumindest doch die Investitionen in sie verantwortlich für das Herunterkommen von Breitscheidplatz und Kurfürstendamm. Einer solchen Betrachtungsweise kann ich mich beim besten Willen nicht anschließen. Von 1974 bis 1981 saß ich in einem Büro im Europacenter (mit Blick auf den Platz und den Ku‘damm, und schon damals, acht Jahre und mehr vor dem Fall der Berliner Mauer, konnte sich niemand darüber hinwegtäuschen, dass es mit dem Areal um die Gedächtniskirche und dem unteren Teil des Kurfürstendamms langsam aber sicher bergab ging. – Eine kaputte Fensterscheibe, die nicht ersetzt wird, reiche aus, um den Niedergang eines ganzen Stadtteils zu bewirken. Wo habe ich das kürzlich gelesen? Vielleicht sogar in der Welt? Auf jeden Fall trifft es zu. Aber es trifft nicht nur auf Fensterscheiben zu, sondern auch auf Räumungsverkäufe, verdreckte Straßen, beschmierte Türen und Hauswände, Leerstand von Läden und Wohnungen, … Die Wirtschaftswunderjahre waren vorbei. Die neuen jungen Erwachsenen zeigten dem Establishment ihre Verachtung. In abgewetzten Jeans und Turnschuhen eroberten sie die Plüschsessel der Uraufführungstheater. Sie kauften Peace-Zeichen am Lederbändchen vom Straßenhändler, statt mit träumenden Augen vor den Auslagen der Juweliergeschäfte zu stehen. „“Billig will“ ich“ und „„Geiz ist geil““ waren als Slogans noch nicht geboren, aber immer häufiger sah man in Schaufenstern statt attraktiv dekorierter Auslagen neonfarbene Plakate, die mit klotzigen Prozentzeichen die Kundschaft lockten. War noch vor kurzem die Schnäppchenjagd auf Sommer- und Winterschlussverkauf beschränkt gewesen, wurde sie nun zum Dauersport. Wer es billig will, verdient keinen Luxus. So einfach ist das. Luxus zeichnet sich dadurch aus, dass er nicht allen und/oder nicht jederzeit zur Verfügung steht. Nur deshalb genießt man ihn ja als Luxus. Anders würde er zur Selbstverständlichkeit verkommen. Und in diesem Sinne verkam die Gegend um den Breitscheidplatz -– erst langsam, dann zusehends schneller, wurde schmuddelig und ordinär und unterschied sich von anderen Berliner Straßen und Plätzen nur noch durch die Touristendichte. Gedächtniskirche, Ku’damm, … Das waren noch Orte, die man in Berlin gesehen haben musste. Auch den Bahnhof Zoo, der wie alle Großstadtbahnhöfe Obdachlose, Kleinkriminelle und die „Kinder vom Bahnhof Zoo“ anzog, und dessen Nähe ein Übriges zur Abwertung der Gegend beitrug. -– Und nun also wieder „alte Neue Mitte der Stadt“. Der Begriff West-Berlin darf – zumindest wenn es nach der Welt geht –- nicht sterben. Warum rege ich mich eigentlich darüber auf? Die Himmelsrichtungen haben mit dem Fall der Mauer ja nicht aufgehört zu existieren. Ganz im Gegenteil, haben sie erst danach wieder ihre wahre Bedeutung erlangt als Wegweiser in eine unbegrenzte Ferne. Ein „Westend“ und einen „Ostbahnhof“ gibt es auch in anderen Städten. Und überhaupt müsste ich -– wenn es schon um West-Berlin geht –- einen ganz anderen Lokalpatriotismus entwickeln. Schließlich bin ich im Westen aufgewachsen. In diesem West-Berlin liegen die Orte meiner Kindheitserinnerungen (so sie sich denn noch finden lassen). Tatsächlich aber fühle ich mich oft wie an Ort und Stelle heimatvertrieben. Dieser Vorwurf geht keineswegs an die Migranten, die in der Stadt leben und ihr Bild mit prägen. Das Problem ist ein Problem der Schnelllebigkeit unserer Zeit. Und wo wäre sie schnelllebiger als in einer Stadt wie Berlin?

An dieser Stelle scheint es mir geboten, einige Sätze aus Bernd Wagners Roman „Club Oblomow“ wörtlich zu zitieren:

Zurück in Berlin [Die Rede ist von der Rückkehr aus Zerbst.], fand ich die Stadt ungeheuer groß. Der Hauptgrund, warum ich nach Berlin gezogen war, bestand darin, daß es hier so viele Straßen und Menschen gibt wie nirgends sonst in Deutschland. Und wenn in Berlin auch mehr Häuser als in jeder anderen Stadt in Schutt und Asche gelegt wurden, so konnte man seine Seele nicht so vollkommen auslöschen wie die von Magdeburg oder Zerbst. Jetzt, wo man versuchte, die Lücken zuzubauen, merkte ich übrigens stärker als zuvor das ganze Ausmaß der Zerstörung. Vielleicht, fiel mir ein, als ich vom Zoo zur Friedrichstraße fuhr, vielleicht fiel Berlin das Weiterleben leichter, weil es mehrere Seelen hatte. Schon immer beispielsweise eine östliche und eine westliche. Im Februar 1919 durfte sich kein Spartakist in Charlottenburg sehen lassen, schrieb ich neulich ab, und im Osten wurde jeder regierungstreue Soldat gelyncht.

Im Februar 1919! Solche Betrachtungen kann nur ein Zugereister anstellen. Oder ein Tourist. In Zerbst habe ich mir über das Zerbst Gedanken gemacht, das Karl Emil Franzos besucht hatte, und über das Zerbst, das auch er vor über hundert Jahren schon nicht mehr vorgefunden hatte. Aber Berlin… 1919! Das war 30 Jahre vor meiner Geburt. Ich vermisse ja nicht einmal den Milchladen meiner Urgroßmutter, denn auch den hatte ich nie gesehen -– nur das ungeheure Ruinenfeld, in dem irgendwo dieser Milchladen einmal gewesen sein musste. Diese Ruinenlandschaft, die so viele Leben und Erinnerungen unter sich begraben hatte, hat sich mir ins Gedächtnis gebrannt. Ich würde bei einer Stadt auch nie von einer Seele sprechen, sondern von einem Geist. Das ist nicht dasselbe. Aber der Geist Berlins angesichts dieser Ruinenlandschaft, ein Geist der sich nicht unterkriegen ließ, ist auch nicht derselbe wie der Geist des heutigen Berlin. Auch der heutige lässt sich vielleicht nicht unterkriegen, aber der heutige kehrt Berlin den Rücken, wenn es nicht so läuft wie es soll.

Diesem Eintrag liegt der Roman „Club Oblomow“ von Bernd Wagner zugrunde, erschienen 1999 bei Ullstein in Berlin, ISBN 3-550-08298-3

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