Video


Als Nichtbesitzerin eines Fernsehgerätes vermisse ich im Kino sogar die „Wochenschau“ ein bisschen. Was ich ernsthaft vermisse, ist der früher vor dem „Hauptfilm“ gebotene Kurzfilm, der – abgesehen davon, dass er manchmal qualitativ den „Hauptfilm“ übertraf, mit seiner Verdrängung aus dem regulären Kinoprogramm seine Plattform in der breiten Öffentlichkeit verloren hat. Wer besucht schon die Kurzfilmfestivals – obwohl sich das wirklich lohnt. Drehbuchautoren und Filmregisseure haben offenbar die Kunst verlernt, einen Stoff in ziemlich genau 90 Minuten abzuhandeln. Viele Filme dauern deutlich länger als zwei Stunden. Sie später im Privatfernsehen anzuschauen – mit Werbeunterbrechungen – muss eine echte Zumutung sein. Jedenfalls bleibt im Kino für „Vorfilme“ keine Zeit mehr. Und dann ist es natürlich auch eine Kostenfrage. Was vor dem Film noch bleibt, sind die Trailer der demnächst gezeigten Filme und ein bisschen Werbung. Aber eben diese Werbung hat mir gestern ausnahmsweise Spaß gemacht, denn es lief ein Spot, den für die BVG (Berliner Verkehrsbetriebe) die Hamburger Werbeagentur Jung von Matt gemacht hat. Das Ding lässt sich (von mir jedenfalls) nicht einbinden, und ich bitte um einen Klick auf die Seite von SPIEGEL-Online:

http://www.spiegel.de/netzwelt/web/is-mir-egal-kazim-akboga-die-bvg-und-virale-werbung-a-1067344.html

Im Kino lief eine etwas kürzere Version, aber daran lag es nicht, dass ich zwar lachte, aber ohne so recht zu wissen, was ich mit der Botschaft anfangen sollte. Ist den Kontrolleuren bei der BVG jetzt wirklich alles egal? Und vor allem: WILL ICH DAS???

Nun, die Kontrolleure werden wohl weiterhin Bußgelder verhängen/kassieren, wenn sie jemanden ohne gültigen Fahrausweis erwischen, und die Ordnungskräfte werden dem Rauchen auf Bahnsteigen nicht tatenlos zusehen. Was die BVG uns mit „Ist mir egal“ sagen will, ist wohl eher: Im Prinzip sind wir tolerant, und wir nehmen es euch nicht persönlich übel, wenn Ihr z.B. eine Schrankwand in der U-Bahn transportiert. Wir machen hier nur unseren Job und müssen halt ein bisschen für Ordnung sorgen. Lieb haben wir Euch trotzdem alle. – Na, wenn das so ist, lässt man sich doch gerne mal freundschaftlich anblaffen.

Advertisements

Im Rahmen der Forschungsarbeiten zu ihrer 2012 am Zoologischen Forschungsmuseum Alexander Koenig – Leibniz-Institut für Biodiversität der Tiere in Bonn veröffentlichten Diplomarbeit filmte Isabella Terpkovitz erstmals das bis dahin weitestgehend unbekannte Fortpflanzungsverhalten der punktierten Zartschrecke, einer in Europa verbreiteten Heuschreckenart. Besonders spannend ist, dass und wie das Männchen eine Spermatophore an das Weibchen übergibt.

Im Bach-Werkverzeichnis sind die Goldberg-Variationen unter Nummer 988 zu finden. Der von Johann Sebastian Bach selbst 1741 veranlasste Erstdruck wurde weniger einprägsam als Clavier Ubung bestehend in einer ARIA mit verschiedenen Verænderungen vors Clavicimbal mit 2 Manualen bezeichnet. Die Benennung nach Johann Gottlieb Goldberg erfolgte erst nach Bachs Tod und ist auf eine Anekdote zurückzuführen:

Dieses Modell, nach welchem alle Variationen gemacht werden sollten, obgleich aus begreiflichen Ursachen noch keine einzige darnach gemacht worden ist, haben wir der Veranlassung des ehemaligen Russischen Gesandten am Chursächs. Hofe, des Grafen Kaiserling zu danken, welcher sich oft in Leipzig aufhielt, und den schon genannten Goldberg mit dahin brachte, um ihn von Bach in der Musik unterrichten zu lassen. Der Graf kränkelte viel und hatte dann schlaflose Nächte. Goldberg, der bey ihm im Hause wohnte, mußte in solchen Zeiten in einem Nebenzimmer die Nacht zubringen, um ihm während der Schlaflosigkeit etwas vorzuspielen. Einst äußerte der Graf gegen Bach, daß er gern einige Clavierstücke für seinen Goldberg haben möchte, die so sanften und etwas muntern Charakters wären, daß er dadurch in seinen schlaflosen Nächten ein wenig aufgeheitert werden könnte. Bach glaubte, diesen Wunsch am besten durch Variationen erfüllen zu können, die er bisher, der stets gleichen Grundharmonie wegen, für eine undankbare Arbeit gehalten hatte. Aber so wie um diese Zeit alle seine Werke schon Kunstmuster waren, so wurden auch diese Variationen unter seiner Hand dazu. Auch hat er nur ein einziges Muster dieser Art geliefert. Der Graf nannte sie hernach nur seine Variationen. Er konnte sich nicht satt daran hören, und lange Zeit hindurch hieß es nun, wenn schlaflose Nächte kamen: Lieber Goldberg, spiele mir doch eine von meinen Variationen. Bach ist vielleicht nie für eine seiner Arbeiten so belohnt worden, wie für diese. Der Graf machte ihm ein Geschenk mit einem goldenen Becher, welcher mit 100 Louisd’or angefüllt war. Allein ihr Kunstwerth ist dennoch, wenn das Geschenk auch tausend Mahl größer gewesen wäre, damit noch nicht bezahlt. Noch muß bemerkt werden, daß in der gestochenen Ausgabe dieser Variationen einige bedeutende Fehler befindlich sind, die der Verf. in seinem Exemplar sorgfältig verbessert hat.

Viereinhalb Monate New York und immer wieder die Goldbergvariationen … …Was alles kann einem durch den Kopf gehen, während man ein Gasthaus betritt, in welchem man schon früher mehrmals abgestiegen ist, in der Gaststube auf die Wirtin wartet, weil man ein Zimmer nehmen möchte, feststellt, wie verschmutzt das Fenster zur Küche ist, weiter denkt an die Beerdigung eines Freundes, von der man gerade kommt und die für fünf Uhr morgens angesetzt war, weil er, der Freund, sich an einem Baum erhängt hat, 100 Meter vom Haus seiner ihn verlassen habenden und nun mit einem reichen Schweizer Fabrikanten verheirateten Schwester entfernt, dazu aber auch an noch einen Freund denkt, Glenn Gould, der die Hauptschuld, oder eine Mitschuld oder gar keine Schuld trägt an diesem Drama, der aber seinerseits auch nicht mehr lebt, wenn er sich auch nicht umgebracht hat? – Den Fehler der meisten inneren Monologe in der Literatur, nämlich dass sie sich lesen wie wohlformulierte Briefe, die einer schreibt, wollte Thomas Bernhard (1931-1989) ganz offensichtlich nicht machen. Über 150 Seiten hinweg, von denen er lediglich auf der ersten, am Ende der dritten, sechsten und zehnten Zeile einen Absatz macht, strömen die Gedanken des Ich-Erzählers und überlagern sich die Erinnerungen, während die Zeit stillzustehen scheint. Äußerlich geschieht nicht mehr als die oben beschriebene Ankunft in einem Gasthaus, bis auf Seite 106 endlich die Wirtin die Gaststube betritt.

Was der Leser dem Strom der Gedanken entnehmen kann, ist die Geschichte der Freundschaft dreier junger Männer, angehender Klaviervirtuosen, die einander einst in Salzburg am Mozarteum im Horowitz-Kurs begegneten, um nie wieder von einander loszukommen. In Wahrheit hat Glenn Gould nie in Salzburg studiert, Horowitz nie am Mozarteum unterrichtet, und der Ich-Erzähler und jener Wertheimer, der von Glenn Gould den Spitznamen der Untergeher erhalten hatte, sind ganz und gar fiktive Gestalten. Dennoch geht etwas beklemmend Wirkliches von diesem kurzen Roman aus, von der Beschreibung der Befindlichkeiten und Empfindlichkeiten der jungen und auch noch der älter werdenden Künstler, denen vieles, was uns Normalsterblichen so lieb und kostbar erscheint, einfach unerträglich ist: das Leben in der Stadt, das Leben auf dem Land, Spaziergänge im Wald, ein Baum vor dem Fenster, Wien, Salzburg, die Schweiz, das Publikum, der Applaus, vor allem aber das Virtuosentum und dabei ganz besonders das Klaviervirtuosentum.

Beim Lesen hatte ich das Gefühl, dass mir selbst all dies von Seite zu Seite mehr und mehr verleidet wurde, bis mir das Weiterlesen fast so unerträglich war wie den Klaviervirtuosen die Stadt, das Land, das Publikum, …… Endlich der Schluss: „Ich bat den Franz, mich für einige Zeit in Wertheimers Zimmer allein zu lassen und legte mir Glenns Goldbergvariationen auf, die ich auf Wertheimers Plattenspieler liegen gesehen hatte, der noch offen war.“

Und es lässt sich nicht bestreiten, Bachs Goldberg-Variationen, gespielt von dem echten Glenn Gould (1955), sind es wert, einiges dafür zu ertragen.

Cover: "Der Untergeher" von Thomas Bernhard
Thomas Bernhard
Der Untergeher
Verlag: Süddeutsche Zeitung / Bibliothek (2004)
ISBN: 3-937793-04-6

Im Sommer 2012 redete das Göttinger Tageblatt dem Leiter der Rechtsmedizin an der Universität Göttingen, Professor Dr. Michael Klintschar, ordentlich ins Gewissen. Es ging um Haarmanns Kopf. Wir erinnern uns bitte: Der für 24 Morde zum Tode verurteilte Fritz Haarmann war am 15. April 1925 enthauptet worden. Der abgetrennte Kopf wurde zur Präparation der Rechtsmedizin der Universität Göttingen übergeben und landete in der forensischen Sammlung des Instituts. Zwar war der Kopf seit Jahrzehnten nicht mehr ausgestellt worden – wer ihn jetzt noch gerne sehen möchte, muss einen Blick auf die Seite des Tageblatts werfen – doch der durch die schon damals geführte Diskussion um Gunther von Hagens „Körperwelten“ aufgescheuchte Journalist, sah sich doch veranlasst, eine ordnungsgemäße Bestattung des Kopfes anzumahnen, und Dr. Klintschar zeigte sich durchaus einsichtig. Gebracht hatte das Präparat ohnehin wenig bis nichts – jedenfalls nichts in der Art einer Erkenntnis, woran man einen Verbrecher erkennen und seinem bösen Tun zuvorkommen könnte. Der Kopf wurde eingeäschert und im März 2014 anonym bestattet. Das Interesse am Verbrechergehirn ganz allgemein jedoch ist ungebrochen, wendet sich allerdings mehr und mehr dem Verbrecher-Elektronengehirn zu.

Heute muss in der Nachrichtenredaktion des rbb kurzfristig ein kleines schwarzes Loch entstanden sein, so etwas wie eine Sauregurkenzeit von wenigen Stunden Dauer. Jedenfalls tauchte in einigen Nachrichtensendungen „precob“ aus den Mitteilungen des LKA auf wie sonst Nessi im Hochsommer aus dem Loch (nicht aus dem schwarzen, sondern dem Loch Ness). Seither versuche ich der Aktualität dieser Meldung auf die Spur zu kommen und werde nicht fündig. In Wien arbeitet man mit solcher Software seit einem Jahr, in München und Augsburg testet man sie seit Oktober 2014, das LKA in Düsseldorf hat das Projekt Mitte Februar ausgeschrieben. 100.000 Euro müssen dafür „in die Hand genommen“ werden – das alles ist bekannt und hat niemanden wirklich vom Hocker gerissen. Allerdings hat das heutige Aufwärmen doch dazu geführt, dass ich ein bisschen nachgelesen habe über diese Prognosesoftware, die es der Polizei ermöglichen soll, Verbrechen vorauszusehen und dann, …… Ja was? Täter zu verhaften, bevor sie eine Tat begangen haben? Und wann genau ist der Augenblick gekommen, in dem die Unschuldsvermutung nicht mehr gilt?

Nun, damit sollen Juristen sich herumschlagen. Was mich weit heftiger umtreibt ist, dass diese Software mit Algorithmen arbeitet, welche sich die Perspektive des potentiellen Täters zu Eigen machen, so dass das elektronische Gehirn zum Verbrechergehirn wird, dessen Denke es dann aber umkehrt. Jedenfalls ist das im groben Ganzen die Idee. Dort, wo Verbrecher am wenigsten mit einer Gefahr, dafür aber mit lohnender Beute rechnen, genau dort wird die Polizei ihnen auflauern. – Nun wage ich nicht, mir auszumalen, wohin es führt, wenn Verbrecherkreise sich dieser Software und der geheimen Algorithmen bemächtigen, um die Strategie der Polizei zu konterkartieren und das Umgekehrte nochmals umzukehren. Ganz ruhig! Zunächst will man die Software ja tatsächlich nur auf dem Gebiet der Einbruchskriminalität testen und das Programm mit den Daten füttern, wo in letzter Zeit Einbrüche stattgefunden haben (früher reichten dazu Stecknadeln im Stadtplan), weil die Erfahrung gezeigt hat, dass Einbrecherbanden in der Nachbarschaft wieder zuschlagen. Aber wenn man das doch schon weiß, wozu dann 100.000 Euro für ein Computerprogramm? Gut, ganz so einfach ist es nicht. Zwar wird man keine personenbezogenen Daten eingeben –- da ist (noch) der Datenschutz davor, aber Wetterdaten sollen mit verarbeitet werden. Man ist sehr gespannt, ob sich ein Zusammenhang von Einbruchshäufigkeit und zum Beispiel Regenwetter ergibt.

Also, wenn ich ein Einbrecher wäre, würde ich bei Regen eher nicht auf Tour gehen, weil die Wahrscheinlichkeit relativ hoch ist, dass die Leute zu Hause bleiben und etwas dagegen einzuwenden haben könnten, wenn man ihre Bude ausräumt. Aber: „Warte, warte noch ein Weilchen, bald kommt Haarmann auch zu dir, ..….“

Es gibt Sätze (oder Halbsätze), die muss man auf eine ganz bestimmte Weise sagen, sonst stimmen sie einfach nicht. Jemand, der zum Beispiel im Ton überschwänglicher Herzlichkeit ausriefe: „„Mein lieber Freund und Kupferstecher!““ würde beim derart Angeredeten und bei allen, die der Sache sonst noch anhörig werden, wohl einige Irritation auslösen. Diesem „“Mein lieber Freund und Kupferstecher!““ muss ein kleines nachdenkliches Zögern vorausgehen. Dann ist der Satz eher leise und keinesfalls zu schnell zu sprechen, und in der Stimme muss ein Vorbehalt, etwas wie ein unausgesprochener Misstrauensantrag mitschwingen, auch etwas Ermahnendes vielleicht. Keinesfalls aber darf es sich wie ein strenger Verweis anhören oder so, als sei der Sprecher ernsthaft oder gar unversöhnlich erzürnt. Vielmehr sollte ein prüfender aber nicht unfreundlicher Blick in die Augen des Gegenübers den Charakter der Ansprache noch unterstreichen, …

Der Witz allerdings ist: Das entspricht gar nicht dem eigentlichen Ursprung des Satzes, welcher mit größter Wahrscheinlichkeit auf den Dichter und Orientalisten Friedrich Rückert (1788-1866) zurückgeht. In Rückerts Sinn wäre die betonte Herzlichkeit die einzig richtige Form, denn so formulierte er die Anrede in den Briefen an seinen Freund, den Kupferstecher Carl Barth –– ohne jeglichen Vorbehalt. Rückert war mit Barth nicht nur befreundet, dieser war ihm auch überaus nützlich, fand Rückerts Werk doch durch die Handwerkskunst des Freundes Verbreitung, denn der Kupferstich war zu jener Zeit weniger eine eigenständige Kunst als eben die gegebene Technik der Vervielfältigung. Freilich barg das Kupferstechen auch Möglichkeiten des Betruges. Es konnte über den Auftrag hinaus abgekupfert werden. Und da auch Papiergeld mittels der Technik des Kupferstiches gedruckt wurde, war die Herstellung von Falschgeld für den Kupferstecher eine Kleinigkeit.

Es ist anzunehmen, dass die Ansprache „„Mein lieber Freund und Kupferstecher“…“ nicht unmittelbar durch Rückerts Briefe zum Gemeingut wurde, denn es ist eher unwahrscheinlich, dass diese einer breiten Öffentlichkeit zur Kenntnis gelangten. Im Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten verweist Lutz Röhrich als wahrscheinliche Quelle für die Verbreitung des „Freundes und Kupferstechers“ auf das 8. Kapitel von Theodor Fontanes Roman Frau Jenny Treibel (1892):

Gegen halb acht war er draußen, und einen halbwachsenen Jungen mit nur einem Arm und dem entsprechend losen Ärmel (den er beständig in der Luft schwenkte) heranwinkend, stieg er jetzt ab und sagte, während er dem Einarmigen die Zügel gab: „Führ es unter die Linde, Fritz. Die Morgensonne sticht hier so.“ Der Junge that auch, wie ihm geheißen, und Leopold seinerseits ging nun an einem von Liguster überwachsenen Staketenzaun auf den Eingang des Treptower Etablissements zu. Gott sei Dank, hier war alles wie gewünscht, sämtliche Tische leer, die Stühle umgekippt und auch von Kellnern niemand da, als sein Freund Mützell, ein auf sich haltender Mann von Mitte der Vierzig, der schon in den Vormittagsstunden einen beinahe fleckenlosen Frack trug und die Trinkgelderfrage mit einer erstaunlichen, übrigens von Leopold (der immer sehr splendid war) nie herausgeforderten Gentilezza behandelte. „Sehen Sie, Herr Treibel“, so waren, als das Gespräch einmal in diese Richtung lief, seine Worte gewesen, „die meisten wollen nicht recht und streiten einem auch noch was ab, besonders die Damens, aber viele sind auch wieder gut und manche sogar sehr gut und wissen, daß man von einer Cigarre nicht leben kann und die Frau zu Hause mit ihren drei Kindern erst recht nicht. Und sehen Sie, Herr Treibel, die geben und besonders die kleinen Leute. Da war erst gestern wieder einer hier, der schob mir aus Versehen ein Fünfzig-Pfennigstück zu, weil er’s für einen Zehner hielt, und als ich’s ihm sagte, nahm er’s nicht wieder und sagte blos: „Das hat so sein sollen., Freund und Kupferstecher; mitunter fällt Ostern und Pfingsten auf einen Dag.“

Der Umstand, dass Fontanes Roman recht erfolgreich war, und dass man Fontane selbst durchaus zutrauen kann, den Briefwechsel zwischen dem Dichter Rückert und seinem Kupferstecher gekannt zu haben, lässt diesen Werdegang zur allgemeinen Redensart plausibel erscheinen. Und siehe da! Schon bei Fontane sind die Worte in Richtung des Jovialen, Augenzwinkernden gerückt, von wo es bis zur wohlwollenden Mutmaßung einer kleinen Unregelmäßigkeit oder Vorteilnahme nur ein Schritt ist. Heute verwendet man die Redensart im Sinne von: „„Mein lieber Freund, glaub nur nicht, ich wüsste nicht, was du im Schilde führst““, oder „pass bloß auf, dass ich Dir nicht auf die Schliche komme!““

Ganz ohne Schliche kommt ein wahrhaftiger Kupferstecher*) unserer Zeit aus. John Franzen wurde 1981 in Aachen geboren, wuchs in Belgien auf, absolvierte die Kunstakademie in Maastricht und begann schon vor Jahren mit seinem Zyklus „“Each Line One Breath““ (Jede Linie ein Atemzug). Ursprünglich handelte es sich um Bleistiftzeichnungen, inzwischen ist Franzen dazu übergegangen, die Linien freihändig in schwarz beschichtete Kupferplatten zu ritzen. Dabei folgt er dem Prinzip jede Linie parallel zur vorhergehenden zu ziehen, was zwangsläufig misslingt (selbst wenn man den Atem anhält, bis man absetzen kann). Man bekommt Lust, es selbst einmal zu versuchen – freilich die Bleistiftvariante. Die bei John Franzen so entstehenden Bilder wirken jedenfalls beschwingt und beruhigend zugleich. Sie scheinen zu atmen, und das ist einfach schön. Hier ein kurzes Video.

*) Dass es sich bei John Franzens Technik nicht um einen Kupferstich handelt, hat Trithemius im Kommentar wunderbar erklärt.

It must be nice to disappear
to have a vanishing act
to always be looking forward
and never looking back

How nice it is to disappear
float into a mist
with a young lady on your arm
looking for a kiss

It might be nice to disappear
to have a vanishing act
to always be looking forward
never look over your back

It must be nice to disappear
to have a vanishing act
to always be looking forward
and never looking back

„Vanishing Act“
from the album „The Raven“ (2003)
written by Lou Reed

Nils Frahm – Unter (Official Music Video) from Erased Tapes on Vimeo.

Nächste Seite »