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… und halte bereit mein Triangel, …

vielleicht kennen ja einige Leser Georg Kreislers Lied vom Triangel-Spieler. So in etwa ergeht es mir zurzeit. Einen Paukenschlag oder einen Tusch hatte ich versprochen, wenn ich damit fertig wäre, „The Man is the Work“ (auch Hopper-Blog genannt) vom dem Untergang geweihten Schiff blog.de auf die geistige Bohrinsel WordPress zu retten. Festen Boden gibt es naturgemäß in einem Netzt ja sowieso nicht, so world-wide es auch sein mag. Nur fehlt mir für Paukenschlag oder Tusch gerade eben die Energie. Ich bediene mich also — ganz zeitgemäß — einer kleinen Bombe, um wenigstens einen kleinen Knall zu erzeugen.

Im Grund müsste ja schon der Umstand, dass ich immer noch an Wüstefelds „Paris geschenkt“ lese, eine Erschütterung verursachen – jedenfalls eine des Zwerchfells. Die gesamte Belegschaft der physiotherapeutischen Abteilung des Polikums grinst jedenfalls darüber, mich Woche für Woche im Flur sitzen zu sehen, während ich mir die Wartezeit mit stets demselben Buch verkürze. Meine Erklärung, ich käme zuhause nicht zum Lesen, klingt in ihren Ohren unglaubwürdig. Was hat eine Rentnerin mit Sulcus-ulnaris-Syndrom (links) denn groß anderes zu tun als zu lesen? Aber nun haben zwei S-Bahnfahrten nach Spandau mich in der Lektüre ein gutes Stück vorangebracht, und auf der Heimfahrt gestern Abend las ich dann:

Um etwas über die Bomben nachzulesen, kaufe ich mir eine deutsche Zeitung, sie titelt: Terror in Paris, schreibt von islamischen Extremisten, die vermutlich für die Pariser Anschläge verantwortlich zu machen sind. Immer wenn in westlichen Gesellschaften die zivile Ordnung unliebsam gestört wird, ist von islamischen Extremisten die Rede. Was im Papierkorb am Etoile explodiert ist, soll eine Camping-Gasflasche belgischen Fabrikats gewesen sein. Von einem JoJo-Spieler schreibt die deutsche Zeitung nichts. Ich will sie in einem Papierkorb versenken, bekomme sie aber nirgendwo unter, werfe sie schließlich dorthin, wo sich bereits anderer Müll türmt. Seit am Etoile der Papierkorb explodiert ist, sind die Behälter über Nacht verschlossen worden. Weil ich immer noch eine vierzigjährige Mangelwirtschaft in den Knochen habe, bewundere ich, wie schnell die Pariser Sicherheitskräfte über derartig viele passende Papierkorbdeckel verfügen konnten.

aus „Paris geschenkt“ von Michael Wüstefeld

Je mehr sich alles zu ändern scheint, desto mehr bleibt alles dasselbe. Wer hat das nun wieder (sinngemäß) gesagt? Jedenfalls war es bei Weitem nicht das erste Mal, dass es mich seltsam berührte, mit welch untrüglicher Sicherheit Bücher sich im passenden Moment — sei er glücklich oder fatal — zur Lektüre regelrecht aufdrängen. Wüstefelds Roman erschien 2008, die beschriebene Handlung spielt im Jahr 1988, und als ich vor einigen Wochen nach dem Buch griff, da war es dasjenige, das zufällig zuoberst auf dem Stapel ungelesener Bücher lag …


Unterm Strich: Eigentlich schreibe ich das alles nur, um die Aufmerksamkeit der geschätzten Leser darauf zu lenken, dass „The Man is the Work“ nun hier zur Verfügung steht und ich mich freuen würde, wenn das Hopper-Blog auch hier den einen oder anderen Interessenten fände. Zu finden unter https://themanisthework.wordpress.com/ oder auch über den Link The Man is the Work (Rubrik: Meine Seiten und Blogs) am rechten Seitenrand.

Mit den Jahren wandelt sich die Lust, und man begnügt sich damit …

 

ritzer Garten, Pavillon, 30.10.2015 Britzer Garten "Dalienfeuer", 30.10.2015

… zu lustwandeln.

 

Fotos: Spaziergang heute mit einer ehemaligen Kollegin im Britzer Garten, wo das „Dalienfeuer“ zurzeit die Hauptattraktion darstellt.

 

Verreisen werde ich in diesem Jahr wohl nicht noch einmal. Dafür habe ich mich aufs literarische Reisen verlegt. So begleite ich gerade den Lyriker und Schriftsteller Michael Wüstefeld – geboren 1951 in Dresden – auf zwei Reisen nach Paris, von denen er die erste 1988, die zweite 1995 unternahm. Der Versuch, ein Déjà-vu zu provozieren.

 

Heute morgen, im Wartezimmer meines Orthopäden … Meine linke Hand hat beschlossen, eigenmächtig und dazu noch vorzeitig einen Winterschlaf anzutreten. Im Wartezimmer also musste ich mir das Lautherauslachen verkneifen.
Die erste Auster schmeckte ich gar nicht, weil ich sie, um es schnell hinter mich zu bringen, so heftig in mich hineinschlürfte, dass sie, ohne meine Zunge zu berühren, direkt in die Speiseröhre schoss und ich ihr mit einem Glas Weißwein zu einem schnellen Verschwinden verhalf.
Arlette, die mich beobachtet hatte, war enttäuscht und nannte meine Taktik einen Frevel. Sie schenkte mir Wein nach und forderte mich zum zweiten Durchgang heraus.
Nimm dir Zeit, Junge, und genieße es.
Und wirklich, den folgenden Austern räumte ich eine längere Verweildauer auf meiner Zunge ein und schmeckte sie. Angenehme Kühle, etwas Salz, brackiger Fischgeschmack, überraschende Frische. Am Ende war zwar der befürchtete Ekel überwunden, so dass ich mich unter Arlettes Anleitung auch über Zangen und Schwänze der anderen Meeresfrüchte hermachte, aber ein Rest Nachdenklichkeit war geblieben. Vornehm geht die Welt zugrunde, hätte Vater gesagt, und ich halte es für möglich, dass er das Wort im Wehrmachtstornister aus Paris mitgebracht hatte.

 

Ich erinnerte mich an meine erste (und letzte) Auster. Allerdings musste ich beim hastigen Verschlucken weder mir selbst, noch gar einer Arlette etwas beweisen. Und was das angestrebte Déjà-vu betrifft: Man kann nur ein Mal zum ersten Mal eine Auster schlürfen.

 

Zitat aus:
Michael Wüstefeld
Paris geschenkt
Dresden, 2008