Theater


Wolfgang Windgassen als Othello:

Soviel zu den Rassismus-Vorwürfen gegen Dieter Hallervorden, weil er in der neuesten Inszenierung des Berliner Schlosspark-Theaters einen Schwarzen spielt. Das ist Abmahnvereinsmeierei.

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In einem Theaterstück des rumänisch-französischen Dramatikers Eugène Ionesco verwandeln sich die Bewohner einer Stadt in Nashörner. Als ich die Fernsehinszenierung von „“Die Nashörner““, für die Ionesco selbst das Drehbuch geschrieben hatte, sah, war ich dreizehn und entsprechend entschlossen, die Welt zu verstehen, ohne allerdings begriffen zu haben, was Absurdes Theater ist. Heute, fünfzig Jahre später, ist mir Absurdes Theater ein Begriff, aber meine Entschlossenheit zum Weltverständnis hat einer angemessenen Bescheidenheit Platz gemacht. Vieles ist einfach zu absurd.

Zu den Dingen, die ich nicht verstehe (und wohl auch nicht mehr verstehen lernen werde) gehören der unerschütterliche Glauben daran, dass die Kraftübertragung die tollste Erfindung überhaupt ist, und dass man sie nur immer weiter perfektionieren muss, um das scheinbar Unmögliche möglich zu machen. Demzufolge müsste man nur auf mehr als Lichtgeschwindigkeit beschleunigen können, um in die Zukunft zu reisen. Man arbeitet daran. In der logischen Umkehr bedeutet dies, dass man sich lediglich weniger als nicht bewegen müsste, um in die Vergangenheit zu reisen, aber mir ist nicht bekannt, ob es auf dem Gebiet der bis ins Negative entschleunigten Bewegung -– einer absoluten Entkräftung also -– schon vorweisbare Ergebnisse gibt. Sie scheint dem menschlichen Naturell eher zuwider zu laufen, denn auch die Kraftübertragung ist ja keine wirkliche Erfindung menschlichen Geistes, sondern findet in der Natur andauernd statt, und schon der Säugling trinkt an der Mutterbrust, um kräftiger strampeln zu können. Die Naturverbundeneren unter den Kraftübertragungsfanatikern setzen daher auch eher auf Muskelkraft. So entwickelten Studenten der Universität Maryland (USA) einen mit Muskelkraft anzutreibenden Hubschrauber und schwebten mit ihm fünf Sekunden lang in zehn Zentimeter Höhe. Das Video anzuschauen, dauert 9:47 Minuten und ist ein bisschen langweilig -– außer vielleicht für diejenigen, die von strammen Mädchenbeinen nie genug sehen können.

Zweck der studentischen Bemühungen war nicht zuletzt, den 1980 von der American Helicopter Society ausgeschriebenen Sikorsky-Preis, dotiert mit 250.000 $, zu gewinnen. Dazu muss das mit Kurbeln betriebene Fluggerät sich eine Minute lang in der Luft halten und eine Höhe von drei Metern erreichen. Bisher ist das noch niemandem gelungen. Und weil das alles so schwierig ist und eben doch viel Kraft kostet, glaubt eine andere Fraktion an natürliche Kraftübertragung durch die Einnahme bestimmter Substanzen, als da zum Beispiel wäre Nashornpulver, ein mythologisches Mittel, das unter anderem der Potenzsteigerung dienen soll. Nashornpulver ist auch in der heutigen Zeit so begehrt, dass es mit Gold nicht aufgewogen werden kann, weil es teurer ist. Was Wunder also, wenn es eine zunehmende Beschaffungskriminalität gibt, die nicht nur Naturschützern in Afrika und Asien wachsende Sorgen bereitet. Im Jahr 2011 gab es an die zwanzig Einbrüche und Überfälle, von denen hauptsächlich Naturkundemuseen in Europa betroffen waren. In allen Fällen hatten die Räuber es auf Nashornhörner und Gegenstände aus Nashorn abgesehen. In Anbetracht dieser Entwicklung ergreifen auch Zoos Sicherungsmaßnahmen, um ihre Dickhäuter besonders zu schützen.

Nun überlege ich, wenn ich mir die Nägel feile, ob ich den aufs Handtüchlein rieselnden Abrieb nicht besser sehr sorgfältig sammeln und in den Handel bringen sollte. Es ist pures Keratin, und aus nichts anderem besteht Nashorn. Wer an die potenzsteigernde Wirkung von Keratin glaubt, könnte sich also genauso gut an den Nägeln knabbern. Was aber hieße es für uns Frauen, wenn diese schlichte Tatsache sich herumspräche und zum männlichen Allgemeinwissen würde? Welche Schlussfolgerungen wären zu ziehen beim Anblick abgekauter Fingernägel an einer Männerhand –- oder eben nicht abgekauter Fingernägel? Welchem Typ Mann sollten wir mehr zu- und vertrauen? Dem vorsorglichen Nägelkauer? Dem unerschütterlich-selbstbewussten Nicht-Nägelkauer?

Ionescos „„Die Nashörner““ wird heute, wenn überhaupt, so am ehesten noch an Schultheatern aufgeführt. Es endet damit, dass der Protagonist Behringer der einzige ist, der sich nicht in ein Nashorn verwandelt. Die Nashörner sind ihm zwar nicht unsympathisch, er bekennt sich jedoch zu seinem Menschsein. Schwer zu sagen, ob das heutigen Regisseuren zu viel oder zu wenig Moral ist. Vielleicht ist es auch einfach nicht absurd genug, um eine inszenatorische Herausforderung darzustellen.

„Yamas!“ ist Griechisch und heißt soviel wie „Prost“.

Gestern war ich mal wieder in der Kirchengemeinde Südende, weil Tochter Nr. 2 mit ihrer Theatergruppe auftrat. Der Kulturabend 2010 unter dem Titel „Eine Reise um die Welt – mal anders“ bestand aus den Reise-Erinnerungen des Phillip Nebel, der gerade mit seiner Nichte in einem Hotel in Griechenland eingetroffen ist. Und „Yamas!“ heißt es dann auch immer wieder, wenn der Wirt Jannis einen Uzo nach dem anderen ausschenkt. Onkel Phillip trinkt für die minderjährige Nichte mit und wird dabei immer redseliger.

In der Digi-Kamera hatte ich die höchste Filmempfindlichkeit eingestellt, doch schon die ersten Probefotos brachten den Beweis: Das wird nichts bei der Beleuchtung ohne Blitz, und blitzen wollte ich nicht während der Vorstellung. Also Videos.

Die Fotos unten sind folglich keine, sondern Stills von eben diesen Videos und entsprechend schlecht. Trotzdem geben sie hoffentlich einen Eindruck von diesem wirklich schönen Abend, an dem ich mal wieder sehr stolz auf mein Kind war. Die Videos mit den Stills verlinkten Videos habe ich am 17. März 2014 entfernt. Sie belegten doch ziemlich viel Speicherplatz, und wer sie bisher nicht angeschaut hat, wird es wohl auch nicht mehr tun.

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Gleich den Auftakt bildete der Bauchtanz „Kaliyon Ka Charman“, und auf Jennifer Reinecke, Andrea Schröder und Wera Wehmeyer ruhten gewiss nicht nur wohlgefällige Männerblicke, auch wenn so manche Frau unter den Zuschauern einen kleinen Stich der Eifersucht gefühlt haben mag angesichts der verführerischen Mädchenbäuche.

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Auf den Auftritt meines eigenen Kindes musste ich nicht lange warten. Annabel hatte an einem Flamenco-Workshop teilgenommen, um Juan Manuel Cañizares’ „Tacita de plata“ richtig präsentieren zu können. Der papá wäre vor Stolz glatt geplatzt.

Der Chor der Theatergruppe trug das schottische Volkslied „Ye Jacobites“ vor.

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Die Nichte konnte es kaum glauben, dass Heinrich VIII., der keine Skrupel hatte seine Gattinnen enthaupten zu lassen, ein so schönes Volkslied wie „Greensleeves“ geschrieben haben soll, auf der Harfe und der Flöte interpretiert von Alexandra und Christine Kwast.

Während Phillip Nebel, gespielt von Alexander Linden, und seine Nichte (Nadine Pissors) sich unterhalten, trägt Christopher Ebert als Diener Johann eine unglaubliche Zahl von Gepäckstücken ins Hotel, nicht ohne immer wieder am Tisch stehenzubleiben und eine von Konfuzius’ Weisheiten beizusteuern.

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Onkel Phillip erinnert sich aber auch an Schlittenfahrten in Russland, und Juliane Bauer rezitierte Pjotr Wajasemskis „Die Troika“. Und als er seine Nichte fragt, was sie eigentlich in der Schule lernt, gibt der Chor die Antwort mit „Old MacDonald Had a Farm“ – auf Lateinisch!

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Nachdem der Chor mit dem Lied „Auf vielen Straßen dieser Welt“, an die nach dem Ersten Weltkrieg entstandene Bündischen Jugend erinnert hatte, gab es eine Pause für den inzwischen ins Uzo-Koma gefallenen Weltenbummler und das Publikum. Wie bei allen Auftritten von Spotlight, warteten am Buffet appetitlich belegten Brötchen und selbstgebackener Kuchen neben Sekt und alkoholfreien Getränken.

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Dann beeindruckte Andrea Schröder, indem sie die in einem Sprachkurs erworbenen Japanisch-Kenntnisse beim Vortrag einer Kurzgeschichte unter Beweis stellte. Jennifer Reinecke konnten wir abermals bei einem Bauchtanz bewundern, diesmal nach einer Choreographie von Shalimar al Amar.

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Onkel Phillips Gedanken aber reisten schon wieder nach Andalusien, und Annabel trug Gustavo Adolfo Béquers „Rima VII“ vor.

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Lyrisch war auch Alexandra Kwasts Vortrag von Gabrielles „Out of Reach“ auf der Harfe. Dann aber wurde es lustig. Annabel, unter der Kapitänsmütze kaum wiederzuerkennen, deklamierte Eugen Roths „Nordsee“.

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Noch blieben wir in Deutschland und bekamen von Christine Kwast Theodor Fontanes „Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland“ zu hören.

Doch schon ging es wieder über den Großen Teich. „Schau, schau, Schoschonen!“

Mehr gab der Akku meines Fotoapparats nicht her. Es fehlen Pauline Kwast mit dem Vortrag von Ringelnatz’ „Der Globus“ und Jan Brzechwa’s „Entliczek-Pentliczek“, Andrea Schröder mit Jacques Préverts Gedicht „Pour faire le portrait d’un oiseau, Jennifer Reinecke mit dem Tanz „Double Jig Giamonics, der Chor mit Ernst Toch’s „Fuge aus der Geographie“ und einer mongolischen Weise, Goethes „König in Thule“, Erich Kästners „Eisenbahngleichnis, rezitiert von Andrea Schröder, Wera Wehmeyer die zu einer walisischen Hymne tanzt, Alexander Linden, der sich eine Soutane über seine Safari-Kleidung zieht und von der Kanzel herunter – zum Totlachen!° – Otto Waalkes „Inselpfarrer“ spielt, und nicht zuletzt der Sirtaki, getanzt vom ganzen Ensemble.

Der Lohn für all die Mühe: Außer reichlichem und herzlichem Applaus natürlich,
die freiwilligen Spenden der Besucher am Ausgang, die in die Spotlight-Kasse kommen und dringen benötigt werden, um für die nächste Vorstellung die Kulissen bauen und Kostüme ausleihen zu können… und ein wunderbares Gefühl – bei den Beteiligten und auch bei mir, weil es so eine Jugend eben auch gibt, die neben Schule, Studium oder Beruf viel Freizeit opfert und sich mit Interesse und viel Talent einbringt.

Dann wurde aufgeräumt. Niemand musste ermuntert werden. Während zwei auf dem Flügel vierhändig spielten, schwangen die anderen den Besen, räumten die Bühnendekoration ab, rückten Stühle wieder zurecht, beseitigten die Reste des Pausenbuffets, indem sie noch Essbares an die wartenden Freunde verteilten. Ich gehörte zu den Glücklichen, die mit den jungen Schauspielern und einigen Freunden noch (passenderweise) zum Griechen gingen. Und beim Essen erzählte uns Alexander Linden, dass der Sirtaki, entgegen weit verbreitetet Annahme, gar kein griechischer Volkstanz ist. Er wurde in Hollywood erfunden – für Anthony Quinn, der im legendären Film „Alexis Sorbas“ tanzen sollte, wegen zweier linker Füße aber keinen der Volkstänze hinbekam. Es musste ein neuer, leicht zu tanzender Tanz erfunden werden. Heute kennt (und tanzt) ihn wohl jeder hin und wieder.

Warten auf den Beginn eines Theaterstücks.  Langsam füllen sich die Stuhlreihen in der Kirche Südende.  Das Publikum sitzt mit dem Rücken zum Altar.  Wegen der abgedunkelten Fenster ist das Altarbild kaum zu erkennen.  Der Eingang, durch den sonst Kirchgänger, Brautpaare,  Eltern mit Täuflingen den Kirchenraum betreten,  wird durch die Bühne versperrt.  Das Publikum schlängelt sich durch den „“Personaleingang““,  am Taufstein vorbei, in den Saal.
Musik läuft.  Durch die Kulissen dringen die Stimmen der Akteure,  Mitglieder der Jugendtheatergruppe „Spotlight“,  der auch meine Tochter Annabel angehört.  Auf dem Programm steht „“Küsse, Schüsse und Theater““,  eine Adaption von Woody Allen’s Film „“Bullets over Broadway““.  Annabel spielt den Warner Purcell. – Nicht dass Tochter #2 der burschikose Typ wäre,  aber wie viele Laienspielgruppen leidet auch diese unter einem Mangel männlicher Darsteller.

Theater im Theater. „Ich bin Künstler.“ Mit diesem Satz beginnt das Stück. Der  junge Autor David Shayne  wirft ihn seinem Agenten an den Kopf. Im turbulenten Verlauf der Handlung geht er einen Kompromiss nach dem anderen ein, damit sein Stück inszeniert wird, bemüht sich, allen möglichen Ansprüchen zu genügen. Schließlich wird sogar Cheech, der Leibwächter der Braut des Mafiabosses Nick Valenti, der die Inszenierung finanziert, um seiner talentlosen Freundin zu einer Theaterrolle zu verhelfen, zum Ghostwriter. Etliche Verwirrungen und einige Leichen später ruft Shayne am Ende befreit aus: „Ich bin kein Künstler!“

Fünf Vorstellungen hat die kleine Truppe nach wochenlangen Proben gegeben; die heutige war die letzte, und die Darsteller haben sich selbst übertroffen. An der Liedertafel stehen noch die Lieder vom letzten Gottesdienst.  Hätte ich ein Gesangbuch, könnte ich nachschauen, was da gesungen wurde. Ich besitze schon lange kein Gesangbuch mehr, aber in mir ist ein Lied vom Leben.

Ich will nicht durch meine Arbeit unsterblich werden. Ich will unsterblich werden, indem ich nicht sterbe.

Woody Allen