Stolpersteine


Stolperstein für Paulina Frommholz

Das Gelände, auf dem sich heute die Carl-von-Ossietzky-Schule, eine staatliche Europaschule, befindet, war in meiner Kindheit so etwas wie ein großer Abenteuerspielplatz, zwischen der Blücherstraße und der Urbanstraße in Kreuzberg gelegen, zur Fontanepromenade hin flankiert von den alten roten Backsteingebäuden, in denen sich das Polizeirevier befand. Der vielen Erinnerungen wegen, die mich mit diesem Ort verbinden, freut es mich nicht wenig, dass zwei Schüler dieser Schule es waren, die im Rahmen eines groß angelegten Projektes das Material zusammentrugen für die Biographie, um die es heute geht. Und ich denke, es hätte auch Paulina (oder Pauline) Frommholz gefreut. Vielleicht hätte sie sich sogar geschmeichelt gefühlt, weil sich jemand für ihr einfaches, bescheidenes Leben interessierte. Und sicher hätte sie es sich nicht träumen lassen, dass dereinst ein golden schimmernder Stolperstein mit ihrem Namen darauf vor ihrer Haustür läge.

Paulina Frommholz war eine schlichte Frau. Geboren am 30. Mai 1874 als Paulina Vodt, war sie als zweites von vier Geschwistern schon in der Kreuzbergstraße aufgewachsen, hatte also ihr ganzes Leben in dem Bezirk verbracht, wo sie auch ihren späteren Ehemann August Frommholz kennenlernte. August war Brauereiarbeiter bei Schultheiß, hatte seinen Arbeitsplatz also direkt neben dem Kreuzberg, und so konvenierte es, dort auch wohnen zu bleiben. Die Ehe blieb kinderlos; es gab also keinen Grund, sich räumlich zu vergrößern, und sehr wahrscheinlich hingen die beiden auch an ihrem Kiez. Das Haus Kreuzbergstraße 72 gehört zwar nicht zu jenen, deren Fenster auf den Park hinausgehen oder gar einen Blick auf den künstlichen Wasserfall bieten, doch war man von all dieser Herrlichkeit nur einen Steinwurf entfernt, und dabei mitten im Milljöh, und wer einen ausgedehnten Stadtspaziergang nicht scheute, konnte von hier aus auch den Kurfürstendamm zu Fuß erreichen. Das Leben hätte so schön sein können –- ohne Nazis und ohne den Zweiten Weltkrieg.

Vielleicht war es der Krieg, mit dem Paulinas Gemüt und Nerven nicht zurechtkamen. Noch im Frühjahr 1943 hatte sie als Haushaltshilfe und Näherin zum gemeinsamen Einkommen beigetragen, obwohl sie da immerhin schon fast 69 Jahre alt war. Dann aber gab es mehrere Anzeigen, weil im Haushalt Frommholz die Verdunkelungsvorschriften nicht beachtet wurden. Im Wiederholungsfall -– das ergibt sich auch aus anderen Krankenakten –- war dies Grund genug, jemanden als gemeingefährlich geisteskrank einzustufen und gegen seinen Willen in eine Nervenheilanstalt einzuweisen. Im Fall von Paulina Frommholz sagten die wegen der Nichteinhaltung der Verdunkelung besorgten Nachbarn auch noch aus, die alte Dame schminke sich Lippen und Wangen auffällig rot, und wenn man sie darauf anspräche, sage sie: „“Lieber rot als tot.““

Eingang des Hauses Kreuzbergstraße 72

Am 26. Januar 2010 wurden in einer Feierstunde im Martin-Gropius-Bau die aufgefundenen Sterbebücher der nationalsozialistischen Tötungsanstalt Meseritz-Obrawalde an das Berliner Landesarchiv übergeben. Sigrid Falkenstein, Sprecherin des „Runden Tisches T4” verlas bei dieser Gelegenheit die Biographie vom Paulina Frommholz als nur ein Beispiel für das Schicksal von geschätzten 300.000 Opfern der Euthanasie während der Naziherrschaft. Aus den Akteneintragungen über Paulina Frommholz geht hervor, dass sie am 11. Oktober 1943 von der Polizei in die Wittenauer Klinik verbracht wurde, wo man -– wohl zutreffend –- ein Nervenleiden diagnostizierte, doch weder hier noch in Obrawalde, wohin man sie am 12. November 1943 verlegte, wurde das Leiden therapiert. Stattdessen beschäftigte man Paulina Frommholz, wie auch andere Patienten, mit „Hanf zupfen“, einer außerordentlich monotonen Arbeit. So ging es Paulina dann auch alles andere als gut, und es gibt in der Krankenakte Eintragungen des Pflegepersonals, denen zufolge sie immer wieder nach ihrem Mann fragte und den Wunsch äußerte, nach Hause gebracht zu werden. Von Krankenbesuchen durch den Ehemann ist nichts vermerkt; es ist jedoch wahrscheinlich, dass August Frommholz, ebenso alt, wenn nicht älter als seine Frau, den (besonders unter Kriegsbedingungen) beschwerlichen Weg nach Obrawalde im heutigen Polen nicht bewältigen konnte.

Drei Wochen nach ihrer Verlegung nach Obrawalde starb Pauline Frommholz am 3. Dezember 1943 -– wahrscheinlich durch eine Giftspritze. Als offizielle Todesursache wurde Altersschwäche angegeben.

Nach einer biografischen Zusammenstellung von Erkan Terzoglou und Volkan Melendiz, überarbeitet von Elisabeth Schmidt (Carl-von-Ossietzky-Schule)

Quellen:
Koordinierungsstelle Stolpersteine Berlin
SCHENcKen – Übergabezeremonie der Sterbebücher der Heilanstalt Meseritz-Obrawalde
Wikipedia: Stolpersteine in Berlin-Kreuzberg

Anmerkung:
Die Blume habe ich diesmal einen Tag vor dem Geburtstag neben den frisch polierten Stolperstein gelegt, um den „vorglühenden“ Dortmund-Fans aus dem Weg zu gehen, von denen 30.000 Karten für das Public Viewing auf dem nahen Tempelhofer Feld ergattert haben.

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Stolpersteine für Leopold und Charlotte Jacob

Leopold Jacob, geboren am 20. Mai 1873 in Berlin, arbeitete in der familieneigenen Fleischerei des Vaters in der Oranienburger Straße, gegenüber der großen Synagoge.

Er heiratete verhältnismäßig spät, dafür aber eine fast zwanzig Jahre jüngere Frau. Charlotte Meyer war vor der Hochzeit zum jüdischen Glauben konvertiert. Das Ehepaar wohnte in Berlin-Niederschönhausen, in der Treskowstraße 1. Dort kamen auch die drei Kinder, Heinz (*17.09.1915), Gerda (*28.02.1919) und Willi (*17.09.1923) zur Welt.

Als Soldat nahm Leopold Jacob am Ersten Weltkrieg teil, danach arbeitete er wieder als Fleischer im Geschäft seines Vaters. Doch 1923 – in dem Jahr also, in dem Leopolds drittes Kind geboren wurde – musste der Vater seinen Laden infolge der Inflation verkaufen. Zunächst konnte Leopold noch als Angestellter beim neuen Inhaber weiter arbeiten, aber 1927 erhielt er die Kündigung.

Aus der Not heraus machte sich Leopold Jacob selbständig. Er kaufte eine Personenwaage und stellte sich mit ihr an verschiedenen Stellen Berlins auf, um vorübergehende Personen zu wiegen. Häufig wählte er seinen Standort am Eingang zum Schlosspark in Niederschönhausen. Mit den geringen Einnahmen bestritt er viele Jahre lang den Unterhalt der Familie. Seine Frau, so berichtete eine Nachbarin, transportierte die große Waage mit dem Fahrrad zum jeweiligen Stellplatz.

Leopold Jacob mit seiner Waage vor dem Schlosspark, 1930erJahre

Leopold Jacob mit seiner Waage vor dem Schlosspark, 1930erJahre – © Seev Jacob

Als die Lebensbedingungen für die jüdische Familie immer schlechter wurden, war es das erste Bestreben der Eltern, ihre Kinder im Ausland in Sicherheit zu bringen. Gerda konnte nach England emigrieren und den beiden Jungen, Heinz (Zwi) und Willi (Seev), gelang es 1936 und 1938 nach Palästina auszuwandern. Da war Willi erst 15 Jahre alt.

Bis zum Beginn des Krieges gab es einen regelmäßigen Briefwechsel zwischen Eltern und Kindern. Leopold versuchte alles, um auch für sich selbst und seine Frau die Auswanderung zu erwirken. Er hoffte, die Kinder könnten ihn dabei unterstützen, und Charlotte schrieb Anfang 1939 an Willi: „Wenn es Wahrheit würde, dass ich meine lieben Kinder noch einmal sehen könnte. Ich habe solche Sehnsucht nach Euch. Das Leben ist so schrecklich inhaltslos geworden.“

Was sich in den letzten Tagen des Lebens von Charlotte und Leopold Jacob zugetragen hatte, wurde von Leopolds Schwester, die den Holocaust überlebte, berichtet.

Am 20. Mai 1940, an seinem 67. Geburtstag, besuchte Leopold seine Schwester, die im Westen Berlins wohnte. Dabei wurde es später als geplant, so dass der Jubilar fürchten musste, vor Beginn der Sperrstunde für Juden seine Wohnung in Pankow nicht mehr zu erreichen. Er beschloss also, bei seiner Schwester zu übernachten. Seiner Frau konnte er davon keinen Bescheid geben, denn Juden war der Besitz eines Telefons verboten. Sein unentschuldigtes Ausbleiben führte zu einem tragischen Irrtum.

Treskowstraße 1

Charlotte vermutete, dass ihr Mann von der Gestapo verhaftet worden war. Obwohl ihr selbst, da sie nicht jüdischer Abstammung war, keine Verhaftung drohte, geriet sie in solche Verzweiflung, dass sie sich das Leben nahm.Als Leopold Jacob am nächsten Morgen seine Frau in der Wohnung tot auffand, entschied auch er sich für den Freitod.

Leopold und Charlotte Jacob wurden auf dem jüdischen Friedhof in Berlin Weißensee beerdigt.

Nach einer biographischen Zusammenstellung von Maili Hochhuth

Quelle: Koordinierungsstelle Stolpersteine Berlin

Stolperstein für Meta Laserstein

Meta Laserstein (geb. Birnbaum) kam am 18. Mai 1867 in Preußisch Holland zur Welt. Über ihr Leben in der kleinen Stadt unweit von Königsberg wissen wir nur, dass sie die Ehefrau des Apothekers Hugo Laserstein wurde, dem sie zwei Töchter gebar: Lotte (1898) und Käthe (1900). Doch zwei Jahre nach der Geburt des zweiten Kindes starb Hugo Laserstein, und die junge Frau übersiedelte mit den beiden kleinen Kindern zu ihrer Mutter und deren Schwester nach Danzig.

Als die Mädchen zwölf und vierzehn Jahre alt waren, zog Meta Laserstein mit ihnen nach Berlin. Man lebte hier in einer Wohnung in Friedenau, beide Töchter machten das Abitur und studierten anschließend.

Lotte Laserstein schloss 1927 ihr Studium an den Vereinigten Staatsschulen für Freie und Angewandte Kunst in Berlin – als eine der ersten Frauen mit Auszeichnung – ab. Dass ihre in den 1920er und 1930er Jahren in Deutschland entstandenen Bilder als der Höhepunkt ihres umfangreichen Schaffens gelten, ist der politischen Entwicklung in Deutschland zu schulden. 1930 zog sie aus der mit Mutter und Schwester geteilten Wohnung aus – in die Nachodstraße. Es steht zu vermuten, dass sich ihr hier bessere Arbeitsbedingungen boten.

Lotte Laserstein: Abend über Potsdam, 1930

Lotte Laserstein: Abend über Potsdam, 1930 – Nationalgalerie Berlin ©bpk/Nationalgalerie SMB. Foto: R. März

Für Meta Laserstein und ihre jüngere Tochter Käthe mag die Wohnung in Friedenau nach Lottes Auszug zu groß gewesen sein, denn 1931 bezogen die beiden Frauen die Wohnung am Immenweg in Steglitz, wo später der Stolperstein für Meta Laserstein verlegt werden sollte. Die inzwischen Achtundsechzigjährige galt mit der Einführung der Nürnberger Rassengesetze (1935) als „Mischling I. Grades“.

Immenweg 7

Die veränderten Verhältnisse veranlassten die Malerin Lotte Laserstein 1937 nach Schweden zu emigrieren. Hier -– nun ganz auf sich gestellt –- lebte die getaufte und assimilierte Jüdin überwiegend von Auftragsporträts. 1939 besuchte Meta Laserstein ihre Tochter in Schweden und kehrte am 3. September 1939,– zwei Tage nach Beginn des Zweiten Weltkriegs,– nach Berlin zurück.

In der Folgezeit bemühte sich Lotte Laserstein vergeblich, ihrer Mutter, ihrer Schwester Käthe und Rose Ollendorf, die inzwischen Käthes Lebensgefährtin geworden war, die Flucht nach Schweden zu ermöglichen. Am 14. Juli 1942 tauchte Käthe stattdessen in Berlin unter. Später fanden sie und Rose Ollendorf bei Lilly Wust Unterschlupf. – Wer den Film „Aimée und Jaguar“ gesehen oder das Buch von Erica Fischer gelesen hat, wird sich erinnern: Nach der Verhaftung ihrer Freundin Felice Schragenheim hatte Lilly Wust drei weitere jüdische Frauen versteckt. 1981 wurde sie dafür mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. –

Auf Käthes Verschwinden hin fand zwei Wochen Später am Immenweg eine Hausdurchsuchung statt, und als Meta Laserstein sich weigerte, den Aufenthaltsort ihrer Tochter zu verraten, wurde sie verhaftet und am 23. Dezember 1942 in das Frauengefängnis Ravensbrück deportiert, wo sie am 16. Januar 1943 starb.

Käthe Laserstein überlebte schwer traumatisiert in Berlin zusammen mit ihrer Lebensgefährtin Rose Ollendorf. Nach Kriegsende zog sie vorübergehend zu ihrer Schwester nach Schweden, kehrte 1954 aber nach Berlin zurück und unterrichtete als Studienrätin an der Gertrauden-Schule in Dahlem. Lotte Laserstein verbrachte den Rest ihres Lebens in Schweden, wo sie am 21. Januar 1993 in Kalmar starb.

Quellen:
Koordinierungsstelle Stolpersteine Berlin
Wikipedia: Lotte Laserstein
Archiv der Berliner Zeitung

Stolpersteine für Martin und Else Magnus

Martin Magnus wurde am 20. April 1884 als Sohn des Kaufmanns Bernhard Magnus in Tuchel im damaligen Westpreußen geboren. Nach dem Abitur studierte er Medizin in Berlin, Freiburg im Breisgau, München und Königsberg, und ab 1912 ließ er sich als Praktischer Arzt (Allgemeinmediziner) in der Viktoriastraße 5/7 in Berlin-Lankwitz nieder. Dabei blieb es bis 1928 -– mit einer Unterbrechung durch den Ersten Weltkrieg, während dessen Dr. Magnus als Kriegsassistenzarzt diente, wofür er mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet wurde.

Im Dezember 1919 heiratete er die aus Danzig stammende, neun Jahre jüngere Else Berent, und am 8. September 1922 kam ihr gemeinsamer Sohn Gerd zur Welt. Die Praxis lief gut, und 1929 zogen Praxis und Familie um in größere Räumlichkeiten in der Viktoriastr. 19, die 1937 in Leonorenstraße umbenannt wurde. Auch die Nummerierung der Grundstücke hatte sich geändert, so dass die Anschrift nun Leonorenstr. 79 lautete. Doch schon im Jahr darauf musste Dr. Magnus seine Praxis schließen, und die Familie wurde in die Bozener Straße 9 in Schöneberg, eine Sammelstelle für jüdische Bürger, zwangseingewiesen.

Eingang des Hauses Leonorenstraße 79

Martin Magnus hatte stets die Ansicht vertreten, dass Pogrome nur in „unzivilisierten Ländern wie Russland und Polen“ möglich seien. Eine Auswanderung aus Deutschland hatte er nie in Erwägung gezogen. Erst jetzt entschloss er sich, seinen inzwischen sechzehnjährigen Sohn –- ausgestattet mit nur 10 Mark -– mit einem Kindertransport nach England zu schicken, wo der junge Mann, bevor er sich zum Dienst in der British Army meldete, den Namen George Marlow annahm.

Dr. Martin Magnus und seine Frau Else wurden am 6. März 1943 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.

Was in dem jungen Gerd/George vorgegangen sein muss, darüber können wir nur Vermutungen anstellen. Zu jung, um gut mit der Trennung von den Eltern klarzukommen, sich deshalb vielleicht „weggeschickt“ und im Stich gelassen fühlend, andererseits alt genug, um dem Vater politische Kurzsichtigkeit und Sturheit vorzuwerfen. – Erst 1973 erhielt der Sohn vom National Museum Auschwitz die Information, dass seine Mutter, nach deren Verbleib er geforscht hatte, mit hoher Wahrscheinlichkeit in einer der Gaskammern von Auschwitz umgebracht worden war.

Seit dem 10. Juni 2009 erinnern zwei Stolpersteine vor dem Haus Leonorenstraße 79 an Dr. Martin und Else Magnus. Die Verlegung hatte George Marlow noch initiiert, konnte sie aber nicht mehr miterleben, da er wenige Monate zuvor in London verstarb.

Quellen:
Seite der Koordinierungsstelle Stolpersteine Berlin
JEWIKI – Martin Magnus

Weiterführende Literatur:
Rebecca Schwoch: Berliner jüdische Kassenärzte und ihr Schicksal im Nationalsozialismus, Hentrich & Hentrich Verlag, Berlin 2009

Stolperstein für Erwin Gehrts

Erwin Gehrts wurde am 18. April 1890 in Hamburg geboren. Über seine Jugend und Schulzeit ist nur bekannt, dass er am Realgymnasium in Elmshorn das Abitur machte, eine Lehrerbildungsanstalt in Uetersen in Holstein besuchte und sich in diesen Jahren dem Wandervogel anschloss, einer bürgerlichen Jugendbewegung, der er zeitlebens verbunden bleiben sollte.

1913 nahm er an der Universität Freiburg das Studium der Literatur- und Naturwissenschaften auf, doch gleich zu Beginn des Ersten Weltkriegs, im August 1914, meldete er sich freiwillig zum Militärdienst und wurde als Infanterist an der Westfront eingesetzt. 1916 wechselte Erwin Gehrts zur Luftwaffe – eine Erfahrung, über die er zwanzig Jahre später das Buch „Der Aufklärungsflieger“ (1937) veröffentlichen sollte. Als er im November 1918 aus der Luftwaffe entlassen wurde, bekleidete er den Rang eines Leutnants.

In der Anfangszeit der Weimarer Republik betätigte sich Erwin Gehrts parteipolitisch und war von 1919 bis 1921 Mitglied der Deutschen Volkspartei. Beruflich arbeitete er als politischer Journalist zunächst in Oberhausen, dann in Herne, und in seiner Freizeit leitete er die Ortsgruppe Wesel des Wandervogel Völkischen Bundes.

1922 heiratete Erwin Gehrts Hildegard Kremer, doch der Ehe war kein Glück beschieden. Im Juli 1924 starb eine kleine Tochter. Am 12. November 1925 wurde der Sohn Hans-Erwin geboren, aber Hildegard starb im Wochenbett. 1927 heiratete Gehrts in zweiter Ehe Erika Berger. Als wollte das traurige Schicksal sich wiederholen, starb das erste gemeinsame Kind, das er mit ihr hatte, im Alter von nur drei Monaten. Am 1. Oktober 1930 kam die Tochter Barbara zur Welt.

In diesen privat so schicksalhaften Jahren war Erwin Gehrts Chefredakteur des Generalanzeigers für Oberhausen, Sterkrode, Osterfeld und das nordwestliche Industriegebiet. Dann, im Oktober 1932, zog die Familie nach Berlin, wo Gehrts eine Stelle als Chefredakteur bei der christlich-sozialen Zeitung Tägliche Rundschau angeboten worden war. Doch bald schon sollten sich der Umzug und – mehr noch – die neue Stellung als von Nachteil erweisen. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde die Tägliche Rundschau für drei Monate verboten und war danach gezwungen, Insolvenz anzumelden. Erwin Gehrts war nun arbeitslos, und seine Versuche, die Familie als freier Journalist und Bildreporter zu ernähren, scheiterten kläglich. So hatte er kaum eine andere Wahl als einzuwilligen, als ihm 1935 sein ehemaliger Vorgesetzter, General Klepke, anbot, ins Reichsluftfahrtministerium einzutreten.

Uhlandstr. 41a

Innerhalb von drei Jahren gelang es ihm, sich in den Posten als Adjutant des Generals der Luftwaffe beim Oberbefehlshaber des Heeres hinaufzuarbeiten. Innerlich jedoch hielt er Abstand zum herrschenden Regime. Die rassistische und menschenverachtende Politik der Nationalsozialisten stand im Widerspruch zu seinen eigenen Wertmaßstäben, denn Erwin Gehrts war Mitglied der Bekennenden Kirche. Allerdings war Gehrts nicht der Einzige im Reichsluftfahrtministerium, der so dachte. In Harro Schulze-Boysen hatte er einen Gesinnungsgenossen. Die beiden Männer kannten sich schon seit 1928, als sie an Diskussionsveranstaltungen der politisch-kulturellen Zeitschrift Der Gegner teilgenommen hatten und ins Gespräch gekommen waren. Jetzt wurde der Kontakt enger und ging über das Dienstliche hinaus.

1941/42 kam Erwin Gehrts in direkten Kontakt mit der Widerstandsgruppe „Rote Kapelle“, 1941 hatte die Gestapo einen verschlüsselten Funkspruch mit dem Namen von Harro Schulze-Boysen abgefangen. Nachdem es gelungen war, den Funkspruch zu decodieren, setzte eine Verhaftungswelle gegen die Mitglieder der Organisation ein, in deren Verlauf auch Erwin Gehrts am 9. Oktober 1942 in seinem Haus in der Uhlandstraße 41a in Berlin-Lichtenrade festgenommen wurde.

Im Dezember 1942 wurde er vor dem 2. Senat des Reichskriegsgerichts angeklagt und am 10. Januar 1943 wegen „Zersetzung der Wehrkraft“ zum Tode verurteilt.

Während seiner Haft durften seine Frau und die Kinder ihn für 15 Minuten besuchen. Außer dieser Erinnerung blieben mehrere Briefe erhalten, die Erwin Gehrts aus dem Gefängnis geschrieben hat. Im letzten dieser Briefe heißt es: „„Sorgt Euch nicht um mich! Ich bin bereit, innerlich bereit, den letzten Gang in völliger Abgeschlossenheit zu gehen.““ Am 10. Februar 1943 wurde Erwin Gehrts im Alter von 52 Jahren in Berlin-Plötzensee durch das Fallbeil hingerichtet. Sein Name findet sich auf der Liste der Toten der Roten Kapelle in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand.

Dreißig Jahre später verarbeitete Barbara Gehrts, die bei der Verhaftung ihres Vaters zwölf Jahre alt gewesen war, ihre Erinnerungen in dem autobiografischen Jugendroman „„Nie wieder ein Wort davon?““, dessen Erstausgabe 1975 im Union Verlag in Stuttgart erschien. Eine von dtv herausgebrachte Ausgabe (1992) ist antiquarisch u.a. bei Amazon erhältlich.

Quellen:
Biografische Zusammenstellung von Dr. Ruth Federspiel auf der Grundlage wesentlicher Vorarbeiten von Hannelore Emmerich auf der Seite der Koordinierungsstelle Stolpersteine Berlin
Seite des Liebenberger Freundeskreises Libertas e.V. – Liste der Prozesse vor dem Reichskriegsgericht
Rezension bei Berghof Foundation / Friedenspädagogik Tübingen

Weiterführende Literatur:
Hans Coppi, Jürgen Danyel, Johannes Tuchel (Hrsg.): Die Rote Kapelle im Widerstand gegen den Nationalsozialismus, Berlin 1994
Kurt Schilde: Erinnern und nicht vergessen. Dokumentation zum Gedenkbuch für die Opfer des Nationalsozialismus aus dem Bezirk Tempelhof, hrsg. vom Bezirksamt Tempelhof von Berlin, Berlin 1988
Heinrich-Wilhelm Wörmann: Widerstand in Schöneberg und Tempelhof, 2002

Stolperstein für Rosa Blumenthal

Rosa Blumenthal, geboren am 16. April 1861 im westpreußischen Löbau (heute: Lubawa / Polen) als Rosa Meyers, war die Witwe des am 25. Januar 1933 verstorbenen Sanitätsrats Dr. Ludwig Blumenthal, der seine Praxis mit integrierter Privatwohnung in der Schlüterstraße 38 in Berlin-Charlottenburg betrieben hatte. Das Ehepaar hatte drei Kinder: Georg, Bertha und Käthe, von denen mindestens zwei in die beruflichen Fußspuren des Vaters getreten waren und Medizin studiert hatten.

Der Sohn, Prof. Dr. med. Georg Blumenthal (1888-1964), wurde im Todesjahr seines Vaters vom Robert-Koch-Institut entlassen, und seine bereits anerkannte Habilitation wurde rückgängig gemacht. Zwar durfte er vorerst seine Augenarztpraxis weiterführen, aber sich nur noch „Krankenbehandler“ nennen und von 1938 an nur noch Juden behandeln. Am 5. Oktober 1942 wurden er und seine Frau Agnes von der Gestapo aus ihrer Wohnung vertrieben und saßen praktisch auf der Straße, bevor man sie nach vier Wochen in eine „Judenwohnung“ einwies. Hier versuchte die Gestapo mehrmals, Georg Blumenthal abzuholen, aber ihm gelang die Flucht in den Untergrund. Das Ende des Zweiten Weltkriegs erlebte das Ehepaar in einer halbverfallenen Laube ohne Heizung auf der Insel Marienwerder.

Auch Rosa Blumenthals Tochter Käthe, geboren am 4. August 1893, hatte promoviert und war Kinderärztin geworden, bevor sie die Ehe mit dem „arischen“ Rechtsanwalt Dr. jur. Albrecht Zieger (1894-1956) schloss und zum evangelischen Glauben konvertierte. Nach dem Gesetz vom 07.04.1933 galt auch Käthe Zieger als Jüdin. Ihre Kinderarztpraxis in der Kaiserallee 206 in Wilmersdorf wurde geschlossen. Sie bekam Berufsverbot und ihr Ehemann wurde massiv unter Druck gesetzt, sich von seiner jüdischen Frau scheiden zu lassen. Seine Weigerung hatte die Entfernung aus allen Ämtern zur Folge, und als er später auch noch versuchte Rechtsmittel einzulegen, um die Deportation seiner Schwiegermutter zu verhindern, drohte man ihm mit sofortiger Verhaftung. 1944 wurde er dann tatsächlich in einem Straf-und Arbeitslager interniert, aus dem ihm jedoch die Flucht gelang.

Von Rosa Blumenthals zweiter Tochter, Bertha, ist lediglich bekannt, dass auch sie heiratete und -– wie ihre Geschwister -– den Krieg und das Dritte Reich überlebte.

Rosa Blumenthal selbst hatte nach dem Tod ihres Mannes natürlich nicht in der großen Wohnung mit den Praxisräumen bleiben können. Sie war zunächst in eine kleinere Wohnung in der Leibnizstraße 106 umgezogen. Von 1935 an war sie als „Witwe“ in der Sächsischen Straße 72 gemeldet.

Eingang des Hauses Sächsische Str. 72

Wie alle Jüdinnen und Juden musste Rosa Blumenthal in der Öffentlichkeit den gelben Judenstern tragen, und nachdem der siebzehnjährige Herschel Gynszpan (Grünspan) in Paris einen deutschen Diplomaten erschossen hatte, wurde auch Rosa Blumenthal aufgrund des Erlasses vom 12. November 1938 zur Judenvermögensabgabe herangezogen – dem „Sühneopfer“, mit dem die „Grünspan-Milliarde“ von den Juden eingetrieben wurde.Rosa Blumenthal befand sich in ihrem 82. Lebensjahr, als sie am 20. August 1942 vom Anhalter Bahnhof in einem von zwei mit je 50 Menschen besetzten Waggons nach Theresienstadt deportiert wurde. Das, was von ihrem Vermögen noch übrig war, einschließlich des Mobiliars, hatte die Gestapo beschlagnahmt. Sie starb in Theresienstadt am 12. September 1942. In der Sterbeurkunde ist „Darmkatarrh“ als Todesursache angegeben – eine übliche Umschreibung dafür, dass jemand an Unterernährung und den miserablen hygienischen Zuständen im Ghetto zugrunde gegangen war.

Quellen:
Seite der Koordinierungsstelle Stolpersteine Berlin
Seite der Stolpersteininitiative Charlottenburg-Wilmersdorf

Stolperstein für Paul Fürst

Paul Wilhelm Fürst wurde am 14. April 1889 als Sohn von Matthäus Fürst und seiner Frau Ernstine Wilhelmine Pauline (geb. Wandrey) in Berlin geboren. Das Ehepaar hatte zwei weitere Kinder: Klara Hedwig Viktoria, die später den Ehenamen Staatz führte, und Wilhelm Fürst. Die Ehe der Eltern wurde geschieden.

Von 1920 bis zu ihrem Verbot 1933 war Paul Fürst Mitglied der SPD und arbeitete in der Neuköllner Geschäftsstelle der Partei oft ehrenamtlich mit. Im Hauptberuf war er zu jener Zeit Justiz-Angestellter, bis er sich in der Gontardstraße 2, in der Nähe des Alexanderplatzes –- dort, wo sich früher das Hotel Alt-Berlin befunden hatte -– mit einer Buchhandlung nebst kleinem Verlag selbständig machte. Darüber hinaus engagierte er sich in der „Deutschen Liga für Menschenrechte“.

Eingang des Hauses Bruno-Bauer-Str. 17a in Berlin-Neukölln

Eingang des Hauses Bruno-Bauer-Str. 17a in Berlin-Neukölln

Da Paul Fürst auch sozialistische Literatur verlegte und vertrieb, erhielt er Anfang 1938 Berufsverbot. Im Dezember 1940 beschlagnahmte die SA seinen gesamten Bücherbestand, und er selbst wurde in „“Schutzhaft““ genommen und nach einigen Tagen in das KZ Sachsenhausen überführt.

Ende Juni 1941 wurde Paul Fürsts Mutter, die mit ihrem Sohn zusammen in der Neuköllner Bruno-Bauer-Str. 17 gelebt hatte, der Totenschein zugestellt, demzufolge ihr Sohn am 6. Juni 1941 um 18:30 Uhr im Häftlingskrankenhaus des KZ Sachsenhausen an Kreislaufschwäche und doppelseitiger Lungenentzündung gestorben sei.

Quellen:
Seite der Koordinierungsstelle Stolpersteine Berlin
Ansprache anlässlich der Verlegung des Stolpersteins am 29.11.2012, veröffentlicht auf der Seite von proNeubritz e.V.

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