Sprache


„Eine unglaubliche Methode Englisch zu lernen erobert Spanien!“

Es trifft zu, dass Engländer in manchen Ausländern – will sagen: außerhalb Großbritanniens – als „Langnasen“ bezeichnet werden. Es könnte also hier und da die irrtümliche Meinung herrschen, eine lange Nase sei dem Erlernen der englischen Sprache förderlich.

Es trifft aber auch zu, dass Pinocchios Nase lang wurde, wenn der kleine Bengel aus Holz log. Allerdings war Pinocchio Italiener und hatte mit der englischen Sprache vermutlich wenig am Hut.

Was also soll man von dieser Werbung halten? Bezichtigt sie sich selbst der Lüge? Wird die Eingabehilfe für alle, die auch in der Badewanne das Smartphone nicht aus der Hand legen, mitgeliefert? – Fragen über Fragen!

Anmerkung: Sollte es dem geneigten Leser entgangen sein: Dies ist ein Anschluss an das Märchenmotiv vom letzten Eintrag (Schlaraffenland). Zu behaupten. es ginge in diesem Blog thematisch wild durcheinander, wäre also eine böswillige Verleumdung.

 

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Villa Tugendhat

Villa Tugendhat (Ansicht von der Straße her) Villa Tugendhat - Eingang Villa Tugendhat - Wintergarten
Villa Tugendhat

Kinder erobern sich ihre Welt spielend. Das gilt auch für die Welt der Sprache. Ein neu erlerntes Wort wird spielerisch so lange für alles Mögliche und alles Unmögliche verwendet, bis durch die Reaktionen derer, die des kindlichen Geplappers anhörig werden, beim Kind ein Gefühl -– um nicht zu sagen, eine Erkenntnis -– entsteht, wie der Begriff korrekt anzuwenden ist. Mit dem Wort Diskriminierung scheinen allerdings auch viele Erwachsene noch Probleme zu haben. Das gilt leider auch für gar nicht so wenige Journalisten und Politiker, denn wie sonst wäre zu erklären, dass sich neuerdings alles, was sich „„gegen““ Ausländer richtet, als Diskriminierung bezeichnet wird? Ich habe das Wort gegen apostrophiert, weil die gemeinten Benachteiligungen (böse Zungen reden gar von Schikanen) kein Indiz dafür sind, dass jemand Ausländer für weniger wertvolle Menschen hält. Im Grunde warte ich nur darauf, dass auch der Gebrauch des Wortes Ausländer für politisch inkorrekt erklärt wird, weil er die Bürger eines anderen Staates diskriminiert.

Nehmen wir mal die zurzeit diskutierte Maut (Infrastrukturabgabe) und den schlaumeyerischen Trick, diese zwar bei allen Autobahn- und Fernstraßenbenutzern zu erheben, die Autofahrer des eigenen Landes aber für diese Gebühr zu entschädigen. Das soll ja nicht geschehen, weil die Bundesregierung etwas gegen Ausländer hat. Tatsächlich würde man wesentlich lieber von allen kassieren -– ausnahmslos ohne Entschädigung. Aber das kostet Wählerstimmen, und die Konjunktur droht mit einem Schwächeanfall. Dagegen nur von Ausländern zu kassieren, wäre gegen die Europäischen Vereinbarungen, und der Protest aus Brüssel ließe nicht auf sich warten. Dass man in Brüssel auch den Trick mit der Erstattung bei der deutschen Kfz-Steuer sofort durchschauen und entsprechende Verfügungen vorbereiten würde, war im Grunde vorauszusehen, und deshalb hätte Frau Merkel besser daran getan, bei ihrem ursprünglichen Versprechen zu bleiben und den Bayern zu erklären, dass die Forderung aus ihrer Ecke nach einer Maut ja hauptsächlich deshalb so beharrlich gestellt wird, weil es die Bayern (verständlicherweise) ankotzt, jedes Mal, wenn sie nach Österreich hinüber fahren (und das tun sie oft), die dortige Maut zahlen zu müssen. Da sagt man dann: Liebe Bayern, wie verstehen Euch. Uns würde dies Maut auch so sehr ärgern, dass wir die Österreicher (speziell diese!) gerne zur Kasse bäten, wenn sie zu uns kommen. Aber eine Maut nur für Österreicher kann es ja nun schon mal gar nicht geben. Und immerhin habt ihr als Entschädigung die schönen Berge, und den leckeren Apfelstrudel, die Seidenklöße, die Hohensalzburg, …… alles praktisch vor der Haustür. Also: Seids stad!

Doch statt besänftigender Argumente zur rechten Zeit, nun dieses politische Hickhack und der Missbrauch des Begriffs Diskriminierung. Da werden der Abgeordnete und der Zeitungsschreiber wieder zum Kinde. Das Wort klingt ja auch so schön böse. Etwas Kriminelles haftet der Diskriminierung an. Dabei ist Diskriminierung nur das Wort, das die Diskrimination heute weitgehend verdrängt hat. Diskrimination – abgeleitet vom lateinischen discriminare (trennen, absondern, unterscheiden) war als Begriff ursprünglich völlig wertfrei, und erst im Lauf des Gebrauchs wurde das Wort nach und nach -… nun, diskriminiert eben.

Ernst Tugendhat, deutscher Philosoph und ehemaliger Professor an der Freien Universität Berlin, hat fein unterschieden zwischen primärer und sekundärer Diskrimination:

Unter primärer Diskrimination verstehe ich die Vorstellung, daß gewisse Klassen von Menschen mehr oder weniger Wert haben als andere und daß daher bei einer Verteilung den einen Priorität gegenüber den anderen zusteht. Hingegen steht „sekundäre Diskrimination“ für Regeln wie z. B. „Wer sich stärker beteiligt hat, muß entsprechend mehr vom Ergebnis erhalten“ oder „Wer bedürftiger ist, erhält mehr“, und das sind Regeln, durch die eine vorausgehende Ungleichheit kompensiert und so die Berücksichtigung als gleicher wiederhergestellt werden soll.

aus Ernst Tugendhat: Anthropologie statt Metaphysik. Beck, München 2010, S. 231

Der 1930 in Brünn geborene Sohn von Fritz und Grete Tugendhat, bedeutenden Textilfabrikanten, für die just um die Zeit der Geburt des Knaben die Villa Tugendhat nach Plänen des Architekten Mies van der Rohe gebaut wurde, wuchs also in diesem Haus auf, das zu den bedeutendsten Bauten Mies van der Rohes zählt und sich durch seine ausgewogene Klarheit auszeichnet. Zehn Jahre später sah sich die jüdische Familie gezwungen, vor den Nazis in die Schweiz zu flüchten, bevor sie 1941 nach Venezuela emigrierte. Beim Betrachten von Fotos des Hauses fragte ich mich, wie weit Klarheit der Form die Entwicklung klarer Gedanken begünstigt. Ich fragte mich auch, ob ich mich in irgendeiner Form diskriminiert fühle, weil ich nicht in einer Mies van der Rohe-Villa aufgewachsen bin, sondern diese vielleicht entscheidenden ersten zehn Jahre meines Lebens in einer Kreuzberger Etagenwohnung, vollgestopft mit einer Mischung aus über den Krieg hinweg geretteten Erbstücken und 50er-Jahre-Wirtschaftswundermobiliar, verbrachte, und ob dieser kleine feine Unterschied daher rührte, dass meine Familie sich eben doch nicht genug „beteiligt“ hatte, oder daher, dass meine Vorfahren bei irgendeiner Kompensation nicht angemessen berücksichtigt worden waren. Antwort: Nein. Neben all der schreienden Ungerechtigkeit, die Menschen anderen Menschen antun, und den so löblichen wie oft vergeblichen Versuchen wieder anderer Menschen, für diese Ungerechtigkeit einen Ausgleich zu schaffen, gibt es auch noch so etwas wie das Schicksal. Und auch wenn ich nichts von Fatalismus halte, so finde ich doch, dass eine Art Dauerfehde gegen sein Schicksal zu führen, die Sache eher ins Negative wendet.

Und was nun diese „Infrastrukturabgabe“ betrifft, ……

Um eine Diskriminierung ausländischer Autofahrer handelt es sich schon deshalb nicht, weil es ja nicht sie sind, die ausgesondert und anders behandelt werden, sondern es sind die bundesdeutschen Autofahrer, denen ein Teil jener Steuern erlassen wird, mit denen sie ja bereits ihren Obolus für die Infrastruktur entrichtet haben (sekundäre Diskrimination). Dass das in einem geeinten Europa so trotzdem nicht rechtens ist, steht auf einem anderen Blatt und darf als Abzocke betrachtet werden. Denen aber, die so gerne mit großen Worten auf alles schießen, was sich bewegt, sei gesagt: Nichts nutzt sich schneller ab als ein treffliches Wort, wenn es ständig unzutreffend gebraucht wird. Es wird dem Leser und Zuhörer ebenso langweilig, wie dem Kind das Wort, mit dem es tagelang bis zum Überdruss gespielt hat.

Dass man für seine Stimme etwas (tun) kann, ist keine neue Erkenntnis, sondern wird z.B. an Schauspielschulen praktiziert, seit es sie gibt. Den ersten Sprechunterricht erhalten Menschen jedoch üblicherweise von den Eltern: „“Sag Mama, Ma-ma, Mammm-ma!““ Irgendwann klappt es, und das Kind sagt „Mama“, oft noch bevor es freihändig stehen kann. Dabei wird nicht nur das Wort wiederholt und in seiner Bedeutung mehr oder weniger verstanden, denn auf Papas Arm lautet die Aufforderung …… Na, wie wohl? Es findet auch ein Versuch statt, den Klang der Stimme zu imitieren.

Inzwischen haben Wissenschaftler festgestellt, dass dieser Lernprozess noch viel früher einsetzt, nämlich schon im Mutterleib -– während des letzten Drittels der Schwangerschaft. Es ist also nicht nur sinnvoll, das Ungeborene mit Musik zu berieseln, auch die Sprachmelodie der Eltern, welche das kindliche Ohr jetzt schon erreicht, wirkt sich vorbildend aus. Den Beweis erbrachten Stimmaufzeichnungen bei jeweils 30 Neugeborenen in Frankreich und Deutschland. Während die deutschen Babys ein abfallende „Melodie“ schrien, war es bei den kleinen Franzosen eine ansteigende Tonfolge.

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Quelle: Current Biology 19, 1994–1997, December 15, 2009

Mohren Kaffee
Bar Goethe. Via Johann Wolfgang Goethe, Meran
Foto: Spill

Ich weiß gar nicht, wann ich das letzte Mal einen Mohrenkopf in der Vitrine eine Bäckers und/oder Konditors gesehen habe. Ich bin jedoch sicher, dass es in der kleinen Bäckerei in unserer Straße –- ich spreche von der Straße, in der ich aufgewaschen bin – Mohrenköpfe gab. Wir kauften sie nie. Wir kauften, Amerikaner, Kameruner, Negerküsse, …… Die zuletzt Genannten dürfen nicht mehr so genannt werden; darüber gibt es mehr internette Literatur als auch die militantesten Verfechter der political correctness vernünftigerweise verlangen können. Die Kameruner, die aussehen, als hätte der Bäckerlehrling immer noch nicht begriffen, wie man Brezeln formt, heißen noch, wie sie immer hießen, und wenn man Glück hat, findet man sie (manchmal sogar „3 Stück für 1 €“Euro), aber nur in Berlin und Umgebung. Vielleicht hat sie die Beschränktheit ihrer Verbreitung vor dem Zorn der nationalen Sprachbereiniger bewahrt. Amerikaner gibt es auch noch, aber wegen des unverkennbaren Ammoniumhydrogencarbonataromas mag ich sie nicht besonders, und über das Überleben dieser Bezeichnung für ein Gepäck öffentlich nachzudenken, reizt mich weder unter politischen, noch unter kulturellen Aspekten. Schließlich hat auch noch niemand verlangt, die unter ökologischem Dauerverdacht stehenden Hamburger müssten anders genannt werden. – Blieben die Mohrenköpfe im Minenfeld der überall lauernden Diskriminierungsanwürfe.

Was sagt der Duden zum Gebrauch von Mohr und Mohrenkopf? Zu Letzterem vermerkt er, das Wort werde „häufig als diskriminierend empfunden“. Als Bedeutungen bietet der Duden das mit Schokolade überzogene „kugelförmige Gebäckstück aus Biskuitteig“ sowie den „Schokokuss“. Dass aber der zum Schokokuss mutierte Negerkuss etwas völlig anderes ist als ein Mohrenkopf, weiß doch jeder halbwegs vernaschte Mensch. Der Mohr wird lt. Duden hingegen nicht als subjektiv diskriminierend, sondern nur als „veraltet“ eingestuft und bezeichnet einen „Menschen mit dunkler Hautfarbe“. Was das Wort Mohr davor bewahrt hat, dass seine Ausrottung konsequent betrieben wurde, so dass im Struwwelpeter der „kohlpechrabenschwarze Mohr“ noch immer vor dem Tor spazieren gehen darf, kann nicht das Schiller-Wort „“Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen““ sein. Eher dürfte es an der großen Zahl von Bezeichnungen liegen, die alle geändert werden müssten, sollte der Mohr auf die Liste „geächteter Wörter“ gesetzt werden.

Da wäre außer dem eingangs erwähnten Gebäck (und ich habe wirklich gejubelt, als ich jetzt das Rezept nachschlug und las, dass man den speziellen Biskuitteig dafür Othello-Masse nennt) z.B. der „Mohrenkopf-Pokal“ des Nürnberger Goldschmieds Christoph Jamnitzer, der zum Schatz der Sachsen gehört und im Bayerischen Nationalmuseum in München ausgestellt ist. Mohrenkopf heißt auch ein Berg in den Allgäuer Alpen, und dieser Mohrenkopf hat sogar seine eigene Webcam. Häufig Mohrenkopf genannt wird ein Schmetterling, dessen korrekte Bezeichnung Großer Sackträger (Canephora hirsuta) ist, während es sich beim Altdeutschen Mohrenkopf um eine Haustaubenrasse handelt. Der Mohrenkopf-Milchling (Was für ein widersprüchlicher Name!) ist ein geschätzter Speisepilz mit schwarzbraunem Hut und ebensolchem Stiel. Damit nicht genug.

In Korsika trifft man überall auf den schwarzen Mohren- oder Maurenkopf mit dem weißen Band im krausen Haar. Er gilt als Freiheitssymbol, seine Herkunft ist allerdings nicht eindeutig geklärt. Auf einer frühen Darstellung des Kopfes ist das Stirnband kein Stirnband sondern eine Augenbinde, die darauf hinweist, dass ihr Träger ein Sklave ist. Die ins Haar hinauf geschobene Binde signalisiert also die Befreiung.

Das mittelfränkische Städtchen Pappenheim führt einen Mohrenkopf im Stadtwappen. Unmittelbar zurückgeführt wird dies auf die Helmzierde der Pappenheimer Marschälle. Heraldiker, die sich darüber wunderten, weil Ritter üblicherweise Adler, Löwen oder andere stolze Symbole bevorzugten, fanden im Vergleich mit alten Münzen heraus, dass es sich ursprünglich um das edle Haupt Hieron II. von Syrakus gehandelt haben muss, bis historisch ungebildete Siegelstecher daraus einen „gewöhnlichen“ Mohrenkopf und schließlich sogar den Kopf einer Mohrin mit Zöpfen machten, bevor daraus schließlich der heute verwendete Mohrenkopf wurde. In keinem Zusammenhang steht diese auf die Antike zurückgreifende Hudelei mit dem Ausspruch: „Ich kenne meine Pappenheimer.“ Dieses Zitat hat zwar auch ein ärgerliches Schicksal erlitten, verdient aber eine eigene Ehrenrettung, wird es doch heute, wenn überhaupt noch, eher abwertend benutzt, während Schillers Wallenstein die Worte „„Daran erkenn’ ich meine Pappenheimer““ in Anerkennung der Treue der Genannten ausspricht.

Dass ich als Kind nie einen Mohrenkopf zu essen bekam, bedeutet nicht, dass ich keinen Begriff davon hatte. Zu den Büchern, welche meine Altvorderen für angemessene Literatur für mich hielten, gehörten Else Urys Nesthäkchen-Romane. Und in Kapitel 11 von „“Nesthäkchen und ihre Puppen““ schildert Else Ury, wie einmal der Besuch von Tante Albertinchen erwartet wurde und Annemie (das Nesthäkchen) sich als so versessen auf den Mohrenkopf in der Kuchenschüssel erwies, dass sie am Ende zur Strafe nicht einmal die von ihrer Mutter für sie reservierte Marzipankartoffel bekam. Für mich als geborene Naschkatze war dieses Mohrenkopf-Debakel beeindruckend genug, um mir bis heute in Erinnerung zu bleiben. Für eine besondere Affinität zum Mohrenkopf spricht auch, dass man allenthalben danach benannte Cafés findet, u.a. in Ingolstadt, Trier und Zürich, nicht zu vergessen das „Café Mohrenkopf“ genannte Zelt auf dem Münchner Oktoberfest, mit welchem seit 60 Jahren die Tradition des Gründers Paul Wiemes fortgeführt wird.

Bringt die sogenannte politische Korrektheit den in vielen Fällen nach wie vor diskriminierten Menschen wirklich zunehmend Respekt ein? Oder ist es nur so, dass man sich heute zwar korrekter ausdrückt, wes Geistes Kind der Sprecher ist aber dessen dunkles Geheimnis bleibt? Es bestand ja einst (und besteht vielleicht noch) die Hoffnung, eine achtsame (Achtung zum Ausdruck bringende) Sprache würde sich quasi erzieherisch auf das Denken auswirken. Sprache verändert das Denken –- sowohl zum Besseren als auch zum Schlimmeren, habe auch ich einst geglaubt, bin davon aber durchaus nicht mehr rundum überzeugt. So wünschte ich mir, als ich ein kleines Mädchen war, ein Negerbaby (als Puppe), bis mir der Wunsch endlich erfüllt wurde. Nicht für den Hauch einer Sekunde verband sich mit dem Wort Neger etwas Herabwürdigendes in meinem kindlichen Sinn. Wie auch? Es wurde bei uns zu Hause nie herabwürdigend über Menschen von anderer Hautfarbe gesprochen, und als ich die Puppe hatte, liebte ich sie ebenso innig wie meine anderen Puppen. Wer dagegen verfolgt hat, wie aus „schwer erziehbaren“ Kindern „verhaltensgestörte“ wurden, bis man auch „gestört“ als störend empfand und dazu überging, von „verhaltensauffälligen“ Kindern zu sprechen und schließlich –- weil ja auch Auffälligkeit ausgrenzt –- von „verhaltensoriginell“, der muss schon ein außerordentlich gefestigter Charakter sein, um nicht laut zu lachen und den Eindruck von Lächerlichkeit dann genau auf jene Gruppe zu übertragen, die man nicht durch unbedachte Worte stigmatisieren wollte.

Eher als dass eine bereinigte Sprache uns zu besseren Menschen macht, gilt wohl die Devise des englischen Hosenbandordens: Honni soit qui mal y pense (Schämen soll sich, wer Schlechtes dabei denkt).

Für das „Titelbild“ meinen sehr herzlichen Dank an Spill, langjährigen treuen Leser und Kommentator dieses Blogs.

Da übersetzt doch tatsächlich ein Kommentator im Radio Varoufakis‘‘ Stellungnahme zum Stinkefinger-Video mit: „“Ich weiß, dass Sie das nicht wussten. Aber das ist getürkt.““

Wer sich ein bisschen in griechisch-türkischer Geschichte auskennt, muss sich fragen, zu welchen diplomatischen Verwicklungen das nun wieder führen wird, bis klargestellt ist, dass es sich hier lediglich um einen „Übersetzungsfehler“ handelt. Ich habe allerdings keine Ahnung, was türken auf Griechisch heißt.

Vor einigen Tagen durchkramte ich mein Fotoarchiv nach einem Bild, mit dem ich meinen Blog-Lesern – möglichst ohne viel Worte – frohe Ostern wünschen könnte. Was ich fand, war dies:

gefärbtes Ei im Eierbecher, mit Salzstreuer und Gabel

Ein Foto, das beim familiären Oster-Brunch vor vier Jahren entstand – als Resultat einer Spielerei mit der Kamera, die man sich zu Zeiten, als man noch Filme kaufen, entwickeln lassen und Abzüge bezahlen musste, eher nicht geleistet hätte. Ein JPEG, dessen Überleben nur meiner Nachlässigkeit beim Aufräumen des Archivs zu danken ist. Aber doch wenigstens ein Ei und noch dazu ein bemaltes! -– Nur: Was dazu schreiben? Einfach: Frohe Ostern? Oder doch mit dem Zusatz, dass man Eier nicht mit der Gabel isst?

Die Sache blieb unentschieden bis gestern Vormittag, als ich – häuslich beschäftigt – zwischen Stube und Küche hin und her lief und, die Küche betretend, aus dem Radio den Satz hörte: „“Er isst die Eier immer ohne Salz und Pfeffer.““ [Deutschlandfunk, DAS FEATURE, 18.04.2014] Spontan versuchte ich, diesen Satz einer Person, einer Situation zuzuordnen. Und während ich noch überlegte, ob ihn die Köchin zum neuen Dienstmädchen sagen könnte, das eben im Begriff ist, Salz- und Pfefferstreuer auf das Frühstückstablett zu stellen, das sie dem gnädigen Herrn ans Bett tragen wird – oder in den Wintergarten, wo er (im Morgenrock) bereits die Zeitung liest… Während sich also Bilder in meinem Kopf zu eine kleinen Film reihten, hielt der Sprecher im Radio nicht inne, sondern zerstörte meine Illusion, indem er mir klarmachte, das es sich, bei besagter Mitteilung, um einen der 40 (endgültigen) Sätze Georg Wenkers handelt, sorgfältig entwickelt und als Fragebogen an Lehrer in Deutschland verschickt, um die räumliche Ausbreitung der deutschen Dialekte genau zu ermitteln. Nach Abschluss der Erhebungen in Deutschland 1887 lagen insgesamt 44.251 Fragebögen aus 40.736 Schulorten vor. Das Ergebnis dieser mühsamen Arbeit, die den als Bibliothekar tätigen Georg Wenker seine ganze Freizeit gekostet haben muss, ist der Deutsche Sprachatlas, der in seiner digitalen Form bis heute von Wissenschaftlern und Kriminologen genutzt wird. Auch Ansichten der Original-Fragebögen finden sich dort.

Ach, ich wollte es doch „„ohne viel Worte““. Ein weiterer Satz von Wenker lautet: „“Du hast heute am meisten gelernt und bist artig gewesen, du darfst früher nach Hause gehen als die anderen.““

Frohe Ostern!

Nicht zu fassen, dass ich mich seit Wochen (tatsächlich schon so lange?) durch einen Stapel Bücher arbeite, während Max noch immer mit einem Chat befasst ist, der mit seinem Erstaunen darüber, dass sich sein Gesprächspartner oder seine Gesprächspartnerin offenbar nicht in Berlin befindet, begann. An einem Tag wie heute wäre er weniger erstaunt, hätte –sozusagen –keinen Verdacht auf größere räumliche Entfernung geschöpft. Zwar schneit es in Berlin gerade nicht, aber der Schnee liegt noch, und der Himmel sieht aus, als könnte es jeden Moment wieder schneien. Vielleicht schneit es ja in Hermsdorf oder Johannisthal. Aus Spandau hörte ich gerade, dass es stürmt, und hier bei mir ragt die kahle Pappel ganz reglos in den grauen Himmel. Ein Grund mehr, wieder in die zweidimensionale Welt der Texte zurückzukehren.

Bevor ich mich weiter mit der „Geschichte der Literatur unseres Jahrhunderts, so wie [Max] sie in dem Augenblick sah, als [er] von ihr aus der Bahn geworfen wurde“, befasse, möchte ich noch kurz beim Thema Übersetzungen verweilen. Erinnern wir uns! Max hatte behauptet, um den Reichtum der deutschen Sprache zu erfahren, müsse man zu Übersetzungen greifen. Damit meint er Romane, die aus der Muttersprache ihrer nicht deutschsprachigen Verfasser, ins Deutsche übersetzt worden sind. Ich habe darüber nachgedacht, und es mag sein, dass ich mir selbst jetzt in einigem widerspreche, was ich zuvor geschrieben habe. Ich habe mal (dienstlich) einen lyrischen Text aus dem Spanischen ins Deutsche übersetzt, weil die mitgelieferte und dringend benötigte Übersetzung –- so viel konnte ich nun doch beurteilen –- schlicht grottenschlecht und völlig daneben war. Es war nicht viel Text, und ich habe Stunden gebraucht, nach Synonymen gesucht, Synonyme gegen wieder andere Synonyme ausgetauscht, Sätze um- und nochmals umgestellt, bis ich fand, dass nach meinem besten Vermögen Worte und Rhythmus der Sprache dem spanischen Original entsprachen. Dabei war auch mir aufgefallen, dass ich letztendlich viele Worte verwendet hatte, auf die ich beim Verfassen eines eigenen Textes wohl nie verfallen wäre. Das lag nicht daran, dass ich Vokabeln ausgegraben hatte, die mir völlig neu waren. Ich und sicher jeder, der über einen mehr als rudimentären Wortschatz verfügt, bedient sich trotzdem nur eines Auswahl aus dem Wörterbuch seiner Muttersprache, und diese Auswahl wird bestimmt durch eine Reihe von Faktoren. Und dies gilt auch für die Autoren, deren ins Deutsche übersetzte Texte uns hier wie eine Frischzellenkur für unsere Sprache erscheinen. Das Neue, das „Frische“ ergibt sich m.E. hauptsächlich aus dem ernsthaften Bemühen des Übersetzers um Adaption. Es ist artifiziell, was im Sinne von Sprachkunst ja nicht unbedingt negativ aufzufassen ist. Indessen wage ich zu bezweifeln, dass ich für meine Sprache etwas gewinne, indem ich möglichst viele ins Deutsche übersetzte Bücher lesen. Unbestreitbar dagegen ist, dass ich für mich viel gewinne, wenn ich eine Sprache gut beherrsche. Von den beiden Fremdsprachen, die ich -– wenn auch nicht fehlerfrei, aber doch mit einer gewissen Nonchalance beherrsche – kann ich sagen, dass ich, mehr als dass ich sie nur spreche, gleichsam in sie hineinschlüpfe. Es ist wie von Jeans in einen Rock zu wechseln, vom Trainingsanzug in ein Cocktailkleid, vom formellen Kostüm in den bequemen Hausmantel. Ich bewege mich anders, atme anders, ja, selbst meine Sicht auf die Dinge wird davon beeinflusst. Was ich damit sagen will, ist, dass ein guter Übersetzer bemüht ist, den Rezipienten einen Text möglichst so auffassen zu lassen, wie ein Landsmann des Autors ihn auffassen würde. Ich bezweifle, dass dies jemals ganz gelingt. – Übrigens sind Knut Hamsuns „Mysterien“ auch Anmerkungen des Übersetzers nachgestellt. Hierin erklärt Siegfried Weibel, warum er den norwegischen Text nicht in gutes Schriftdeutsch übersetzt hat. Für mich bedurfte es dieser Erklärung nicht. Interessant zu lesen waren die Anmerkungen dennoch, weil sie noch einmal auf verschiedene sprachliche Eigenheiten bei Knut Hamsun hinweisen, die manchmal so eigen sind, dass sie einen Norweger noch mehr irritieren als den Leser der deutschen Übersetzung.

Auch noch anmerken möchte ich, dass ich die „Mysterien“ nicht nur gelesen habe. Ich bin in Nachvollzug von Bernd Wagners „“Club Oblomow““ so weit gegangen, dass ich den Roman abgeschrieben (!) habe. Auch Max schreibt schließlich Bücher ab –- wenn auch als eine Ersatzhandlung für das Nichtschreiben. Mir diente es eher als besonders intensive Beschäftigung mit dem Text. Es hat übrigens funktioniert, denn mir ist es völlig unmöglich, etwas abzuschreiben, ohne mich damit auseinanderzusetzen.

Vielleicht habe ich meine Hinwendung an ein Stück Literatur ja übertrieben. Manchmal hatte ich tatsächlich das Gefühl, einen langen Weg zurücklegen zu müssen, um aus der kleinen Küstenstadt in Norwegen wieder in mein Wohn- und Arbeitszimmer zurückzukehren. Als ich dann jedenfalls fertig war und zu Grimmelshausens „Abenteuerlichem Simplicissimus“ griff, weil das als Nächstes an der Reihe wäre, schmiss ich das Buch nach 16 Seiten auf die Fensterbank. Es reicht!
Für den Moment jedenfalls reicht es. Ich brauche einen geistigen Verdauungsspaziergang, und der kann auch etwas länger dauern. Und sollte mir die Anklage wegen nicht unverzüglich eingelöster Vorsätze nicht erspart bleiben so könnte es passieren, dass ich brülle: „Ich lese nur Trivialliteratur!!!“ Das wäre zwar übertrieben aber auch nicht ganz und gar gelogen. Und das Schöne ist: Bei Trivialliteratur habe ich nie (oder nur selten) das Gefühl, etwas darüber schreiben zu müssen oder auch nur zu möchten.

Und überhaupt bin ich gerade leicht deprimiert.
Ich habe letzte Nacht schlecht geschlafen, hatte deshalb das Radio an und kriegte in meinem Dusel gerade noch irgendwie mit, dass irgendjemand schon vor 150 Jahren gesagt hat, irgendwann würde jeder sein eigenes Feuilleton schreiben.
Wie zutreffend!
Wie schrecklich!
Liest eigentlich überhaupt noch jemand?

Diesem Eintrag liegt der Roman „Club Oblomow“ von Bernd Wagner zugrunde, erschienen 1999 bei Ullstein in Berlin, ISBN 3-550-08298-3

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