Sport


Da die politischen Nachrichten –- von wenigen Ausnahmen abgesehen –- dazu geeignet sind, mich zu deprimieren, entwickle ich mich jetzt zum Fußball…… Nein, zum Fußball noch nicht, auch wenn das römische „“panem et circensis““ den Nagel auf den Kopf trifft und ich ein bisschen weniger „“panem““ essen und mich an ein bisschen mehr „„circensis““ aktiv beteiligen sollte. Nur jetzt gerade wollte mir ……fan nicht von den Fingern in die Tasten rutschen. Mich als Fußballfan zu bezeichnen, wäre dann doch übertrieben, aber ich verfolge im Radio live übertragene Spiele mit vergnügtem Behagen. Man darf für oder gegen eine Seite sein, hoffen, dass es so und nicht anders oder noch besser kommt, aber auch, wenn es das nicht tut, ist es im Grunde völlig egal. Wie wohltuend das ist!

Ich genieße also die UEFA Champions League, die Bundesliga und die Abstiegskämpfe. Und es ist ja auch wirklich was los im Moment. Letzte Woche die 1:3-Niederlage des FC Bayern gegen den FC Porto, diese Woche beim Rückspiel ein furioses 6:1 für die Bayern, dazwischen legte Mannschaftsarzt Müller-Wohlfahrt nach fast 40 Jahren sein Amt nieder, und es wird über geheimnisvolle Behandlungsmethoden mit Magnetismus gemunkelt. Waren da etwa mal die Pole vertauscht worden, als die Jungs aus München Bälle verstolperten „wie eine Schüler“mannschaft?

Ach, die Wissenschaft, die Wissenschaft! Ein Wissenschaftler schafft Wissen, indem er erst einmal neugierig ist und sich selbst und anderen Fragen stellt, auf die ein Nichtwissenschaftler so ohne Weiteres gar nicht käme. So wollten zum Beispiel die Forscher am Bonner Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA) wissen, wie sich die Feinstaubbelastung der Luft auf die Leistungen von Fußballspielern auswirkt. Auch wenn Fußballprofis nicht repräsentativ für den typischen Arbeitnehmer sind -– sie verdienen ja auch viel mehr, lassen sich aus den Ergebnissen der IZA-Studie doch wichtige Erkenntnisse für die Erwerbsbevölkerung insgesamt ableiten. Denn die Produktivität eines durchschnittlichen Erwerbstätigen, der körperlich weniger fit ist als ein Profi-Fußballer, dürfte unter Luftverschmutzung sogar noch massiver leiden. Darauf deuten ähnliche Studien zu Erntehelfern in den USA sowie Fabrikarbeitern in China hin. Das jedenfalls behaupten die Wissenschaftler. Ich persönlich wäre da nicht so sicher. Alles Perfektionierte -– ob Mensch oder Maschine -– reagiert besonders empfindlich, will mir scheinen. Aber das nur nebenbei.

Andreas Lichter, Nico Pestel und Eric Sommer werteten die Leistungsdaten von mehr als 1.700 Spielern über einen Zeitraum von zwölf Spielzeiten aus (29 verschiedene Vereine in fast 3.000 Spielen der ersten Fußball-Bundesliga). Als Leistungsindikator diente die Anzahl der jeweils gespielten Pässe. Da Tag, Ort und Uhrzeit jedes Spiels bekannt sind, ließen sich stundengenaue Informationen zur Feinstaubkonzentration in unmittelbarer Umgebung des jeweiligen Stadions ermitteln. Dabei kam heraus, dass bereits bei Luftwerten deutlich unterhalb der geltenden EU-Grenzwerte sich negative Produktivitätseffekte nachweisen ließen, die sich bei extremer Luftverschmutzung vervielfachen. Die Leistungsdaten zeigen außerdem, dass ältere Spieler stärker vom Feinstaub beeinträchtigt werden als Nachwuchstalente. Besonders ausgeprägt ist der Effekt für Abwehr- und Mittelfeldspieler mit langen Laufwegen. -– Ich würde den Trainern empfehlen, jeweils kurz vor Spielbeginn beim Umweltbundesamt anzurufen, um die Messwerte für das jeweilige Stadion zu erfragen und vorgewarnt zu sein, wann es angezeigt wäre, einen alten Hasen durch ein junges Talent auszutauschen –- jedenfalls solange noch keine Magneten erfunden sind, die allen Feinstaub aus der Luft klauben, so dass dann auch die Fankurven noch frenetischere Gesänge anstimmen könnten.

Dabei fällt mir ein, dass Fußballspiele sich früher ganz anders angehört haben. Damals, als ich es weit von mir gewiesen hätte, mich dafür zu interessieren, an lauen Frühsommerabenden aber durch das offene Fenster die Fernseher der Nachbarn hörte. Da war die Stille im Stadion, in der man nur die Stimme des Kommentators hörte, der selbst manchmal in atemloses Schweigen verfiel, und dann diese Ausbrüche von Tor-Geschrei, gefolgt von Trillerpfeifen, Tröten und kurzzeitigem Anstimmen einer Vereinshymne. Dann wieder gespannte Stille. Jetzt wird stramm durchgesungen. Keine Ahnung, wie die Leute das aushalten. Es ist schon gut, dass ich nicht wirklich ein Fan bin. Ich wünschte nur, ich müsste fortan beim Hören einer Fußballübertragung im Radio nicht dauern an die Feinstaubbelastung der Luft denken… … und an die Umwelt… … und an die Umweltpolitik… … und an die Politik überhaupt… …

Die Angaben zur Studie des Bonner Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA) beruhen auf einer Pressemitteilung vom 17. April 2015.

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Wer heute bei einem Schlagballspiel zuschauen oder gar mitmachen möchte, muss die Gelegenheit dazu schon suchen. An der Waterkant ist dies leichter als in anderen Teilen Deutschlands, denn in Kiel findet jedes Jahr ein Turnier statt, an dem sich alle Mannschaften beteiligen können. Auch die Jugendfeuerwehr in Bahrenborstel (Plattdeutsch: Boornbössel) fordert jährlich Gegenspieler heraus, am Spiekerooger Badestrand treten regelmäßig Schülermannschaften gegeneinander an, und auf dem Sportplatz Henstedt im Kreis Segeberg in Schleswig-Holstein erhält die Freiwillige Feuerwehr den Geist dieses Spiels am Leben. Mitmachmöglichkeiten für jedermann bieten hauptsächlich ein Team in Hamburg, welches abwechselnd in Klein Flottbek und in Barmbek trainiert, und (Donnerlüttchen!) der Schlagball Berlin e.V., der jeden Sonntag von 17 bis 19 Uhr auf dem Tempelhofer Feld spielt. Diese Aufzählung erhebt zwar keinen Anspruch auf Vollständigkeit, aber sehr viel länger dürfte die Liste der Schlagballvereine und –teams wahrscheinlich nicht sein.

Die älteste Veröffentlichung der Regeln für das Schlagballspiel (einschließlich einer Anleitung für die Anfertigung des Balles) findet sich wohl in der Schrift „Spiele zur Übung und Erholung des Körpers und Geistes“ von Johann Christoph Friedrich GutsMuths aus dem Jahr 1796. Nachdem das Spiel von Auswanderern übers Meer nach Amerika gebracht wurde, wo es in etwas abgewandelter Form als Baseball große Beliebtheit erlangte, verschwand es auf unserer Seite des Atlantiks fast gänzlich. Das mag (auch) daran liegen, dass man sich daran erinnerte, dass Schlagball ursprünglich unter dem Namen „deutsches Ballspiel“ oder auch „Deutschball“ bekannt war, und das konvenierte nach 1945 nicht, hatte doch das ganze Land sich gerade schamhaft hinter den Kürzeln BRD und DDR versteckt. Außerhalb der oben genannten Reservate ist daher wohl den meisten bestenfalls der „Schlagballwurf“ noch ein Begriff, anzutreffen als Bestandteil des Sportabzeichens und als Disziplin bei den Bundesjugendspielen.

Mit einem Schlagballspiel beginn Günter Grass’‘ Novelle „Katz und Maus“. Deutschland führt den Zweiten Weltkrieg, ja, führt ihn noch. Wir befinden uns in Danzig, und es ist ein Bild des Friedens. Im Gras am Rand des Schlagballfeldes liegen einige Jungen. Spielpause, Sommerliche Trägheit. Einer poliert sein Schlagholz mit einem Wollstrumpf. Mahlke ist eingedöst, sein ausgeprägter Adamsapfel bewegt sich auch im Schlaf. Vom Krematorium an der Großen Allee steigt Rauch auf. Keine Sorge, es ist ein ganz normales Krematorium, errichtet 1913/1914, nachdem in Preußen 1911 die Feuerbestattung zugelassen worden war, und befindet sich gegenüber den Vereinigten Friedhöfen –– auch sie an jenem Sommertag noch nicht geschändet und verwüstet. Man muss die Polen verstehen, die später aus den Grabsteinen Treppenstufen machen würden. Sie waren lange genug von den Deutschen getreten worden. Die Stufengiebel der Technischen Hochschule zeichneten sich gegen den Sommerhimmel ab, so wie man sie heute noch sehen kann. Wie gesagt, ein Bild des Friedens. Der Unfrieden war noch unsichtbar. Die Zahnschmerzen des Ich-Erzählers Pilenz zum Beispiel.

Auch die Katze passte zunächst in das friedliche Bild. Aber da war eben Mahlkes Adamsapfel, und Pilenz konnte oder wollte sich später nicht erinnern, ob die Katze von sich aus darauf aufmerksam wurde, oder ob jemand ihr den hüpfenden Knorpel zeigte, oder ob gar er selbst, Pilenz, die Katze gegriffen und Mahlke an den Hals gesetzt hatte. – Auf der nächsten Seite wechselt der Ich-Erzähler zum Du, als schriebe er einen Brief an Mahlke. Aber so weit will ich hier gar nicht gehen. Nur so viel: Ich halte dies für einen perfekten Anfang, weil man als Leser in ein Bild hineingezogen wird und doch, ohne einen plumpen Vorgriff auf das Kommende, der ganze Konflikt schon angelegt ist.

Ich weiß nicht, wie viele Amerikaner wissen, dass „ihr Baseball“ vom „Deutschball“ herstammt, und wie viele von ihnen Cat and Mouse gelesen haben. Ich weiß aber, dass in Amerika Baseball oft als Spiel des Lebens bezeichnet wird.

Grass_Katz_und_Maus
Günter Grass
Katz und Maus
Deutscher Taschenbuch Verlag
ISBN: 978-3-423-14347-9

Borussia Dortmund hat ein Problem. Das Problem ist nicht neu, scheint sich in letzter Zeit aber wieder verstärkt bemerkbar zu machen: Rechtsradikale Fans. Der Deutschen liebster Sport werde von ihnen regelrecht unterwandert, meinen einige Beobachter der Entwicklung. Der Sozialwissenschaftler Gerd Dembowski von der Universität Hannover widerspricht dieser Meinung. Menschenfeindliche Einstellungen wie Rassismus, Antisemitismus oder Homophobie seien tief in der Gesellschaft verankert, sagt er, doch im Fußball würden sie wie unter einem Brennglas verdichtet auftreten: Durch Feindschaften zwischen Fangruppen, durch Männlichkeitskult, Überlegenheitsdenken, die Vereinsliebe als überhöhte Interpretation von Heimat, Ehre, Loyalität. – Ich hörte das gestern im Radio, und obwohl ich mich für Fußball eher wenig interessiere, machte ich mir meine Gedanken. Stadien, die von den Nazis so gern für die „Choreographie der Massen“ genutzt wurden –- so überlegte ich, sind offenbar das Biotop, in dem ein bestimmtes Gedankengut besonders gut gedeiht. Da muss einer gar kein Rechter sein, es genügt, wenn er ein paar Vorurteile nicht gründlich reflektiert, es ist ausreichend, wenn er sich einbildet, Fremde würden ihm seinen Arbeitsplatz oder seinen Lebensraum (oder auch nur sein Stückchen verdorrten Rasens im Freibad) streitig machen, damit unter „“günstigen““ Bedingungen aus dem blinden Vorurteil ein ebenso blinder Hass wird.

Heute hat in München der NSU-Prozess begonnen, und da es (zumal unter den für die Presse nicht ganz leichten Bedingungen) am ersten Tag noch nichts zu berichten gibt, unterhält das Radio die Hörer mit Umfragen, was sie sich von diesem Prozess erhoffen, und was sie dem Gericht nicht zutrauen. Natürlich kommt dabei immer wieder die Sprache auf die „Ermittlungspannen“. Das müsste alles aufgeklärt werden, so die Volksmeinung, die ich im Übrigen teile. Nur ist das nicht die Aufgabe eines Strafgerichts. Damit wird sich ein Untersuchungsausschuss oder eine Enquete-Kommission befassen müssen. Und während ich mir anhörte, wie wieder Stimmen laut wurden, es sei längst nicht damit getan, dass dieser oder jener seinen Hut genommen habe, fielen mir plötzlich die Worte von Gerd Dembowski wieder ein. Nicht nur ein Fußballstadion und die dort herrschende Atmosphäre bieten den Nährboden für rechtes Gedankengut. Es gibt vielleicht auch Berufsgruppen, bei denen „Blindheit auf dem rechten Auge“ als Berufskrankheit häufiger auftritt als in anderen Gewerken. Ich will damit nicht etwa sagen, alle unsere Verfassungsschützer und Ordnungshüter hätten einen Sehfehler. Aber das Ordnungshüten ist schon eine leidige und oft genug undankbare Angelegenheit. Ich verstehe absolut, dass einem Leute mit verschrobenen Ideen, die aber doch „sonst ganz ordentlich“ sind, weniger auf den Sack gehen als diese linken Chaoten. Wer jeden Tag zum Dienst muss und nach Abzug der Steuern mit seinem Gehalt mal eben über die Runden kommt, findet einen Glatzkopf mit Springerstiefeln, der einer geregelten Arbeit nachgeht, wohl weniger suspekt als so einen Sozialschmarotzer mit grünen Haaren. Ich meine das vollkommen ernst. Ein Polizist, dem im Zweifelsfall ein Haufen bunter Vögel, der ein Haus besetzt hat, lieber ist als eine Wehrsportgruppe, die sich (mit amtlicher Genehmigung) jedes Wochenende im Wäldchen am Stadtrand trifft, … Chapeau!

Und weil ich das alles so gut verstehe, finde ich es auch gut, wenn man nicht auf die Kleinen losprügelt, sondern wenn zum Beispiel im Falle der oben erwähnten Ermittlungspannen die höheren Chargen die Verantwortung übernehmen und ihren Posten räumen. Allein, was nützt das, wenn sich bei den Untergebenen nichts ändert?

Es ist ein heikles Thema, und wer sich darauf einlässt, wird sich schnell von Fettnäpfen in Badewannengröße umzingelt sehen. Trotzdem führt auf Dauer kein Weg daran vorbei, einzusehen, dass es zwar ein Fortschritt ist, nicht mehr stets die kleinen zu hängen und die Großen laufen zu lassen, dass hin und wieder aber auch ein Kleiner der eigentlich Schuldige sein kann. Das gilt nicht nur für Ermittlungspannen bei der Polizei. Das kann für nie fertig werdende Großflughäfen gelten und für so manches andere Vorhaben, das gründlich in den Sand gesetzt wird. Viel zu schnell begnügen wir uns damit, dass eine möglichst hochgestellte Persönlichkeit die alleinige Verantwortung übernimmt. Und hat der Gedanke, dass auch der kleine Mann etwas bewirkt (oder verhindern kann) nicht auch etwas Gutes? Man muss es nur wissen und danach handeln -– also angemessen honorieren oder ebenso angemessen zur Verantwortung ziehen.