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Ausserirdische Zytruspresse

Das Wunder in meiner Straße

Nachdem rechts von meiner Grundstückseinfahrt der kleine türkische Bäcker ausgezogen und ein „„Späti““ eingezogen ist und links von der Einfahrt der Juwelier sein Geschäft aufgegeben und ein Nagelstudio eröffnet hat, nehme ich mir kein Taxi mehr nach Hause. Ich finde es irgendwie peinlich zu sagen: „“Halten Sie bitte zwischen dem Späti und dem Nagelstudio.““ Scheinbar geht es mit der Gegend bergab. Natürlich wäre Gentrifizierung auch alles andere als wünschenswert. Unversehens zahlt man die doppelte Miete, oder man kann sie eben nicht mehr bezahlen. Und um nun für den „Niedergang“ einen Ausgleich zu schaffen, habe ich dem Drängen meiner Töchter nachgegeben.

Irgendwann, irgendwo in diesem Blog habe ich mal geschrieben, dass ich -– was das Wohnen betrifft -– offenbar Französin bin. Über die Franzosen hatte ich nämlich vor Zeiten gelesen, dass sie mit ihren Wohnungen nicht annähernd so viel Schöner-wohnen-Kult treiben wie die Deutschen. Dem Durchschnittsfranzosen genüge es, wenn ihn an und in seiner Wohnung nichts stört. Da mich noch nie Franzosen zu sich nach Hause eingeladen haben (von einer Studentenbude in Paris abgesehen), konnte ich diese Behauptung zwar nicht nachprüfen, aber ich glaube sie auch ungeprüft gerne.

Dass einen etwas stört, ist freilich keine objektive Feststellung. Gut möglich ist, dass mich Dinge nicht stören, die für die Mehrzahl meiner Mitmenschen nicht hinnehmbar wären, während mich andererseits etwas die Wände hoch treibt, was andere nicht einmal bemerken, und wenn man sie darauf hinweist, mit einem Schulterzucken abtun. In meiner heimischen Hütte jedenfalls störte mich nichts –- oder doch wenig, jedenfalls nicht genug, um eine Komplettrenovierung nebst Austausch einigen Mobiliars zu rechtfertigen. Meine Töchter sehen das anders, und sehen ist hier wörtlich zu nehmen. Seit Jahren verging kein Besuch töchterlicherseits, ohne dass der kritische Blick an diesem oder jenem Aspekt meiner Behausung hängen blieb, und ich wusste immer schon vorher, jetzt kommt ein Satz der mit den Worten beginnt: „„Mama, Du solltest aber wirklich mal …“…“

Wer auch nur ein bisschen Phantasie besitzt, kann sich vorstellen, dass die Komplettrenovierung einer voll eingerichteten 46-qm-Wohnung eine Herausforderung darstellt, im Vergleich zu der die Probleme des Bauern, der mit einem Wolf, einer Ziege und einen Kohlkopf einen Fluss überqueren muss und im zur Verfügung stehenden Bötchen jeweils nur einen „Passagier“ mitnehmen kann, ein Klacks sind. Tage habe ich mit der strategischen Planung zugebracht. Ein Umzug wäre leichter zu bewerkstelligen. Ich will aber nicht umziehen. Also habe ich inzwischen einen Maler beauftragt, Listen für das Be- und Entsorgen aller möglichen Dinge aufgestellt und auch den Ohnmachtsanfall über den Preis von ökologischer Auslegware, bei deren Herstellung 30% weniger Energie verbraucht und 60% weniger CO2-Emission verursacht werden (im Vergleich zu was???), überstanden. Was mir in den sogenannten kreativen Pausen zwischen all diesen Vorbereitungen aber zu schaffen macht: Die Kreativität hat schwer gelitten. Sei es das Kinderbuch, das ich zu schreiben angefangen habe, sei es nur ein Blogeintrag –- kaum sitze ich zehn Minuten am Computer und habe ein paar Zeilen zu Papier gebracht, fällt mir etwas ein, wie z.B. dass ich die Deckenlampe im kleinen Zimmer doch gegen eine andere austauschen sollte, eine, bei der ich kaputte Leuchtmittel selbst auswechseln kann und nicht jemanden um Hilfe bitten muss, weil man auf der obersten Leitersprosse mit beiden Händen über Kopf hantieren muss. Oder dass die Sperrmüllabholung unbedingt die Glasschiebetüren der Vitrine mitnehmen muss, die ich als offenes Bücherregal benutzt habe. Flachglas gehört nämlich nicht in die Glastonne. Also notieren, damit es nicht vergessen wird. Und was packe ich in den Koffer, aus dem ich leben werde, während der Kleiderschrank in seine Einzelteile zerlegt und sein Inhalt in andere Koffer und Umzugskartons verpackt sein wird? –- Schon bis zum Erreichen dieser Stelle im Text bin ich drei Mal aufgestanden, habe gemessen, dass der Standherd in der Küche 50 cm breit ist, Zettel von der Pinnwand genommen und die Pinnwand zu den Sachen gestellt, die wir nächste Woche auf den Betriebshof der Stadtreinigung bringen, und habe notiert, dass ich die Töchter fragen werde, ob sie mein ungarisches Gewürzschränkchen haben möchten. Es passt nicht zu den Pylones-Küchengeräten, die ich jetzt sammle, nachdem ich bei meinen Urenkeln Paul und Anton festgestellt habe, wie gerne sie die Küchenschränke ihrer Mama ausräumen. Außerdem macht der bunte Kram gute Laune.

Man sieht daran, wie wichtig es für einen schreibenden Menschen (oder jedenfalls für mich) ist, den schnöden Belangen des Alltags nur das Nötigste an Beachtung zu schenken, denn der Alltag ist durchaus in der Lage, mehr Ablenkung zu schaffen als dem Schreiben guttut. Die Töchter meinen, ich soll mich nicht aufregen, denn sobald die Renovierung überstanden wäre, würde ich noch viel besser und entspannter -– weil nicht mehr durch irgendwelche Unschönheiten gestört -– schreiben können. Ich bin da nicht so sicher. Ich werde schon froh sein, wenn das Verhältnis zu den „Mädels“ während dieser ganzen Aktion ungestört bleibt.

Zu sagen, jemand sei einem zuvorgekommen ist –- wenn es sich um die Verwirklichung einer Idee handelt, einer künstlerischen Idee gar -– keine gute Idee, weil es einem meistens nicht geglaubt wird und sich auch schwer beweisen lässt. Nichtsdestotrotz ist es mir schon passiert, dass mir jemand zuvorgekommen ist, und wenn es passiert ist, dann eher zu meinem Missvergnügen, auch wenn ich -– aus besagten Gründen -– nicht großartig darüber lamentiert habe.

Jetzt aber sehe ich einen guten Grund, es mal frei heraus zu sagen, denn ich kann gleich hinzufügen: Ich bin froh darüber.

Durchaus nicht erst seit gestern beschleicht mich immer wieder einmal der Gedanke, dass es doch eine feine Sache sein müsste, ein Buch als Unikat zu verfassen. Es gibt ja eh zu viele Bücher. Wer es nicht glaubt, muss nur mal versuchen, in seinen Regalen etwas Platz zu schaffen für neue. Was die Töchter nicht wollen, verscheuere ich bei momox, dachte ich mir. Die werden zwar kaum was zahlen, aber sie holen wenigstens kostenlos ab. Und schließlich: Man schmeißt Bücher nicht weg! Bücher wegzuwerfen, gilt dem Büchermenschen als das Hinterletzte. Zu meiner bitteren Enttäuschung musste ich allerdings feststellen, dass momox nicht nur oft mal eben 0,15 € für ein Buch zahlt, sondern etwa die Hälfte der Titel, deren ISBN ich ins Online-Formular getippt hatte, gleich gar nicht wollte. Lässt man den geistigen Gewinn mal beiseite, gibt es kaum eine schlechtere Geldanlage als Bücher.

Ich würde gerne ein Unikat schreiben, dachte ich also bisweilen. Maler malen schließlich auch nicht in Auflagenstärke, und selbst Fotokünstler limitieren die Auflage eines Bildes, um den Wert zu steigern. Nur bei der Literatur soll ein Buch umso mehr wert sein, in je mehr Bücherregalen es steht?

Und nun ist mir also jemand mit dieser blendenden Idee zuvorgekommen: Wolf Wondratschek. Wer es nicht glaubt, kann es auf der Internetseite vom Deutschlandfunk nicht nur nachlesen, sondern auch nachhören. 40.000 Euro soll Herr Wondratschek für den Exklusiv-Roman kassiert haben, und dazu noch braucht er keine Verrisse zu fürchten, denn außer dem stolzen Besitzer des literarischen Einzelstücks bekommt das Elaborat ja niemand zu sehen, und der Mäzen wird wohl nicht so dumm sein, den Wert seines Kunstwerks durch negative Verlautbarungen zu schmälern. Allerdings … Mangels eines Textes, den man verreißen könnte, wird nun der Dichter selbst gefleddert.

Bloß gut, dass ich dem Wondratschek nicht zuvorgekommen bin! Allerdings hätte ich wohl auch ein ziemliches Problem damit gehabt, jemanden zu finden, der 40.000 locker macht, damit ich exklusiv für ihn schreibe. Aber das grämt mich nicht. Wondratscheks „“Einsamkeit der Männer““ kann man bei momox anbieten wie Sauerbier. Für „Leben mit Martin“ bekäme man immerhin 1,11 Euro€.

Sie tanzten zu Leonhard Cohen. Und sie hatte gewusst, es würde so sein. Ihr Kopf an seiner Schulter, die hart war und doch der beste Platz für ihren Kopf, egal ob hier oder im Chelsea Hotel. In New York konnte es auch nicht schöner sein. Das Licht hatte die Farbe von Karamellcreme, und sie tanzten zu Leonhard Cohen. Sie schloss die Augen, ließ sich führen, vertraute seiner Hand auf ihrem Rücken. Mit geschlossenen Augen sah sie ihn lächeln.

I need you, I don’t need you.
I need you, I don’t need you.

Schritt, Schritt und eine kleine Drehung. Sie tanzten zu Leonhard Cohen. Und sie spürte bei jedem kleinen Walzerschritt den Druck seines Schenkels gegen ihren. Es war süß, nachzugeben in seinen Armen. Egal, ob hier oder sonst irgendwo, er hielt sie, und nur darauf kam es an. Sie tanzten zu Leonhard Cohen, und sie hatte gewusst, es würde so sein. Sie durfte nur nicht die Augen öffnen. Seine Schulter war gut, seine Hand war warm. Man vertraut mit geschlossenen Augen.

I need you, I don’t need you.
I need you, I don’t need you.

Schritt, Schritt und eine kleine Drehung. Sie tanzten zu Leonhard Cohen. Es war genau, wie sie es sich vorgestellt hatte. Vielleicht schöner. Kann man mehr verlangen? Sie tanzten, und er lächelte. Sie sah es mit geschlossenen Augen. Aber nun hatte Leonhard Cohen aufgehört zu singen, spielte nur noch seine Gitarre, und dies war der Moment, als sie gegen den Tisch stieß.

Es war spät. Im Bad, vor dem Spiegel, einen Wattebausch in der Hand, zögerte sie. Es war, als könnte sie die Schulter an ihrer Wange noch fühlen, auch die Hand auf ihrem Rücken. Allerdings auch das Schienbein. Sie schaute an sich herunter. Natürlich ein blauer Fleck. Selbst Träume haben ihren Preis. Sie seufzte und begann, sich abzuschminken.

Wer dieses Blog schon lange genug liest, erinnert sich vielleicht, dass ich einmal geschrieben habe, warum ich mich manchmal als Anfängerin bezeichne. Es geht dabei nicht um echte oder falsche Bescheidenheit, sondern um die bedauerliche Tatsache, dass mir hin und wieder Anfänge zu Geschichten einfallen, von denen ich sonst nichts weiß, weder die Idee zu einer Story und schon gar kein Konzept habe. Nur wie ich die Geschichte, die noch gar nicht existiert, gerne beginnen würde, weiß ich. Und bei diesem Anfang bleibt es dann meistens auch. „Leben mit Martin“ ist eine Ausnahme, liest sich aber immer noch wie ein sehr langer Anfang, finde ich.

Ehrlich gesagt, ich halte das mit den Anfängen nicht für besonders schlau. Weit lieber ist es mir, die Idee für eine gute Handlung zu haben und dann daran zu arbeiten, genau wissend, wohin der Ball rollt. Diese Anfänge aber springen mich an, ohne dass ich es will oder gar danach gesucht hätte. Auslöser des folgenden Textes war eine tatsächliche Begebenheit. Die beschriebene Szene im Bus hat sich wirklich ereignet, meine Phantasie angeregt, und ich habe lediglich den Namen geändert. Der Fortgang der Handlung ist sozusagen optional.

Grünfinger

An einem Mittwoch um die Mittagszeit nahm ich den Bus, um von Mariendorf nach Lankwitz zu fahren. Da stieg eine junge Frau zu, an der nichts auffällig gewesen wäre, hätte sie nicht, sich hastig von Sitzreihe zu Sitzreihe bewegend, allen männlichen Fahrgästen dieselbe Frage gestellt, wobei sie nur einen sehr jungen Burschen und zwei Greise ausließ: „“Heißen Sie Grünfinger?““
Keiner der Angesprochenen reagierte unwirsch, denn sie fragte in einem drängenden aber nicht unhöflichen Ton, so wie man vielleicht den Besitzer einer Brieftasche oder eines Hundes suchen würde. Sie insistierte nicht und schien an der Wahrhaftigkeit des Neins, das sie von jedem zur Antwort bekam, nicht zu zweifeln. Bis zur nächsten Haltestelle war sie an der hinteren Bustür angelangt und stieg aus. Und während der Bus sich schon wieder in Bewegung setzte, konnte ich beobachten, wie sie ihre Befragung auf der Straße fortsetzte, von einem zum nächsten hetzend. Kurz bevor ich sie aus den Augen verlor, hielt sie gerade einen Mann auf, der im Begriff war, ein Grundstück zu betreten, wandte sich aber gleich wieder ab, als er den Kopf schüttelte. Egal aus welchem Grund sie einen Mann namens Grünfinger suchte, entbehrte ihre Vorgehensweise doch eines logischen Systems, ja, erschien mir vollkommen absurd. Als ich mein Fahrziel erreicht und noch immer keine mögliche Erklärung gefunden hatte, beschloss ich, dass es sich um eine geistig verwirrte Frau handeln musste, auch wenn man ihr diesen Zustand nicht ansah, und sicher hätte ich das Vorkommnis schnell vergessen, wäre ich nicht am selben Abend mit einem Klienten verabredet gewesen.

Der Mann hieß Krück, „wie Krücke ohne e“, das hatte er am Telefon gesagt und war Inhaber einer Fabrik, die Fensterheber herstellte, das hatte ich selbst herausgefunden. Wir trafen uns in einem Restaurant. In meinem Büro hatte er mich nicht aufsuchen wollen, und meinen Vorschlag, uns in seinem Büro zu treffen, hatte er ebenso abgelehnt. Ich mag diese übertriebene Geheimniskrämerei nicht, zumal ich die Erfahrung gemacht habe, dass sie der Diskretion eher abträglich ist. Wie recht ich damit habe, erwies sich in diesem Fall schon, während er mir Dinge mitteilte, die ich ohnehin schon wusste, ohne das eigentliche Problem bisher zur Sprache gebracht zu haben.
Ich hatte dafür gesorgt, selbst mit dem Rücken zur Tür des Lokals zu sitzen. Das tue ich bei solchen Verabredungen immer, damit ich am Gesichtsausdruck meines Klienten erkennen kann, wenn jemand hereinkommt, der uns nicht zusammen sehen und noch weniger den Grund des Treffens erfahren sollte. Während sich in Krücks Gesicht der Wechsel von Erschrecken, über Unwillen zu einem erzwungenen Lächeln abspielte, wechselte ich also das Thema: Guinness Buch der Rekorde. Das finde ich zwar vollkommen blödsinnig, aber für einen Themenwechsel ist es optimal. Das Essen oder das Wetter sind als Themenwechsel verdächtig unverfänglich. Beim Guinness Buch der Rekorde bin ich immer ein bisschen stolz darauf, wenn mir ein Rekord einfällt, der einen Bezug hat zu etwas, das sich auf dem Tisch oder sonst im Raum befindet, oder zu einem Begriff, der kurz zuvor erwähnt wurde. Aber auch wenn mir das nicht gelingt, ist es für den Gesprächspartner, der diese Wendung mitmachen muss, ein Leichtes, etwas zu erwidern, und sei es nur, dass er Rekorde und dieses Buch vollkommen blödsinnig findet. In diesem Fall sagte ich: „“Seit ich gelesen habe, dass ein Schweizer ins Guinness Buch der Rekorde gekommen ist, weil er sich 259 Strohhalme gleichzeitig in den Mund gesteckt hat, weigere ich mich, etwas mit Strohhalm zu trinken.““ Dabei war ich weniger gespannt darauf, was Krück darauf erwidern, als wie er mich vorstellen würde, und hoffte inständig, ihm fiele etwas Besseres ein als zu behaupten, ich sei am Kauf von Fensterhebern in größerer Menge interessiert. Ich brauche keinen einzigen. Ich weiß nicht einmal, wie das aussieht, was im Hohlraum einer Autotür die Fenster hebt und senkt. Tatsächlich bedurfte Krück des Strohhalms gar nicht, den ich ihm hingehalten hatte, denn wir saßen nicht weit von der Tür, und der Hereingekommene hatte unseren Tisch bereits erreicht – ein Mann, etwa in Krücks Alter doch wesentlich besser aussehend.
„“Guten Abend, Lutz““, sagte Krück. „“Ich sitze hier gerade mit einer Journalistin, die etwas über betriebliche Altersversorgung schreiben will. Setzt dich doch zu uns. Frau Bach –- mein Teilhaber.““ Die letzten Worte begleitete er mit einer knappen Handbewegung von mir zu seinem Kompagnon.
Als Journalistin vorgestellt zu werden, bin ich gewöhnt, in ihre Familie nehmen mich nur wenige Klienten auf, und betriebliche Altersversorgung war ein Thema, bei dem ich mir zu helfen wüsste.
„„Wenn ich nicht störe, gern.““ Krücks Teilhaber verneigte sich leicht in meine Richtung. „„Grünfinger mein Name.““

Als das Teleklingel fonte, treppte ich die Rannte runter und türte gegen die Bumms.

Es ist eine von mir unmöglich abzuschätzende Zahl von Jahren her, dass ich diese Satz auf der Witzseite einer Zeitschrift las. Das Wörterverdrehen amüsierte mich so, dass ich ihn bis heute nicht vergessen habe. Und nun bin ich dem Wörterverdrehen wiederbegegnet, und zwar in Gabriel García Márquez’‘ Autobiografie „“Leben, um davon zu erzählen““. Hier berichtet der Schriftsteller unter anderem von seinen Jahren am Colegio San José, und dass er sich nach der Lektüre von José Manuel Marroquíns „um den Verstand bringenden“ Gedichten für einige Zeit dessen Stil so sehr aneignete, dass er selbst mit dem Wörterverdrehen gar nicht mehr aufhören konnte. Einerseits berührte mich dieses Eingeständnis schon deshalb, weil ich selbst in jungen Jahren auch leidenschaftlich den Stil verschiedener Dichter imitiert habe -– etwas wofür ich mich bis heute manchmal schäme. Aber wenn selbst einer von den ganz Großen… … So etwas freut mich natürlich. Andererseits regte diese Geschichte mich dazu an, das Wörterverdrehen nun selbst einmal auszuprobieren. Hier ein erstes Ergebnis:

Verkehrter Besuch

Ein abendliches Ungemüt,
am Himmel wolken sich Türme.
Am Straßenrand wagen sich die Reihen
Stangenstoß an Stangenstoß.
Er eckt um den Park.
Jetzt könnte er einen Gebrauch schirmen.
Durchtreppt betritt er das Nasshaus.
Es kohlt nach Riech.

Sie flüchten sich nur kenntlich,
aber er wird befreundet wie ein alter Gruß.
Auf dem Tisch suppt der Dampf.
Er tapfert Löffel.
In ihrer gesichteten Mütterlichkeit
lächelt sich eine Breite aus.
Ob es ihn fragt, schmeckt sie nach.
Er zunickt stimmig.

Sie isst immer vor dem Beten.
Sie betet auch ihn an.
Er bleibe noch sollen, sagt sie.
Er ahnt, die Luft ist schlecht gebettet.
Doch als sie dann in seinem Gehen verarmt,
leidet sie ihm tut,
und er wiederspricht zu verkommen.
Er sieht sie wie nieder.

Der Witz ist: Es ist nicht witzig. Genau das aber hatte ich erwartet. Sicher kann man, wenn man es darauf anlegt, einen Text mit verdrehten Wörtern auch sehr witzig gestalten. Ich habe einfach aufgeschrieben und verdreht, was mir gerade in den Sinn kam. Das Resultat, eine recht banale kleine Geschichte, ist nicht von sich aus schon lustig. Ein Mann folgt einer Einladung, von der er sich von vorn herein vielleicht nicht viel verspricht – im Gegensatz zu der Frau, die ihn eingeladen hat. Beide werden enttäuscht. Mit Ironie könnte man diese Episode ins Komische ziehen. Durch das Wörterverdrehen jedoch wird sie gleichsam in ein düsteres Licht getaucht und erinnert in der erzeugten Befremdlichkeit an einen schweren Traum. Ein interessantes Experiment. Ich frage mich nun, ob dieser „Trick“ dazu geeignet ist, jede in einem Text angelegte Stimmung eher zu verstärken, als sie umzukehren. Ich werde sicher noch ein paar Versuche wagen.

Aber nochmals zu Gabriel García Márquez‘‘ Autobiografie:
Ein „“Making of…“ …“, dachte ich schon nach dem Lesen der ersten Seiten. In Gabriel García Márquez’‘ Lebenserinnerungen begegnet man unzähligen Figuren und Motiven, die man aus seinen Romanen kennt, das Wiedersehen aber langweilt keineswegs. Im Gegenteil, es ist wie das Entdecken der Quelle eines Flusses, deren Anblick ja auch nicht enttäuscht, sondern mit Bewunderung darüber erstaunen lässt, was für ein breiter Strom sich daraus speist. Deshalb an dieser Stelle noch einmal Dank an Phillipp, der mir nicht nur das Buch empfohlen, sondern auch den Rat gegeben hat, es als letztes zu lesen – nachdem ich mich durch den Stapel der mir vorgenommenen Romane hindurch gelesen hätte.

Gabriel García Marquéz
Leben, um davon zu erzählen
Fischer Taschenbuch Verlag
ISBN: 978-3-596-16266-6

…habe ich meine etwas eigenwillige Adventsdekoration für euch fotografiert.

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Das weiße Zeug war mir entgegengequollen, als ich den Karton öffnete, den der Verlag geschickt hat mit meinen persönlichen Exemplaren von „Leben mit Martin“. Mit den Beschnittabfällen hatte man die Hohlräume ausgepolstert.

Mich so erschütternd endgültig gedruckt zu sehen, ist für mich als Bloggerin etwas gewöhnungsbedürftig. Aber wie hörte ich vor einiger Zeit im Radio einen Internet-Experten sagen? Nirgendwo seien Dinge so für alle Zeit archiviert und aufbewahrt wie im Netz. Irgendwo hat immer irgendwer noch eine Kopie, schlummern Dateien, die man für unwiderruflich gelöscht hält, auf einem Server, haben Berichte und Meinungsäußerungen sich schon unüberschaubar verbreitet, wenn dem Urheber einfällt, daß er gerne noch etwas zurücknehmen, ändern oder differenzieren würde. Also muß ich jetzt auch keine Beklemmungen kriegen, nur weil „Leben mit Martin“ nun auf Papier gedruckt ist, einschließlich möglicher Fehler, in Worten, die ich vielleicht noch zum unzähligsten Mal hin und her tauschen würde, wären sie nicht mit Druckerschwärze auf Seiten gebannt.

Für euch bedeutet das: „Leben mit Martin“ kann jetzt über den Link am rechten Rand oder in einer Buchhandlung bestellt werden – nicht allerdings bei großen Anbietern wie Amazon, denn dadurch wäre der Verkaufspreis erheblich gestiegen. Ich bin ein kleines Licht, und entsprechend klein ist die Auflage.

Jetzt aber schnell die Kerzen wieder ausgepustet, bevor aus der seltsamen Adventsdekoration eine Bücher(beschnittabfall)verbrennung wird.

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Christa Hartwig
Leben mit Martin
Taschenbuchausgabe Dezember 2010, 332 S.
Verlag: edition winterwork
ISBN: 978-3-942693-37-0

Als ich noch auf die Grundschule ging, spielte wir – d.h. wenn ich mich richtig erinnere, bedeutet wir in diesem Fall: wir Mädchen – häufig „Misthaufen“.
Es ist das Spiel, das Barbara in Kapitel 59 von „Leben mit Martin“ erwähnt.
Obwohl es bis heute nicht ganz in Vergessenheit geraten ist, scheint es sich nicht mehr derselben Popularität zu erfreuen, so daß WIKIPEDIA nur drei Definitionen für „Misthaufen“ anbietet: den Lagerplatz von Mist, einen 2.436 m hohen Berg in Vorarlberg und eine österreichische Band dieses Namens.

Wir kleinen Mädchen spielten „Misthaufen“ zu zweit und nach den folgenden Regeln:
Eine von uns schrieb Zahlen (üblicherweise von 1-20) kreuz und quer auf ein Blatt Papier. Die Andere suchte die Eins, überkrakelte sie mit dem Bleistift und machte so den ersten Misthaufen. Dann war die Mitspielerin an der Reihe und zog mit dem Bleistift eine Linie vom ersten Misthaufen zur Zwei, die nun ebenfalls überkrakelt und zum zweiten Misthaufen wurde. So ging es im Wechsel weiter. Dabei durften die gezogenen Linien keine andere Linie berühren und keine noch nicht erreichte Zahl durchkreuzen. „Durchfahren“ durfte man nur bereits bestehende Misthaufen. Je länger das Spiel dauerte, um so schwieriger wurde es. Ein gut gespitzter Bleistift und eine ruhige Hand waren von Vorteil, denn wer zuerst gegen die Regeln verstieß (dazu gehörte auch das Auslassen einer Zahl), hatte verloren. Und weil wir es der Mitspielerin manchmal besonders schwermachen wollten, steuerten wir von Anfang an die nächste Zahl auf möglichst verschlungenen Wegen an, dabei uns selbst freilich auch „einen auf die Schiene nagelnd“, und so hatte der naiv anmutende Zeitvertreib durchaus eine philosophische Komponente.

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Übrigens ist Barbaras Behauptung, sie habe ähnliche Zeichnungen einmal in einer Galerie gesehen, nicht aus der Luft gegriffen.

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