Rosenbach


Wer Rosenbach kennt, wird nicht verwundert reagieren, wenn er erfährt, dass Rosenbach nur handgefertigte Schuhe trägt. Der Grund dafür ist allerdings nicht ein gewisser Snobismus, den man Rosenbach auch bei größtmöglichem Wohlwollen nicht absprechen kann. Es hat ihm auch kein Orthopäde oder Podologe dazu geraten. Die Sache nahm ihren Anfang, als Rosenbach –– damals noch ein Gymnasiast –– eine Erzählung las, in welcher ein Flickschuster die Hauptrolle spielte.

Weiter …

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Rosenbach legte den Telefonhörer so behutsam auf, als handle es sich um eine Zeitbombe, deren eingebaute Uhr abgelaufen, die aber bisher nicht explodiert war. Dann stand er auf, trat ans Fenster und dachte über Claude nach. Er war es nicht gewohnt, über sie nachzudenken. Claude war einfach Claude, und mit diesem Namen verbanden sich seit vielen Jahren die angenehmsten Empfindungen. Claude war Rosenbachs beste Freundin. So würde er sie bezeichnen, wenn er ihre Beziehung benennen sollte. Er weigerte sich, sie eine Geliebte zu nennen, obwohl ihre Treffen üblicherweise im Bett endeten. Oder nein, sie endeten eben nicht dort. Ihre Begegnungen kehrten stets an den Punkt zurück, an dem sie ihren Ausgang nahmen, zum geistvoll heiteren Gespräch, zur gemeinsamen Mahlzeit, zur entspannenden Gewissheit, einander auch schweigend zu verstehen. Zwischen ihnen gab es beiden selbstverständliche Spielregeln. Rosenbach war es, der Claude anrief, der sie einlud, ein Restaurant oder ein Ausflugsziel vorschlug und die Rechnungen bezahlte. Dabei lag ihm nichts daran, ihr seinen Willen aufzuzwingen. Er fragte, ob sie Lust und Zeit hätte, ob ihr dieses oder jenes Restaurant lieber wäre, und wenn sie nach dem Essen darum gebeten hätte, nach Hause gebracht zu werden, hätte er ihr dies nicht verübelt, so wenig wie sie ihm verübelte, wenn er sich drei oder vier Wochen lang überhaupt nicht bei ihr meldete. Und nun das!

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Als Rosenbach das Büro seines Creative Directors betrat, vergaß er vor Überraschung den Grund, aus dem er ihn hatte sprechen wollen. Da stand ein griechischer Sklave hinter dem Sessel des jungen Mannes und schwenkte einen großen Fächer.
Christian Dieckmann, wegen der Doppelung der Initialen seines Namens mit denen seiner ambitionierten Position in der Firma von allen nur CD genannt, blickte von seinem Laptop auf und brauchte einen Moment, bevor er Rosenbachs verdutzten Gesichtsausdruck verstand. Er warf einen kurzen Blick über die Schulter, grinste dann und sagte: „„Genial, oder?““
„„Ich weiß nicht““, sagte Rosenbach, immer noch verwirrt, obwohl er inzwischen mitbekommen hatte, dass es sich bei dem Sklaven um einen Automaten handelte. „„Ich würde eher sagen abstrus.““
CD lachte und klärte seinen Chef auf. „„Ein Freund von mir heiratet nächsten Monat. Er hat alle ehemaligen Klassenkameraden -– Grundschule und Gymnasium! -– zu einer Junggesellenabschiedsparty eingeladen. Für das Geschenk haben wir zusammengelegt. Etwas wirklich Lustiges sollte es sein. Und da er ein ziemlicher Pascha ist –. Den Burschen hier habe ich auf einer Skurrilitätenauktion gekauft.““
„„Die arme Frau!““ sagte Rosenbach.
„„Es ist ja ein Geschenk für ihn““, verteidigte sich CD.
„„Ja, aber sie wird auch damit leben müssen. Außerdem bezog sich mein Bedauern auf den Pascha, nicht auf den Sklaven.““
CD lachte. „„Ich kenne das Mädel ganz gut. Die kann damit umgehen. Ich glaube, ihr gefällt seine Attitüde sogar, was nicht heißt, dass sie ihm alles durchgehen lässt.““
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Die Hitze war unerträglich. Zum ersten Mal bereute Rosenbach, sich damals ganz bewusst für Büroräume in einem Gebäude ohne Klimaanlage entschieden zu haben. Im Zimmer der Sekretärinnen surrte den ganzen Tag ein Ventilator auf höchster Stufe. Die Papiere auf den Schreibtischen waren mit Lochern, Wörterbüchern und Wasserflaschen beschwert. Rosenbach, den Ventilatoren nervös machten, hatte stattdessen in seinem Büro alle Fenster aufgerissen, und weil trotzdem kein Luftzug zu spüren war, stand gegen alle Gewohnheit auch die Tür zum Vorzimmer weit offen. Zunächst hatte das bewirkt, dass die beiden Damen ungewöhnlich schweigsam ihrer Arbeit nachgingen. Nur das leise Klappern der Tastaturen und hin und wieder das Schnarren des Telefons waren an Rosenbachs Ohr gedrungen, letzteres meistens gefolgt von Frau Herzogs höflicher Auskunft, Herr Rosenbach sei nicht da, und der Frage, ob der Anrufer eine Nachricht hinterlassen wolle. Bald jedoch schienen die Sekretärinnen selbst an seine Abwesenheit zu glauben, saß er doch wie von der Hitze gelähmt hinter seinem Schreibtisch und starrte auf das umfangreiche Dossier eines Spielzeugfabrikanten, der ihn zu einer Geschäftsbeteiligung überreden wollte. Nicht einmal Kaffee musste ihm gebracht werden. Neben ihm stand eine Isolierkanne mit Eistee, aus der er sich bereits drei Mal das Glas gefüllt hatte. Immer wieder schaute er gedankenlos aus dem Fenster, doch weil der gleißende Himmel ihn blendete, kehrte sein Blick bald wieder zu den Papieren zurück, auf die er sich beim besten Willen nicht konzentrieren konnte. Mit Spielzeug befasste er sich sonst nur kurz vor Weihnachten, wenn er sich ein Geschenk für sein Patenkind einfallen lassen musste –- nicht mitten im Sommer und bei dieser Hitze.

Rosenbach tupfte sich eben mit dem Taschentuch den Schweiß von der Stirn, als er Frau Keller, die Junior-Sekretärin, sagen hörte: „„Mir ist übrigens noch was eingefallen, was ich auf meine Löffelliste setzen werde. Ich möchte mal mit dem Fallschirm abspringen.““
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Zu sagen, dass Rosenbach ein Antiquitätensammler war, wäre eine maßlose Übertreibung. Er besaß jedoch einige Stücke, die er über die Jahre bei verschiedenen Gelegenheiten und eher zufällig erworben hatte. Eines davon war eine Chryselephantine, eine Männerfigur, deren Höhe samt Sockel man mit einem gewöhnlichen Lineal hätte messen können. Die unerklärliche Haltung des Mannes war kurios. Doch gerade dies und der Umstand, dass die Figur ihn an ein Erlebnis mit seiner Tante Regina erinnerte, machten sie zu seinem Lieblingsstück.

Tante Regina hatte ihn damals gebeten, sie in ein Antiquitätengeschäft zu begleiten. Sie war auf der Suche nach einem Geschenk zum siebzigsten Geburtstag einer alten Freundin, die Zuckerdosen sammelte. Rosenbach erinnerte sich noch, dass sie beim Betreten des Ladens gelacht hatten, darüber dass auf seine als Scherz gemeinte Frage, ob jene Freundin nur die Dosen oder auch Zucker sammle, seine Tante geantwortet hatte: „Das tut sie in der Tat. Sie hat auf ihrer Hochzeitsreise begonnen, aus jedem Hotel und jedem Kaffee verpackte Zuckerwürfel und Zuckertütchen mitzunehmen und aufzubewahren.“

Während seine Tante sich hatte Zuckerdosen zeigen lassen, war Rosenbach müßig im Geschäft herumgewandert, bis sein Blick an jener seltsamen Figur hängengeblieben war: ein Mann, dessen aus Bronze gefertigter, schlecht sitzender Anzug auf seine einfache Herkunft schließen ließ, in einer seltsamen Haltung, für die Rosenbach vergeblich nach einer Erklärung suchte. Der Kopf aus Elfenbein mit der nach hinten geschobenen Mütze aus Bronze war vor- und dabei abwärts geneigt und gleichzeitig schief gelegt. Die Augen waren geschlossen, oder der Blick so tief gesenkt, dass sie geschlossen wirkten. Dabei lag auf dem dank des Elfenbeins lebendig scheinenden Gesicht ein seliges Lächeln, das ihm einen geradezu einfältigen Ausdruck verlieh. Der Mann schien eben einen Schritt machen zu wollen, der jedoch ein Schritt in einen Abgrund gewesen wäre, denn die Figur stand nicht mittig auf dem Sockel, sondern am Rand, dort wo der Sockel nicht, wie an den drei anderen Seiten, eine gerade Kante und eine Stufe aufwies, sondern einer natürlichen Felskante glich, jedoch ohne Anzeichen dafür, dass es sich um einen Bruch handelte, denn diese unebene Seite war nicht rau, sondern sorgfältig beschliffen. Offenbar sollte die Figur gefährdet erscheinen, umso mehr, als das selige Lächeln zeigte, dass der Mann sich keiner Gefahr bewusst war. Seine linke Hand wies in Hüfthöhe nach vorn. Der rechte Arm war, fast in Schulterhöhe, ebenfalls nach vorn erhoben, und die Finger der Elfenbeinhand, die aus dem Bronzeärmel ragte, waren leicht gespreizt. Rückwärts gerichtet, hätte die Geste ein Rudern in der Luft, um das Gleichgewicht zu halten, bedeuten können. So aber wirkte sie wie bei einem Schlafwandler oder Traumtänzer, der Situation in lächerlicher und zugleich beunruhigender Weise nicht angemessen. In die Betrachtung versunken, hatte Rosenbach unbewusst die dargestellte Pose angenommen, um ihrem Sinn auf den Grund zu kommen, und war zusammengezuckt, als der Antiquitätenhändler plötzlich hinter ihm gestanden und ihn angesprochen hatte. „Eine seltsame Figur, nicht wahr? Seltsam aber sicher nur, weil das dazu gehörende Stück fehlt.“ Auf Rosenbachs Frage hin, hatte er auf den Sockel gewiesen. „Sehen Sie die asymmetrische Form? Hier fehlt die andere Hälfte. Als das Stück mir angeboten wurde, habe ich gezögert. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich die fehlende Figur finden würde und dazukaufen könnte, war gering und hat sich als vergebliche Hoffnung herausgestellt. Erst vor drei Tagen habe ich die Statuette in die Auslage genommen. Bis dahin hatte ich sie sozusagen geheim gehalten, weil ich mir die Chance, das fehlende Stück zu einem günstigen Preis zu kaufen, nicht hatte verderben wollen. Wenn Sie Interesse und mehr Glück als ich haben, würde der Wert ein Mehrfaches des jetzigen Preises betragen, besonders dann, wenn sich die Signatur auf dem anderen Sockel befindet. Der feinen Ausführung nach könnte es eine Arbeit von Ferdinand Preiss sein, obwohl der eher Chryselephantinen von Tänzerinnen und Sportlerinnen, überhaupt eher von Frauen angefertigt hat. Auch eine relativ späte Arbeit von Chiparus wäre denkbar – bevor er schließlich nur noch Tierskulpturen im Stil des Art déco machte. Er hatte in seiner frühen Schaffensperiode ja sehr naturalistische Figuren, hauptsächlich Kinder, angefertigt und sich erst später quasi dem russischen Ballett verschrieben. Meine Überlegung ging dahin, ob die Figur auf dem zweiten Sockel ein Hund sein könnte, den der dargestellte Mann abrichtet.“
Rosenbach hatte seine Zweifel gehabt, war dem Kuriosum aber schon so verfallen, dass er sich spontan zum Kauf entschlossen hatte. Später, wieder in der Wohnung seiner Tante Regina, hatten sie beide Vermutungen darüber angestellt, was die Haltung und die Gesten des Mannes zu bedeuten hätten. Tante Regina war geneigt gewesen, sich der Theorie des Antiquitätenhändlers anzuschließen, und vielleicht hatte es an Rosenbachs wenig ausgeprägter Sympathie für Hunde gelegen, dass er nicht gewillt gewesen war, ihr beizupflichten. Für sich nannte er die Figur fortan den „Pantomimen“.

Das alles lag an die zehn Jahre zurück, als Rosenbach über einen Trödelmarkt bummelte, der zu dieser frühen sonntäglichen Morgenstunde eben erst aufgebaut wurde. Er hatte die Nacht mit einer attraktiven Frau verbracht, die sich leider in jeder Hinsicht als langweilig erwiesen hatte, war, ohne eine Wiederholung in Aussicht gestellt zu haben, von ihrem Frühstückstisch entkommen, fühlte sich verkatert, obwohl er am Abend zuvor wenig getrunken hatte, und spürte den Wunsch, seinen Kopf noch etwas auszulüften, bevor er nachhause zurückkehrte. So kam es, dass er über den Markt schlenderte, als gerade die ersten gewerblichen Haie auftauchten, um die besten Stücke der Privatverkäufer zu skandalös niedrigen Preisen abzustauben. Rosenbach hatte nicht die geringste Absicht, etwas zu kaufen. Er wollte nur auf andere Gedanken oder, besser gesagt, überhaupt wieder auf Gedanken kommen. Neben einem Tapeziertisch blieb er stehen. Eine Frau mit teigigem Gesicht, die gerade den Inhalt billiger gestreifter Plastiktaschen auspackte, hatte keine Zeit, ihm Beachtung zu schenken. Als sie doch aufschaute und ihm mit einem verschwommenen Lächeln zunickte, wollte Rosenbach schon weitergehen. Doch in diesem Moment fiel sein Blick auf den Gegenstand, den sie soeben aus zerknittertem schwarzem Seidenpapier gewickelt hatte, und sein Herz machte einen Satz. Er erkannte den Sockel an der Form, der Farbe des Marmors, vor allem aber an der Eigentümlichkeit der einen unebenen Kante sofort. Zu seiner Erleichterung befand sich darauf keineswegs ein Hund, der ein Kunststück vollführte, sondern eine Frauenfigur, etwas kleiner und zierlicher als sein „Pantomime“. Das Kleid aus bemalter Bronze, war ein buntes Fähnchen, das rührend billig wirkte, was für die besondere Kunstfertigkeit sprach, mit der es gearbeitet war. So entsprach es dem schlecht sitzenden Anzug. Vor allem jedoch entsprach die Haltung der Frau der Figur, die Rosenbach bereits besaß. Das fein aus Elfenbein geschnitzte Gesicht war leicht vorgeneigt und seitlich gewandt, die Augen geschlossen, und auf den Lippen spielte dasselbe selige Lächeln, während ihre Arme schlaff herunterhingen, wie bei einer willenlosen Puppe, als überließe sie sich einem Traum, selbstvergessen und entrückt, lächerlich und rührend und besorgniserregend in Gefahr, im nächsten Moment vornüber zu sinken und in den angedeuteten Abgrund zu stürzen.
Rosenbach riss sich gerade zusammen, um sein Interesse an der Figur nicht zu offenkundig zu zeigen, nahm sie also in die Hand, setzte dabei aber eine eher abschätzende Miene auf, als ein Mann aufdringlich dicht an ihn herantrat. „Darf ich mal?“ fragte er grob und streckte die Hand aus, als wolle er Rosenbach die Figur wegnehmen. Doch bevor Rosenbach auch nur Luft holen konnte, um sich dieses Benehmen zu verbitten, herrschte die teiggesichtige Frau den Zudringlichen bereits an. „Verpiss dich, Kniebel! Du hast mich neulich gelinkt. Dir verkauf ich nix mehr!“ Die ausgestreckte Hand zog sich zurück, um anklagend auf jemanden zu weisen, der sich außerhalb von Rosenbachs Gesichtsfeld befand. „Wieso gelinkt? Wer behauptet so was? Rampen-Franz etwa?“ – „Wer, ist egal, Geht dich nix an. Also, hau ab!“ entgegnete die Frau und wandte sich Rosenbach zu, der die Figur so fest im Griff hielt, wie sein Kunstverstand es gerade noch zuließ. „Was soll die kosten?“ – „Sowieso alles Hongkong-Ware, was Sie hier kriegen, wenn’s nicht gerade aus der Altkleidersammlung ist“, mischte der Mann sich nochmals ein. „Verpiss dich!“ schrie die Frau ihn an und wandte sich dann abermals Rosenbach zu, um einen Preis zu nennen, der ihm, wegen seiner Niedrigkeit, beinahe die Schamröte ins Gesicht trieb. Für Schuldgefühle war dies jedoch der falsche Zeitpunkt. Unendlich froh, gerade zur rechten Zeit hier gewesen zu sein, zückte Rosenbach sein Portemonnaie, verzichtete zur leichten Verwunderung aber letztendlich doch Freude der Verkäuferin auf das Wechselgeld, und sah zu, dass er wegkam, ohne jenem Kniebel noch einmal zu begegnen.

Rosenbachs Herz klopfte bis zum Hals, als er in seinem Salon die kostbare Chryselephantine aus dem Seidenpapier wickelte, das aus einem Schuhkarton zu stammen schien. Zwar hatte die unangenehme Situation auf dem Markt ihm doch immerhin genug Zeit gelassen, festzustellen, dass sich auch auf dem zweiten Sockel keine Signatur befand, doch hegte Rosenbach nicht den geringsten Zweifel, ein Kleinod erstanden zu haben – vielleicht das besonders großes Talent verratende Gesellenstück eines Schülers eines der damals vom Antiquitätenhändler erwähnten Meister der Elfenbeischnitzkunst. Es spielte keine oder nur eine geringe Rolle. Ein kleines Wunder war geschehen, und da Rosenbach nicht die Absicht hatte, sich von diesem jemals zu trennen, waren hoch gehandelte Namen ohne Bedeutung.

Wegen des erhobenen rechten Armes des Mannes, musste Rosenbach die Statuetten leicht verkanten, bis die Sockel sich perfekt aneinander fügten. Die linke Hand des Mannes lag nun auf der Hüfte der Frau. Mit dem rechten Arm war er im Begriff, sie zu umfangen und an sich zu drücken, so dass dieser Arm das Figurenpaar nun wie eine Klammer zusammenhielt. Ihr Kopf lag an seiner Schulter, seine Wange an ihrer Stirn. Alles scheinbar Verlorene, Halt- und Sinnlose, auch das selige Lächeln in den beiden Elfenbeingesichtern, das zuvor ins Leere zu gehen schien, war nun ein Bild süßer Innigkeit und Ausdruck eines Glücks, das die Seele schon erfasst hat, bevor der Verstand es begreift.

Rosenbach wischte sich über die Augen. Dann lachte er, obwohl allein mit sich und diesem Wiedersehen, ein wenig verschämt. Es war doch tatsächlich das erste Mal, dass Mehrwert ihm Freudentränen in die Augen trieb.

© Christa Hartwig

Dieses war das wohl gelungenste Weihnachten seines Lebens, fand Rosenbach. Abgesehen von den Weihnachten seiner Kindheit, die ihm als in späteren Jahren nicht zu übertreffen erschienen. Und abgesehen von all den anderen Weihnachten, an denen er ähnlich wie heute gedacht hatte, denn wenn es so etwas wie Weihnachtsmenschen gab, so konnte man Rosenbach dazu zählen. Er liebte Weihnachten!

Es war der 26. Dezember. Rosenbach hatte den Heiligabend mit seiner alten Freundin Claude verbracht – nicht zum ersten Mal, denn wenn keiner von ihnen gerade frisch liiert und folglich unabkömmlich war, gingen sie lieber auf Nummer sicher. Claude hatte einen großen Weihnachtsbaum so prachtvoll geschmückt, als gelte es, Enkelkinderaugen zum Leuchten zu bringen, obwohl sie kinderlos wie Rosenbach war, und gerne bildete er sich ein, dass sie es seinetwegen tat, und bewunderte das Kunstwerk gebührend. Im Kamin hatte ein Feuer gebrannt, der Rotwein war so ausgezeichnet wie der Entenbraten, und wie die anderen Male, war aus ihrem guten Vorsatz, eine Mitternachtsmesse zu besuchen, aus Gründen, die ich der Phantasie des Lesers überlassen möchte, nichts geworden.
Am ersten Feiertag war Rosenbach in die Familie seines Patenkindes eingeladen worden – schon zum Mittagessen, und dann das volle Programm. Der kleine Albert (französisch auszusprechen!) war ein prachtvoller Junge und freute sich unbändig, wenn Rosenbach zu Besuch kam.
Und nun also Rosenbachs alter Schulfreund Kutscher.

Nach der Schulzeit hatten die beiden Männer jahrelang kaum Kontakt zueinander gehabt, da Kutscher schon als Student in eine andere Stadt gezogen war. Erst als sie anlässlich einiger kleiner Geschäfte wieder miteinander in Verbindung kamen, erfuhr Rosenbach, dass Kutscher ähnlich erfolgreich wie er selbst gewesen war – zumindest, was das Geschäftliche anging. Privat hatte er eher einigen Schiffbruch erlitten: Scheidung, ein halbwüchsiger Sohn, der ihm einige Sorgen bereitete … Vor drei Monaten hatte Kutscher sich einer Meniskusoperation unterziehen müssen, und dies war auch der Grund, warum er Weihnachten nicht wie sonst in den Alpen verbrachte, sondern Verwandte hier in der Stadt besuchte. Nach der geseufzten Überleitung, dabei sei doch nichts schwerer zu ertragen, als eine Reihe von Feiertagen, hatte er Rosenbach gefragt, ob man sich am zweiten Feiertag nicht treffen könne, in seinem Hotel, zu einem kleineren Essen und größeren Schluck an der Bar. Selbstverständlich lade er ein. Rosenbach hatte kurz protestiert und dann nachgegeben, weil ihm eine Idee gekommen war. Und jetzt, als er eben das Hotel betrat, in dem Kutscher abgestiegen war, frohlockte Rosenbach regelrecht.

Er entdeckte seinen alten Schulfreund auch gleich im Restaurant des Hotels an einem Fenstertisch. Sie begrüßten einander, wie es Männer tun, wenn ihnen ein Umarmung übertrieben und ein bloßer Händedruck zu förmlich erscheint, und beide keine Neigung zu jovialen Gesten haben: ein wenig unbeholfen. Die Verlegenheit war jedoch schon verflogen, als sie sich setzen. Rosenbach, der sich plötzlich lebhaft daran erinnerte, wie angenehm ihm Kutschers Erscheinung und Art schon in der Jugend gewesen waren, bedauerte einerseits, dass sie nicht über die Jahre ihre Freundschaft mehr gepflegt hatten, kannte aber auch den Grund, der es von Anfang an verhindert hatte, dass sie so etwas wie beste Freunde wurden: Kutschers radikalen Realismus, der einem jede Illusion, jeden Traum und jede Schwärmerei verleidete. Die angenehme Seite daran war, dass Kutscher jegliches Selbstmitleid ebenso fremd war. Rosenbach musste nicht auf der Hut sein, das Tischgespräch weder auf Kutschers Ehe, noch auf dessen Sohn kommen zu lassen. Letztendlich sprachen sie aber doch eher darüber, wie sie beide die Weihnachtstage verbracht hatten, und Kutscher lästerte nicht schlecht, über seinen Cousin, der verkleidet am Heiligabend bei Kutschers Bruder und Schwägerin aufgetreten war, um den Neffen fast zum Heulen zu bringen. Der glaubte mit seinen sieben Jahren scheinbar wirklich noch an den Weihnachtsmann. Etwas, worüber Kutscher nur den Kopf schütteln konnte.

„Ich glaube, ich habe länger an den Weihnachtsmann geglaubt, als irgendwer aus unserer Klasse, bestimmt bis ich zwölf war“, sagte Rosenbach und versuchte, sich sein Vergnügen nicht anmerken zu lassen.
Kutscher enttäuschte ihn nicht. Wie erwartet, entglitten ihm die Züge zu blanker Fassungslosigkeit. „Das ist nicht wahr, oder? Das hätte ich wissen sollen!“ Er lachte auf.
„Doch, doch“, beteuerte Rosenbach. „Dir hätte ich das natürlich nie gesagt. Übrigens glaubte ich an den Weihnachtsmann, weil meine Tante Regina so steif und fest behauptete, es gäbe nur falsche Weihnachtsmänner.“
„Das verstehe ich nicht“, hakte Kutscher interessiert nach.
„Nun, Tante Regina hatte ihre eigene Art, uns Kinder zu bescheren. Wenn sie zum Familienessen erschien, hatten meine Eltern sicher ihre liebe Not, sich das Lachen zu verhalten. Tante Regina kam nämlich jedes Mal mit einem Sack, den ihr ein falscher Weihnachtsmann unterwegs angedreht hatte. Immer beschrieb sie ihn geradezu grotesk und erzählte die haarsträubendsten Geschichten, wie der Kerl sie bedrängt, beschwatzt oder hereingelegt hatte. Mal war es eine Art Clochard, der ihr den Sack für einen Heiermann verkauft hatte, sich dabei umschauend, als habe er ihn irgendwo geklaut, mal war es ein Chinese, der nur chinesisch sprach aber offenbar nach einem Weg fragte. Schließlich habe er ihr einen zerknitterten Zettel gezeigt, auf dem unsere Adresse stand, und als er ihre Wegbeschreibung nicht kapierte, hatte sie ihm wütend den Sack abgenommen, um ihn selbst abzuliefern. Und einmal sagte sie, der Kerl habe sie gebeten, auf seinen Sack aufzupassen, während er mal aufs Klo … Nach einer halben Stunde hätte sie angefangen, Männer, die aus der Toilette kamen, zu fragen, ob sie da drin einen Weihnachtsmann gesehen hätten. Da habe sie so dämliche Antworten bekommen, dass sie schließlich den Sack einfach mitgenommen habe. Jedenfalls war Tante Reginas Auftritt jedes Weihnachten eine Mordsgaudi. Du hättest sehen sollen, was das manchmal für Säcke waren! Aber immer enthielten sie wunderbarerweise Geschenke, die wir uns gewünscht hatten, oder die eine freudige Überraschung waren. So blieb in mir eine Hoffnung, dass Tante Regina dem echten Weihnachtsmann begegnet war – aller Vernunft zum Trotz. Viel später erst wusste ich, was für eine begnadete Schauspielerin meine Tante abgegeben hätte. Es sei denn, dass sie doch …“
„Hör auf!“ sagte Kutscher und lachte. „Aber, weiß Gott, deine Tante hätte mir gefallen, glaube ich. Da fällt mir aber eine kleine Sache ein, die mir vorgestern passiert ist, als ich von der Heiligabendfeier bei meinem Bruder ins Hotel zurückkam. Ich wollte gleich auf mein Zimmer, aber der Concierge hatte eine Nachricht von Dir für mich. Du hattest ja angerufen, um zu sagen, du würdest unsere Verabredung gerne um eine halbe Stunde verschieben. Und als ich dann zum Fahrstuhl ging, kam aus der Bar ein Weihnachtsmann. Er schien einer von der besseren Sorte zu sein, mit echtem Bart und in einem schönen Mantel. Sonst hätte man ihn hier auch kaum hereingelassen, denke ich. Sein Feierabendschlückchen muss er aber doch nötig gehabt zu haben. Mein Eindruck war, er hatte einen Kleinen zu sitzen. Und weil er im Gehen plötzlich anfing, seinen leeren Sack zu schütteln, zu betasten und schließlich darin herumzukramen, hätte er mich fast über den Haufen gerannt. ‚Hoppla!’ sagte ich, und in eben dem Moment holte er ein kleines Päckchen heraus, schaute wütend darauf, brubbelte etwas von vergessen und, dass er das nicht wieder mitnehmen will, und drückte es mir dann einfach in die Hand. Ich war so verdutzt, dass ich gar nichts sagen konnte. Da schwankte er schon durch die Drehtür nach draußen.“
„Und was war drin? Oder hast du es etwa an der Rezeption abgegeben?“ fragte Rosenbach.
Kutscher schien etwas verlegen. „Das hätte ich vielleicht tun sollen, aber ich habe es mit aufs Zimmer genommen und ausgepackt. Und an dem Punkt wird die Geschichte fast unheimlich. Weißt du, was drin war?“
„Wie sollte ich?“ fragte Rosenbach erstaunt.
Kutscher, der damit auch nicht gerechnet hatte, lächelte fast verträumt, als er weiter erzählte. „Kleine Menschen. Ich meine diese Figürchen, die man bei einer elektrischen Eisenbahn auf die Bahnhöfe stellen kann. Du erinnerst dich vielleicht, dass ich damals eine elektrische Eisenbahn hatte.“
„Natürlich erinnere ich mich“, sagte Rosenbach. „Ich habe dich darum beneidet.“
„Hab ich dir mal erzählt, dass ich mir diese kleinen Figuren mehr gewünscht habe, als immer noch eine Lokomotive, und noch eine Weiche und noch eine Signalanlage?“
Rosenbach schüttelte den Kopf. „Nicht dass ich mich erinnern könnte.“
„Wäre mir wahrscheinlich auch albern vorgekommen. Aber es war so. Und als ich vorgestern die kleine Schachtel aufmachte, tat mir der Junge leid, dem dieser Weihnachtsmann sie hätte bringen sollen. Ich hab’ sie mir bestimmt eine halbe Stunde lang angeschaut. Die Eisenbahn hat später dann mein Sohn bekommen. Der hat sie vor zwei Jahren ohne mein Wissen verkauft. Hat ihm eben nichts bedeutet. Er spielte ja schon lange nicht mehr damit.“
„Und was machst Du jetzt mit den Figuren?“ fragte Rosenbach, nachdem er sich geräuspert hatte. Die Geschichte ging ihm ein bisschen an die Nieren, während Kutscher selbst darüber sprach, als wäre es das Normalste von der Welt. Jedenfalls lächelte er, als er sagte: „Ich behalte sie natürlich. Wenn man in meinem Alter ein Geschenk vom Weihnachtsmann bekommt, auch wenn mit ein paar Jahren Verspätung, dann sollte man es wohl in Ehren halten.“
„Guter Gedanke“, sagte Rosenbach und nach einem Blick auf die leergegessenen Teller: „Wo der alte Knabe seinen einzigen Arbeitstag im Jahr hat ausklingen lassen, sollte es auch für uns was Anständiges zu trinken geben. Das dann aber auf meine Rechnung.“

© Christa Hartwig

Einmal, an einem Samstag, begegnete Rosenbach auf der Straße seinem alten Klassenlehrer vom Gymnasium und hätte ihn wohl kaum wiedererkannt, wenn der Greis nicht das Bild des zerstreuten Professors abgegeben hätte, über das Rosenbach und seine Klassenkameraden schon damals ihre manchmal groben Scherze gemacht hatten. Er ging in Gedanken versunken die belebte Geschäftsstraße hinunter, ohne einen Blick für die Schaufenster zu haben, und die Passanten mußten ihm ausweichen, um nicht unweigerlich mit ihm zusammenzustoßen. Manchmal blieb er stehen, um Atem zu schöpfen, aber auch dann schien er sich kaum bewußt zu werden, wo er gerade war.
Rosenbach überschlug die Jahre und kam zu dem Resultat, daß der Professor hoch in den Achtzigern, wenn nicht Anfang neunzig sein mußte, und während er noch rechnete, machte Rosenbach sich schon daran, die Straße zu überqueren. Kein lebensgefährliches Unterfangen, denn der dichte Strom von Autos bewegte sich nur im Schrittempo. Das hielt einige Fahrer nicht davon ab, wütend zu hupen, als Rosenbach, zwischen den Stoßstangen der Wagen einen Slalom vollführend, der anderen Seite zustrebte.
Auch das Hupen hatte den Professor nicht aus seinen Gedanken geschreckt. Erst als Rosenbach ihn ansprach, kehrte sein Blick aus unbekannter Ferne in die Gegenwart zurück, und es vergingen weitere Sekunden, bis ein Ausdruck des Erkennens in seine Augen trat. „Rosenbach. Ja, ich erinnere mich. Wie geht es Ihnen? Was machen Sie?“
Rosenbach versicherte, es ginge ihm sehr gut, und was seine Karriere betraf, schien es ihm angesichts des abgetragenen Mantels, den der Professor anhatte, höflicher, ein wenig zu untertreiben. „Ich habe mich selbständig gemacht“, sagte er, „handele mit diesem und jenem. Ich kann nicht klagen.“ Da sie sich gerade in der Nähe eines Cafés befanden, das noch im alten Stil eingerichtet war, regte er an, dort einzukehren, denn es sei doch ein erfreulicher Zufall, daß sie einander nach so vielen Jahren und gerade hier getroffen hätten.

Als Rosenbach sah, wie der alte Mann, sich die Karte dicht vor die Augen haltend, den Blick mehr nach rechts auf die Preise der angebotenen Kaffeespezialitäten richtete, als auf die schon beim Lesen verführerisch im Ohr klingenden Bezeichnungen wie Türkischer Mokka, Melange, Pharisäer, Café crème, Latte Macchiato…, entschloß er sich zu einer frommen Lüge, in der Hoffnung, das Gedächtnis des Professors, der Mathematik und Physik unterrichtet hatte, würde gut für Zahlen, nicht aber für Daten sein.
„Da ich heute Geburtstag habe, würde ich Sie gerne einladen“, sagte er und ließ die Gratulation über sich ergehen.
Die Kellnerin kam, der Professor orderte nur eine Tasse Kaffee, und Rosenbach sagte ihr, zur Feier des Tages hätte man gerne noch zwei Stück Torte. Als die Bedienung darauf hinwies, daß die Torte am Buffet ausgewählt werden müsse, wollte Rosenbach seinem Gast die Mühe ersparen, sich abermals zu erheben, nur um sich von dem Anblick all der Konditorwaren und ihren phantasievollen Namen verwirren zu lassen.
„Bringen Sie uns doch einfach von der Torte, für welche dieses Etablissement es verdient, sich Hoflieferant zu nennen, obwohl es den Hof gar nicht mehr gibt“, sagte er und gab dabei der jungen Frau mit den Augen zu verstehen, daß er sich jeden Hinweis darauf, daß selbstverständlich alle Torten…, verbat.
Der Blick war so tiefgründig, daß sie unter ihrem weißen Häubchen leicht errötete, und ihr Gang an Weiblichkeit sichtbar gewonnen hatte, als sie sich entfernte, um die Bestellung aufzugeben. Und nachdem Rosenbach diesem Abgang die gebührende Anerkennung gezollt hatte, widmete er sich wieder ganz dem Professor.

Es stellte sich heraus, daß der alte Herr kürzlich mit dem Abfassen eines sicher bedeutenden Werkes über die Grenzen der physikalischen Erkenntnis fertiggeworden war, und dafür einen Verleger gefunden hatte. Viel würde es ihm nicht einbringen, so mutmaßte er, bestenfalls einen kleinen Zuschuß zur Pension, aber es sei eben sein Lebenswerk und der materielle Gewinn nicht wichtig.
Rosenbach, zu dessen stärksten Fächern die Physik weiß Gott nicht gehört hatte – von der Mathematik ließ sich kaum Rühmlicheres behaupten, wenn man vom kaufmännischen Rechnen absah – war dem kleinen Vortrag mit Mühe aber nicht ohne Interesse gefolgt. Dennoch spürte er Erleichterung, als das Gespräch auf die alten Zeiten kam. Allerdings hatte der Professor auch die Streiche seiner Schüler nicht vergessen, auch nicht den, an dessen Ausführung Rosenbach maßgeblich beteiligt gewesen war.

Zu den Marotten des Lehrers hatte es gehört, bei jeder Mathematikstunde einen Abakus vor sich aufs Pult zu stellen. Er diente vornehmlich dazu, den nichts begreifenden Alumnen zu demonstrieren, wie unzulänglich ihr Zahlenverständnis war. Und eines Tages nun hatte der Professor feststellen müssen, daß die Holzkügelchen fein säuberlich miteinander verleimt worden waren. Statt sich über diesen Streich zu erbosen, hatte er seine Brille auf die Nasenspitze gerückt, um das Ergebnis der Freveltat genau zu untersuchen, und hatte dann verkündet: „Ich empfehle dem Witzbold, der sich hier betätigt hat, sich in eine Tischlerlehre zu begeben. Das ist recht saubere Arbeit und zeigt ein gewisses Talent. Sollte er sich dazu durchringen können, sich schuldig zu bekennen, würde ich von einem Tadel absehen und ihn dazu vergattern, mir einen Buchständer zu richten, der mir vor zwei Tagen zerbrochen ist.“

Rosenbach hatte sich damals nicht durchringen können, hatte sich, weil zu dem Streich nun auch noch der Mangel an Hilfsbereitschaft hinzukam, ein bißchen elend gefühlt, und während er sich nun fragte, ob dies jetzt der richtige Zeitpunkt wäre, ein Geständnis abzulegen, verzog sich das runzelige Gesicht des Professors zu einem Lächeln.
„Nun, ein Tischler ist also nicht aus Ihnen geworden““, sagte er. „Erzählen Sie mal.“
Rosenbach tat es mit der gebotenen Bescheidenheit. Er erzählte, zerbiß zwischendurch die Kaffeebohne, die einen kunstvollen Spritzer Mokkacreme auf dem Tortenstück gekrönt hatte, bemerkte, daß der Professor seine Kaffeebohne beiseite gelegt hatte, und hielt erstaunt inne, als der alte Mann das Böhnchen mit der Serviette säuberte und sich in die Tasche seines Jacketts schob. Dazu sagte er: „Damit es mich daran erinnert, daß ich Ihnen das Buch schicke, wenn es gedruckt ist.“

Nachdem Rosenbach sich von seinem alten Lehrer verabschiedet und seine Besorgungen gemacht hatte, fielen ihm auf der Heimfahrt all die Dinge auf, die förmlich nach seiner Aufmerksamkeit schrien: die Ampeln, die Verkehrszeichen, die Wegweiser, die Werbeplakate. Dazu lief noch das Autoradio mit Nachrichten, Wetter und noch mehr Werbung.
Wenn, so dachte er, ein Mensch wie der Professor es zu so etwas wie einem Lebenswerk bringen wollte, so blieb ihm gar nichts anderes übrig, als all dies abzuschalten und sich ganz auf die gestellte Aufgabe zu konzentrieren. Weiter und weiter darüber nachdenkend, fand er sich unversehens in seiner Wohnung wieder und wußte kaum, wie er sie erreicht hatte, als er schließlich merkte, daß er schon einige Zeit auf seinen Schreibtisch gestarrt haben mußte. Er fragte sich, was ihn dazu veranlaßte, und nahm erst jetzt die Vase mit Blumen zur Kenntnis, die zwischen den Papieren aufgestellt worden war, sowie ein Päckchen unbekannter Herkunft.
Seiner Haushälterin war es strikt untersagt, die kleinste Kleinigkeit auf seinem Schreibtisch zu verändern. Mochte sie für Ordnung und schönes Wohnen überall im Haus sorgen. Das war ihm mehr als recht. Der Schreibtisch aber war Tabu und wurde von der guten Seele sonst auch respektiert.
Rosenbach rief nach ihr. „Warum stehen die Blumen auf meinem Schreibtisch, und wieso liegt ein Päckchen, das abgegeben wurde, nicht bei der Post in der Diele?“ fragte er tadelnd.
„Ich habe mir erlaubt, Ihnen eine kleine Aufmerksamkeit zum Geburtstag…“ begann die Haushälterin und merkte an Rosenbachs verständnisloser Miene, wie es um ihn bestellt war. „Du liebe Güte, Herr Rosenbach! Haben Sie tatsächlich vergessen, daß Sie heute Geburtstag haben? Das kommt, weil Wochenende ist, und Ihre Sekretärin Sie nicht daran erinnert hat.“ Sie schüttelte den Kopf. „Manchmal sind Sie wie ein zerstreuter Professor.“
Rosenbach griff sich an die Stirn, dann schaute er auf den Kalender und mußte ihr recht geben. „Bevor ich das auspacke und mich gehörig bedanke“, sagte er, auf das Päckchen deutend, „lassen Sie mich Ihnen etwas erklären. Als zerstreut bezeichnen wir einen in seine Gedanken versunkenen Menschen. In Wahrheit zerstreut aber sind die anderen, die mit ihren Augen und Ohren überall zugleich sind und dennoch fürchten, etwas zu verpassen. Sie zerstreuen sich. Es ist wie bei der Konfettiparade in New York, wenn die Büroangestellten den Inhalt der Aktenvernichter aus den Fenstern der Hochhäuser werfen. Niemand könnte daraus etwas zusammenfügen, was den geringsten Sinn ergäbe. Wenn ich hingegen zerstreut wirke, so bedeutet das, daß ich hochkonzentriert bin.“
„Damit wollen Sie sagen, daß Sie über Wichtigeres nachzudenken haben, als über Ihren Geburtstag“, sagte die Haushälterin ergeben.
Rosenbach sah die Enttäuschung in ihrem Gesicht.
„Einerseits will ich genau das damit sagen“, entgegnete er mit einem Lächeln, „andererseits ist es mir durchaus nicht unwichtig, daß Sie sich daran erinnert haben.“
Zufrieden schaute sie ihm dabei zu, wie er das Päckchen auswickelte.
Er war eben doch manchmal fast ein Philosoph, der Herr Rosenbach.

© Christa Hartwig

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