Religion


Damit, Religion als „Opium des Volkes“ zu bezeichnen, hatte Karl Marx nicht nur zu seiner Zeit recht, sondern es scheint sich bis heute zu bewahrheiten. „Wer regelmäßig zum Gottesdienst geht, leidet weniger unter einem Jobverlust“ titelt der idw eine Pressemitteilung über das Resultat eines Forschungsprojektes der Friedrich-Schiller-Universität Jena.

Matthias Zimmermann: Die geknickte und verbogene Stadt, 2007

Matthias Zimmermann: Die geknickte und verbogene Stadt, 2007

Allzu gerne wüsste ich über das „“Bauklötzer Staunen““ ähnlich Interessantes zu berichten wie über den „“Freund und Kupferstecher““, doch leider ergab in diesem Fall auch beharrliches Recherchieren nicht mehr, als dass die Redewendung offenbar in Berlin erfunden wurde, in den Zwanzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts, und dass ihr kein tieferer Sinn nachzuweisen ist als die Freude an lustigen Redewendungen. Alles, was über diese Erklärung hinausgeht, sind Mutmaßungen. Da meint einer, die Bauklötzer stünden für die vor Überraschung weit aufgerissenen Augen, ein anderer sieht darin den vor Staunen sperrangelweit offen stehenden Mund. Ich tendiere eher zu letzterer Annahme, denn als ich ein kleines Kind war, stellte ich mir vor, dass, wenn man nur erstaunt genug war, einem Bauklötzer aus dem Mund entschweben würden. Sprachlos stünde man da, bekäme den Mund gar nicht mehr zu, und die bunt lackierten Klötzchen schwebten eines nach dem anderen durch die Luft –– Würfel, Pyramiden, Zylinder, Brückenbögen – und arrangierten sich zu phantasievollen Gebäuden. Sage noch einer, dass dies kein schönes Bild des Staunens wäre. Leider gelang es mir nie. Scheinbar war ich nicht so leicht zu überraschen. Ich musste mich mit den Bauklötzen aus meiner Holzkiste mit dem Schiebedeckel begnügen. Das tat meiner Freude am Bauen allerdings keinen Abbruch. Zumindest auf diesem Gebiet war es meiner Mutter gelungen, mich vor frühkindlichen Frustrationen zu bewahren. Es mag Einbildung sein, aber fast glaube ich, mich noch deutlich daran zu erinnern, wie ich auf dem Teppich saß (deutscher Perser) und meine Mutter Bauklötze aufeinander türmte, mir schließlich auch einen in die Hand gab, den ich versuchte oben auf den Turm zu setzen. Und jedes Mal passierte dasselbe: Der Turm fiel um, Meine Mutter rief: „“Bautz! Jetzt ist er umgekippt.““ Sie klatschte in die Hände, lachte, und lange glaubte ich fest, dass der eigentliche Sinn des Spiels darin bestand, den Turm zum Umkippen zu bringen.

Die Jahre gingen ins Land, ich lernte Türme zu bauen, die nicht umkippten, aber mein Verhältnis zu kippenden Türmen muss ein recht ungebrochenes geblieben sein. Jedenfalls als der Pfarrer in der Sonntagspredigt vom „Turm Bautzebabel“ erzählte, sah ich die Sache regelrecht vor mir: Ein herrliches Durcheinander von Klötzen und Stimmen und Worten, von denen manche ganz unverständlich und dennoch schön waren.

Oft denke ich, das Leben könnte viel schöner sein, würde unsere Vorstellungen nicht früher oder später zurechtgerückt (!), und wie in so vielen anderen Fällen, wiederfuhr meiner Vorstellung von diesem Turm eine solche Korrektur in der Schule. Die Lehrerin erzählte vom Bau eines Turmes, der höher werden sollte als alle jemals gebauten Türme, davon dass er umstürzte, von der Verwirrung der Sprachen, … Dann fragte sie, ob denn jemand von uns Schülern wisse, wo dieser Turm gestanden hätte. Ich hob den Finger –– vielleicht schneller als irgendein anderer. Selten war ich meiner Sache so sicher. Sie nickte mir aufmunternd zu. „“In Bautzebabel““, sagte ich.

Nun soll niemand glauben, ich hätte höhnisches Gelächter geerntet. Die anderen in der Kasse hatten nämlich noch viel weniger Ahnung als ich. Die Lehrerin stutzte. „“Wo, sagtest du?““ –– „„In Bautzebabel““, wiederholte ich. Sie zögerte nur kurz. Dann sagte sie, jede Silbe deutlich artikulierend: „“Richtig, es war der Turmbau zu Babel.““ Sie war eine gute Lehrerin. Sie stellte mich nicht bloß. Niemand merkte etwas. Nur in meinem Kopf waren die Rädchen inzwischen gut genug geölt, um den Groschen fallen zu lassen. Babel. Die bunten Trümmer meines schönen Turmes Bautzebabel zerbröselten zu lehmfarbenem Staub.

Zu den plattesten Witzen auf Kosten der Männer gehört: Als Gott den Mann schuf, übte SIE noch. Ich will jetzt nicht ernsthaft in die Philosophie einsteigen und darlegen, warum meiner Ansicht nach die Vorstellung, Gott sei eine Frau genauso blöd ist, wie sich vorzustellen, es handle sich um einen alten Mann mit Bart. Etwas anderes ist –– bei aller Plattheit –– interessant an dem Satz. Reduzieren wir ihn mal auf: …… Gott …… übte.

Die Menschen, die einem im Laufe des Lebens begegnen, erteilen einem ja hin und wieder kleine Lektionen. Kürzlich las ich sogar in einem Blog: Wir sind alle Lehrer. – Dabei muss man nicht gleich an einen erhobenen Zeigefinger oder an ständiges Belehrtwerden denken. Es ist grundsätzlich schön, wenn Menschen ihr Wissen und ihre Erfahrungen mit anderen teilen. Seltsam dagegen ist, dass uns oft Lehren, mit denen wir wenig bis nichts anfangen können, besonders lange im Gedächtnis bleiben. So erinnere ich mich zum Beispiel gut jenes über vierzig Jahre zurückliegenden Tages, an dem ein Kollege –– seines Zeichens Tischler –– das Büro betrat und kopfschüttelnd meinte, gewisse Dinge könnten eben nur Anfängern gelingen. Das damals aktuelle Beispiel, das ihn zu seinem Kopfschütteln veranlasste, war, dass jemand eine Sperrholzleiste fast am äußersten Ende angenagelt hatte. „Dabei kann es einem Fachmann durchaus passieren“, fuhr er fort, „dass er die mindestens zehn Zentimeter Abstand zum Ende der Leiste einhält, und das Holz sich trotzdem spaltet. Anfängerglück!“ Der abschließende Ausruf bezog sich natürlich auf die Tat des Laien. Der Begriff Könnerpech hat noch keinen Eingang in den Duden gefunden.

Ich merkte mir also damals im Stillen, dass, sollte ich jemals eine Sperrholzleiste irgendwo annageln müssen, ich nun ja wüsste, dass man die äußersten Nägel mit mindestens zehn Zentimeter Abstand zum Ende der Leiste einschlägt. Andererseits, so überlegte ich – auch damals schon, wäre ich ja eine Anfängerin und entweder durch das sprichwörtliche Anfängerglück vor einem Misslingen gefeit, oder eine vorgetäuschte Sachkunde könnte erst recht dazu führen, dass …… Um es kurz zu machen: Ich habe in meinem ganzen Leben keine Sperrholzleiste angenagelt, das Wissen um das Wie trage ich also seit Jahrzehnten quasi als Ballast mit mir herum. Nun, viel wiegt es ja nicht. Eher gleicht sein spezifisches Gewicht dem eines Korkens. Daher kommt es wohl, dass es bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit aus meiner Erinnerung auftaucht, so zum Beispiel kürzlich wieder, als ich einen launigen Text las, dessen Autor an der Vollkommenheit der göttlichen Schöpfung Zweifel hegte. – Vielleicht, dachte ich, hat, wer auch immer Gott sein mag, nur Anfängerglück gehabt, und das, was wir heute den Urknall nennen, war eine mehr schlecht als recht kontrollierte Sprengung von irgendwas, als deren Resultat nun zwischen vielen anderen Sachen ein kleiner blauer Planet um eine Sonne kreist, in zufällig genau der richtigen Entfernung, damit sich auf diesem Planeten nach und nach organisches Leben entwickeln konnte. Der Rest der Geschichte ist mehr oder weniger bekannt –– jedenfalls aus Sicht der Bewohner des kleinen blauen Planeten. Jene organische Lebensform, die sich mittlerweile selbst als intelligent bezeichnet, verhält sich allerdings so, als wüsste sie genau, dass Gott damals nur geübt hatte, und dass es irgendwo ein weitaus besser funktionierendes Spätwerk gäbe, das man schon irgendwann entdecken würde, und auf das man dann ausweichen könnte, wenn man den kleinen blauen Planeten ruiniert hätte.

Das sog. Intelligente Leben vergisst dabei, dass es Anfänger gibt wie mich, also solche, die gar nicht erst anfangen, und Anfänger, wie den gedachten Gott, die beharrlich weiter machen, dazwischen aber auch Anfänger, die es bei einem Versuch belassen. Wie es in diesem Fall ist, weiß man halt nicht. Sicherheitshalber sollte man sich also vielleicht doch so verhalten, als gäbe es kein verbessertes Nachfolgermodell unserer Erde.

Bei dem Hörbuch „„Der Gotteswahn““ von Richard Dawkins handelt es sich um eine gekürzte Version des 2007 erstmals auf Deutsch erschienenen Buches (Titel des englischen Originals: „The God Delusion“) – gelesen von Ulrich Pleitgen. Ich mag gekürzte Versionen, wo es mehr um Inhalte geht als um Sprachkunst, und auch Hörbücher sparen mir eine Menge Zeit, kann ich sie doch rezipieren, wenn die Augen schon genügend strapaziert wurden und es auch den Körper nach entspanntem Liegen im Bett verlangt – also nicht unter Überbeanspruchung der linken Schulter, auf die Seite gedreht, oder krampfhaft ein Buch auf der Brust balancierend. Aber die Rede sollte ja von Dawkins sein und nicht von meinen Lesegewohnheiten.

Das Kapitel 8 „“Was ist denn so schlimm an der Religion? Warum diese Feindseligkeit?““ führt Wikipedia inhaltlich so aus:

Hier betont Dawkins, dass schon ein „gemäßigter“ Glaube dem Fanatismus zugutekomme. Er führt aus, dass die Anschläge am 11. September 2001 auf das World Trade Center in dieser Form nur möglich gewesen seien (ebenso wie religiös motivierte Anschläge überall sonst auf der Welt), weil die Attentäter wirklich geglaubt hätten, nach ihrem Tod als Märtyrer in ein Paradies zu kommen. Dieser Glaube habe sich aber nur deshalb festigen können, weil die Gesellschaft, in der die Täter aufgewachsen sind, den scheinbar harmlosen Glauben an Gott und an ein Paradies für selbstverständlich hält. Als Beispiel führt er die Haltung einiger Religionen gegenüber Homosexuellen und deren Verfolgung an oder die Tatsache, dass der Respekt vor dem Leben (Ungeborenes, Soldat, Ehebrecher, Andersgläubiger, ethnische Gruppen) sehr variabel den entsprechenden Glaubensrichtungen angepasst wurde und noch wird.

Dieses Kapitel enthält zwar nicht die mir am interessantesten erscheinenden Passagen, dafür aber jene, die zu den Nachrichten und Diskussionen zu passen scheinen, die gerade die Medien beherrschen.

Ich zähle mich schon seit geraumer Zeit zu den Agnostikern: „Man weiß es halt nicht, und wird es vielleicht auch nie wissen, obwohl es schon interessant wäre, irgendwann mal die Wahrheit zu erfahren.“ Kurz: Glaubenstechnisch ein Weichei. Die jüngsten Ereignisse bewirkten allerdings, dass mir ketzerisch die Idee kam, man sollte „den ganzen Quatsch“ (jede Form religiösen Glaubens) wirklich verbieten. Dieser Idee folgte sehr schnell der Gedanke, dass das mit dem Verbieten ja nun wirklich auch nicht neu wäre. Es gibt ausreichend Beispiele für totalitäre Regime, die den unter ihnen Leidenden den Glauben auszutreiben versucht haben, indem sie zumindest dessen erkennbare Ausübung verboten und unter Strafe stellten bzw. dies sogar bis heute tun.

Dawkins hat übrigens eine interessante Theorie dazu, warum der Mensch (jeder Mensch und zu jeder Zeit der Menschheitsgeschichte) Religionen entwickelte. Wenn es zum Beispiel um die germanischen oder griechischen Götter geht, bezweifelt heute niemand, dass sie der menschlichen Phantasie entsprangen. Dawkins meint deshalb, er sei einfach schon einen Gott weiter. In der gegenwärtigen Lage, neige ich also dazu, mir zu wünschen, auch der Rest der Menschheit wäre schon einen Gott weiter. Auch wenn ich nicht glaube, dass damit das Böse aus der Welt verschwände. Mit dem Glauben verhält es sich ja so, dass nicht alles Böse nur vom Glauben kommt, und dass der Glaube durchaus Gutes bewirken kann. Und damit komme ich zu der Frage nach dem Ursprung des Glaubens. Und jetzt bitte keine Hypothesen über Offenbarungen, Erleuchtungen, Eingebungen, ……! Nein, rein naturwissenschaftlich muss auch das Bedürfnis nach Glauben einen praktischen Zweck haben. Dawkins vermutet (stark), dass es mit der Notwendigkeit zu tun hat, unsere Kinder vor Schaden zu bewahren, indem wir ihnen lebensgefährliches Tun verbieten, bevor sie die geistige Reife zur Einsicht in den Sinn dieser Verbote besitzen (und natürlich auch bevor sie die bestätigende Erfahrung selbst machen können, welche u.U. die letzte Erfahrung ihres noch so jungen Lebens wäre). Zum Einen machen wir sie damit überhaupt bereit, die für das Funktionieren einer Gesellschaft nötigen Verbote und Gebote zu akzeptieren, wenn diese nur mit gehöriger Autorität vorgetragen werden, und zum Anderen wächst im erziehenden Elternteil aber sicher auch im Beobachter der kindlichen (lebensnotwendigen) Gefügigkeit, der Gedanke, dass man dies ja nicht auf die Kindheit und auf absolute Notwendigkeiten beschränken muss, sondern dass sich hier auch ein prima Mittel zeigt, mit dem man ohne große Kraftanstrengungen anderen seinen Willen aufzwingen kann. Und reicht die eigene Autorität nicht aus, erfindet man sich eben noch eine höhere Macht dazu, in deren Namen man spricht und die jedes Zuwiderhandeln aufs Fürchterlichste bestrafen wird.

Was also tun?
Wir werden auch in Zukunft unsere Kinder durch Verbote vor Schaden bewahren müssen. Vielleicht hilft es ja dem globalen Verständnis ein wenig, dass – wenn wir schon unterschiedlichen Glaubens oder auch Unglaubens sind – doch zumindest alle in derselben Falle sitzen und unseren Verstand gebrauchen müssen, damit sie nicht zuschnappt, bevor uns ein Ausweg eingefallen ist.

CD-Cover: "Der Gotteswahn" von Richard Dawkins

Richard Dawkins
Der Gotteswahn
gelesen von Ulrich Pleitgen
Hörbuch Hamburg (4 CDs – Gekürzte Ausgabe), 2008
ISBN-10: 389903497X