Reisen


 

 

 

 

WeltzeituhrIch habe ja versprochen, noch einen kurzen Bericht von unserer Reise nach Weimar am vergangenen Wochenende zu geben. Auch wenn ich als frisch aufgebackene Großmutter gut beschäftigt bin und dazu noch an der Neuauflage des Hopper-Blogs bastele – soviel Zeit muss sein. Diesmal waren wir nur für anderthalb Tage dort, genau genommen, nur für einen Tag – aber darauf komme ich noch. Es war gerade mal Zeit, die Eindrücke von den letzten beiden Reisen nach Weimar aufzufrischen. Wir umkreisten also am Sonntagmorgen, wie es sich für Weimar-Touristen gehört, das Goethe-und-Schiller-Denkmal auf dem Theaterplatz. Darauf, es abermals abzulichten, habe ich diesmal verzichtet und knipste dafür den Goethe aus Kunsstoff, der unmissverständlich darauf hinweist, dass man das Weimar-Haus besuchen soll, was wir – später am Nachmittag – auch taten. Mich amüsiert diese Mischung aus kultureller Bildung und Geisterbahn immer wieder aufs Neue, und gemessen am Münchner Oktoberfest ist der Eintritt von 7,50 Euro geradezu hinterhergeschmissen.
Goethe-Figur vor dem Weimar-Haus

Zunächst aber widmete ich meine Aufmerksamkeit den Stühlen vor dem Eiscafé Venezia, ergänzten sie doch zu dieser Stunde meine „Farbenleere“.

Weimar, 13. September 2015

Willensstark am Café Frauentor vorbei (wir hatten doch gerade erst gefrühstückt), kurvten wir Richtung Marktplatz.
Weimar, 13. September 2015Hier vergewisserte ich mich, dass der Hutladen, vor dem ich vor vier Jahren die Köpfe mit Sommerhüten fotografiert hatte, noch da war. Der Jahreszeit entsprechend, waren nun die Kopfbedeckungen andere, und die Köpfe schauten durch die Fenster auf das Treiben auf dem Platz.

Weiter ging es zum Schlossmuseum, dessen Besuch sich in Anbetracht der umfangreichen Sammlung nur empfiehlt, wenn man ordentlich Zeit mitgebracht hat. Wir begnügten uns mit einem Gang über den Schlosshof und stellten fest: Es gibt in Weimar nicht nur leere Stühle, sondern auch eine leere Ritterrüstung. Ein Hinweis, um wen es sich bei dem müden Krieger handelt, fehlte.

Weimar, 13. September 2015

Privatfoto

Gar nicht müde dagegen waren meine Begleiter. Tochter und Schwiegersohn lieferten sich ein Fotoduell.

Weimar, 13. September 2015Es folgte ein flotter Spaziergang durch den Ilmpark zu Goethes Garten, wo ich in Ermangelung einer „letzten Rose“ diese prachtvollen Silberdisteln fotografierte. Der Weg hinauf zur Straße am Horn fiel mir nicht leicht. Gefälle und Steigungen sind einfach nicht mehr mein Ding. Aber die Anstrengung hat sich gelohnt. Das Haus am Horn war geöffnet, und da an diesem Sonntag Tag des offenen Denkmals war, mussten wir nicht einmal Eintritt bezahlen. Als wir danach den Marktplatz wieder erreichten hatten wir uns a) ein Hefeweizen und b) eine echte Thüringer Rostbratwurst redlich erlaufen, und die Rostbratwurst hier ist die beste, die ich kenne.
Nach einem Besuch des Historichen Friedhofs haben wir uns dann doch noch Kaffee und Torte im „Frauentor“ gegönnt. Und dass ich das Bild vom Bild (Franz Liszt porträtiert von Ary Scheffer, 1837) verstolpert habe, liegt nicht daran, dass ich zum Kaffee etwa ein Likörchen … Das Bild hat sich gewehrt. Es wollte wohl als Plakat an einer Litfaßsäule (2011) in meiner Erinnerung bleiben.
Leipzig, 14. September 2015Das aus einem weiteren halben Tag in Weimar nichts wurde, lag am Wetter. Der Montag wartete mit reichlich Regen auf. Dazu sind montags die Museen geschlossen. Es gab also auch keine Indoor-Aktivitäten, denen wir hätten frönen können. So fuhren wir mehr oder weniger kurzentschlossen (Entschlüsse in strömendem Rege zu fassen, ist gar nicht einfach) nach Leipzig. Und – verflixt nochmal! – ich konnte meine Begleiter wieder nicht zum Essen in Aauerbachs Keller überreden. Dafür aber zu leckerer Torte im benachbarten Café Diabolo. Merke: Schlechtes Wetter ist gar nicht gut für die Figur.
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Ich habe beschlossen, dieses Jahr einen besonderen Beitrag zur Schonung der Umwelt zu leisten, und auf eine Auslandsreise mit dem Flugzeug zu verzichten. Ich bin zwar auch im letzten Jahr und im Jahr davor und im Jahr davor …… nirgendwohin geflogen, aber ich tue mal so, als wäre mein diesjähriger Verzicht ein besonderer.

„Reisende sind merkwürdige Wesen, die große Distanzen zurücklegen und viele Kosten dafür in Kauf nehmen, Neues zu sehen, ohne sich die Mühe gemacht zu haben, den Blick auf die eigenen Füße oder ihre Köpfe zu richten, wo sich so viel Einzigartiges und auch Unbekanntes abspielt, wie man es sich nur wünschen kann.“

aus Voyage autour de mon jardin (1845) von Alphonse Karr

Da ich meine eigenen Füße und auch meinen Kopf schon ziemlich gut zu kennen glaube, habe ich zu einem Hilfsmittel gegriffen und heute 15 (fünfzehn!) CDs erworben – jeweils herabgesetzt vom ursprünglichen Verkaufspreis von 9,99 Euro€ auf einen Euro (Woolworth), bei denen es sich um Audio-Guides zu folgenden Zielen Handelt: Amsterdam, Stockholm, Budapest, Prag, Wien, Salzburg, Venedig, Mailand, Rom, Paris, die Côte d’Azur, Mallorca, Madrid, Teneriffa und Lissabon. Darüber hinaus habe ich auch noch eine Doppel-CD über die Route 66 gekauft. Ich glaube, das reicht für dieses Jahr.

Max: „„Ich kam niemals in Zerbst an.““
Ich: „“Ich auch nicht.““

Oder doch irgendwie. Jedenfalls für einen kurzen Moment, nämlich während ich mich vom Bahnhofsvorplatz zur Bahnhofstraße hinüber bewegte. Hübsch vorsichtig. Von nichts habe ich in Zerbst so viel gesehen wie vom Kopfsteinpflaster. Eigentlich war es fast egal, wohin ich ging oder wohin ich niemals gelangen würde, ich hatte die Augen sowieso die meiste Zeit auf dem Boden vor meinen Füßen. Wenn schon von den Gebäuden der einstigen Residenzstadt nur noch wenige stehen, so wollte man wohl wenigstens den Charakter der Straßen erhalten. Das ist gelungen. Ich jedenfalls hatte das deutliche Gefühl, durch eine sehr alte Stadt zu stolpern (oder eben vorsichtig zu staksen, um nicht zu stolpern). Und während ich mich der Bahnhofstraße zuwandte und sie das erste Stück hinunter stakste, geruhte wohl gerade die Mittagsruhe ihrem Namen alle Ehre zu machen. Es war still. Kein Auto nahte aus welcher Richtung auch immer. Sofort dachte ich an Karl Emil Franzos’‘ Schilderung seiner Ankunft in Zerbst:

Die Wahrheit zu sagen, der Anfang war nicht ermutigend. Außer mir stieg niemand aus, und als ich aus dem Bahnhof trat, lag in der prallen Sonnenglut ein von grünen Büschen umrahmter kleiner Platz vor mir; in der Ferne tauchten hinter dem Buschwerk Häuser auf, und etwas näher, in einer Ecke des Platzes, stand ein kleiner Pferdebahnwagen mit einem Roß davor, das melancholisch in der grausamen Hitze Schwanz und Ohren hängen ließ. Aber ein Kutscher war weit und breit nicht zu sehen. Minute um Minute verstrich, rings kein Laut, nur heiße, brütende Stille. Das war nun allerdings eine Sehenswürdigkeit, diese Pferdebahn.

Ich liebe solche Ankunftsszenen. Ich könnte Hunderte von Geschichten so beginnen lassen. Die einzige Kurzgeschichte, die ich jemals versucht habe auf Spanisch zu schreiben, begann mit der Ankunft eines Mannes auf dem Bahnhof einer Kleinstadt. Und natürlich war es Mittagszeit, und alles Leben schien erstorben zu sein. – Bei meiner Zerbster Ankunft lag zwar keine brütende Mittagshitze über der Szene, es war – im Gegenteil – ganz schön kalt, aber es gab zumindest diesen Augenblick der Stille, den ein Entschluss braucht, um zu wachsen. Und so machte ich mich auf den Weg, wohl wissend, dass der mich nur dorthin führen konnte, wohin meine Beine mich zu tragen schon wieder die Kraft hatten. Um es vorweg zu nehmen: Zum Marktplatz mit Roland und Butterjungfer kam ich nie. Vielleicht ist das gut so.

Zerbst, Marktplatz mit Roland und Butterjungfer

Der veritable Anblick der alten Wahrzeichen der Stadt vor dieser Kulisse aus Plattenbauten wäre doch eher schmerzhaft gewesen. Dafür war ich nicht hergefahren. Da genügte mir das bei den Wikimedia Commons eingestellte Foto. Aber wofür hatte ich diesen Ausflug, der ja fast schon eine kleine Reise ist, dann gemacht? Ich wollte etwas fühlen, dass sich aus den Büchern weder bei Franzos, noch bei Wagner herausspüren ließ. Ich wollte selbst angeweht werden, von einem Hauch der Geschichte, die mit einer Besiedlung der Gegend in der Jungsteinzeit begonnen hatte und über das Territorium Zerbiste, das 1003 dem Herrschaftsgebiet des Markgrafen Gero des Großen zugerechnet wurde, über die Herrschaft der Askanier, den Kampf um städtische Freiheiten, das Großfeuer von 1506, die lutherische Reformation und die Blüte als Residenz des Fürstentums Anhalt-Zerbst bis zur fast völligen Zerstörung 1945 führte. Dabei war der zuletzt erwähnte Schlag gegen die Stadt mir zunächst ebenso unverständlich, wie er Max unbegreiflich war. Hatte das wieder etwas mit diesem Stolz der Zerbster zu tun? Vier Ultimaten der allierten Truppen waren ungenutzt verstrichen, und erst nachdem am 16. April 1945 Zerbst zu 80 Prozent in Schutt und Asche gelegt war -– die Stadt brannte vier Tage lang, dabei auch das Schloss, das zu den bedeutendsten Barockbauten Mitteldeutschlands gezählt hatte, gingen der Arzt Dr. Wille und der Kaufmann Heinrich Gelzenleuchter als Parlamentäre den US-Truppen entgegen und überbrachten die Kapitulation der in Zerbst stationierten Wehrmachtseinheiten. Man hat viel Zeit zum Nachdenken, wenn man sich so mühsam fortbewegt, wie ich es bisher noch tue.

Inzwischen war die Straße, nun eine Verlängerung der Bahnhofstraße, aus dem Mittagsschlaf erwacht. Und wie! Ein regelrechter Verkehrsstau begleitete mich plötzlich. In ihm steckten auch die Busse, die ich zuvor auf dem Bahnhofsvorplatz gesehen hatte. Offenbar hätte ich jeden von ihnen nehmen können, wäre damit aber auch nicht schneller gewesen, denn selbst mit meinen Gehhilfe überholte ich sie immer wieder, während sie sich unendlich langsam an eine Kreuzung heranpirschten. Als ich die Straßenecke erreichte, standen noch immer zwei der Busse hinter mir, und zur Rechten sah ich jetzt das Sandsteinportal des Friedhofs am Frauentor. Dummerweise war mein Handicap beim Gehen nicht mein einziges. Meine Finger waren so klamm, dass jedes Mal, wenn ich den Fotoapparat aus der Innentasche meines Mantels zog, ich Angst hatte, ihn fallen zu lassen. Entsprechend ungeschickt war ich beim Knipsen.

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Statt des Sandsteintors ein Lieferwagen, der mir ins Bild gefahren ist. Und ich hab es nicht rechtzeitig gemerkt! Ich hätte eine kurze Rast im Warmen gut gebrauchen können. Wo ein Friedhof ist, ist auch immer ein Café, dachte ich und wanderte ein kleines Stück weiter nach rechts die Straße hinunter, denn dort meinte ich das Werbeschild einer Brauerei zu erkennen. Zumindest darin hatte ich mich nicht getäuscht. Aber das Schild hing neben der Tür einer „Trinkhalle“, und diese war geschlossen. Also stakste ich wieder zurück, überquerte die Straße und wandte mich dem Frauentor zu.

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Gleich daneben fand ich auch Wegweiser zum Museum und zum Schloss, von dem ja nur noch der Ostflügel in Teilen erhalten ist. Karl Emil Franzos hatte hier noch Portraits der jungen Prinzessin Sophie Auguste Friederike von Anhalt-Zerbst betrachten können, die 1745 mit dem russischen Thronfolger Peter III. vermählt wurde und 1762 als Katharina II. (die Große) den Zarenthron bestieg. Vom Geist der skandalumwitterten Zarin habe ich hier am Frauentor nichts gespürt. Allerdings hatte sie am Zerbster Hof auch nur kurz Zeit gelebt. Ich begnügte mich damit, ein paar Minuten lang dem Fließen des Wassers im Festungsgraben zuzuschauen. Die Sonne stand schon recht tief, meine neue Hüfte tat weh, und den Rückweg zum Bahnhof musste ich auch noch schaffen –- möglichst bevor es dunkel wurde.

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Ob es sich gelohnt hat, nach Zerbst zu fahren?
Es hat.

Diesem Eintrag liegt der Roman „Club Oblomow“ von Bernd Wagner zugrunde, erschienen 1999 bei Ullstein in Berlin, ISBN 3-550-08298-3

Max, für den Ausflüge die „beste Erholung von der Arbeit an einem Roman“ waren, fühlte sich, seit der Roman fertig war, zu keinem Ausflug mehr berechtigt –- bis eben zu jenem Geburtstag, an dem er sich entschloss, nach Zerbst zu fahren. Ich dagegen habe mich zu Ausflügen immer berechtigt gefühlt, aber seit über einem Jahr erschienen sie mir als an mich verschwendet. Ich gehöre nicht zu denen, die einen Ausflug machen, um sich am Zielort ins nächste Café zu setzen, oder die reisen, um den Urlaub am Swimmingpool des Hotels zu verbringen. Mit zwei kaputten Hüften hatten Ausflüge und Reisen ihren Reiz verloren. Jetzt, rundum erneuert, ist das wieder etwas ganz anderes. Nach Zerbst wollte ich, weil Max nach Zerbst gefahren war, und weil ich Karl Emil Franzos gelesen hatte, und das Abwägen, dass ich einerseits von meinem gerade erst reparierten Unterbau ein bisschen viel verlangte, andererseits Ende November mit baldigem Schnee und Glätte zu rechnen war, fiel am letzten Dienstag bei Kälte aber strahlendem Sonnenschein zu Gunsten von „“jetzt oder nie““ aus.

Im Gegensatz zu Karl Emil und Max, die beide die Reise am Bahnhof Zoo begonnen hatten, stieg ich am Südkreuz in einen Regionalzug, der zum Hauptbahnhof fuhr. Die S-Bahnstrecke zwischen Anhalter Bahnhof und Nordbahnhof ist nämlich unterbrochen. Verdammt! Wenn man schon eine Reise „nachmacht“, sollte man es konsequent tun. Zum Bahnhof Zoo wäre ich mit Bus und U-Bahn weit weniger umständlich gekommen. Jedenfalls war ich froh, als ich im Zug Richtung Dessau auf meinen Sitz sinken konnte in dem entspannenden Bewusstsein, jetzt anderthalb Stunden Fahrt vor mir zu haben. Davon verbrachte ich die erste Hälfte damit, ein eilig gekauftes Sandwich zu essen und in dem Buch zu lesen, das ich mitgenommen hatte, dann aber schaute ich aus dem Fenster, geradezu fasziniert von der Sanftheit der Landschaft. Wiesen, Wälder und immer wieder kleine Ortschaften, bestehend aus einer Handvoll properer Häuser. Wer lebt da und –- vor allem -– wovon? Rundum gibt es doch nichts als Land- und Forstwirtschaft, und ich bezweifelte, dass alle Bewohner dieser Häuser darin ihr Auskommen finden. Genauso erging es offenbar einer Dame, die mir im Zug schräg gegenüber saß. Gleich zu Beginn der Fahrt hatte sie mich gebeten, für einen Moment auf ihre Tasche zu achten, während sie die Toilette aussuchte. Erst jetzt, zehn Minuten bevor ich in Roßlau an der Elbe umsteigen musste, sprach sie mich abermals an und äußerte genau das, was mir durch den Kopf gegangen war, nämlich dass der liebliche Anblick dieser Landschaft in einem die Sehnsucht weckt, hier zu leben, man sich aber fragen muss, wovon. Und wenn man das Rentenalter erreicht hat, gewinnt auch die Frage nach dem nächsten Arzt an Bedeutung. – Es wäre eine jener kurzen Unterhaltungen geworden, die bald von einvernehmlicher Banalität eingelullt werden, hätte mein Gegenüber nicht gefragt, ob ich nur nach Dessau wolle oder, wie sie selbst, dort einen Anschlusszug nähme. Als ich sagte, dass ich bereits in Roßlau (kurz vor Dessau) umsteigen müsse, um nach Zerbst zu gelangen, schien sie für einen Moment enttäuscht, unsere eben geschlossene Reisebekanntschaft nicht fortsetzen zu können. Dann aber lebte sie auf -– erst recht, als ich sagte, dass ich in Zerbst weder beruflich zu tun hätte, noch jemanden besuchen wollte, sondern aus reinem Interesse an der Stadt hinfuhr. Zerbst kenne sie gut sagte sie. Schließlich sei sie Anhaltinerin, und ihr Onkel sei dereinst Stadtrat in Zerbst gewesen. Sie sagte es so voller Stolz, dass ich innerlich grinsen musste, denn auch Karl Emil Franzos hatte von dem geradezu anrührenden Stolz der Zerbster auf ihre Stadt und deren einstige Bedeutung berichtet.

Einmal an meinem Ziel angelangt, ließ sich diese Erfahrung jedoch nicht wiederholen. Die wenigen Mitreisenden, die mit mir aus dem Zug gestiegen waren, zerstreuten sich schnell, und bis ich mit meinen Gehhilfen das Bahnhofgebäude umrundet hatte, erschien der Vorplatz fast menschenleer. Ich stieg also die kleine Freitreppe zum Bahnhofsgebäude hinauf und gelangte in eine Halle, die zwar sauber aber doch so vernachlässigt wirkte, dass es mich beinahe überraschte, hinter dem Schalter ein lebendes Wesen zu entdecken. In welche Richtung ich gehen müsse zum Markt mit Roland und Butterjungfrau, fragte ich, und ob es weit sei. – Ganz schön weit. Ich sollte lieber den Bus nehmen und zwei Stationen fahren. – Wo denn hier die unter Denkmalschutz gestellten Schienen der Pferdebahn lägen, fragte ich. – Am Markt. – Aber auf dem Bahnhofsvorplatz soll auch ein Stück der Schienen erhalten sein, wandte ich ein. – Mit dieser Frage brachte ich die Frau offenbar in Verlegenheit. Sie zuckte die Schultern. Da läuft man jeden Tag dran vorbei, aber wenn man dann so genau danach gefragt wird… Wenn Sie rauskommen, auf der rechten Seite wohl. – Ich stieg die Treppe wieder hinunter und begab mich nach rechts. Von Schienen diesseits der Bahngleise fand ich keine Spur. Dafür gab es mehrere Bushaltestellen. Und mit welchem dieser Busse sollte ich nun zwei Haltestellen weit fahren? Ich hatte keine Lust die Stufen nochmals zu erklimmen, sondern überquerte den Bahnhofsvorplatz und gelangte zur Bahnhofstraße. Durch die Bahnhofstraße, das hatte ich gelesen, war auch die Pferdebahn vom Bahnhof zum Markt gefahren. Bis 1928 hätte ich absolut kein Problem gehabt, vom Bahnhof zum Markt zu finden, Wie ein historisches Foto beweist, stand es ja groß dran, wo die Bahn hinfuhr. Bequem und sicher hätte ich mein Ziel erreicht, vorausgesetzt, die Bahn wäre nicht, wie im Lied von der Zerbster Pferdebahn behauptet, umgekippt.

In Zerbst da ist’s gemütlich,
da gibt es eine Pferdebahn,
das eine Pferd das zieht nicht,
das andere das ist lahm.
Der Kutscher der ist spaßig,
die Schienen die sind krumm
und alle fünf Minuten,
da kippt die Karre um.

Erstaunlich. So ein Spottlied hätte ich weit eher den Berlinern zugetraut. Aber immerhin war ja auch Zerbst einst Residenzstadt, und das heutige Zerbst/Anhalt ist mit 467,65 km² die nach Fläche fünftgrößte Kommune in Deutschland und gliedert sich in sage und schreibe 59 (neunundfünfzig!) Ortsteile. Die haben zwar verheißungsvolle Namen wie zum Beispiel Güterglück, aber der Himmel mochte wissen, wo ich mit einem dieser Busse landen würde. – Also, dann doch lieber zu Fuß die Bahnhofstraße hinunter…

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Diesem Eintrag liegt der Roman „Club Oblomow“ von Bernd Wagner zugrunde, erschienen 1999 bei Ullstein in Berlin, ISBN 3-550-08298-3

Wer ein Tier anpflockt, der fesselt es mit einem mehr oder weniger langen Seil an einen in der Erde (z.B. Weide) feststeckenden Pflock und gewährt ihm dadurch nur einen begrenzten Bewegungsraum. Die Praxis ist umstritten und teilweise wohl auch verboten. Sie auf Menschen anzuwenden ist völlig indiskutabel. Der Mensch muss frei sein, zu gehen, wohin er will, und viele sind fest davon überzeugt, es muss ihm auch gestattet sein, zu den Sternen zu fliegen. Aber bleiben wir mal beim Globetrotter, beim homo sapiens sapiens, der zwar auf der Erde bleibt, diese aber nach Herzenslust über alle Längen- und Breitengrade hinweg bereist, übers Meer fährt, auf Berge kraxelt, in Höhlen hinabsteigt … Der spürt nichts von einem Pflock oder Seil. So denke ich jedenfalls und denke es gerade deshalb, weil ich das Gefühl, unsichtbar angepflockt zu sein, nie losgeworden bin. Sicher, ich bin nach Nordamerika gereist. Nichts und niemand hat mich gehindert. Es war auch ganz schön da. Aber ich hatte das Gefühl: noch ein bisschen weiter, und ich stehe auf dem Kopf. Das Gefühl eines gestörten Gleichgewichts. Meine Mitte ist woanders, und ich habe mich über Gebühr davon entfernt.

Nun könnte man ja sagen, seine geographische Mitte zu kennen, hat auch Vorteile. Aber so ist es auch wieder nicht. Ich weiß nicht, wo dieser verdammte Pflock steckt, von dem ich mich nur so und so weit entfernen darf, bevor ich aus dem Gleichgewicht komme (das Seil an mir zerrt). Steckt er hier in Berlin, wo ich -– zufällig oder nicht zufällig -– geboren wurde? Oder steckt er am Mittelmeer, wo nichts mein Gleichgewicht stört, weder an der Costa del Sol, noch an den gegenüberliegenden Gestaden Nordafrikas? Oder steckt er in Schottland, wohin ich unbedingt endlich mal möchte? Ich meine, das ist ja ein ganz hübscher Radius. Aber ist es überhaupt ein Radius? Denn da fällt etwas auf. Es zieht mich immer nach Norden oder nach Süden, nicht nach Westen oder Osten. Vielleicht bin ich ja mehr oder weniger „festgelegt“ auf den Raum zwischen zwei Längengraden und könnte mich hier „ungestraft“ von Pol zu Pol bewegen.

Ich würde das gerne ausprobieren. Ich wüsste auch gerne, ob es andere Menschen gibt, die so einen „Pflock“ spüren, womit ich nicht die klassische Heimatverbundenheit meine -– Menschen eben, für die es auch Limits gibt, vielleicht solche mit einem Radius in alle Richtungen oder Menschen, die sich nur auf einem bestimmten Breitengrad „im Gleichgewicht“ fühlen.

Ich komme gerade jetzt darauf, weil ich eben damit fertig bin, Bruce Chatwins „„Traumpfade““ zu lesen, das Kultbuch, das wohl viele Australien-Reisende im Gepäck haben. Nach Australien z.B. zieht es mich absolut nicht. Über das Buch werde ich trotzdem schreiben.

DSCN4293In Auerbachs Keller

Nun besitze ich es also, das Zertifikat über meinen Besuch in Auerbachs Keller, und das ist wichtig, denn…

„Wer nach Leipzig zur Messe gereist,
Ohne auf Auerbachs Hof zu gehen,
Der schweige still, denn das beweist:
Er hat Leipzig nicht gesehn.“

…so steht es auf dem Dokument. Auf der Messe war ich schon kurz nach der Wende, in Auerbachs Keller aber nicht. Das habe ich in diesem Urlaub nachgeholt.

Und was dachte die Berlinerin? Mensch, das riecht hier ja wie früher bei Aschinger! Tatsächlich zogen Schwaden von Rothohl- und Sauerkrautgeruch über die unzähligen Tische in dem weiten Gewölbe. Mühelos würde dieses Lokal mehrere Busladungen Leipzig-Touristen schlucken und gesättigt wieder ausspucken. Geschmortes vom Schwein mit Rotkohl und Klößen war das Tagesgericht, das wir auch brav bestellten. Doch während das blau-weiß geflieste Aschinger den herben Charme einer Stehbierhalle nie loswurde (und wohl auch nicht loswerden wollte), wird man in Auerbachs Keller im gedämpften, warmen Licht weichgespült, wie auch das Foto oben beweist. Hier begegnet man dem Bürgerlichen in seiner liebenswertesten Form, fühlt sich seltsam geborgen in der Menge der anderen Esser, im Stimmengewirr, im geschäftigen aber nicht hektischen Hin und Her der Kellnerinnen. Alles ist so solide wie Tisch und Stuhl. Das sich manisch Verändernde bleibt draußen, oben, weit außen vor.

Schon Goethe besuchte während seines Studiums in Leipzig 1765-1768 häufig Auerbachs Keller. Hier sah er die beiden Bilder auf Holz, von denen eines den Magier und Astrologen Faust beim Zechgelage mit Studenten zeigt, das andere den selbigen, wie er auf einem Weinfass zur Türe hinaus reitet. Mit der Szene in Auerbachs Keller in Faust I hat er seinem Studentenlokal und der Stadt ein literarisches Denkmal gesetzt. Dafür kann man ihm nicht genug danken, dachte ich, das Bäuchlein mit Geschmortem, Rotkohl und auch noch dem letzten Bissen der Klöße gut gefüllt. Wer weiß denn, ob hier nicht H&M, C&A, dm oder sonst wer ihre Sonderangebote längst ausgebreitet hätten, wären uns unsere großen Dichter nicht doch noch heilig. Und wen wundert es, dass mich bei so viel Zufriedenheit dann doch noch der Teufel ritt… ein kleiner, mundgeblasener, erhältlich in Auerbachs eigenem Souvenirshop. Zwei davon brachte ich meinen Mädels mit, damit sie sie lustig in einer Flasche zappeln lassen können.

DSC_0011Marika liest aus Faust I, Vorspiel auf dem Theater

Direktor.
Ihr beiden, die ihr mir so oft,
In Not und Trübsal, beigestanden,
Sagt, was ihr wohl in deutschen Landen
Von unsrer Unternehmung hofft?
Ich wünschte sehr, der Menge zu behagen,
Besonders weil sie lebt und leben lässt.
Die Pfosten sind, die Bretter aufgeschlagen,
Und jedermann erwartet sich ein Fest.
Sie sitzen schon mit hohen Augenbraunen
Gelassen da und möchten gern erstaunen.
Ich weiß, wie man den Geist des Volks versöhnt;
Doch so verlegen bin ich nie gewesen;
Zwar sind sie an das Beste nicht gewöhnt,
Allein sie haben schrecklich viel gelesen.
Wie machen wir’s, dass alles frisch und neu
Und mit Bedeutung auch gefällig sei?
Denn freilich mag ich gern die Menge sehen,
Wenn sich der Strom nach unsrer Bude drängt
Und mit gewaltig wiederholten Wehen
Sich durch die enge Gnadenpforte zwängt,
Bei hellem Tage, schon vor vieren,
Mit Stößen sich bis an die Kasse ficht
Und, wie in Hungersnot um Brot an Bäckertüren,
Um ein Billet sich fast die Hälse bricht.
Dies Wunder wirkt auf so verschiedne Leute
Der Dichter nur; mein Freund, o tu es heute!

Dichter.
O sprich mir nicht von jener bunten Menge,
Bei deren Anblick uns der Geist entflieht.
Verhülle mir das wogende Gedränge,
Das wider Willen uns zum Strudel zieht.
Nein, führe mich zur stillen Himmelsenge,
Wo nur dem Dichter reine Freude blüht,
Wo Lieb’ und Freundschaft unsres Herzens Segen
Mit Götterhand erschaffen und erpflegen.

Ach, was in tiefer Brust uns da entsprungen,
Was sich die Lippe schüchtern vorgelallt,
Missraten jetzt und jetzt vielleicht gelungen,
Verschlingt des wilden Augenblicks Gewalt.
Oft, wenn es erst durch Jahre durchgedrungen,
Erscheint es in vollendeter Gestalt.
Was glänzt, ist für den Augenblick geboren;
Das Echte bleibt der Nachwelt unverloren.

…ist lateinisch und bedeutet „auf Neues begierig“, steht also für das Verlangen, Neues zu erfahren oder Verborgenes kennenzulernen.

Bei der Neugier unterscheidet man zwei Arten: die, welche auf wechselnde Ereignisse (und pikante Details) ausgerichtet ist, mit dem Ziel, die Sensationslust zu befriedigen, und die, welcher ein geradezu akademischer Forscherdrang zugrunde liegt. Das Phänomen, dass es Leute gibt, die es in der ersten Art zur Meisterschaft gebracht haben, indem sie ihre Sensationslust geschickt als wissenschaftliches Interesse tarnen, lassen wir mal beiseite. Gesagt werden muss aber auch, dass Neugier der ersten Art nicht grundsätzlich zu kritisieren ist. Sollte ein geneigter Leser, sich (oder mich) zum Beispiel fragen, was ich am vergangenen Sonntag gemacht habe, würde ich ihm das als mitmenschliches Interesse auslegen und die Frage gerne beantworten. Sollte aber jemand (aus welchen mir schwer vorstellbaren Gründen auch immer) wissen wollen, ob Phillipp größer ist als ich, oder ich größer bin als Phillipp…

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…bekommt er/sie zwar auch eine Antwort, wird hinterher aber genauso schlau sein wie vorher.

Wir waren auf der IMAGINATA im ehemaligen Umspannwerk in Jena. Und wer (natürlich aus rein wissenschaftlichem Interesse oder mitmenschlicher Anteilnahme) mehr darüber erfahren möchte, kann dies in Villas Blog „Jena lebt“.

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