Redensarten


Mohren Kaffee
Bar Goethe. Via Johann Wolfgang Goethe, Meran
Foto: Spill

Ich weiß gar nicht, wann ich das letzte Mal einen Mohrenkopf in der Vitrine eine Bäckers und/oder Konditors gesehen habe. Ich bin jedoch sicher, dass es in der kleinen Bäckerei in unserer Straße –- ich spreche von der Straße, in der ich aufgewaschen bin – Mohrenköpfe gab. Wir kauften sie nie. Wir kauften, Amerikaner, Kameruner, Negerküsse, …… Die zuletzt Genannten dürfen nicht mehr so genannt werden; darüber gibt es mehr internette Literatur als auch die militantesten Verfechter der political correctness vernünftigerweise verlangen können. Die Kameruner, die aussehen, als hätte der Bäckerlehrling immer noch nicht begriffen, wie man Brezeln formt, heißen noch, wie sie immer hießen, und wenn man Glück hat, findet man sie (manchmal sogar „3 Stück für 1 €“Euro), aber nur in Berlin und Umgebung. Vielleicht hat sie die Beschränktheit ihrer Verbreitung vor dem Zorn der nationalen Sprachbereiniger bewahrt. Amerikaner gibt es auch noch, aber wegen des unverkennbaren Ammoniumhydrogencarbonataromas mag ich sie nicht besonders, und über das Überleben dieser Bezeichnung für ein Gepäck öffentlich nachzudenken, reizt mich weder unter politischen, noch unter kulturellen Aspekten. Schließlich hat auch noch niemand verlangt, die unter ökologischem Dauerverdacht stehenden Hamburger müssten anders genannt werden. – Blieben die Mohrenköpfe im Minenfeld der überall lauernden Diskriminierungsanwürfe.

Was sagt der Duden zum Gebrauch von Mohr und Mohrenkopf? Zu Letzterem vermerkt er, das Wort werde „häufig als diskriminierend empfunden“. Als Bedeutungen bietet der Duden das mit Schokolade überzogene „kugelförmige Gebäckstück aus Biskuitteig“ sowie den „Schokokuss“. Dass aber der zum Schokokuss mutierte Negerkuss etwas völlig anderes ist als ein Mohrenkopf, weiß doch jeder halbwegs vernaschte Mensch. Der Mohr wird lt. Duden hingegen nicht als subjektiv diskriminierend, sondern nur als „veraltet“ eingestuft und bezeichnet einen „Menschen mit dunkler Hautfarbe“. Was das Wort Mohr davor bewahrt hat, dass seine Ausrottung konsequent betrieben wurde, so dass im Struwwelpeter der „kohlpechrabenschwarze Mohr“ noch immer vor dem Tor spazieren gehen darf, kann nicht das Schiller-Wort „“Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen““ sein. Eher dürfte es an der großen Zahl von Bezeichnungen liegen, die alle geändert werden müssten, sollte der Mohr auf die Liste „geächteter Wörter“ gesetzt werden.

Da wäre außer dem eingangs erwähnten Gebäck (und ich habe wirklich gejubelt, als ich jetzt das Rezept nachschlug und las, dass man den speziellen Biskuitteig dafür Othello-Masse nennt) z.B. der „Mohrenkopf-Pokal“ des Nürnberger Goldschmieds Christoph Jamnitzer, der zum Schatz der Sachsen gehört und im Bayerischen Nationalmuseum in München ausgestellt ist. Mohrenkopf heißt auch ein Berg in den Allgäuer Alpen, und dieser Mohrenkopf hat sogar seine eigene Webcam. Häufig Mohrenkopf genannt wird ein Schmetterling, dessen korrekte Bezeichnung Großer Sackträger (Canephora hirsuta) ist, während es sich beim Altdeutschen Mohrenkopf um eine Haustaubenrasse handelt. Der Mohrenkopf-Milchling (Was für ein widersprüchlicher Name!) ist ein geschätzter Speisepilz mit schwarzbraunem Hut und ebensolchem Stiel. Damit nicht genug.

In Korsika trifft man überall auf den schwarzen Mohren- oder Maurenkopf mit dem weißen Band im krausen Haar. Er gilt als Freiheitssymbol, seine Herkunft ist allerdings nicht eindeutig geklärt. Auf einer frühen Darstellung des Kopfes ist das Stirnband kein Stirnband sondern eine Augenbinde, die darauf hinweist, dass ihr Träger ein Sklave ist. Die ins Haar hinauf geschobene Binde signalisiert also die Befreiung.

Das mittelfränkische Städtchen Pappenheim führt einen Mohrenkopf im Stadtwappen. Unmittelbar zurückgeführt wird dies auf die Helmzierde der Pappenheimer Marschälle. Heraldiker, die sich darüber wunderten, weil Ritter üblicherweise Adler, Löwen oder andere stolze Symbole bevorzugten, fanden im Vergleich mit alten Münzen heraus, dass es sich ursprünglich um das edle Haupt Hieron II. von Syrakus gehandelt haben muss, bis historisch ungebildete Siegelstecher daraus einen „gewöhnlichen“ Mohrenkopf und schließlich sogar den Kopf einer Mohrin mit Zöpfen machten, bevor daraus schließlich der heute verwendete Mohrenkopf wurde. In keinem Zusammenhang steht diese auf die Antike zurückgreifende Hudelei mit dem Ausspruch: „Ich kenne meine Pappenheimer.“ Dieses Zitat hat zwar auch ein ärgerliches Schicksal erlitten, verdient aber eine eigene Ehrenrettung, wird es doch heute, wenn überhaupt noch, eher abwertend benutzt, während Schillers Wallenstein die Worte „„Daran erkenn’ ich meine Pappenheimer““ in Anerkennung der Treue der Genannten ausspricht.

Dass ich als Kind nie einen Mohrenkopf zu essen bekam, bedeutet nicht, dass ich keinen Begriff davon hatte. Zu den Büchern, welche meine Altvorderen für angemessene Literatur für mich hielten, gehörten Else Urys Nesthäkchen-Romane. Und in Kapitel 11 von „“Nesthäkchen und ihre Puppen““ schildert Else Ury, wie einmal der Besuch von Tante Albertinchen erwartet wurde und Annemie (das Nesthäkchen) sich als so versessen auf den Mohrenkopf in der Kuchenschüssel erwies, dass sie am Ende zur Strafe nicht einmal die von ihrer Mutter für sie reservierte Marzipankartoffel bekam. Für mich als geborene Naschkatze war dieses Mohrenkopf-Debakel beeindruckend genug, um mir bis heute in Erinnerung zu bleiben. Für eine besondere Affinität zum Mohrenkopf spricht auch, dass man allenthalben danach benannte Cafés findet, u.a. in Ingolstadt, Trier und Zürich, nicht zu vergessen das „Café Mohrenkopf“ genannte Zelt auf dem Münchner Oktoberfest, mit welchem seit 60 Jahren die Tradition des Gründers Paul Wiemes fortgeführt wird.

Bringt die sogenannte politische Korrektheit den in vielen Fällen nach wie vor diskriminierten Menschen wirklich zunehmend Respekt ein? Oder ist es nur so, dass man sich heute zwar korrekter ausdrückt, wes Geistes Kind der Sprecher ist aber dessen dunkles Geheimnis bleibt? Es bestand ja einst (und besteht vielleicht noch) die Hoffnung, eine achtsame (Achtung zum Ausdruck bringende) Sprache würde sich quasi erzieherisch auf das Denken auswirken. Sprache verändert das Denken –- sowohl zum Besseren als auch zum Schlimmeren, habe auch ich einst geglaubt, bin davon aber durchaus nicht mehr rundum überzeugt. So wünschte ich mir, als ich ein kleines Mädchen war, ein Negerbaby (als Puppe), bis mir der Wunsch endlich erfüllt wurde. Nicht für den Hauch einer Sekunde verband sich mit dem Wort Neger etwas Herabwürdigendes in meinem kindlichen Sinn. Wie auch? Es wurde bei uns zu Hause nie herabwürdigend über Menschen von anderer Hautfarbe gesprochen, und als ich die Puppe hatte, liebte ich sie ebenso innig wie meine anderen Puppen. Wer dagegen verfolgt hat, wie aus „schwer erziehbaren“ Kindern „verhaltensgestörte“ wurden, bis man auch „gestört“ als störend empfand und dazu überging, von „verhaltensauffälligen“ Kindern zu sprechen und schließlich –- weil ja auch Auffälligkeit ausgrenzt –- von „verhaltensoriginell“, der muss schon ein außerordentlich gefestigter Charakter sein, um nicht laut zu lachen und den Eindruck von Lächerlichkeit dann genau auf jene Gruppe zu übertragen, die man nicht durch unbedachte Worte stigmatisieren wollte.

Eher als dass eine bereinigte Sprache uns zu besseren Menschen macht, gilt wohl die Devise des englischen Hosenbandordens: Honni soit qui mal y pense (Schämen soll sich, wer Schlechtes dabei denkt).

Für das „Titelbild“ meinen sehr herzlichen Dank an Spill, langjährigen treuen Leser und Kommentator dieses Blogs.

Das Verb türken ist –- das wissen die meisten –- ein Synonym für fälschen oder vortäuschen. Von gleicher Bedeutung ist die Redewendung einen Türken bauen. Was viele nicht wissen, ist, woher das Verb und die Redewendung stammen, und dass sie schon weit länger im deutschen Sprachgebrauch sind als die Geschichte türkischer Migration in Deutschland zurückreicht. Die „Bildungslücke“ wäre so verzeihlich wie unbedeutend, würde sie nicht zu Missverständnissen führen, dann nämlich wenn der oben beschriebene Wortgebrauch als diskriminierend empfunden wird -– so, als würde man Türken eine Neigung zum Fälschen und Täuschen unterstellen.

Tatsächlich habe ich eine Lieblingstheorie zur Herkunft des Türkens und Türken-Bauens, aber der Vollständigkeit halber sollen auch die anderen möglichen Herkünfte hier aufgezählt und kurz erläutert werden, als da zum Beispiel wäre eine Entlehnung aus dem Französischen.

Frankreich hatte über lange Zeit großen Einfluss auf die deutsche Kultur, und dieser schlug sich nicht zuletzt darin nieder, dass viele Begriffe aus dem Französischen übernommen wurden (Gallizismen). Die Akquise, das Bonbon, die Chaussee, die Drogerie, der Friseur, das Portemonnaie und unzählige mehr tummeln sich mit größter (Selbst-)Verständlichkeit in unserer Sprache. Es wird daher etymologisch u.a. die Theorie vertreten, türken sei eine Eindeutschung des französischen Verbs truquer (fälschen). Das ist nicht unbedingt von der Hand zu weisen, allerdings lässt es einen Türken bauen als eine recht willkürliche entstandene Formulierung im Raum stehen.

(mehr …)

Matthias Zimmermann: Die geknickte und verbogene Stadt, 2007

Matthias Zimmermann: Die geknickte und verbogene Stadt, 2007

Allzu gerne wüsste ich über das „“Bauklötzer Staunen““ ähnlich Interessantes zu berichten wie über den „“Freund und Kupferstecher““, doch leider ergab in diesem Fall auch beharrliches Recherchieren nicht mehr, als dass die Redewendung offenbar in Berlin erfunden wurde, in den Zwanzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts, und dass ihr kein tieferer Sinn nachzuweisen ist als die Freude an lustigen Redewendungen. Alles, was über diese Erklärung hinausgeht, sind Mutmaßungen. Da meint einer, die Bauklötzer stünden für die vor Überraschung weit aufgerissenen Augen, ein anderer sieht darin den vor Staunen sperrangelweit offen stehenden Mund. Ich tendiere eher zu letzterer Annahme, denn als ich ein kleines Kind war, stellte ich mir vor, dass, wenn man nur erstaunt genug war, einem Bauklötzer aus dem Mund entschweben würden. Sprachlos stünde man da, bekäme den Mund gar nicht mehr zu, und die bunt lackierten Klötzchen schwebten eines nach dem anderen durch die Luft –– Würfel, Pyramiden, Zylinder, Brückenbögen – und arrangierten sich zu phantasievollen Gebäuden. Sage noch einer, dass dies kein schönes Bild des Staunens wäre. Leider gelang es mir nie. Scheinbar war ich nicht so leicht zu überraschen. Ich musste mich mit den Bauklötzen aus meiner Holzkiste mit dem Schiebedeckel begnügen. Das tat meiner Freude am Bauen allerdings keinen Abbruch. Zumindest auf diesem Gebiet war es meiner Mutter gelungen, mich vor frühkindlichen Frustrationen zu bewahren. Es mag Einbildung sein, aber fast glaube ich, mich noch deutlich daran zu erinnern, wie ich auf dem Teppich saß (deutscher Perser) und meine Mutter Bauklötze aufeinander türmte, mir schließlich auch einen in die Hand gab, den ich versuchte oben auf den Turm zu setzen. Und jedes Mal passierte dasselbe: Der Turm fiel um, Meine Mutter rief: „“Bautz! Jetzt ist er umgekippt.““ Sie klatschte in die Hände, lachte, und lange glaubte ich fest, dass der eigentliche Sinn des Spiels darin bestand, den Turm zum Umkippen zu bringen.

Die Jahre gingen ins Land, ich lernte Türme zu bauen, die nicht umkippten, aber mein Verhältnis zu kippenden Türmen muss ein recht ungebrochenes geblieben sein. Jedenfalls als der Pfarrer in der Sonntagspredigt vom „Turm Bautzebabel“ erzählte, sah ich die Sache regelrecht vor mir: Ein herrliches Durcheinander von Klötzen und Stimmen und Worten, von denen manche ganz unverständlich und dennoch schön waren.

Oft denke ich, das Leben könnte viel schöner sein, würde unsere Vorstellungen nicht früher oder später zurechtgerückt (!), und wie in so vielen anderen Fällen, wiederfuhr meiner Vorstellung von diesem Turm eine solche Korrektur in der Schule. Die Lehrerin erzählte vom Bau eines Turmes, der höher werden sollte als alle jemals gebauten Türme, davon dass er umstürzte, von der Verwirrung der Sprachen, … Dann fragte sie, ob denn jemand von uns Schülern wisse, wo dieser Turm gestanden hätte. Ich hob den Finger –– vielleicht schneller als irgendein anderer. Selten war ich meiner Sache so sicher. Sie nickte mir aufmunternd zu. „“In Bautzebabel““, sagte ich.

Nun soll niemand glauben, ich hätte höhnisches Gelächter geerntet. Die anderen in der Kasse hatten nämlich noch viel weniger Ahnung als ich. Die Lehrerin stutzte. „“Wo, sagtest du?““ –– „„In Bautzebabel““, wiederholte ich. Sie zögerte nur kurz. Dann sagte sie, jede Silbe deutlich artikulierend: „“Richtig, es war der Turmbau zu Babel.““ Sie war eine gute Lehrerin. Sie stellte mich nicht bloß. Niemand merkte etwas. Nur in meinem Kopf waren die Rädchen inzwischen gut genug geölt, um den Groschen fallen zu lassen. Babel. Die bunten Trümmer meines schönen Turmes Bautzebabel zerbröselten zu lehmfarbenem Staub.

Es gibt Sätze (oder Halbsätze), die muss man auf eine ganz bestimmte Weise sagen, sonst stimmen sie einfach nicht. Jemand, der zum Beispiel im Ton überschwänglicher Herzlichkeit ausriefe: „„Mein lieber Freund und Kupferstecher!““ würde beim derart Angeredeten und bei allen, die der Sache sonst noch anhörig werden, wohl einige Irritation auslösen. Diesem „“Mein lieber Freund und Kupferstecher!““ muss ein kleines nachdenkliches Zögern vorausgehen. Dann ist der Satz eher leise und keinesfalls zu schnell zu sprechen, und in der Stimme muss ein Vorbehalt, etwas wie ein unausgesprochener Misstrauensantrag mitschwingen, auch etwas Ermahnendes vielleicht. Keinesfalls aber darf es sich wie ein strenger Verweis anhören oder so, als sei der Sprecher ernsthaft oder gar unversöhnlich erzürnt. Vielmehr sollte ein prüfender aber nicht unfreundlicher Blick in die Augen des Gegenübers den Charakter der Ansprache noch unterstreichen, …

Der Witz allerdings ist: Das entspricht gar nicht dem eigentlichen Ursprung des Satzes, welcher mit größter Wahrscheinlichkeit auf den Dichter und Orientalisten Friedrich Rückert (1788-1866) zurückgeht. In Rückerts Sinn wäre die betonte Herzlichkeit die einzig richtige Form, denn so formulierte er die Anrede in den Briefen an seinen Freund, den Kupferstecher Carl Barth –– ohne jeglichen Vorbehalt. Rückert war mit Barth nicht nur befreundet, dieser war ihm auch überaus nützlich, fand Rückerts Werk doch durch die Handwerkskunst des Freundes Verbreitung, denn der Kupferstich war zu jener Zeit weniger eine eigenständige Kunst als eben die gegebene Technik der Vervielfältigung. Freilich barg das Kupferstechen auch Möglichkeiten des Betruges. Es konnte über den Auftrag hinaus abgekupfert werden. Und da auch Papiergeld mittels der Technik des Kupferstiches gedruckt wurde, war die Herstellung von Falschgeld für den Kupferstecher eine Kleinigkeit.

Es ist anzunehmen, dass die Ansprache „„Mein lieber Freund und Kupferstecher“…“ nicht unmittelbar durch Rückerts Briefe zum Gemeingut wurde, denn es ist eher unwahrscheinlich, dass diese einer breiten Öffentlichkeit zur Kenntnis gelangten. Im Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten verweist Lutz Röhrich als wahrscheinliche Quelle für die Verbreitung des „Freundes und Kupferstechers“ auf das 8. Kapitel von Theodor Fontanes Roman Frau Jenny Treibel (1892):

Gegen halb acht war er draußen, und einen halbwachsenen Jungen mit nur einem Arm und dem entsprechend losen Ärmel (den er beständig in der Luft schwenkte) heranwinkend, stieg er jetzt ab und sagte, während er dem Einarmigen die Zügel gab: „Führ es unter die Linde, Fritz. Die Morgensonne sticht hier so.“ Der Junge that auch, wie ihm geheißen, und Leopold seinerseits ging nun an einem von Liguster überwachsenen Staketenzaun auf den Eingang des Treptower Etablissements zu. Gott sei Dank, hier war alles wie gewünscht, sämtliche Tische leer, die Stühle umgekippt und auch von Kellnern niemand da, als sein Freund Mützell, ein auf sich haltender Mann von Mitte der Vierzig, der schon in den Vormittagsstunden einen beinahe fleckenlosen Frack trug und die Trinkgelderfrage mit einer erstaunlichen, übrigens von Leopold (der immer sehr splendid war) nie herausgeforderten Gentilezza behandelte. „Sehen Sie, Herr Treibel“, so waren, als das Gespräch einmal in diese Richtung lief, seine Worte gewesen, „die meisten wollen nicht recht und streiten einem auch noch was ab, besonders die Damens, aber viele sind auch wieder gut und manche sogar sehr gut und wissen, daß man von einer Cigarre nicht leben kann und die Frau zu Hause mit ihren drei Kindern erst recht nicht. Und sehen Sie, Herr Treibel, die geben und besonders die kleinen Leute. Da war erst gestern wieder einer hier, der schob mir aus Versehen ein Fünfzig-Pfennigstück zu, weil er’s für einen Zehner hielt, und als ich’s ihm sagte, nahm er’s nicht wieder und sagte blos: „Das hat so sein sollen., Freund und Kupferstecher; mitunter fällt Ostern und Pfingsten auf einen Dag.“

Der Umstand, dass Fontanes Roman recht erfolgreich war, und dass man Fontane selbst durchaus zutrauen kann, den Briefwechsel zwischen dem Dichter Rückert und seinem Kupferstecher gekannt zu haben, lässt diesen Werdegang zur allgemeinen Redensart plausibel erscheinen. Und siehe da! Schon bei Fontane sind die Worte in Richtung des Jovialen, Augenzwinkernden gerückt, von wo es bis zur wohlwollenden Mutmaßung einer kleinen Unregelmäßigkeit oder Vorteilnahme nur ein Schritt ist. Heute verwendet man die Redensart im Sinne von: „„Mein lieber Freund, glaub nur nicht, ich wüsste nicht, was du im Schilde führst““, oder „pass bloß auf, dass ich Dir nicht auf die Schliche komme!““

Ganz ohne Schliche kommt ein wahrhaftiger Kupferstecher*) unserer Zeit aus. John Franzen wurde 1981 in Aachen geboren, wuchs in Belgien auf, absolvierte die Kunstakademie in Maastricht und begann schon vor Jahren mit seinem Zyklus „“Each Line One Breath““ (Jede Linie ein Atemzug). Ursprünglich handelte es sich um Bleistiftzeichnungen, inzwischen ist Franzen dazu übergegangen, die Linien freihändig in schwarz beschichtete Kupferplatten zu ritzen. Dabei folgt er dem Prinzip jede Linie parallel zur vorhergehenden zu ziehen, was zwangsläufig misslingt (selbst wenn man den Atem anhält, bis man absetzen kann). Man bekommt Lust, es selbst einmal zu versuchen – freilich die Bleistiftvariante. Die bei John Franzen so entstehenden Bilder wirken jedenfalls beschwingt und beruhigend zugleich. Sie scheinen zu atmen, und das ist einfach schön. Hier ein kurzes Video.

*) Dass es sich bei John Franzens Technik nicht um einen Kupferstich handelt, hat Trithemius im Kommentar wunderbar erklärt.

Die Zeit zwischen den Jahren, das ist in meinem Verständnis der Augenblick, in dem Sekunden-, Minuten- und Stundenzeiger auf der Zwölf stehen. Ein zitternder Moment. Es ist nicht mehr der 31. Dezember und noch nicht der 1. Januar. Viel zu wenig Zeit, um sich oder anderen etwas zu wünschen. Das muss man per Kartengruß vorher erledigt haben, oder man verschiebt es auf in die ersten Minuten oder Tage des neuen Jahres. „Zwischen den Jahren“ ist, genau genommen, ein Nichts. – Doch bin ich mit dieser Definition offenbar in einem Irrtum befangen, gehöre einer irrgläubigen Minderheit an, denn während alle Welt noch in zunehmender Hektik Weihnachtsvorbereitungen traf, ließen eine ganze Menge Leute mich wissen, für was alles dann zwischen den Jahren sicher Zeit wäre. Wir werden telefonieren, uns sehen, essen gehen, in Ruhe besprechen… … Einige wollen ihren Resturlaub nehmen oder Überstunden abbummeln zwischen den Jahren, andere behaupten, zwischen den Jahren besonders gern zu arbeiten, weil da das Telefon kaum klingelt und sie wirklich was schaffen. Und wenn ich das nun richtig herausgehört habe, war in allen Fällen vom Zeitraum 27. Bis 31. Dezember die Rede. Nun ja, vom 31., dem Silvestertag schon eher nicht mehr, denn da soll ja abends groß gefeiert werden. Man hat Gäste, ist selbst eingeladen oder geht aus und muss sich darauf vorbereiten. Bleiben also vier bis fünf Tage für alles, wofür an den restlichen 360 Tagen des Jahres keine oder doch sehr wenig Zeit war.

Schon die alten Ägypter hatten sich mit ihrem Kalender am Sonnenjahr orientiert, es in 12 Monate à 30 Tage eingeteilt und aus den restlichen fünf/sechs Tagen bis zu nächsten Wintersonnenwende einen sehr kurzen 13. Monat gemacht – so etwas wie eine Zeit zwischen den Jahren. Dann kam Gaius Julius Caesar und verteilte 46 v. Chr. die Tage des dreizehnten Monats über das Jahr. Seither kann man sich die Länge der zwölf Monate nur noch durch Abzählen an den Fingerknöcheln merken, muss dabei aber im Sinn behalten, dass der Februar ein besonders kurzer Monat ist, der nur 28 Tage hat, beziehungsweise 29 in den Jahren deren Jahreszahl sich durch vier teilen lässt. Als Kind war ich ziemlich stolz darauf, als ich diese „Formel“ intus hatte.

Damit hätte sich die Frage nach einer Zeit zwischen den Jahren im Grunde erledigt. Auch Christi Geburt änderte zunächst nichts am allgemeinen Kalenderverständnis. Die frühen Christen feierten am 6. Januar (Epiphanias) die Erscheinung des Erlösers und sonst nichts. Erst Papst Liberius befand es 354 für angemessen, künftig auch die Geburt Christi zu feiern, und setzte dafür den 25. Dezember fest, der bei den Römern der Tag des Sonnengottes Sol war. Liberius folgte damit dem Gedanken, Christus als neue Sonne zu etablieren. Im 9. Jahrhundert wurde dieser Idee durch die katholische Kirche weiterer Nachdruck verliehen, indem sie auch den Jahresanfang auf dieses Datum legte. Und schon war sie wieder da – diese komische Zeit zwischen den Jahren. Im Mittelalter wurden Jahresende und -anfang dann noch ein paar Mal verschoben. Erst seit 1691 steht der 1. Januar als Beginn des Neuen Jahres fest, während das Kirchenjahr am 1. Advent beginnt. Otto Normalzeithaber aber ist freudig zu den heidnischen Bräuchen zurückgekehrt. Selbst meine tiefgläubige Großmutter wusch zwischen Weihnachten und Neujahr keine Wäsche, ohne sich bewusst zu sein, dass sie es nicht tat, weil Wotan (Odin) zu dieser Jahreszeit über die Felder ritt, und wenn dabei sein Pferd über eine gespannte Wäscheleine stürzte, so würde das betreffende Haus im nächsten Jahr von einem großen Unglück getroffen.
Und was fange ich nun an, mit dieser seltsamen Zeit „zwischen den Jahren“? Alle reden jetzt schon davon, dass sie die Pfunde, die sie sich über die Feiertage angefressen haben, wieder loswerden müssen. Damit will ich nicht andeuten, dass ich bis Silvester hauptsächlich Sport treiben werde. Mit würde es schon genügen den Zwiebelgeruch (eimerweise Kartoffel- und Matjessalat) von den Händen zu bekommen.

Wenn ich höre, es müsse „mehr Geld in die Hand genommen werden“ zum Beispiel um junge Menschen in Arbeit zu bringen, scheint mir gerade diese Wortwahl in Zeiten, in denen meistens mit Plastikkärtchen bezahlt wird, ein Hinweis darauf, wie unwahrscheinlich es ist, dass nennenswerte Beträge tatsächlich dorthin fließen, wo sie am dringendsten gebraucht und am sinnvollsten eingesetzt werden.

Seit der Markt für den Ablasshandel total eingebrochen ist, seit 1567 also, weiß eigentlich niemand so genau, was eine Sünde kostet. Trotzdem hört oder liest man immer wieder einmal, etwas (oder jemand) sei eine Sünde wert. Es steht zu vermuten, dass, wer so etwas sagt oder schreibt, damit zum Ausdruck bringen möchte, die benannte Sache oder Person ist es wert, dass man seine geheiligten Grundsätze über den Haufen wirft – und sei es nur vorübergehend, bis auf Widerruf, weil der Verzicht auf diese Sache oder Person schwerer zu ertragen wäre als Gewissensbisse und/oder die Furcht, ertappt und entsprechend abgestraft zu werden. „Eine Sünde wert“, das klingt ziemlich wertvoll. Tatsächlich aber handelt es sich vielleicht auch nur um ein paar Pfunde, die wieder abgespeckt werden müssen. Unser Umgang mit dem Begriff Sünde ist derart schluderig, dass ein ernsthafter Gebrauch des Wortes eigentlich nicht mehr in Frage kommt. Mir als Kind wurde noch gesagt, Brot wegzuwerfen sei eine Sünde. Keine Ahnung, was Mütter heute ihren Kindern erzählen. Wahrscheinlich etwas über Mülltrennung – nicht in den Papierkorb, sondern in die Bio-Tonne. Aber ich schweife ab vom Wert oder Unwert der Sünde.

Die Vermutung liegt nahe, dass Sünden, solange wir uns im Diesseits befinden zumindest, frei konvertierbar sind – je nachdem mit wem und unter welchen Umständen wir einen Deal machen, und dass diese nebulösen Verhältnisse, wenn schon nicht vorsätzlich begünstigt, so doch billigend in Kauf genommen werden. Und überhaupt beschäftigt mich weniger die Frage, ob Sünden so etwas wie Aktien sind, mit denen der Teufel (???) Anteile an unserer Seele erwirbt. Ich frage mich vielmehr, warum wir unseren Sünden so viel oder überhaupt einen Wert beimessen. Warum sagt oder schreibt niemand, etwas (oder jemand) sei eine…

Was ist denn eigentlich das Gegenteil von Sünde?
Einigen wir uns für diesmal auf Unschuld.

Warum also sagt niemand, etwas/jemand sei eine Unschuld wert?

Nun, meistes müsste es wohl eher heißen: „…wäre eine Unschuld wert gewesen“, weil wir sie nicht mehr haben, diese Unschuld. Und mit der Unschuld verhält es sich leider so: Weg ist weg. Man kann nicht wieder unschuldig werden, sondern bestenfalls weise. Und dann stellt sich die Frage: Wie viel Weisheit entspricht einer Unschuld?

Ich werde mit Rechnen nicht mehr fertig, seit mich einmal wie ein Blitz die Erkenntnis traf, jemand wäre eine Unschuld wert gewesen. Manchmal beneide ich die, die noch mit Sünden versuchen, ins Geschäft zu kommen, und das zuweilen sogar mit Erfolg.

Nächste Seite »