Alfred Adler (1870-1937) war ein österreichischer Arzt und Psychotherapeut aus jüdischem Elternhaus. Er wuchs in Wien auf, und es gibt keinen Bericht über sein Leben, in welchem seine Eskapaden und Raufereien mit Gassenjungen unerwähnt bleiben. Später sagte er einmal, seiner Gassenbuben-Karriere verdanke er vieles, was er im Leben und in der Wissenschaft habe brauchen können. Adler wurde der Begründer der Individualpsychologie. Dabei schenkte er u.a. der Familienkonstellation besondere Beachtung:

Durch die Geburtenfolge wird jedem Kind einer Familie eine Position zugewiesen, die es innerhalb seiner Geschwisterreihe einnimmt. Das ist zwar nicht die Ursache für die Ausbildung bestimmter Charaktereigenschaften, aber es hat einen Einfluss auf die „primäre Meinungsbildung“ und führt zur Entwicklung von Strategien. Es ist üblich, zwischen vier grundlegenden Positionen innerhalb einer Geschwisterreihe zu unterscheiden und alle weiteren als Varianten, Kombinationen oder Abwandlungen dieser vier Positionen zu betrachten. Wir sprechen also vom Einzelkind, vom Ältesten, vom Zweiten und vom Jüngsten. Dabei kann ein Kind auch zwei Positionen einnehmen z.B. zweites und jüngstes sein. Oder es kann für mehrere Jahre in einer bestimmten Position sein und dann, aufgrund der Geburt eines neuen Kindes, in eine andere Position gelangen.

Ein Einzelkind ist ebenso wie das Erstgeborene „etwas Besonderes“ und erfährt die ungeteilte Aufmerksamkeit seiner Eltern. Doch während für das Einzelkind dieser paradiesische Zustand anhält, macht das Erstgeborene die Erfahrung der „Entthronung“, die umso stärker empfunden wird, je länger das Kind zuvor Einzelkind gewesen ist. Beim zweiten Kind haben die Eltern bereits eine gewisse Routine. Dieses Kind wird weniger verwöhnt und weniger ängstlich behütet. Das ältere Geschwisterkind ist für das jüngere Vorbild und Konkurrenz zugleich. Dabei ist auch das zweite Kind nicht vor „Entthronung“ sicher, denn wird ein weiteres Kind geboren, verliert es seine Privilegien des Jüngsten, ohne dafür die Vorrechte des Ältesten zu erhalten -– eine missliche Angelegenheit. Das einzige Kind einer Familie, das nie entthront wird, ist das jüngste, das Nesthäkchen. Als Ausgleich dafür, dass es das kleinste, schwächste und abhängigste der Kinder ist, kann es durch eine „appellative Verhaltensweisen“ die Beschützerinstinkte der Älteren wecken und viel Unterstützung von ihnen erhalten –- ideale Voraussetzungen, um soziale Kompetenz und gesunden Menschenverstand zu entwickeln. Auswirkungen hat es auch, wenn ein Kind als einziges Mädchen unter Jungen oder als einziger Junge unter Mädchen aufwächst. Und ich habe schon „Partnerratgeber“ gesehen, die empfehlen, dass eine Frau, die in einer bestimmten Geschwisterkonstellation aufgewachsen ist, sich tunlichst einen Partner suchen sollte, der in einer bestimmten anderen Konstellation aufwuchs. Das aber ist Humbug. Ohne das Thema der Familienkonstellation damit vom Tisch zu wischen, ist doch dieser Aspekt der Individualpsychologie ein sehr komplexer, denn bei einem Elternpaar mit z.B. drei Kindern sind es fünft individuelle Charaktere, die sich miteinander arrangieren müssen und das auf ihre ganz spezifische Art tun werden -– immer vorausgesetzt, dass das Familienleben ein sog. „intaktes“ ist. Ist es das nicht, wird die Sache noch einmal komplizierter.

„„Das Hotel New Hampshire““ ist der fünfte Roman des amerikanischen Schriftstellers John Irving; die deutsche Erstausgabe erschien 1982 im Diogenes Verlag. Der Roman wurde 1984 von Tony Richardson verfilmt. Das Buch erzählt die Geschichte der Familie Berry aus der Perspektive von John, des „mittleren und am wenigsten voreingenommenen“ der fünf Kinder.

In jenem Sommer, als mein Vater den Bären kaufte, war noch keiner von uns auf der Welt – wir waren noch nicht einmal gezeugt: weder Frank, der älteste, noch Franny, die lauteste, noch ich, der nächste, noch die jüngsten von uns, Lilly und Egg. Mein Vater und meine Mutter kannten sich von klein auf und waren praktisch miteinander groß geworden, doch ihre „eheliche Vereinigung“, wie Frank das immer nannte, hatte damals, als Vater den Bären kaufte, noch nicht stattgefunden.
„„Ihre eheliche Vereinigung, Frank?““, triezte ihn Franny gern; Frank war zwar der Älteste, aber mir kam er jünger vor als Franny und sie behandelte ihn immer wie ein kleines Kind. „“Du meinst doch, Frank““, sagte Franny, „“daß sie noch nicht angefangen hatten mit vögeln“.“
„“Sie hatten ihr Verhältnis noch nicht vollzogen““, sagte Lilly einmal; obwohl sie, abgesehen von Egg, jünger war als wir anderen, spielte Lilly sich immer als die große Schwester von uns allen auf -– sehr zum Ärger Frannys.
„„‘Vollzogen‘?““, sagte Franny. „Ich weiß nicht mehr, wie alt Franny damals war, aber Egg war für solche Sprüche bestimmt noch zu jung: „“Den Sex haben Vater und Mutter doch erst entdeckt, nachdem der alte Herr diesen Bären gekauft hatte““, sagte Franny. „Der Bär brachte sie auf die Idee -– ein richtig ordinärer, geiler Bock, der dauernd Bäume besprang und an sich selbst rumfummelte und versuchte, Hunde zu vergewaltigen.““
„“Er hat hin und wieder einen Hund rauh angefaßt““, sagte Frank angewidert. „“Er hat nie Hunde vergewaltigt.““
„“Er hat es versucht““, sagte Franny. „“Du kennst doch die Geschichte.““
„“Vaters Geschichte““, sagte daraufhin Lilly, die auf etwas andere Art angewidert war als Frank; es war Franny, die Frank anwiderte, doch Lilly fand Vater widerlich.

Natürlich hätte ich oben auch über den Bären schreiben können, der ursprünglich State o’’Maine hieß, dann aber Earl genannt wurde, weil „„Earl““ das einzige Wort war, das er sagen konnte, auch als er „schon zu alt war, um noch ein Bär zu sein“. Ich hätte mich auch in technische Höhen aufschwingen und über das Motorrad des Bären, einen 1937er Indian schreiben können. Allein, das Hineingeworfenwerden in diese ziemlich schräge Familie beeindruckte mich mehr. Bären und Motorräder kommen und gehen. An der Familienkonstellation der Berrys aber kann man sich unter Zuhilfenahme von Adlers Individualpsychologie lange abarbeiten, und wird doch viel zu oft vom grandiosen Chaos dieser Geschichte abgelenkt, als dass man am Ende sagen könnte, es handle sich hier um ein Beispiel wie aus dem Lehrbuch. Doch genau das beweist ja, dass Adler recht damit hatte zu behaupten, dass man jeden Menschen als ein Individuum betrachten muss.

Rezensionen des Romans finden sich bei Dieter Wunderlich und in DER SPIEGEL: Hotel des Grotesken.

Cover:
John Irving
Das Hotel New Hampshire
Diogenes (31. Dezember 1998)
ISBN-13: 978-3257211948