Philosophie


Trailer:

https://www.youtube.com/watch?v=aEGhnoox1QE

Die Handlung spielt im England des Jahres 1947. Vor dreißig Jahren hat sich der inzwischen dreiundneunzigjährige Meisterdetektiv Sherlock Holmes (Ian McKellen) in Sussex zur Ruhe gesetzt – in einem Alter also, in dem die meisten von uns noch auf ihre Rente hin arbeiten müssen. Warum? (Die Frage bezieht sich hier auf Holmes‘ retirement, nicht auf die Heraufsetzung des Rentenalters in Deutschland.) Inzwischen allerdings wird Holmes von seinem Gedächtnis langsam aber sicher (eigentlich eher sicher als langsam) im Stich gelassen, und so erinnert er sich auch nicht mehr an die Gründe für seinen Rückzug, ist sich jedoch sicher, dass es eine Art Selbstbestrafung gewesen sein muss. Einen schrecklichen Fehler muss er begangen haben bei seinem letzten Fall.

Dr. Watson, die Haushälterin Mrs. Hudson und auch Holmes‘ Bruder Mycroft haben inzwischen das Zeitliche gesegnet. Mit seiner neuen Haushälterin Mrs. Munro (Laura Linney) und deren elfjährigem Sohn (Milo Parker) als einzige Gesellschaft – sieht man von gelegentlichen Besuchen eines Arztes ab – versucht Holmes seinem Gedächtnis auf die Sprünge zu helfen, den letzten Fall zu rekonstruieren und damit die Frage seiner Schuld zu klären. Dass es am Ende dann doch noch einen aktuellen Fall zu lösen gibt, kann einen echten Holmsianer nicht voll entschädigen. Und das ist für mich der Punkt …

Ich habe aus meinem Faible für Krimi-Klassiker (Arthur Conan Doyle, Agatha Christie, George Simenon usw.) nie ein Hehl gemacht, ja in letzter Zeit habe ich mich regelrecht unter die Holmsianer begeben. Allerdings bin ich in diesem Punkt etwas eigen. Wenn mich auch die alten Filme mit Basil Rathbone in der Rolle des Meisterdetektivs oder die von Sheldon Reynolds produzierte amerikanische TV-Serie „Sherlock Holmes“ (1954 – 1955) unterhalten und amüsieren, so bin ich im Grund doch eine Puristin d.h. dem Kanon, bestehend aus den von Sir Arthur Conan Doyle selbst seiner Hauptfigur Sherlock Holmes gewidmeten vier Romanen und 56 Kurzgeschichten verhaftet. Daran ändert auch nichts, dass ich dem Zitat aus dem eingangs beschriebenen Film zustimmen muss, nämlich dass es sich dabei im Grunde um Schundromane, verfasst in einer gehobenen Sprache, handelt. Übrigens befinden wir Holmsianer uns da in bester Gesellschaft. Die Lieblingslektüre des Philosophen Ludwig Wittgenstein (1889 – 1951) waren amerikanische Pulp-Magazine und Schund-Krimiheftchen, sein Lieblingsautor dabei Norbert Davis, der sich 1949 mit Autoabgasen das Leben nahm. Wittgenstein: „Wenn die Philosophie irgendetwas mit Weisheit zu tun hat, so gibt es sicherlich nicht ein Körnchen davon in MIND [Anm. d. Red.: philosophische Fachzeitschrift] aber sehr oft in den Detektivgeschichten.“

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Manchmal erfinde ich Wörter. Meistens geschieht das zufällig und in der Mehrzahl der Fälle merke ich es nicht einmal, wenn niemand mich darauf aufmerksam macht. [Dies als Hinweis für meine Leser, mit meinem Dank vorab.] Öfter, als dass ich Wörter erfinde, kommt es vor, dass mir Wörter begegnen, die ich gerne erfunden hätte. Ein schönes Beispiel dafür ist Inkompetenzkompensationskompetenz. Das Schöne an diesem Wort: man weiß sofort, was damit gemeint ist – vorausgesetzt natürlich, man kennt die Bedeutung der Begriffe Kompetenz und Kompensation, was ich bei meinen Lesern voraussetze, denn Leser, die Fremdwörtern und Anglizismen abhold sind, haben das Lesen in diesem Blog mit Sicherheit längst aufgegeben. Hätte ich Inkompetenzkompensationskompetenz erfunden, würde ich das Wort dem Blogkollegen Koskator widmen, als Dank dafür, dass er meine Einträge für „“büldend““ befindet -– nicht etwa, weil der Kollege selbst ein Beispiel für Inkompetenzkompensationskompetenz wäre. Herr Koske ist vielmehr einer von denen, die eher tiefstapeln, während in meinem Fall – ich bin halt Generalistin -– eine gewisse Kompensation der sich auf allen Gebieten zwangsläufig ergebenden Inkompetenz geradezu überlebensnotwendig ist. Leider habe ich das Wort trotzdem nicht erfunden, sondern das hat bereits 1973 der Philosoph Odo Marquard getan, als er die Laudatio zum 60. Geburtstag des Münchner Philosophen Hermann Krings hielt.

In seiner Rede beschrieb Marquard die Geschichte der Philosophie als eine Geschichte des sukzessiven Verlusts von Kompetenzen. Demnach sei die Philosophie in der Antike „kompetent für alles“, gewesen, denn es ging darum, der Menschheit den Weg zum richtigen Leben zu weisen. In diesem Anspruch wurde sie vom Christentum überboten. Es blieb ihr also nichts, als sich dem Nutzenwissen zuzuwenden -– ein Gebiet, auf dem die exakten Wissenschaften der Denkkunst aber so erfolgreich Konkurrenz machten, dass die Philosopie sich schließlich nur noch als Wissenschaftstheorie halten konnte – oder eigentlich auch nicht halten konnte, und so stellte sie sich der Politik, wurde in der Praxis jedoch ausgeschaltet und musst sich auf das von den wenigsten Politikern beachtete Feld der Geschichtsphilosophie zurückziehen. Daraus schloss Marquard -– wie gesagt, schon 1973: „“Die Philosophie: sie ist zu Ende; wir betreiben Philosophie nach dem Ende der Philosophie.“ Der Philosophie bleibe nur noch eine Kompetenz, eben die Inkompetenzkompensationskompetenz.“

Nachzulesen ist dies u.a. in Odo Marquard: Abschied vom Prinzipiellen. Philosophische Studien, S. 23–38. Reclam (UB 7724), Stuttgart 1981, ISBN 3-15-007724-9.

Nun hatte ich in einem Kommentar ja gerade angekündigt, dass ich -– wenn es denn zutrifft, dass Philosophie das Alter kleidsam macht –- ich mich von Spiegel ab- und der Philosophie zuwenden würde, und wenn dies laut Odo Marquardt bedeutet, mich mit Inkompetenzkompensationskompetenz zu befassen, dann passt das hervorragend, denn mein zweiter Vorname ist nun mal Inkompetenz. [Mein dritter Vorname ist übrigens Insubordination -– dies als Hinweis an alle, die vorhaben, mich in irgendwelche Schranken zu weisen.]

Ich meine, Adorno hätte es bei der ursprünglichen Fassung seiner Feststellung belassen sollen, die da lautete: „“Es läßt sich privat nicht mehr richtig leben.““

Schon die Art der Formulierung verrät, dass der Satz nur in einem konkreten Kontext richtig verstanden werden konnte, denn das „“nicht mehr““ impliziert ein Vorher, einen Zeitpunkt also, zu dem sich (vielleicht) noch richtig leben ließ. Der Satz stammt aus Adornos „“Minima Moralia““, entstanden zwischen 1944 und 1947 im amerikanischen Exil und unter dem Eindruck des faschistischen Terrors in Europa.

Nun kann ein großer Denker einen schönen Gedanken nicht einfach so in einem (Kon-)Text verschludern. Es muss daran herum gefeilt werden, bis der Gedanke auch außerhalb jeden Kontextes seinen wahren Kern erstrahlen lässt: Es gibt kein richtiges Leben im falschen! Fabelhaft! So fabelhaft, dass der Satz zum berühmtesten Zitat des Philosophen avancierte, und –- oft verkürzt auf die Formulierung „„es gibt nichts Richtiges im Falschen““ -– von Hinz und Kunz ständig bemüht wird. Erstaunlicherweise hört man nie den Umkehrschluss: Es gibt nichts Falsches im Richtigen. Aber vielleicht ist es auch nicht so erstaunlich. Vor allem jedoch ist es die Verkürzung, die den Denkfehler so offensichtlich macht, dass es mich wundert, mit welcher Beharrlichkeit Adornos Behauptung postuliert wird -– und dies womöglich sogar von Leuten, die dieses Symbol ……

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……, sei es an einem Kettchen, als Schlüsselanhänger oder in welcher Form auch immer, schon einmal getragen haben oder noch tragen, oder theoretisch zu tragen bereit wären.

Die Wahrheit ist, dass jedes „richtige Leben“ falsches, jedes „falsche Leben“ richtiges enthält. Wer das Gegenteil behauptet verkennt das eigentliche Wesen des Menschlichen und greift zu jener Waffe, die geeignet ist, Gesellschaften zu spalten und Fronten entstehen zu lassen.

Villa Tugendhat

Villa Tugendhat (Ansicht von der Straße her) Villa Tugendhat - Eingang Villa Tugendhat - Wintergarten
Villa Tugendhat

Kinder erobern sich ihre Welt spielend. Das gilt auch für die Welt der Sprache. Ein neu erlerntes Wort wird spielerisch so lange für alles Mögliche und alles Unmögliche verwendet, bis durch die Reaktionen derer, die des kindlichen Geplappers anhörig werden, beim Kind ein Gefühl -– um nicht zu sagen, eine Erkenntnis -– entsteht, wie der Begriff korrekt anzuwenden ist. Mit dem Wort Diskriminierung scheinen allerdings auch viele Erwachsene noch Probleme zu haben. Das gilt leider auch für gar nicht so wenige Journalisten und Politiker, denn wie sonst wäre zu erklären, dass sich neuerdings alles, was sich „„gegen““ Ausländer richtet, als Diskriminierung bezeichnet wird? Ich habe das Wort gegen apostrophiert, weil die gemeinten Benachteiligungen (böse Zungen reden gar von Schikanen) kein Indiz dafür sind, dass jemand Ausländer für weniger wertvolle Menschen hält. Im Grunde warte ich nur darauf, dass auch der Gebrauch des Wortes Ausländer für politisch inkorrekt erklärt wird, weil er die Bürger eines anderen Staates diskriminiert.

Nehmen wir mal die zurzeit diskutierte Maut (Infrastrukturabgabe) und den schlaumeyerischen Trick, diese zwar bei allen Autobahn- und Fernstraßenbenutzern zu erheben, die Autofahrer des eigenen Landes aber für diese Gebühr zu entschädigen. Das soll ja nicht geschehen, weil die Bundesregierung etwas gegen Ausländer hat. Tatsächlich würde man wesentlich lieber von allen kassieren -– ausnahmslos ohne Entschädigung. Aber das kostet Wählerstimmen, und die Konjunktur droht mit einem Schwächeanfall. Dagegen nur von Ausländern zu kassieren, wäre gegen die Europäischen Vereinbarungen, und der Protest aus Brüssel ließe nicht auf sich warten. Dass man in Brüssel auch den Trick mit der Erstattung bei der deutschen Kfz-Steuer sofort durchschauen und entsprechende Verfügungen vorbereiten würde, war im Grunde vorauszusehen, und deshalb hätte Frau Merkel besser daran getan, bei ihrem ursprünglichen Versprechen zu bleiben und den Bayern zu erklären, dass die Forderung aus ihrer Ecke nach einer Maut ja hauptsächlich deshalb so beharrlich gestellt wird, weil es die Bayern (verständlicherweise) ankotzt, jedes Mal, wenn sie nach Österreich hinüber fahren (und das tun sie oft), die dortige Maut zahlen zu müssen. Da sagt man dann: Liebe Bayern, wie verstehen Euch. Uns würde dies Maut auch so sehr ärgern, dass wir die Österreicher (speziell diese!) gerne zur Kasse bäten, wenn sie zu uns kommen. Aber eine Maut nur für Österreicher kann es ja nun schon mal gar nicht geben. Und immerhin habt ihr als Entschädigung die schönen Berge, und den leckeren Apfelstrudel, die Seidenklöße, die Hohensalzburg, …… alles praktisch vor der Haustür. Also: Seids stad!

Doch statt besänftigender Argumente zur rechten Zeit, nun dieses politische Hickhack und der Missbrauch des Begriffs Diskriminierung. Da werden der Abgeordnete und der Zeitungsschreiber wieder zum Kinde. Das Wort klingt ja auch so schön böse. Etwas Kriminelles haftet der Diskriminierung an. Dabei ist Diskriminierung nur das Wort, das die Diskrimination heute weitgehend verdrängt hat. Diskrimination – abgeleitet vom lateinischen discriminare (trennen, absondern, unterscheiden) war als Begriff ursprünglich völlig wertfrei, und erst im Lauf des Gebrauchs wurde das Wort nach und nach -… nun, diskriminiert eben.

Ernst Tugendhat, deutscher Philosoph und ehemaliger Professor an der Freien Universität Berlin, hat fein unterschieden zwischen primärer und sekundärer Diskrimination:

Unter primärer Diskrimination verstehe ich die Vorstellung, daß gewisse Klassen von Menschen mehr oder weniger Wert haben als andere und daß daher bei einer Verteilung den einen Priorität gegenüber den anderen zusteht. Hingegen steht „sekundäre Diskrimination“ für Regeln wie z. B. „Wer sich stärker beteiligt hat, muß entsprechend mehr vom Ergebnis erhalten“ oder „Wer bedürftiger ist, erhält mehr“, und das sind Regeln, durch die eine vorausgehende Ungleichheit kompensiert und so die Berücksichtigung als gleicher wiederhergestellt werden soll.

aus Ernst Tugendhat: Anthropologie statt Metaphysik. Beck, München 2010, S. 231

Der 1930 in Brünn geborene Sohn von Fritz und Grete Tugendhat, bedeutenden Textilfabrikanten, für die just um die Zeit der Geburt des Knaben die Villa Tugendhat nach Plänen des Architekten Mies van der Rohe gebaut wurde, wuchs also in diesem Haus auf, das zu den bedeutendsten Bauten Mies van der Rohes zählt und sich durch seine ausgewogene Klarheit auszeichnet. Zehn Jahre später sah sich die jüdische Familie gezwungen, vor den Nazis in die Schweiz zu flüchten, bevor sie 1941 nach Venezuela emigrierte. Beim Betrachten von Fotos des Hauses fragte ich mich, wie weit Klarheit der Form die Entwicklung klarer Gedanken begünstigt. Ich fragte mich auch, ob ich mich in irgendeiner Form diskriminiert fühle, weil ich nicht in einer Mies van der Rohe-Villa aufgewachsen bin, sondern diese vielleicht entscheidenden ersten zehn Jahre meines Lebens in einer Kreuzberger Etagenwohnung, vollgestopft mit einer Mischung aus über den Krieg hinweg geretteten Erbstücken und 50er-Jahre-Wirtschaftswundermobiliar, verbrachte, und ob dieser kleine feine Unterschied daher rührte, dass meine Familie sich eben doch nicht genug „beteiligt“ hatte, oder daher, dass meine Vorfahren bei irgendeiner Kompensation nicht angemessen berücksichtigt worden waren. Antwort: Nein. Neben all der schreienden Ungerechtigkeit, die Menschen anderen Menschen antun, und den so löblichen wie oft vergeblichen Versuchen wieder anderer Menschen, für diese Ungerechtigkeit einen Ausgleich zu schaffen, gibt es auch noch so etwas wie das Schicksal. Und auch wenn ich nichts von Fatalismus halte, so finde ich doch, dass eine Art Dauerfehde gegen sein Schicksal zu führen, die Sache eher ins Negative wendet.

Und was nun diese „Infrastrukturabgabe“ betrifft, ……

Um eine Diskriminierung ausländischer Autofahrer handelt es sich schon deshalb nicht, weil es ja nicht sie sind, die ausgesondert und anders behandelt werden, sondern es sind die bundesdeutschen Autofahrer, denen ein Teil jener Steuern erlassen wird, mit denen sie ja bereits ihren Obolus für die Infrastruktur entrichtet haben (sekundäre Diskrimination). Dass das in einem geeinten Europa so trotzdem nicht rechtens ist, steht auf einem anderen Blatt und darf als Abzocke betrachtet werden. Denen aber, die so gerne mit großen Worten auf alles schießen, was sich bewegt, sei gesagt: Nichts nutzt sich schneller ab als ein treffliches Wort, wenn es ständig unzutreffend gebraucht wird. Es wird dem Leser und Zuhörer ebenso langweilig, wie dem Kind das Wort, mit dem es tagelang bis zum Überdruss gespielt hat.

Zu den plattesten Witzen auf Kosten der Männer gehört: Als Gott den Mann schuf, übte SIE noch. Ich will jetzt nicht ernsthaft in die Philosophie einsteigen und darlegen, warum meiner Ansicht nach die Vorstellung, Gott sei eine Frau genauso blöd ist, wie sich vorzustellen, es handle sich um einen alten Mann mit Bart. Etwas anderes ist –– bei aller Plattheit –– interessant an dem Satz. Reduzieren wir ihn mal auf: …… Gott …… übte.

Die Menschen, die einem im Laufe des Lebens begegnen, erteilen einem ja hin und wieder kleine Lektionen. Kürzlich las ich sogar in einem Blog: Wir sind alle Lehrer. – Dabei muss man nicht gleich an einen erhobenen Zeigefinger oder an ständiges Belehrtwerden denken. Es ist grundsätzlich schön, wenn Menschen ihr Wissen und ihre Erfahrungen mit anderen teilen. Seltsam dagegen ist, dass uns oft Lehren, mit denen wir wenig bis nichts anfangen können, besonders lange im Gedächtnis bleiben. So erinnere ich mich zum Beispiel gut jenes über vierzig Jahre zurückliegenden Tages, an dem ein Kollege –– seines Zeichens Tischler –– das Büro betrat und kopfschüttelnd meinte, gewisse Dinge könnten eben nur Anfängern gelingen. Das damals aktuelle Beispiel, das ihn zu seinem Kopfschütteln veranlasste, war, dass jemand eine Sperrholzleiste fast am äußersten Ende angenagelt hatte. „Dabei kann es einem Fachmann durchaus passieren“, fuhr er fort, „dass er die mindestens zehn Zentimeter Abstand zum Ende der Leiste einhält, und das Holz sich trotzdem spaltet. Anfängerglück!“ Der abschließende Ausruf bezog sich natürlich auf die Tat des Laien. Der Begriff Könnerpech hat noch keinen Eingang in den Duden gefunden.

Ich merkte mir also damals im Stillen, dass, sollte ich jemals eine Sperrholzleiste irgendwo annageln müssen, ich nun ja wüsste, dass man die äußersten Nägel mit mindestens zehn Zentimeter Abstand zum Ende der Leiste einschlägt. Andererseits, so überlegte ich – auch damals schon, wäre ich ja eine Anfängerin und entweder durch das sprichwörtliche Anfängerglück vor einem Misslingen gefeit, oder eine vorgetäuschte Sachkunde könnte erst recht dazu führen, dass …… Um es kurz zu machen: Ich habe in meinem ganzen Leben keine Sperrholzleiste angenagelt, das Wissen um das Wie trage ich also seit Jahrzehnten quasi als Ballast mit mir herum. Nun, viel wiegt es ja nicht. Eher gleicht sein spezifisches Gewicht dem eines Korkens. Daher kommt es wohl, dass es bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit aus meiner Erinnerung auftaucht, so zum Beispiel kürzlich wieder, als ich einen launigen Text las, dessen Autor an der Vollkommenheit der göttlichen Schöpfung Zweifel hegte. – Vielleicht, dachte ich, hat, wer auch immer Gott sein mag, nur Anfängerglück gehabt, und das, was wir heute den Urknall nennen, war eine mehr schlecht als recht kontrollierte Sprengung von irgendwas, als deren Resultat nun zwischen vielen anderen Sachen ein kleiner blauer Planet um eine Sonne kreist, in zufällig genau der richtigen Entfernung, damit sich auf diesem Planeten nach und nach organisches Leben entwickeln konnte. Der Rest der Geschichte ist mehr oder weniger bekannt –– jedenfalls aus Sicht der Bewohner des kleinen blauen Planeten. Jene organische Lebensform, die sich mittlerweile selbst als intelligent bezeichnet, verhält sich allerdings so, als wüsste sie genau, dass Gott damals nur geübt hatte, und dass es irgendwo ein weitaus besser funktionierendes Spätwerk gäbe, das man schon irgendwann entdecken würde, und auf das man dann ausweichen könnte, wenn man den kleinen blauen Planeten ruiniert hätte.

Das sog. Intelligente Leben vergisst dabei, dass es Anfänger gibt wie mich, also solche, die gar nicht erst anfangen, und Anfänger, wie den gedachten Gott, die beharrlich weiter machen, dazwischen aber auch Anfänger, die es bei einem Versuch belassen. Wie es in diesem Fall ist, weiß man halt nicht. Sicherheitshalber sollte man sich also vielleicht doch so verhalten, als gäbe es kein verbessertes Nachfolgermodell unserer Erde.

Nietzsches erster Entwurf zur „Ewigen Wiederkunft des Gleichen“

Nietzsches erster Entwurf zur „Ewigen Wiederkunft des Gleichen“

Auf der ersten Seite seines Romans Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins befasst sich Milan Kundera mit einem zentralen Gedanke in der Philosophie Friedrich Nietzsches, der „Ewigen Wiederkunft des Gleichen“.

Die Grundconception des Werks [Also sprach Zarathustra], der Ewige-Wiederkunfts-Gedanke, diese höchste Formel der Bejahung, die überhaupt erreicht werden kann –, gehört in den August des Jahres 1881: er ist auf ein Blatt hingeworfen, mit der Unterschrift: ‚6000 Fuss jenseits von Mensch und Zeit.‘ Ich gieng an jenem Tage am See von Silvaplana durch die Wälder; bei einem mächtigen pyramidal aufgethürmten Block unweit Surlei machte ich Halt. Da kam mir dieser Gedanke.

Ecce homo, Also sprach Zarathustra, 1. Abschnitt (Kritischen Studienausgabe 6, S. 335)

Für Nietzsche war dieser Mythos also „höchste Formel der Bejahung“, und Kundera scheint ihm zunächst recht zu geben, als er den Umkehrschluss zieht, „dass das ein für allemal entschwindende und niemals wiederkehrende Leben einem Schatten gleicht, dass es ohne Gewicht ist und tot von vornherein; wie grauenvoll, schön oder herrlich es auch immer gewesen sein mag – dieses Grauen, diese Schönheit, diese Herrlichkeit bedeuten nichts.“

Im unmittelbaren Anschluss bemüht Milan Kundera einen Vergleich, der wenig Zusammenhang aufzuweisen scheint mit dem eigentlichen Inhalt des Romans, in welchem die „unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ anhand einer Liebesbeziehung vor dem Hintergrund des Prager Frühlings thematisiert wird. Kundera vollführt einen Gedankensprung auf den „dunklen Kontinent“ und schreibt:

Wir brauchen sie ebenso wenig zur Kenntnis zu nehmen wie einen Krieg zwischen zwei afrikanischen Staaten im vierzehnten Jahrhundert, der am Zustand der Welt nichts verändert hat, auch wenn in diesem Krieg dreihunderttausend Schwarze unter unsagbaren Qualen umgekommen sind.

Wird es an diesem Krieg der beiden afrikanischen Staaten etwas ändern, wenn er sich in der Ewigen Wiederkehr unzählige Male wiederholt?

Gewiss: er wird zu einem Block, der emporragt und überdauert, und seine Dummheit wird nie wiedergutzumachen sein.

Und es ist dieser Gedankensprung, der sich mir tiefer ins Gedächtnis gegraben hat als der ganze Rest des Romans. Unsere Welt ist ja erst seit Neustem ein Ort, an dem sich Nachrichten aus den entlegensten Winkeln schneller als ein Lauffeuer verbreiten. Wir wissen also nur Bruchstückhaftes, nur willkürlich irgendwann für überlieferungswürdig Befundenes, und nur unser Verständnis von Kultur lässt uns glauben, dass es sich dabei um das Wesentliche handelt.

Wer nun fürchtet, dasselbe immer wieder erleben zu müssen, tröste sich damit, dass er sich schließlich auch nicht daran erinnert, es schon einmal erlebt zu haben, oder er halte sich an William Faulkner, der behauptete, es würde sich zwar nichts Neues ereignen, es wären aber immer neue Menschen, die dieselben alten Geschichten erlebten.

Cover: "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins" von Milan Kundera
Milan Kundera
Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins
FISCHER Taschenbuch
ISBN: 978-3-596-25992-2

Petrus Abaelardus, geboren als Pierre Abélard 1079 in Le Pallet (bei Nantes), gestorben am 21. April 1142 im Kloster St. Marcel (bei Chalon-sur-Saône) war ein so umstrittener wie streitbarer französischer Philosoph und bedeutender Vertreter der Frühscholastik. Er lehrte in Paris Theologie, Logik und Dialektik und hatte Einfluss auf die späteren Päpste Alexander III. und Cölestin II.

Johann von Salisbury, der bei ihm studiert hatte, später Sekretär von Thomas Becket, und schließlich (1176) Erzbischof von Chartres wurde, nannte ihn Peripateticus palatinus (den Peripatetiker aus Le Pallet).

An dieser Stelle seien der Blogautorin zwei Anmerkungen gestattet:
a) Peripatos, die philosophische Schule des Aristoteles, wurde wie die anderen philosophischen Schulen Athens nach dem Ort genannt, an dem der Unterricht stattfand, in diesem Fall dem Peripatos (Wandelhalle). Die Angehörigen der Schule hießen folglich Peripatetiker. Daraus zu schließen, dass sie beim Philosophieren grundsätzlich wandelten, wäre ein Trugschluss. Auf einen Sinn für Humor bei Johannes von Salisbury zu schließen, wäre nach Meinung der Blogautorin vollkommen richtig. Grundsätzlich vermutet die Vorgenannte, dass die Philosophen die ersten wahren Humoristen in der Kulturgeschichte waren, und dass in jedem Humoristen etwas von einem Philosophen steckt.
b) Das Drama „Becket oder die Ehre Gottes“ von Jean Anouilh ist das erklärte Lieblingstheaterstück der Blogautorin.

Da die Philosophie einem Schinkenbrot gleicht, das man, hat man einmal hineingebissen, ganz und gar verschlingen muss, weil man nicht abbeißen kann, hier über die Lehren Abélards nur das Wesentliche: Im Universalienstreit vertrat Abélard die These, Allgemeinbegriffe besäßen nur subjektiven Bedeutungsgehalt, dem nichts Wirkliches entspräche, wirklich sei allein das individuelle Einzelding. In der Ethik räumte Abélard der Gesinnung den Vorrang vor der Tat ein.

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Fotomontage aus verschiedenen Ansichten des Grabmals von Abélard und Héloïse – Fotograf: Patrick T. Power

Dem Globetrotter oder Romantiker, vor allem wohl dem globetrottenden Romantiker ist Abélard ohnehin weniger durch seine Philosophie als durch sein Grabmal auf dem Pariser Friedhof Père Lachaise bekannt, teilt er seine letzte Ruhestätte doch mit seiner Geliebten Héloïse.

In Paris hatte Abélard sich unter seinen Lehrern einige Gegner geschaffen, übertraf er diese doch bei seinen eigenen Vorlesungen nicht selten an Beliebtheit, das ging so weit, dass er Lehrverbote erhielt und sich zurückziehen musste. Trotzdem gelang es ihm immer wieder, in die französische Hauptstadt zurückzukehren. 1114 unterrichtete er dort Logik und Theologie und wurde der Hauslehrer Héloïses, einer begabten jungen Frau. Bald entwickelte sich zwischen den beiden eine Liebesbeziehung, von der Héloïses Onkel und Beschützer, der Kanoniker Fulbert, erst etwas merkte, als Héloïse bereits schwanger war. Abélard sorgte für ihre Flucht zu seiner Familie nach Le Pallet. Dort brachte sie den gemeinsamen Sohn Astralabius zur Welt. Unterdessen bemühte sich Abélard, mit Fulbert einig zu werden: Er wollte sich mit Héloïse vermählen, vorausgesetzt, die Ehe würde geheim bleiben. Héloïse selbst war mit Blick auf Abélards Reputation als Gelehrter entschieden dagegen. Fulbert ging auf Abélards Vorschlag ein und setzte seine Nichte unter Druck, die zwar nicht von Abélard lassen wollte, sich aber einer Ehe widersetzte. So verfügte Abélard, dass Héloïse Nonne im Kloster Argenteuil wurde. Fulbert betrachtete dies als Versuch, sich seiner Pflichten zu entledigen. Wutentbrannt ließ er Abélard überfallen und entmannen.

Solchermaßen tief gedemütigt, trat Abélard bald darauf als Mönch in die Abtei Saint-Denis ein. Sein Ruf als Lehrer aber hatte nicht gelitten, und nach kurzem konnte er wieder Vorlesungen halten. Dies trug ihm jedoch die Feindschaft seiner Ordensbrüder ein und rief andere Gegner auf den Plan. Auf dem Konzil von Soissons (1121) musste Abélard seine Schrift Theologia Summi Boni eigenhändig verbrennen. Doch selbst als Abélard südlich von Nogent-sur-Seine eine Einsiedelei gründete, folgten ihm viele Studenten, um sich weiter von ihm unterrichten zu lassen.

Um sich weiteren Anfeindungen zu entziehen, vielleicht auch um den Kriegswirren in der Champagne zu entgehen, ließ sich Abélard etwa 1127 zum Abt des abgelegenen Klosters Saint-Gildas-en-Rhuys in der Bretagne wählen. Zur selben Zeit wurden die Nonnen von Argenteuil, wo Héloïse inzwischen Priorin geworden war, aus ihrem Kloster vertrieben. Abélard nutzte seine Stellung, um ihnen das Paraklet-Kloster zu schenken, und betreute sie von nun an geistlich, indem er unter anderem eine Ordensregel verfasste. Seine Versuche, im eigenen Kloster eine angemessene Ordnung durchzusetzen, brachten die Mönche gegen ihn auf und führten zu mehreren Attentaten auf ihn. Schließlich gab Abélard das Klosterleben auf und kehrte in die Nähe von Paris zurück. Er lehrte an der Kirche Saint-Hilaire, die zum kleinen Kanonikerstift Saint-Marcel bei Paris gehörte, das wiederum dem Bischofs von Paris unterstand. Dieser war damals krankheitsbedingt nicht mehr in der Lage, sein Amt aktiv auszuüben, so dass Abélard hier nicht nur eine relativ ungestörte Zeit verbrachte. Es gelang ihm sogar ein formidables Comeback. Schüler aus aller Welt suchten ihn auf, darunter Otto von Freising, die oben schon erwähnten späteren Päpste und Johann von Salisbury.

Da Ruhm nie unbeachtet bleibt, entging er auch nicht dem Zisterzensierabt Bernhard von Clairvaux, der Abélard vorwarf, ein Häretiker zu sein. Er klagte Abélard am 25. Mai 1141 vor dem Konzil von Sens an. Abélard richtete eine Appellation an Papst Innozenz II., wurde von diesem jedoch zu Klosterhaft und ewigem Schweigen verurteilt. Abélards Werke wurden öffentlich in Rom verbrannt.

Krank nahm Abélard Zuflucht bei einem Freund, dem Großabt Petrus Venerabilis im Kloster Cluny. Dieser erreichte noch eine formelle Aussöhnung zwischen Abélard und Bernhard von Clairvaux, so dass Abélard die letzten Monate bis zu seinem Tod in Cluny bleiben konnte.

Auf Héloïses Bitte hin wurde Abélards Leichnam ins Paraklet-Kloster überführt. Héloïse ließ sich nach ihrem Tod im Jahr 1164 neben Abélard bestatten. Während der französischen Revolution wurde das Kloster aufgehoben, die sterblichen Überreste des Paares wurden nach Paris verbracht, wo sie seit 1817 auf dem Friedhof Père Lachaise ruhen.

Der Briefwechsel zwischen Abélard und Héloïse, der in der Vergangenheit von einigen Forschern als alleiniges Werk Abélards, von anderen als spätere Fälschung betrachtet wurde, wird nach langen Kontroversen von vielen heute als authentisch eingeschätzt.

Quellen:
Das Lexikon, Zeitverlag, ISBN Band 1: 3-411-17561-3
Wikipedia: Petrus Abaelardus

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