Phillipp


Cartoo "Neulich auf der Couch"

Mit besonderem Dank an Phillipp für den Cartoon.

Foto-Text-Collage

Auch ich bin wieder aufgetaucht, war nicht weg, sondern nur unter der Oberfläche. Der Grund dafür darf jetzt besichtigt werden. Mit Bernd Uthoff und Phillipp habe ich an Untertext-2 gearbeitet. Jeder ist herzlich eingeladen, das Ergebnis zu sehen.

Ich habe nie zu Bildern geschrieben. Ich habe mir erst im Blog angewöhnt, Bilder zu meinen Texten zu stellen. Wer schreibt, malt Bilder mit Worten, oder zumindest sollten Bilder im Kopf des Lesers entstehen. Dass ich seit über einem Jahr Zusammenhänge und Kontraste zwischen dem, was ich schreibe, und Bildern der visuellen Art bewusster suche, ist Phillipp zu verdanken. In seinem Blog habe ich die ersten Bilder von Bernd Uthoff gesehen, und seine Rolle in diesem Prozess, von ihm selbst gerne heruntergespielt, soll hier gewürdigt werden. Ohne seinen aufmerksamen Blick für beides, Bilder und Texte, wäre Untertext undenkbar. Weder blindlings, noch nach Lust und Laune wurden hier Lyrik und Visual Art zusammengestellt, sondern dank eines ausgeprägten Sinnes für Entsprechungen, Ergänzungen, verdeutlichende Widersprüche und Einklänge.

Das Foto von Dresden hat Phillipp gemacht. Dass ich einen Text dazu geschrieben habe, hat er mehr als verdient. Dass ich dazu seine Meinung nicht eingeholt habe, hat er nicht verdient. Ich hoffe er verzeiht mir und nimmt es als das, als was es gemeint ist: Ein viel zu kleiner Dank für das, was er geleistet hat.

Eh, voilá…!

Untertext 2

olivenzweig

Kürbiskutsche

Foto: Phillipp

Frau Schmackwitz ärgerte sich. Dass man ihr einen Tisch am Gang zu den Toiletten zugewiesen hatte, war ihr lange nicht mehr passiert, genau gesagt, nicht seitdem sie Frau Schmackwitz geworden war, die Gattin eines Ketschupfabrikanten, und auch nicht nachdem ihr Gatte erst seines Magens und dann seines Lebens verlustig gegangen war. Schmackwitz-Würzsoßen waren noch immer in aller Munde und bewirkten Wunder nicht nur auf zähen Steaks und verkohlten Würstchen, sondern auch auf dem Schwackwitzschen Konto. Und der Name bewirkte Wunder bei Bediensteten. Warum ausgerechnet heute nicht?

Frau Schmackwitz schaute sich im Saal um nach einem Kellner, der wie ein Oberkellner aussah, und wenn dem der Name nichts sagte, würde sie eben den Geschäftsführer verlangen. Sie trommelte mit dem geköpften Rosenstiel gegen das leere Weinglas, das von ihr aus auch leer bleiben konnte. Sie wollte einen anderen Tisch, möglichst direkt an der Tanzfläche, wo man sie sah.
Zwangsläufig streifte ihr suchender Blick die anderen Gäste. In schauerlichen Maskeraden waren viele erschienen, passend zu einem Halloween-Ball, aber sehr unpassend zu Frau Schmackwitz’ Absichten. Welcher Buckel war echt, welcher Bauch nur ausgestopft? Am Ende waren es gerade die unansehnlichen Männer, die darauf setzten, dass eine alleinstehende Frau hinter der abstoßenden Maske eine angenehme Überraschung erhoffte, und dass sich hinter dem rüden Gebaren und den Grunzlauten eines Monsters, ein Mann mit sonorer Stimme und angenehmen Umgangsformen verbarg. Einfältig, wie viele Frauen waren, glaubten sie an das Märchen vom Froschkönig fester als an die Bibel. Mit einem Mann, der mehr Ähnlichkeit mit einem Frosch als mit einem Prinzen gehabt hatte, war sie lange genug verheiratet gewesen.

Plötzlich durchzuckte es Frau Schmackwitz eiskalt. Da war doch wirklich außer ihr noch eine Frau als Morticia Adams verkleidet! Dabei hatte in der meistgelesenen Frauenzeitschrift gestanden: Wer sich im vergangenen Jahr auf einer Party unter mindestens einem Dutzend Moticias wiedergefunden hat, wird denselben Fehler in diesem Jahr nicht noch einmal begehen. Und immerhin schienen die meisten Frauen klug genug gewesen zu sein, diese Warnung zu beachten. Frau Schmackwitz wiederum hatte es für das allerklügste gehalten, genau das Gegenteil zu tun. Aber wie viele Frauen stellten solche Überlegungen an? Vermutlich hatte die Andere das Kostüm von der Stange gekauft, in Größe 36, ein Ladenhüter aus der mindestens vorletzten Saison, während sie es sich hatte schneidern lassen. In Größe 48 war schon vor zwei Jahren keines aufzutreiben gewesen. Allerdings wäre ihr Mann, Gott hab’ ihn selig, als Gomez nun wirklich nicht überzeugend gewesen, und so hatten sie sich denn gemeinsam in einen einzigen Drachen verwandelt, was sich weder beim Tanzen noch am Buffet als gute Idee erwiesen hatte.
Zu allem Überfluss saß die andere Morticia auch noch an der Tanzfläche. Um genug Abstand zu halten, würde sie um einen Platz direkt neben dem Orchester bitten müssen, und worauf das hinauslief, wusste sie von ihrer Freundin. Diese Musiker waren alle gleich, suchten sich eine Frau mit Geld und trieben es dann mit der Violinistin.

„Haben sie einen Wunsch?“
Frau Schmackwitz war so mit ihren Gedanken beschäftigt, dass sie den Sinn der einfachen Frage nicht gleich verstand. Dann begriff sie, dass die aufreizend hübsche Person, die an ihren Tisch getreten war, zum Personal gehören musste und wohl die Aufgabe hatte, die Zufriedenheit der Gäste sicherzustellen. Typerscherweise wohl eher die Zufriedenheit der männlichen Gäste in diesem unverschämt kurzen Kleidchen. „Kindchen“, sagte Frau Schmackwitz ironisch, „Sie haben doch sicher einen für mich liebevoll bestimmten Tisch.“
„Aber natürlich“, sagte die junge Dame mit einem bezaubernden Lächeln. Frau Schmackwitz kam gerade noch dazu, befriedigt zur Kenntnis zu nehmen, dass sie offenbar erkannt worden war, ohne ihren Namen zu nennen. Zu sagen, wo sie gerne sitzen würde, dazu kam sie nicht mehr.

Ich sollte vielleicht keine Frauen nach ihren Wünschen fragen, dachte die schwerhörige Fee. So etwas Verrücktes wie einen liebestollen Tintenfisch hatte noch kein Mann sich gewünscht.
Sie hatte sich ans Ende des Saales verzogen, um der unglaublichen Tintensauerei zu entgehen, während der Tintenfisch die kreischende Morticia Größe 48 durch den Saal verfolgte, die seinen Fangarmen von Runde zu Runde mühsamer entkam.
Glücklicherweise befand sich an diesem Ende des Saales auch das Buffet. Die Fee betrachtete andächtig die kunstvoll dekorierten Platten und Schüsseln. Manchmal bedauerte sie, dass Feen nichts aßen. Vielleicht konnte sie wenigstens den jungen Mann erfreuen, der schüchtern und unschlüssig ebenfalls am Buffet stand.
„Kann ich dir einen Wunsch erfüllen?“
Er lächelte scheu. „Ich hatte ja schon einen Krabbencocktail“ sagte er, als müsse er sich dafür entschuldigen. „Aber so ein achtel Melone vielleicht noch…“
Die Fee lächelte. „Aber gern.“ Dann schnappte sie sich flink den größten der Kürbisse, die als Tischschmuck auf dem Buffet lagen, und ging damit hinaus.
Der junge Mann aber starrte verwundert auf das Bündel Geldscheine auf seinem Teller. „Ich wollte doch nur…“ Erst als er sah, dass die Aufmerksamkeit aller anderen Gäste und auch der Kellner ganz auf die Szene gerichtet war, die sich in der Saalmitte bot, und ihn bei aller Skurrilität erröten ließ, wagte er es, das Geld unter seinem abgetragenen Prinzencape, dem einzigen Kostüm, das er so billig hatte ausleihen können, verschwinden zu lassen.

Die schwerhörige Fee war indessen in die kühle Nachtluft hinaus getreten. Mit dem geköpften Rosenstiel, den sie aufgehoben hatte, als er der erschrockenen Morticia aus der Hand gefallen war, klopfte sie gegen den Kürbis, der sich prompt in eine Kutsche verwandelte. Einer der ältesten Feentricks überhaupt. Sie hatte gerade die Kutsche bestiegen, als sie den jungen Mann ebenfalls ins Freie treten sah. Er wandte sich nicht in Richtung des Parkplatzes, was wohl bedeutete, dass er dort kein Auto zu stehen hatte. Die Fee beugte sich aus der Kutsche. „Soll ich dich ein Stück mitnehmen?“
„Wenn es dir nichts ausmacht“, sagte er. „Ich glaube der Bus ist gerade weg, und der nächste fährt erst in einer Stunde.“
Sie bemerkte seine Verwunderung über die Kutsche, doch stellte er keine Fragen.
Also tat es die Fee. „Du bist nicht zufällig ein Prinz?“
Das schien ihm peinlich zu sein. „Es war nicht so einfach, ein Kostüm passend zu Halloween auszuleihen, ich meine eines, das ein Student sich leisten kann. Ich heiße übrigens Henry.“
„Was studierst du denn, Henry?“ fragte die Fee und versuchte, sich ihre Enttäuschung nicht anmerken zu lassen.
„Medizin“, antwortete er und fügte schnell hinzu, „aber erst im dritten Semester.“
„Würde es dir etwas ausmachen, heute mein Prinz zu sein?“ fragte die Fee.
Henry schluckte. Er war wirklich ein besonders schüchterner junger Mann, und an ein so schönes Mädchen hätte er sich nie heran gewagt. Doch das Bündel Geldscheine unter seinem Cape schien ihm nun doch etwas Selbstvertrauen zu geben.
„Ich kann es ja versuchen“, sagte er und brachte endlich ein richtiges Lächeln zustande.
„Oh, das wird sicher gehen. Du lächelst jedenfalls schon wie ein Prinz.“
Und als die Fee dies sagte, fuhr die Kutsche bereits in die Nacht hinaus.

© Christa Hartwig

Meinen Dank an Phillipp dafür, dass ich das Foto verwenden darf.

200810050924Foto: Phillipp

Sandkasten

Emma backt Kuchen aus Sand,
füllt immer wieder das Förmchen
und setzt es auf die hölzerne Umrandung
des Sandkastens,
und zeigt sich ein Riss,
will sie den Kuchen retten,
und weiche Kinderhände
hinterlassen weiche Spuren.

Emmas Mama will Vorbild sein,
füllt ihrerseits das Förmchen
und setzt es auf die hölzerne Umrandung
des Sandkastens.
Sie hat Erfahrung
und ein Gespür entwickelt,
hinterlässt Spuren nur
in der weichen Seele.

Paul baut eine Burg aus Sand,
gräbt mit der Schaufel einen Graben,
einen Wall, Tore, Treppen, Türme formt er
und häuft Sand auf Sand,
und zeigt sich ein Riss,
will er die Burg retten,
und weiche Kinderhände
hinterlassen weiche Spuren.

Pauls Papa will Vorbild sein,
gräbt seinerseits mit der Schaufel
einen Graben, einen Wall, formt eine Burg
und häuft Sand auf Sand.
Er hat Erfahrung,
und kennt sich aus mit Statik,
Treppen und Türme
wie für die Ewigkeit.

Die Sonne brennt, lässt den Sand rieseln,
und mit den Wällen füllen sich die Gräben.
Ein Wind erhebt sich und trägt Korn um Korn davon.
Es fällt die Nacht und mit ihr
fällt auch Regen.
und wäscht die Spuren fort,
bis die Sonne wiederkehrt
und seine Spur verbrennt.

Sand wandert,
fällt in Getriebe, wird durch Düsen gejagt,
in Glut zu Glas geschmolzen und wieder zermahlen,
von Flüssen ins Meer getragen,
vom Meer ans Ufer gespült,
vom Wind zu Dünen geweht,
geschützt, bis niemand mehr beschützt
und niemand mehr betritt.

Es bleiben die Ewigkeit
und die Spuren in den Seelen.

olivenzweig