Straßenschild Mexikoplatz

Wir sitzen uns am Fenster gegenüber, an einem dieser runden Kaffeehaustische, so klein, dass man darunter mit den Knien aneinanderstößt. Das ist sicher hübsch für ein verliebtes Paar, aber mein Gegenüber ist meine Tochter. Die Nähe hat aber doch einen Vorteil: Ich kann die Hand ausstrecken und auf ihr Bäuchlein legen. Mein Enkelkind strampelt darin.

Beim Blick aus dem Fenster fällt mir ein Junge auf, an dem eigentlich nichts auffällig ist -– ein schlanker, nett aussehender Bursche, dessen Alter ich schwer einschätzen kann. Er ist wohl in dem Alter, in dem manche schon aussehen wie junge Männer und andere, gleichaltrige, noch wie Kinder. Dieser ist irgendwo dazwischen – ein bisschen auf der kindlichen Seite. Er hatte mit uns an der Kuchentheke gestanden, als wir etwas auswählten. Jetzt sitzt er mit seinem Kuchenpaket an einem der Tische auf der Straßenterrasse, hat das Papier aufgefaltet und verspachtelt die zwei Stückchen Kuchen, die er sich gekauft hat, während er auf seinem Handy tippt -– vielleicht Nachrichten an die Freunde.

„Ein schlaues Bürschchen“, sage ich. Statt den Preis für „„im Haus““ zu zahlen, isst er seinen Kuchen aus dem Papier zum Preis „„außer Haus““. Tatsächlich hoffe ich, dass die Serviererin ihn nicht von seinem Terrassenplatz verscheucht. Die kleine Sparmaßnahme sollte man einem Schulbuben durchgehen lassen, und dieser Meinung ist die Bedienung wohl auch, wie ich später beobachten kann.

Meine Tochter, die sich umwenden muss, um den Jungen zu sehen, ist überrascht. „Wie seltsam, dass ein Junge sich Kuchen kauft“, sagt sie.

Mir fällt Matz ein. Sein richtiger Name war Matthias Selbmann – einer der Tertianer in Erich Kästners „fliegendem Klassenzimmer“. Matz pumpte sogar seine Freunde an, wenn ihm die zwei Groschen fehlten, um sich beim Bäcker eine Tüte Kuchenränder zu kaufen. Aber jetzt ist nicht 1933 sondern 2015, und das hier ist der Mexikoplatz, gelegen in einem der „besseren“ Bezirke Berlins. Und der Junge da draußen… ist trotzdem ein Matz. Vielleicht immer hungrig. Vielleicht auch nur im Vorgefühl ein erwachsener Zeitungleser im Café zu werden -– mit einem Stück Kuchen vor sich, wie der Mann am Nebentisch.

Mexikoplatz Mexikoplatz U-Bhf. Mexikoplatz U-Bhf. Mexikoplatz

Der zu Beginn des vorigen Jahrhunderts angelegte und bis 1959 namenlose Platz war in seinem Grundkonzept kreisförmig und wurde in der Mitte durch die Wannseebahn geteilt. Das repräsentative Gebäudeensemble von Otto Kuhlmann als Randbebauung existiert jedoch nur auf dem nördlichen Kreisabschnitt, und ist architektonisch dem nach Plänen der Architekten Hart & Lesser ausgeführten Bahnhofsgebäude angepasst, das mit seiner markanten Kuppel unter Denkmalschutz steht. Am 23. September 1959 erhielt dieser Abschnitt den Namen „Mexikoplatz“. Die ursprünglich von Emil Schubert konzipierte Grünanlage wurde Mitte der Achtzigerjahre rekonstruiert und ist heute als Gartendenkmal ausgewiesen. Großer Beliebtheit erfreut sich der Wochenmarkt, der an jedem Samstag von 9 – 15 Uhr stattfindet. Die etwa 20 Stände bieten hochwertige Köstlichkeiten und Kunstgewerbe, wobei die Marktbetreiber darauf achten, dass es nicht zu Doppelungen kommt.