Paare


Werner Henkel: Paare, 2011
Werner Henkel
Paare, 2011
Pestwurz geschnitten auf Karton

Im Botanischen Museum, das in diesem Jahr mit seiner großen Ausstellung „modellSCHAU“ aufwartet (Bericht folgt), ist im obersten Stockwerk noch bis zum kommenden Sonntag, 7. Juni eine kleine aber feine Kunstausstellung zu besichtigen, in der Arbeiten von Anja Schindler, Bärbel Rothhaar und Werner Henkel gezeigt werden.

Rauminstallation von Anja Schindler
Rauminstallation von Anja Schindler

Und während es bei Anja Schindler kein einzelnes Objekt war, das mir besonders gefiel, sondern der gesamte Raum als Installation, das leuchtend helle Blau, das mich spontan an einen Besuch in Sidi Bou Said erinnerte, und zugleich die häusliche Geborgenheit, die gut gefüllte Regale mit „Eingemachtem“ vermitteln, habe ich am längsten doch vor Werner Henkels Zyklus „Paare“ gestanden, und mich gefragt: Warum gerade Pestwurz? Aber während ich mir die an Scherenschnitte erinnernden Arbeiten ansah, war das plötzlich egal, und entscheidend waren meine eigenen Erinnerungen an die Fragilität zwischen Buchseiten getrockneter Blätter und die Zerbrechlichkeit menschlicher Beziehungen.

Für Werner Henkel, 1956 in Hamburg geboren und seit 1984 als freischaffender Künstler tätig, steht die „Auseinandersetzung mit ästhetischen Phänomenen in der Natur“ im Zentrum seines Werkes. Es geht ihm um „das Beziehungsgefüge, das Stoffwechselfeld Mensch-Natur“. Zum Ausdruck kommen sollen die „Schönheit und Vergänglichkeit der Natur, sowie die Verletzlichkeit der Mensch-Natur-Beziehung“.

Wer sich mit meinen unscharfen, in der Ausstellung geknipsten Bildern nicht zufriedengeben möchte, sollte sich auf den Webseiten der Künstler (Links oben im Text) bessere Abbildungen anschauen. Wunderbar heiter ist auch das Homo Portans-Video über eine Performance von Anja Schindler in Dresden. Ebenso wie die jetzige Ausstellung im Botanischen Museum, zeigt dies die gedeihliche Zusammenarbeit zwischen Kunst und Wissenschaft (auch eine Paarung), die durchaus im Trend liegt und – hinsichtlich eines umfassenderen Weltbildes – zu den schönsten Hoffnungen berechtigt.

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Der Mann und die Frau, beide Übersetzer aus dem Amerikanischen, leben in einer nahezu klösterlichen Abgeschiedenheit zwischen den allerdings hellhörigen Wänden ihrer kleinen Neubauwohnung, die vollgestopft ist mit tausenden von Büchern, unzähligen Zeitschriften, vor allem Zeitschriften, denn Zeitschriftennarren sind sie beide und sitzen obendrein mehrmals am Tag vor dem Rundfunkgerät einander gegenüber, um Beiträge zu Politik und Geistesleben zu verfolgen, Nachrichten aus aller Welt, auch über Kurzwelle aus fernen Krisengebieten, und dies geschieht nach genauem Zeitplan und einer einmal wöchentlich aufgestellten Programmübersicht.

In dieser Höhle voller Zeitgeschehen, in der zwei so maßlos unterrichtete, zum Bersten überinformierte Köpfe sich kaum ausweichen können, entstehen nun nicht mehr jene Debatten und Streitgespräche, wie man sie sonst unter engagierten Menschen findet. Die beiden liefern sich vielmehr förmliche Weltbilder-Duelle, oder sagen wir besser: die drehen sich geschwind im Tanz politischer Positionen, die sie wechselnd gegeneinander einnehmen. Hat er es sich einfallen lassen, die außenpolitischen Richtlinien der letzten Parteitagsbeschlüsse der KPdSU einmal kurz zu vertreten, so wird sie ihm heftig aus der Charta der Blockfreien zitieren und im Geiste der islamischen Befreiungsbewegungen widersprechen. Nimmt er hingegen in Fragen der westdeutschen Ausländerpolitik eine liberale, integrationsfreundliche Haltung ein, dann wird sie ihm ein paar scharfzüngige konservative Seitenhiebe versetzen: „Wes Geistes Kind ist unsere Nation? Was werden die Lehrer wohl unterrichten in einer Schulklasse mit zwanzigprozentigem Ausländeranteil?“ Wagt er es bei anderer Gelegenheit an die anarcho-syndikalen Restelemente des italienischen Faschismus zu erinnern, wird ihm eine erbitterte Lektion aus der Sicht des proletarischen Internationalismus erteilt. Malt sie sich in einer zerknirschten halben Stunde die Zukunft eines Atom-Sonnen-Staates aus, eines aus schweren Krisen und Prüfungen hervorgehenden Megaindustrialismus von nie gekannter Rücksichtslosigkeit, dann hält er vorsichtig dagegen die Entwürfe einer sanften Revolution, die Skizzen einer postindustriellen Dienstleistungsgesellschaft, in der die Mehrzahl der arbeitenden Bevölkerung in lebenshilfebietenden und freizeitgestaltenden Berufen tätig sein wird. Derart tauschen sie sich ab, tagein tagaus, wechseln zwischen links und rechts, einst und jetzt, zwischen Optimismus und Pessimismus ihre Positionen und nicht selten kehrt das heutige Argument des einen morgen als Konter-Argument des anderen wieder. In ihren Zwiegesprächen löst sich aller politischer Grund auf in eine Fülle von Szenarien und Konflikt-Modellen, mit denen man unerschöpflich spielen und sich gegenseitig reizen kann. Man könnte geradezu von einem l’’art pour l’’art des reinen Opponierens sprechen, wäre da im Kern des Ganzen nicht ein einziger Eifer, der beide antreibt -– eine kluge, unerfüllte Liebe, stark wie am ersten Tag, die sich erhält und gedeiht bei zugezogenen Vorhängen, im erquickenden Strom der Informationen, im warmen Zuhaus der Weltbilder.

Dieses ist nur einer aus einer Sammlung kurzer Prosatexte, die Botho Strauß verfasst und 1981 unter dem Titel „Paare, Passanten“ veröffentlicht hat. Es handelt sich um Gedanken- und Beobachtungsskizzen, und vieles liest sich, wie das, was man im Notizbuch eines Schriftsteller erwartet, was festgehalten aber noch nicht ausgearbeitet wurde. Das Ganze ergibt ein Bild der Gemütsverfassung in der Bundesrepublik Deutschland zu Beginn der 1980er Jahre. Das mag sich befremdlich lesen, für junge Leser, die an diese Zeit keine eigenen Erinnerungen oder nur Kindheitserinnerungen haben. Für mich ist es interessant, enthüllt aus der inzwischen entstandenen Distanz, dass manches, was man für die ganz individuelle eigene Entwicklung gehalten hat, in Wahrheit die Entwicklung einer ganzen Generation in dieser unserer Kulturzone war. Das heißt: Es wird einem etwas weggenommen, und gleichzeitig hat man das Gefühl, als würde einem ein Stück Verantwortung für das eigene Leben abgenommen. Und spätestens an diesem Punkt des In-sich-hinein-Horchens, sollte man sehr wach werden. Die Verantwortung für sein Leben kann man nicht abgeben. Die Welt ist wie sie ist, weil wir verantwortlich (was nicht unbedingt heißt: verantwortungsvoll) gehandelt haben.

Strauss_Paare_Passanten
Botho Strauß
Paare Passanten
Deutscher Taschenbuch Verlag (1. April 1984)
ISBN: 978-3423102506

Fritz Lang und Thea von Harbou
Fritz Lang mit seiner Ehefrau, der Schriftstellerin Thea von Harbou in der Wohnung in Berlin-Schmargendorf, Hohenzollerndamm 52. Aufgenommen 1924, erschienen in Die Dame, 11/1924
Foto: Waldemar Titzenthaler

„“Er ist das Kino““, hat Jean-Luc Godard über Fritz Lang gesagt. Der am 5. Dezember 1890 in Wien geborene und am 2. August 1976 in Beverly Hills gestorbene Filmregisseur, Drehbuchautor und Schauspieler hat mit Filmen wie „“M““ oder „„Metropolis““ deutsche und internationale Filmgeschichte geschrieben. Doch neben dem „Großen Fritz“ wie DIE ZEIT ihn im Dezember 2014 anlässlich des Erscheinens von Norbert Grobs Fritz-Lang-Biographie nannte, gab es auch den privaten Lang, den Ehemann und Liebhaber. Aber wie bei allen großen Künstlern, ließen sich auch bei Lang Privatleben und Berufung nicht scharf voneinander trennen –- auch wenn Lang selbst das Seinige dazu tat. Seine erste Ehe mit Lisa Rosenthal hielt er sogar geheim, doch schon im Jahr nach der Hochzeit fand Lisa durch einen Schuss aus Langs Browning-Revolver den Tod. Die näheren Umstände wurden nie geklärt, und als Todesursache wurde ein „Unglücksfall“ beurkundet. Es wird aber davon ausgegangen, dass sie sich spontan das Leben nahm, unmittelbar nachdem sie von der Affäre ihres Mannes mit Thea von Harbou erfahren hatte.

Im August 1922 heiratete Fritz Lang seine zwei Jahre ältere Geliebte. Das Paar hatte sich 1919 durch Harbous Tätigkeit als Drehbuchautorin kennengelernt. Von nun an und bis zu Langs Emigration in die USA (1933) schrieb sie alle seine Drehbücher. Zu den gemeinsamen Filmprojekten zählen der Zweiteiler „“Die Nibelungen““ (1924) und „„M““ (1931) sowie die Verfilmung von Harbous Roman „„Metropolis““, für die sie parallel das Drehbuch schrieb.

Die Arbeitsgemeinschaft Fritz Lang/Thea von Harbou hielt zwar bis 1933, die Ehe bestand zu diesem Zeitpunkt aber nur noch auf dem Papier. Grund für die Trennung war die Liaison von Fritz Lang mit der Schauspielerin Gerda Maurus. Doch im Gegensatz zu ihrer Vorgängerin tröstete sich Thea von Harbou; sie lernte beim Schnitt des Films „„Das Testament des Dr. Mabuse““ den Inder Ayi Tendulkar kennen, mit dem sie in den folgenden Jahren zusammenlebte. Lang und Harbou wurden im April 1933 geschieden. Thea von Harbou starb am 1. Juli 1954 in Berlin.