Natur


Es ist gar nicht so lange her, da wäre, wer nach Informationen über Ambrosia suchte, ganz schnell bei Homer gelandet, in dessen Ilias und Odyssee Ambrosia als unsterblich machende Speise der Götter erwähnt wird. Auch zur Einbalsamierung von Toten wurde Ambrosia verwendet; so befahl Zeus dem Apollon, den Leichnam des Sarpedon damit zu salben. Und Catull sprach von einem Küsschen süßer als süße Ambrosia.

Heute muss man nach so göttlicher Bedeutung regelrecht graben. Beim Stichwort Ambrosia scheint es auf den ersten Blick nur Informationen zum Beifußblättrigen Traubenkraut (Ambrosia artemisiifolia) zu geben. Der Grund dafür liegt auf der Hand (oder in der Nase, den Augen, den Bronchen, ……). Ambrosia gilt heute als einer der lästigsten, um nicht zu sagen gefährlichsten Auslöser von Allergien. Die Pollen der aus Nordamerika stammenden Pflanze können schon in kleinsten Mengen heftige gesundheitliche Reaktionen auslösen. Dazu zählen Heuschnupfen, Bindehautentzündung und allergisches Asthma. Mit ihrer langen Blütezeit (Juli bis Oktober) trägt die Pflanze zur Verlängerung der Pollenzeit -– und somit der Leidenszeit vieler Allergiker –- bei. Bereits heute leidet etwa jeder fünfte Europäer an einer Pollenallergie. Studien prognostizieren für Deutschland bis 2050 eine viermal höhere Konzentration von Ambrosiapollen als heute. Es besteht also Handlungsbedarf, und so wurde der kommende Samstag (27. Juni) zum Welt-Ambrosiatag ausgerufen.

Einen entsprechenden Aktionstag veranstaltet die Freie Universität Berlin morgen, also am 26. Juni. Nähere Informationen zu den Ambrosia-Scouts, einem Ambrosia-Atlas, einer Ambrosia-App und wo und wie man seinen Fund meldet, finden sich auf der oben verlinkten Webseite. Wer auf einem Spaziergang oder auf seinem Grundstück den Übeltäter entdeckt, möge ihn bitte zur Anzeige bringen – und das nicht nur am Welt-Ambrosiatag.

Und so sieht Ambrosia aus:

Junge Ambrosiapflanze Ambrosiablüte

links: Junge Amprosiapflanze, Foto Arno Littmann, Julius Kühn-Institut
rechts: Ambrosiablüte, Foto Uwe Starfinger, Julius Kühn-Institut

Wenn Insektenforscher eine neu Art von Kakerlaken entdecken, bedeutet dies für den Durchschnittsrestaurantbetreiber nicht zwingend, dass er den Kammerjäger bestellen oder sich eine neue chemische Keule zulegen muss, damit die Gäste nichts Unerfreuliches im Essen entdecken –- jedenfalls dann nicht, wenn die Schabenart rund 100 Millionen Jahre alt ist, neu also nur für die Insektenforscher, ansonsten jedoch ausgestorben, wie alle Insekten aus der Kreidezeit, mal abgesehen von der Gottesanbeterin, deren Frömmigkeit ihr zu so etwas wie einem ewiges Leben verholfen haben mag.

Dass wir die Vielfalt damaliger Krabbelviecher heute noch feststellen und untersuchen können, ist dem Bernstein zu verdanken bzw. der Eigenschaft gewisser Baumharze, außerordentlich kleberig gewesen zu sein, bevor sie zu Bernstein wurden. Auch das am Ende des Zweiten Weltkriegs verschwundene Bernsteinzimmer darf man sich als einen Raum vorstellen, in dem mehr Fliegen, Mücken und was weiß ich noch die Wände zieren, als man ohne Bernstein drum herum gerne in seinen Gemächern duldet; und wenn man es einmal so betrachtet, schmerzt der Verlust vielleicht weniger. Ganz darauf verzichten müssen wir ja nicht, denn erstens gibt es eine Replique im Katharinenpalast, und zweitens wird das echte Zimmer –- genau wie das Ungeheuer von Loch Ness -– immer wieder auftauchen, wenn die Zeitungen sonst nichts Interessantes zu berichten haben oder von den wirklich interessanten Sachen abgelenkt werden soll. – Aber lassen wir den baltischen Bernstein für jetzt und wenden wir uns dem burmesischen zu.

Manipulator modificaputis

Manipulator_modificaputis – Foto: SMNS, G. Bechly

Bei der von Peter Vršanský vom Geologischen Institut in Bratislava und Günter Bechly vom Staatlichen Museum für Naturkunde in Stuttgart entdeckten Schabe handelt es sich um einen Einschluss im kreidezeitlichen Burma-Bernstein, von dem das Stuttgarter Museum einen hübschen Batzen besitzt, so dass jetzt daran herumgeschabt werden kann. Die neue Kakerlake hat keine Fangbeine, sondern lange Beine zum schnellen Laufen und einen sehr beweglichen Kopf mit extrem langen Fühlern. Zusammen mit dem dank den konservierenden Eigenschaften des Bernsteins erhaltenen Färbungsmuster und den großen Augen deuten diese Anpassungen darauf hin, dass es sich bei den etwa 1 cm großen Insekten um dämmerungsaktive Pirschjäger handelte, die vor knapp 100 Millionen Jahren in einem tropischen Araukarienwald ihrer Beute nachstellten. Vršanský und Bechly gaben der neuen Schabenart den Namen Manipulator modificaputis.

Die vermutlich weltweit größte und bedeutendste Sammlung von Birmit-Artefakten befindet sich im American Museum of Natural History in New York. Die Sammlung umfasst mehr als 3.000 Arthropoden. Ein großer Teil der Museumssammlung geht auf die Privatsammlung von Dr. Isaac Wyman Drummond (1855-1933) zurück, dessen Witwe sie dem Museum überließ. Die mit etwa 1.200 Arthropoden zweitgrößte wissenschaftliche Inklusensammlung des Burma-Bernsteins befindet sich im Natural History Museum London. Sie entstand, als Burma (a. Birma) britisches Protektorat war und wurde in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts vom Museum erworben.

Schön wäre, wenn die Bernsteinvorkommen und ihre faszinierenden Einschlüsse das Einzige wären, was für Schlagzeilen sorgt über das heute Myanmar heißende Land, und nicht die Diskriminierung und Verfolgung der muslimischen Minderheit der Rohingya durch radikale Buddhisten. Während ich dies schreibe, und während Insektenforscher Kakerlaken aus Bernstein herauspräparieren, treiben Tausende von Flüchtlingen auf Booten im Meer. Damit will ich nicht sagen, es änderte etwas an dem Elend, wenn Vršanský und Bechli von den Insekten abließen, oder ich nicht darüber schriebe; auch nicht, dass es für Burma besser gewesen wäre, nie britisches Protektorat gewesen zu sein, oder besser, noch immer Burma zu heißen -– unter britischer Ägide. Ich will damit eigentlich nur sagen, dass die Dinge aus dem Abstand von 100 Millionen Jahren leichter einzuordnen sind, und dass die Vorstellung von einem tropischen Araukarienwald, aus dessen Dickicht im nächsten Moment etwas Gewaltiges hervorbrechen könnte, für dessen Existenz und für dessen Aussterben kein Mensch die Verantwortung trägt, etwas ungemein Beruhigendes hat.

Quelle: idw – Informationsdienst Wissenschaft

Albrecht Dürer: Feldhase

Ich finde ja, man sollte Kindern nicht zu früh den Glauben an den Osterhasen nehmen –- auch wenn das heutzutage gar nicht leicht ist, denn in jedem Supermarkt und Kaufhaus sehen die lieben Kleinen die überwältigende Fülle an österlichen Süßigkeiten und nirgends Hasen in den Schlangen an den Kassen, sondern Mütter, Väter, Großeltern, …… die das Zeug körbeweis kaufen. Warum wohl? Wer klug ist, hält die Kinder vor Ostern von den Konsumtempeln fern. Wer noch klüger ist, tut das nicht nur vor Ostern, und dies nicht nur, weil Ostern gleich nach Weihnachten beginnt.

Dabei gibt es über den Osterhasen, der nur zu Ostern so genannt wird und während des restlichen Jahres als Feldhase sein Dasein fristet, einiges zu erfahren, was sogar manche Eltern und Großeltern überraschen dürfte. So weiß zum Beispiel nicht jeder, dass Hasenkinder aus ein und demselben Wurf verschiedene Väter haben können. Es lässt sich nicht leugnen, dass Häsinnen ausgesprochen promiskuitiv sind. Hasenmänner, die sich erfolgreiche Boxkämpfe mit anderen Hasenmännern liefern, dürfen ihr Glück gerne mal versuchen, auch wenn die Häsin eigentlich schon „„was zu laufen““ hat. So kommt es nicht selten vor, dass die Hasengeschwister nur Halbgeschwister sind und dazu noch nicht mal unbedingt im genau gleichen Alter. Superfötation nennt man jenes Wunder der Natur, das es einer Häsin ermöglicht, Embryonen in unterschiedlichen Entwicklungsstadien unter ihrem Hasenherzen zu tragen.

Dass Feldhasen keine Kaninchen sind, wissen die meisten, und auch, dass man dies am Körperbau (z.B. an den längeren Hinterläufen des Feldhasen) erkennen kann. Doch gibt es noch andere interessante Unterscheidungsmerkmale. Während Kaninchen ihre Jungen im Bau, also unterirdisch zur Welt bringen, und der Kaninchennachwuchs anfangs völlig hilflos ist –- nackt und blind, erblicken die jungen Feldhasen das Licht der Welt im wahrsten Sinn des Wortes, denn sie werden oberirdisch geboren, können von Anfang an sehen und laufen und verfügen über ein schützendes Fell. Ein drittes Unterscheidungsmerkmal: Kaninchen leben in Kolonien, während Hasen eher Einzelgänger sind. In anderer Beziehung haben aber Kaninchen und Feldhasen doch einiges gemeinsam: Ihr Leben ist ziemlich stressig (nicht nur zu Ostern), und genau wie Menschen brauchen Kaninchen und Feldhasen Vitamine, um topfit zu sein und allen Stress unbeschadet zu überstehen. Ein ausgeklügelter Speiseplan und der Gang in die Apotheke bleiben ihnen freilich erspart. Das Nervenschutzvitamin B1 wächst in Gestalt von Hafer, Weizen und Sonnenblumenkernen praktisch vor ihrer Nase und stellt ohnehin den Löwenzahnanteil ihrer Lieblingsspeisen dar. Ganz so unkompliziert ist es aber dann doch nicht, denn der Organismus von Hasen und Kaninchen kann B1 nicht ohne weiteres aufnehmen. Die Hasen-Vitamine werden im Darmtrakt der Tiere praktisch zu spät aufgeschlossen und müssen in Form „selbstgelegter“ Vitamin(kot)pillen erneut gefressen werden. Auch für dieses Phänomen haben die Wissenschaftler ein kluges Wort: Coecotrophie.

Das alles ist recht interessant, ob es sich jedoch als Ostergeschichte für die Kinder eignet, hängt sehr davon ab, wie Eltern oder Großeltern die Geheimnisse der Hasen erklären. Mit Begriffen wie Promiskuität, Superfötation und Coecotrophie lassen sich Kinder im Allgemeinen nicht abspeisen, und wer sich mit anschaulicheren Erklärungen überfordert fühlt, ist gut beraten, sich auf die traditionell vom Osterhasen gelegten und versteckten Eier zu besinnen.

Ich selbst habe an den Osterhasen übrigens ziemlich lange geglaubt -– dank eines von meiner Großmutter angewandten Tricks. Natürlich wusste auch ich schon bevor ich in die Schule kam, dass es die unter dem Schrank, hinter den Gardinen und (nur bei warmem Osterwetter) in der Ofenröhre versteckten Eier in den Geschäften zu kaufen gab. Umso verhasster war mir die blöde Sucherei, und ich verstand nicht, warum die Osternester nicht ebenso überreicht werden konnten, wie Weihnachts- oder Geburtstagsgeschenke. Doch später am Ostermorgen, wenn ich auch das letzte Marzipanei längst aufgestöbert hatte, kam dann stets meine Großmutter aus der Küche, ganz aufgeregt. „“Jetzt war der Osterhase da““, flüsterte sie mir zu und zeigte mir, als sei es ein Geheimnis, was sie in der Schürze trug: Hasenwarme Ostereier. Der Form und Größe nach hätten es Hühnereier sein können, aber so rotbraune und glänzende Eier legte kein Huhn und gab es in keinem Laden!

ALLEN FREUNDEN UND BESUCHERN EIN FROHES OSTERFEST!

Für die echten Hasengeheimnisse verantwortlich: http://www.DeutscheWildtierStiftung.de

Für die echten Ostereier verantwortlich: reichlich Zwiebelschalen, die mit den Eiern gekocht werden, und Speckschwarten (oder Speiseöl) zum Blankreiben der auf „Hasentemperatur“ abgekühlten Eier.

Am Dienstag stand ich an der Bushaltestelle, um nach einem Bummel durch die Schloßstraße bei strahlendem Sonnenschien wieder nach Hause zu fahren, als ich etwas vermisste. Nein, ich hatte keine meiner Einkaufstüten irgendwo stehen oder gar mein Portemonnaie irgendwo liegen lassen. Was ich vermisste, war die strahlende Frühlingslaune, die zu einem solchen Vormittag gehört hätte. Ich versuchte, mich zu erinnern, ob ich sie bei mir gehabt hatte, als ich von zu Hause losging, um dann festzustellen, an welchem Punkt sie auf der Strecke geblieben war, aber ich hätte nicht einmal den ersten Teil der Frage mit Sicherheit beantworten können. Daraus die Schlussfolgerung zu ziehen, dass ich wohl doch alt würde, trug auch nicht dazu bei, meine Laune zu heben. Der Bus war mir vor der Nase weggefahren, was ebenfalls als Erklärung für die schlappe Stimmung nicht taugte, mir aber Zeit gab für weiteres Nachdenken. Nach fünf Minuten hatte ich den Fall so weit geklärt, dass sich sagen ließ: Mir ist das Wetter ziemlich wurscht. Ich hasse extreme Kälte, ich hasse extreme Hitze, und ich hasse Glatteis. Alles andere finde ich mehr oder weniger okay. Das bedeutet, dass ich die meiste Zeit des Jahres mit dem Wetter einigermaßen zufrieden bin. Wer kann das schon von sich behaupten? Was für das Wetter gilt, gilt jedoch nicht ebenso für die Witterungsbegleiterscheinungen, als da zum Beispiel wäre die Wahrscheinlichkeit, sich mit Insekten konfrontiert zu sehen.

Von Berlinern wird behauptet, dass sie bei den ersten Sonnenstrahlen des Frühlings nach draußen rennen und sich auf dem nächsten Stückchen Wiese ausstrecken, kaum dass sie sich vergewissert haben, dass zwei Quadratmeter frei von Hundehaufen sind. Zwar bin ich gebürtige Berlinerin, aber wer mich ausgestreckt auf einem Stück Wiese fände, müsste damit rechnen, es mit meiner Leiche zu tun zu haben. Und selbst in diesem Zustand wäre meine Anwesenheit auf einer Wiese eher ungewöhnlich. Als ich letztes Jahr dem Invalidenfriedhof einen Besuch abstattete, stand ich –- ganz versunken in die Betrachtung alter Grabsteine -– unversehens in kniehohem Gras und Unkraut und erstarrte plötzlich zur Salzsäule. Dann stakste ich wie ein Schreitvogel auf kürzester Strecke dem sicheren, gras- und unkrautfreien Weg zu. Am nächsten Tag erstand ich in einer Apotheke für 7,95 Euro€ ein Zeckenschutz-Spray. Dass die Flasche noch fast voll ist, beweist, dass ich weitere Gelegenheiten, auf Zecken zu treffen, seither kaum gesucht habe. Zum Glück ist das Spray bis Mai 2017 haltbar, und ich vermute, ich werde bis dahin auch damit auskommen.

Ach, was waren das doch für herrliche Zeiten, als ich mit einem Stapel Mickymaus-Hefte bäuchlings auf einer Decke unter märkischen Kiefern lag und ganze Sonntage meiner Kindheit in schönster Koexistenz mit Insekten verbrachte -– hin und wieder eine Ameise von meinem Arm pustend oder einen Käfer mit Hilfe eines trockenes Blattes von der Decke entfernend. Was hat mein Verhältnis zu dem, was da kreucht und fleucht, so empfindlich gestört? Es können doch nur all die Berichte sein über die Krankheiten, die von Zecken und Mücken übertragen werden, die Allergien bis hin zu Schockzuständen die der Eichen-Prozessionsspinner auslöst, und dergleichen mehr. Und obwohl ich in den letzten Jahren zwei Mal von Wespen gestochen wurde, also die Erfahrung machen durfte, dass ein Wespenstich bei mir keine schlimmere Reaktion auslöst als einen kurzen Schmerz und eine relativ schnell wieder abschwellende Beule, gelingt es mir nicht, mich wie andere Menschen unter freiem Himmel an einem Stück Obstkuchen (oder anderer beliebter Wespennahrung) zu erfreuen. Ich spüre die ersten wärmenden Strahlen der Frühlingssonne und denke: Jetzt geht es wieder los. Da ist es für mich ein Glück im Unglück, dass ich keinen Garten besitze.

Ab August vergangenen Jahres wurden 60 Gärten im Großraum Stuttgart zweimal im Monat nach Zecken abgesucht, ihre Arten bestimmt und die Krankheitserreger, die sie übertragen, analysiert. Bei der Aktion legten die unerschrockenen Gartenbesitzer teilweise selbst Hand an. Und man kennt die schwäbische Hausfrau. Sowohl bei der Pflege des Gartens als auch bei der Begutachtung der dort gefundenen Zecken hat sie sich mit Sicherheit keine Schlamperei zuschulden kommen lassen. Mit den Ergebnissen befasst sich Prof. Dr. Ute Mackenstedt, Parasitologin an der Universität Hohenheim, die seit 2012 alle zwei Jahre den Süddeutschen Zeckenkongress organisiert. Ich hoffe, es schaut auch etwas für die Haltbarkeit von Zeckenschutzmitteln dabei heraus. Ich habe jedenfalls nicht vor, mir öfter als alle drei bis vier Jahre ein Fläschchen zu kaufen. Vielleicht aber bemühe ich mich auch um eine Akkreditierung für den Zeckenkongress –- als eine Art Hyposensibilisierung sozusagen.

Der letzte Absatz verwendet Informationen einer Pressemitteilung.

Seit Freitag suche ich nach einem wissenschaftlich fundierten Artikel über die „angeborene Sternenkarte“ der Wildgänse –- seit ich in den Nachrichten immer wieder hörte, dass in der nebligen Nacht von Donnerstag auf Freitag unzählige Wildgänse in Brandenburg notgelandet waren, viele davon auf Autobahnen, deren Lichter in der dicken Suppe die einzige Orientierung waren, die ihnen noch blieb. Inzwischen weiß man, dass über 100 von ihnen dabei ums Leben kamen, zahllose andere wurden verletzt oder verletzten sich bei der Landung selbst.

Die Nachricht schlug mir mehr aufs Gemüt als die beunruhigenden Meldungen aus dem Nahen Osten. Es war einer von den Tagen, an denen die Luftfeuchtigkeit die arthrosebedingte Entzündung in meinen Hüften zu Höchstform auflaufen lässt, einer der Tage, an denen ich ausgesprochen ungnädig werde und schon die Erwähnung von Waffen genügt, mich denken zu lassen: Bringt euch doch alle um, ihr Idioten! Die Wildgänse dagegen …… Eine echte Tragödie, die nichts mit Dummheit, Geldgier und Machthunger, nichts mit religiösem Fanatismus oder sonstiger Rechthaberei zu tun hatte.

Es gibt kaum einen Anblick in der Natur, bei dem mir das Herz weiter aufgeht, als bei einem Zug von Wildgänsen. Auf der Seite des NABU Schleswig-Holstein schreibt Uwe Helbing: „Wer den Keil der Gänse am Himmel sieht oder ihre Rufe hört, der fühlt, dass sie noch einen weiten Weg vor sich haben und einen ebenso langen hinter sich.“ Vielleicht ist es ja das, was mich so berührt – die hohe symbolische Kraft dieses Bildes.

Der Präsident des Landesumweltamtes Brandenburg, Matthias Freude, gab am Freitag ein Interview im Deutschlandfunk und sagte, er habe schon am Vorabend, als er in der Uckermark unterwegs war, über sich in der Luft das aufgeregte Schnattern der Gänse gehört, die versuchten, untereinander Kontakt zu halten. Gefragt von der Moderatorin, ob die Gänse sich nicht am Erdmagnetfeld orientierten, der Nebel ihnen also nichts ausmachen dürfte, erklärte er, dass sie sich tagsüber hauptsächlich an Landmarken und dem Sonnenstand orientierten, nachts an einer „angeborenen Sternenkarte“. Und seither wüsste ich eben gerne mehr über diese angeborene Sternenkarte. Wie lange braucht es, bis ein Verhalten genetisch wird?

Ich könnte die Frage auch anders stellen: Über wie viele Jahrtausende müsste der Mensch seinen festen Willen in den Frieden setzen und danach handeln, um genetisch friedfertig zu werden?

Liber Abbaci
Liber Abbaci MS Biblioteca Nazionale di Firenze, Codice Magliabechiano cs cl 2616, fol 124r : Berechnung der „Kaninchenaufgabe“ mit Fibonacci-Reihe

… 21, 34, 55, 89, 144, …

Wer die Reihe fortsetzen kann, hat entweder den kleinen Intelligentest bestanden und/oder weiß, was die Fibonacci-Folge ist: eine unendliche Folge von Zahlen, bei der sich die jeweils folgende Zahl durch Addition der beiden vorherigen Zahlen ergibt. Für die beiden ersten Zahlen werden die Werte null und eins vorgegeben, denn auch die Mathematik, die logischste aller Wissenschaften, muss von zwei Annahmen ausgehen, dass es „1“ (ein Etwas) und „0“ (nichts) gibt.

Benannt ist die oben begonnene Zahlenfolge nach Leonardo Fibonacci, der damit 1202 das Wachstum einer Kaninchenpopulation beschrieb.

Wie von Johannes Kepler (1571-1630) festgestellt wurde, nähert sich der Quotient zweier aufeinander folgender Fibonacci-Zahlen dem Goldenen Schnitt, was eine enge Verwandtschaft zwischen dieser Zahlenfolge und dem Goldenen Schnitt beweist.

Ein Rechteck, dessen Seitenverhältnis dem Goldenen Schnitt entspricht, bezeichnet man als Goldenes Rechteck. Es wird von uns schon deshalb als ästhetisch empfunden, weil es (im Querformat) etwa den Proportionen des menschlichen Gesichtsfeldes entspricht, wenn der Blick geradeaus gerichtet ist. Nicht von ungefähr orientieren sich die gängigen Formate für Fotografien und die klassischen Abmessungen einer Kinoleinwand oder eines Fernsehbildschirms daran. Die sich immer mehr dem Panorama annähernden heutigen Bildformate werden nicht von jedem als Gewinn empfunden. Mir selbst erscheinen sie oft auch dann als verzerrt, wenn sie es objektiv nicht sind.

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Über die Gänsedisteln (Sonchus) kann man bei Wikipedia nachlesen, dass sie eine Pflanzengattung in der Unterfamilie der Cichorioideae innerhalb der Korbblütler (Asteraceae) bilden, und dass in Deutschland und Österreich vier Arten heimisch sind: die Acker-Gänsedistel (Sonchus arvensis), die Raue Gänsedistel (Sonchus asper), die Gemüse-Gänsedistel (Sonchus oleraceus) und die Sumpf-Gänsedistel (Sonchus palustris).

Aus besonderen Gründen sei hier die Raue Gänsedistel vorgestellt. Die besonderen Gründe sind, dass eine Raue Gänsedistel seit sechs Wochen in einem Blumenkasten auf meinem Fensterbrett wohnt. Das heißt, sie wohnt da sicher schon viel länger, als Samenkorn in der Erde, aber vor ungefähr sechs Wochen entschloss sich dieses Samenkorn, eine Gänsedistel zu werden.

Raue Gänsedisteln sind einjährige, selten auch winterannuelle krautige Pflanzen mit hohlem, fleischigen, meist ästigen Stängel, die Wuchshöhen zwischen 30 und 80 cm erreichen. Die Laubblätter sind derb (starrer als die der Kohl-Gänsedistel), dunkelgrün und oberseits glänzend. Ihr Rand ist stechend-dornig gewimpert oder gezähnt. Die Blattform kann von tief fiederspaltig bis nahezu ungeteilt mit spatelförmigem Umriss variieren. An der stängelumgreifenden Blattbasis befinden sich abgerundete, deutlich an den Stängel angedrückte Öhrchen. Die körbchenförmigen Blütenstände erscheinen von Juni bis Oktober in Rispen. Es sind nur Zungenblüten vorhanden. Die Früchte sind zusammengedrückt und geflügelt, beiderseits mit drei Längsrippen versehen, zwischen den Rippen glatt. Sie besitzen einen Pappus.

Quellen:
Wikipedia: Gänsedisteln
Wikipedia: Raue Gänsedistel

Nachwort:

Um ehrlich zu sein, wenn ich ihr Wachsen, Knospen, Blühen und Fruchttragen nicht Tag für Tag beobachtet hätte, wäre meine Vorstellung vom Leben einer Gänsedistel auch nach der Lektüre der Wikipedia-Einträge eine recht verschwommene. Inzwischen aber weiß ich endlich auch, wie das bei Butterblumen und Pusteblumen funktioniert, und wer sich die Fotos, die ich gemacht habe, anschaut, müsste es spätestens jetzt auch begreifen.

Gänsedistel am 26. Juli 2011 um 13.40 Uhr  26. Juli 2011, 13.40 Uhr

Zunächst hätte ich nicht gewusst, zu was für einer Art Pflanze die langstieligen, rundlichen Blätter gehörten, die aus der Erde kamen und recht schnell wuchsen.

Gänsedistel am 19. August 2011, 15.43 Uhr 19. August 2011, 15.43 Uhr

Dreieinhalb Wochen später hatte die Pflanze eine Höhe von etwa 60 cm erreicht und oben mehrere Knospen ausgebildet. Allerdings fürchtete ich, dass sie im Zimmer nicht zum Blühen kommen würde, sah es doch für mich so aus, als würden die Blüten in der Knospe vertrocknen. Immerhin konnte ich meinen Blumenkastenbewohner jetzt identifizieren: eine Gänsedistel.

Gänsedistel am 20. August 2011, 06.58 Uhr 20. August 2011, 06.58 Uhr

Gänsedistel am 20. August 2011, 10.16 Uhr 20. August 2011, 10.16 Uhr

Am nächsten Morgen die Freude einer gelben Blüte, die sich mit den ersten Sonnenstrahlen geöffnet haben musste, doch schon nach vier Stunden schloss sich die Blüte wieder. Spätere Blüten hatten es nicht ganz so eilig, doch länger als einen Tag blieb keine geöffnet.

Gänsedistel am 21. August 2011, 07.12 Uhr  21. August 2011, 07.12 Uhr

Hier zeigt sich deutlich, dass, was ich für eine in der Knospe vertrocknete Blüte gehalten hatte, eine Blüte gewesen sein muss, die sich am Vortag geöffnet und geschlossen hatte, während ich nicht zuhause war. Über der 4-Stunden-Blüte zwirbelte sich der Blütenstand regelrecht zusammen und bildet eine braune Spitze, während nun das Körbchen an der Unterseite immer dicker wurde. Ich begann zu ahnen, dass hier die oben erwähnten „geflügelten Früchte“ heranreiften und das Körbchen wohl irgendwann sprengen würden.

Gänsedistel am 23. August 2011, 08.00 Uhr  23. August 2011, 08.00 Uhr

Gänsedistel am 23. August 2011, 08.02 Uhr 23. August 2011, 08.02 Uhr

Zwei Tage später legte die Gänsedistel etwas Tempo zu. Zwei gleichzeitig geöffnete Blüten. Das Foto zeigt deutlich, wie die Körbchen ihre Form verändern. Auch eine Etage tiefer reiften nun Knospen heran, und auf dem unteren Foto sieht man gut die „stängelumgreifende Blattbasis“, an der sich „abgerundete, deutlich an den Stängel angedrückte Öhrchen“ befinden.

Gänsedistel am 24. August 2011, 16.31 Uhr 24. August 2011, 16.31 Uhr

Als ich einen Tag später die ersten „geflügelten Früchte“ zu sehen bekam, befand sich das fedrige Kunstwerk schon in einem Zustand der Auflösung, der allerdings Sinn und Zweck der Sache ist. Am Sonntag gelang mir dann noch ein Foto, das alle Phasen nebeneinander zeigt.

Gänsedistel am 28. August 2011, 11.10 Uhr

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