Meine Prosa


Wer Rosenbach kennt, wird nicht verwundert reagieren, wenn er erfährt, dass Rosenbach nur handgefertigte Schuhe trägt. Der Grund dafür ist allerdings nicht ein gewisser Snobismus, den man Rosenbach auch bei größtmöglichem Wohlwollen nicht absprechen kann. Es hat ihm auch kein Orthopäde oder Podologe dazu geraten. Die Sache nahm ihren Anfang, als Rosenbach –– damals noch ein Gymnasiast –– eine Erzählung las, in welcher ein Flickschuster die Hauptrolle spielte.

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Rosenbach legte den Telefonhörer so behutsam auf, als handle es sich um eine Zeitbombe, deren eingebaute Uhr abgelaufen, die aber bisher nicht explodiert war. Dann stand er auf, trat ans Fenster und dachte über Claude nach. Er war es nicht gewohnt, über sie nachzudenken. Claude war einfach Claude, und mit diesem Namen verbanden sich seit vielen Jahren die angenehmsten Empfindungen. Claude war Rosenbachs beste Freundin. So würde er sie bezeichnen, wenn er ihre Beziehung benennen sollte. Er weigerte sich, sie eine Geliebte zu nennen, obwohl ihre Treffen üblicherweise im Bett endeten. Oder nein, sie endeten eben nicht dort. Ihre Begegnungen kehrten stets an den Punkt zurück, an dem sie ihren Ausgang nahmen, zum geistvoll heiteren Gespräch, zur gemeinsamen Mahlzeit, zur entspannenden Gewissheit, einander auch schweigend zu verstehen. Zwischen ihnen gab es beiden selbstverständliche Spielregeln. Rosenbach war es, der Claude anrief, der sie einlud, ein Restaurant oder ein Ausflugsziel vorschlug und die Rechnungen bezahlte. Dabei lag ihm nichts daran, ihr seinen Willen aufzuzwingen. Er fragte, ob sie Lust und Zeit hätte, ob ihr dieses oder jenes Restaurant lieber wäre, und wenn sie nach dem Essen darum gebeten hätte, nach Hause gebracht zu werden, hätte er ihr dies nicht verübelt, so wenig wie sie ihm verübelte, wenn er sich drei oder vier Wochen lang überhaupt nicht bei ihr meldete. Und nun das!

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Eine neue Kurzgeschichte ist fertig:

Voodoo

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Herzlichen Dank an K., die die Anregung dazu geliefert hat.

Wir sind wenige. Oder vielleicht sind wir mehr als wir denken, aber da wir einander sehr selten begegnen, bleibt uns der Eindruck, einer verschwindenden Minderheit anzugehören. Die Male in unserem Leben, dass wir einen unseresgleichen getroffen haben, könnten wir an den Fingern abzählen, wären wir denn überhaupt sicher, uns nicht getäuscht zu haben, denn noch seltener kommen wir miteinander ins Gespräch. Dabei sind wir einem Gespräch nicht grundsätzlich abgeneigt, im Gegenteil, wüssten wir es sehr zu schätzen, uns mit einem unserer Art hin und wieder auszutauschen. Ich wage sogar zu behaupten, dass wir seine kostbare Gesellschaft mehr würdigten als ein Geselliger das Zusammensein mit anderen Geselligen jemals zu schätzen lernt, und es ist nicht unwahrscheinlich, dass aus solcher Gesellschaft eine Freundschaft erwächst, deren Tiefe und Unverbrüchlichkeit das. was die Geselligen Freundschaft nennen, weit übertrifft. Wie die Dinge sich aber ihrer Natur nach verhalten, erfahren wir von der Existenz der anderen unserer Art vor allem aus Büchern, und mit einer gewissen Wehmut stellen wir es fest, wenn der andere, der, dem wir gerne etwas von uns gesagt hätten, nicht mehr unter den Lebenden weilt, so dass er nur noch aus seinem Buch zu uns sprechen und uns offenbaren kann, dass er einer von uns war und uns verstanden hätte.

Zu Unrecht wird von uns behauptet, wir lebten, wie wir es tun, weil ein jeder von uns sich selbst genug ist. In Wahrheit ist die Sehnsucht nach dem anderen unser ständiger Begleiter. Ebenso falsch ist die Annahme, es würde uns an Empathie oder ganz allgemein am Interesse an anderen Menschen mangeln. Wir beobachten sie genauer und denken mehr über sie nach als ein Geselliger dies tun könnte, ist er doch viel zu sehr damit beschäftigt, einen ständigen Austausch zu pflegen, was ihn dazu bringt, viel von sich selbst zu reden, den Verpflichtungen der vorhandenen Bekanntschaften nachzukommen und neue Begegnungen zu suchen. Und wer nun den Einwand erhebt, wir würden, egal wie wenige wir sind, unseresgleichen schon ausfindig machen, wenn wir uns nur dazu bequemten, es den Geselligen gleichzutun, uns in Gesellschaft zu begeben, wann immer sich die Gelegenheit bietet – nicht nur unsere Einsiedelei zu verlassen, sondern auch aus uns selbst herauszugehen –, der beweist damit nur einmal mehr, wie unmöglich es dem Geselligen ist, unsere Art zu begreifen.

Es ist ja auch nicht so, dass wir nicht unter Menschen gehen. Für den ungeübten Beobachter unterscheiden wir uns durch nichts von dem ansonsten geselligen Mann, der im Café allein an einem Tisch sitzt und die Zeitung liest, oder der ansonsten geselligen Frau, die allein am Ufer eines Sees spazieren geht. Dass es sich bei ihrem Tun um etwas handelt, das sich zufällig ergeben hat oder einer vorübergehenden Stimmung zu schulden ist, steht ihnen ebenso wenig auf die Stirn geschrieben, wie uns das Wort Einsiedler. Wer von uns wäre nicht schon einem Irrtum erlegen? Eben noch in der Hoffnung, einen Gleichgesinnten gefunden zu haben, sieht er sich bald genötigt, nach Ausflüchten zu suchen, um ein für sein geistiges und körperliches Wohlbefinden unerlässliches Mindestmaß an Alleinsein zu gewinnen. Sein Bedürfnis sich zurückzuziehen löst Beunruhigung oder Ärger aus. Die größte Gefahr stellen die Schüchternen dar. Obwohl Schüchternheit kein Merkmal des Einsiedlers ist und deshalb auch nicht der Grund für seine Einsiedelei, denn dank seiner viel geübten Reflexion verfügt er im besten Sinne über ein starkes Selbstbewusstsein, so ist er doch ein genügend guter Beobachter, um die Qualen der Schüchternheit bei anderen festzustellen. Hinzukommt, dass der Schüchterne ihm naturgemäß sympathisch ist, so dass es dem Einsiedler wie etwas Selbstverständliches erscheint, dem Schüchternen etwas von seiner Selbstsicherheit geben zu wollen. Doch wehe, wenn der Damm gebrochen! Schon mancher Schüchterne hat seinem Gönner gegenüber schnell alle Hemmungen verloren und ihm mit aufdringlicher Anhänglichkeit eine böse Überraschung bereitet.

Unversehens findet der Einsiedler sich vor die unerfreuliche Wahl gestellt, das menschenfreundliche Werk, einem Schüchternen zu Selbstvertrauen zu verhelfen, durch brüske Zurückweisung wieder zu zerstören, oder die Zähne zusammenzubeißen und auszuhalten, ja den anderen sogar weiter zu ermutigen, bis der ehemals Schüchterne hoffentlich die Hand loszulassen bereit ist, die ihm aus der Grube der Selbstzweifel geholfen hat. Nicht immer gelingt dies, und so kommt es, dass aus diesen oder ähnlichen Gründen manche Einsiedler ein weitaus geselligeres Leben zu führen gezwungen sind, als es ihrem Wohlbefinden gut tut. Dies umso mehr, als Einsiedler, aufgrund der reichlich geübten Reflexion, ein hohes Maß an gesellschaftlichem Verantwortungsbewusstsein haben.

Sich seiner Bedürfnisse bewusst, zögert ein Einsiedler, bevor er menschliche Bindungen und Verpflichtungen jeglicher Art eingeht, hat er es aber getan, löst er sich aus diesen Bindungen und Verpflichtungen mindestens ebenso schwer. Begegnen sich zwei Einsiedler in solcher Lage, so mögen sie einander durch einen kurzen Blick des Erkennens und Verstehens ein wenig Trost und Kraft geben. Die Geselligen werden dessen nicht gewahr, und der Stolz des Einsiedlers verbietet es ihm, sich über sein Los zu beklagen. Nicht einen einzigen wahren Einsiedler wird man unter den Männern finden, die beim Feierabendbier davon schwadronieren, dass sie ihre familiären Verpflichtungen gerne los wären, weil die Natur sie zu einsamen Helden bestimmt hat, und keine wahre Einsiedlerin im Kaffeekränzchen der Frauen, die einander darin bestärken, wie viel besser sie ohne Mann und Kinder dran wären.

Kein Mensch ist einsamer als der Einsieder, für den es kein Entkommen aus der Geselligkeit gibt, ohne dass er gegen eine ihm zutiefst innewohnende Moral verstoßen müsste. Ja, die Frage ist durchaus berechtigt, wer von beiden mehr Achtung verdient: der Einsiedler, dem es gelungen ist, seinem Naturell treu zu leben, auch wenn ihm die Wohltat der Freundschaft mit einem Gleichgesinnten versagt bleibt, oder der, den das Schicksal in die fortwährende Geselligkeit verschlagen hat, und der darin mit Würde aushält.

Wir sind wenige und beklagen dies nicht einmal, denn es ist uns durchaus bewusst, dass die Geselligen, wie schon das Wort besagt, die Gesellschaft ausmachen. Die Unverdrossenheit, mit der sie sich paaren und trennen, befreunden und verfeinden, sich bald hier und bald dort einfügen und wieder herauslösen, ist es, die alles in Bewegung und am Laufen hält. Und wären wir die letzten unserer Art, so darf bezweifelt werden, dass ein Schaden entstünde, wenn wir ganz verschwänden. Solange es uns aber gibt, werden wir schreiben, damit auch der letzte von uns noch den Trost findet, nicht der einzige lebende, je gelebt habende und je gelebt haben werdende Einsiedler zu sein.

Für die Kurzgeschichten-Freunde unter den Lesern, hier eine neue:

Herbstblatt

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Herbstblatt

Als Rosenbach das Büro seines Creative Directors betrat, vergaß er vor Überraschung den Grund, aus dem er ihn hatte sprechen wollen. Da stand ein griechischer Sklave hinter dem Sessel des jungen Mannes und schwenkte einen großen Fächer.
Christian Dieckmann, wegen der Doppelung der Initialen seines Namens mit denen seiner ambitionierten Position in der Firma von allen nur CD genannt, blickte von seinem Laptop auf und brauchte einen Moment, bevor er Rosenbachs verdutzten Gesichtsausdruck verstand. Er warf einen kurzen Blick über die Schulter, grinste dann und sagte: „„Genial, oder?““
„„Ich weiß nicht““, sagte Rosenbach, immer noch verwirrt, obwohl er inzwischen mitbekommen hatte, dass es sich bei dem Sklaven um einen Automaten handelte. „„Ich würde eher sagen abstrus.““
CD lachte und klärte seinen Chef auf. „„Ein Freund von mir heiratet nächsten Monat. Er hat alle ehemaligen Klassenkameraden -– Grundschule und Gymnasium! -– zu einer Junggesellenabschiedsparty eingeladen. Für das Geschenk haben wir zusammengelegt. Etwas wirklich Lustiges sollte es sein. Und da er ein ziemlicher Pascha ist –. Den Burschen hier habe ich auf einer Skurrilitätenauktion gekauft.““
„„Die arme Frau!““ sagte Rosenbach.
„„Es ist ja ein Geschenk für ihn““, verteidigte sich CD.
„„Ja, aber sie wird auch damit leben müssen. Außerdem bezog sich mein Bedauern auf den Pascha, nicht auf den Sklaven.““
CD lachte. „„Ich kenne das Mädel ganz gut. Die kann damit umgehen. Ich glaube, ihr gefällt seine Attitüde sogar, was nicht heißt, dass sie ihm alles durchgehen lässt.““
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Die Hitze war unerträglich. Zum ersten Mal bereute Rosenbach, sich damals ganz bewusst für Büroräume in einem Gebäude ohne Klimaanlage entschieden zu haben. Im Zimmer der Sekretärinnen surrte den ganzen Tag ein Ventilator auf höchster Stufe. Die Papiere auf den Schreibtischen waren mit Lochern, Wörterbüchern und Wasserflaschen beschwert. Rosenbach, den Ventilatoren nervös machten, hatte stattdessen in seinem Büro alle Fenster aufgerissen, und weil trotzdem kein Luftzug zu spüren war, stand gegen alle Gewohnheit auch die Tür zum Vorzimmer weit offen. Zunächst hatte das bewirkt, dass die beiden Damen ungewöhnlich schweigsam ihrer Arbeit nachgingen. Nur das leise Klappern der Tastaturen und hin und wieder das Schnarren des Telefons waren an Rosenbachs Ohr gedrungen, letzteres meistens gefolgt von Frau Herzogs höflicher Auskunft, Herr Rosenbach sei nicht da, und der Frage, ob der Anrufer eine Nachricht hinterlassen wolle. Bald jedoch schienen die Sekretärinnen selbst an seine Abwesenheit zu glauben, saß er doch wie von der Hitze gelähmt hinter seinem Schreibtisch und starrte auf das umfangreiche Dossier eines Spielzeugfabrikanten, der ihn zu einer Geschäftsbeteiligung überreden wollte. Nicht einmal Kaffee musste ihm gebracht werden. Neben ihm stand eine Isolierkanne mit Eistee, aus der er sich bereits drei Mal das Glas gefüllt hatte. Immer wieder schaute er gedankenlos aus dem Fenster, doch weil der gleißende Himmel ihn blendete, kehrte sein Blick bald wieder zu den Papieren zurück, auf die er sich beim besten Willen nicht konzentrieren konnte. Mit Spielzeug befasste er sich sonst nur kurz vor Weihnachten, wenn er sich ein Geschenk für sein Patenkind einfallen lassen musste –- nicht mitten im Sommer und bei dieser Hitze.

Rosenbach tupfte sich eben mit dem Taschentuch den Schweiß von der Stirn, als er Frau Keller, die Junior-Sekretärin, sagen hörte: „„Mir ist übrigens noch was eingefallen, was ich auf meine Löffelliste setzen werde. Ich möchte mal mit dem Fallschirm abspringen.““
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