Meine Lyrik


Bonjour Tristesse.
Ich habe dich vermisst.
Doch, wirklich, es ist nicht gelogen,
auch wenn es scheint, ich hätte lachend dich oft betrogen.
Es ist so, dass man manchmal gern vergisst, –
bis zu vergessen ich vergess‘.

Du ganz alleine
wirst nicht verlegen oder stellst dich dumm
oder zückst hilfsbereit ein makelloses Taschentuch,
während ich nach der sogenannten Fassung such‘.
Du schaust mir ins Gesicht und fragst nicht, warum
oder um wen ich weine.

Lieber wär‘ ich froh,
sage ich. Was hab‘ ich denn zu klagen?
Schön dass du da warst, aber jetzt verschwinde
dorthin, wo ich dich nicht so bald wiederfinde.
Du gehst, und – an der Tür schon – höre ich dich sagen:
Sei glücklich und …… à bientôt.

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Gerade als ein chinesischer Koch
an einem Emmentaler Käse roch,
da fiel der Mond ins Sommerloch.

Ein erst kürzlich zugereister
präkolumbianischer Bademeister…
Ich glaube, Alvaro heißt er.

Jedenfalls sprang er hinterher,
doch war der Mond entweder zu schwer,
oder er leistete Gegenwehr.

Ein Inder mit Wohnsitz in England
hatte zufällig ein Seil zur Hand,
dass er sich um die Hüften band.

Zwei Zimmerleute auf Wanderschaft,
die hielten ihn mit aller Kraft
und hätten es beinahe geschafft.

Doch ein scharfer Köter ohne Leine
ging dem Einen zwischen die Beine,
und jemand rief: „Lasst los, ihr Schweine!“

Bekam den Andern am Fuß zu fassen.
Er hasste alle, die Rassen hassen
und war nicht willens loszulassen.

Ohne zu wissen, worum es hier ging,
engagierte sich nun auch ein Drogenring,
als er auch schon über dem Abgrund hing.

Es folgte ein Kastraten-Gesangverein,
zwölf Chinchillazüchter aus Frankfurt am Main,
der Kegelclub passte nicht mehr rein.

Beim Eintreffen der Polizei,
war im Sommerloch kein Platz mehr frei,
und der Sommer war praktisch vorbei.

„Hast du gewusst“, fragte irgendwo irgendwer indessen,
und nur um es gleich wieder zu vergessen,
„dass die Chinesen gar keinen Käse essen?“

© Christa Hartwig

Die Tage, wie Zuchtperlen,
ihr Schimmer ohne Geheimnis,
ihr Gleichmaß ohne Überraschung.
Handwarm gleiten sie durch die Finger.
Ein Rosenkranz
aber kein Gebet, denn
was will man mehr?

dein haar verwuscheln
ins ohr dir tuscheln
deine schulter streicheln
dich necken, dir schmeicheln
die stirn dir kühlen
deinen herzschlag zu fühlen
unters hemd dir fassen
mich einatmen lassen
schon wieder und immer noch verliebt
wär‘ ich so gern die luft, die dich umgibt

angeregt durch Klabund

Wär‘ ich Wolke,
würd‘ ich doch lustvoll
nur auf einen mich verregnen wollen,
und ob der das just zu schätzen wüsste
und nicht fluchte über den vergess’nen Schirm,
ist noch fraglich, denn wer weiß schon
um der Wolken Wollen.
/ / / / / / /

 

Der arbeitslose Trinker hofft,
die Verkäuferin vom Imbiss
werde heute noch mal anschreiben.
Die Verkäuferin vom Imbiss hofft,
der arbeitslose Trinker werde endlich
die offene Rechnung begleichen.

Die eine Frau hofft,
ihr Geliebter werde bald
seine Frau verlassen.
Die andere Frau hofft,
ihr Mann werde bald
der Geliebten überdrüssig.

Der Sterbende hofft,
der Tod käme sanft,
um ihn zu erlösen.
Der Arzt hofft,
der Kranke werde kämpfen
für den Sieg der Medizin.

Auf beiden Seiten der Front
hoffen Soldaten, den Krieg zu gewinnen.
Jeder Läufer auf der Aschenbahn
hofft, schneller zu sein als die andern.
Der Dieb hofft, nicht erwischt zu werden.
Der Polizist hofft, den Dieb zu fangen.

Wie die verbrauchte Luft
im überfüllten U-Bahnwagon
ist all dieses Hoffen gegeneinander,
Atmen und Schwitzen gegeneinander.
Hoffnung – wie Stockschnupfen,
wie dumpfes Rumoren in der Brust.

Wie eine Dunstglocke liegt Hoffnung
über den Wohn- und Werkstätten der Menschen.
Wer sagt denn, die Hoffnung sei grün?
Erhaben in ihrer Ergebenheit stehen die Bäume.
Der Wald verbirgt das wachsam scheue Wild.
Hier kann ich atmen.

© Christa Hartwig

Beförderung

Man wartet auf Beförderung,
der Eine nur auf einen Sprung,
und einer von den andern
gedenkt gar auszuwandern.

Die Uhr trägst du am Handgelenk,
sie war vielleicht mal ein Geschenk,
Zeit schenken kann dir keiner,
die Kerze brennt, wird kleiner.

© Christa Hartwig

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