Literatur


Früher wurde jedem, der Schriftsteller werden wollte, als erstes und oberstes Gebot mit auf dem Weg gegeben: Schreibe über das, was du kennst! Voraussetzung für die Beratung war natürlich, dass jemand wagte, seine Absicht, Schriftsteller(in) zu werden, überhaupt zu äußern. Schriftsteller war man, wenn man mehr als einen Bucherfolg (und der Erfolg durfte sich nicht auf die bloße Veröffentlichung beschränken) vorzuweisen hatte. In dem Fall erfuhr der Schriftsteller, der sich als solcher zu erkennen gab, Anerkennung, wenn nicht gar Bewunderung. Aber Schriftsteller werden wollen, rief Spott oder Mitleid hervor – meistens vermutlich beides.

Ganz offenkundig haben sich die Zeiten geändert. Das heißt, der Rat, über das zu schreiben, was man kennt, wird nach wie vor erteilt, und da sich heute niemand mehr scheut, den Wunsch, Schriftsteller zu werden, auch laut zu äußern, erreicht er mehr angehende Texterzeuger als dunnemals. Mehr noch! Selten wurde ein Rat so oft und gern beherzigt. Den Beweis dafür liefern gefühlte Tausende von Büchern die jährlich erscheinen, und in denen es vorrangigst darum geht, Leben und Leiden des Literaten zu beschreiben – hauptsächlich sein Leiden am Text und an den Schriftstellerkollegen, das ganz aufgelockert durch kleine Begebenheiten auf Lesereisen,.. Es hängt mir so was von zum Halse heraus! Warum im Moment ganz besonders, darauf komme ich demnächst zurück.

Ich glaube allen Ernstes, Bücher schreiben sollte nur, wer mindestens ebenso gut auch etwas anderes tun könnte, denn dann hat er/sie wenigstens etwas zu sagen.

In letzter Zeit lese ich fast nur noch Kriminalromane. Die werden selten von Kriminalkommissaren oder Mördern verfasst, und nur gelegentlich sind Täter oder Opfer Schriftsteller.

Advertisements

Das Schlaraffenland. Gemälde von Pieter Brueghel dem Älteren

Wenn jemand sagt, es sei bereits alles gesagt, so würde ich zwar nicht meinen Kopf darauf verwetten, aber ich wäre geneigt, dem zuzustimmen. Vermutlich ist wirklich alles gesagt – jedenfalls alles Wichtige. Was jedoch unbestreitbar ist: Es hat noch nicht alles jeden erreicht. Nicht einmal das Wichtige hat jeden erreicht. Und das kann nichts anderes bedeuten, als dass es nochmals gesagt werden muss, in anderen Sprachen. mit anderen Worten, …
Zu behaupten, es sei alles gesagt und (schriftstellerische) Kreativität sei – wenn überhaupt – nur noch möglich, indem man Text als Material behandelt, ist blanker Zynismus. Als Charles Bernstein 1979 auf die Idee verfiel, die „Abhebungen“ vom Korrekturband seiner Schreibmaschine zu transkribieren, war das ein Einfall, aus dem man etwas hätte machen können. Die Transkription mit dem Titel „Lift Off“ zu versehen und zum Gedicht zu erklären, war für mein Empfinden blanker Zynismus. Wenn heute Programmier-Künstler (oder Kunst-Programmierer) davon schwadronieren, dass demnächst Roboter Gedichte für Roboter schreiben werden, ist das blanker Zynismus. Und tatsächlich bleiben andere Bereiche der Kreativität von solchen Tendenzen ja nicht verschont. Computerprogramme komponieren aus Bach-Sequenzen neue Bachwerke, und der musikalisch Halbgebildete erkennt sogar, dass es sich „um ein Werk von Bach handeln“ muss – auch wenn es nicht wirklich an Bach heranreicht. Aber es gibt Menschen, die noch nie Musik von Bach gehört haben. Echte Musik vom echten Bach. Nun kann man nur hoffen, dass sie keinen falschen Eindruck vom nachgemachten Bach bekommen.

Und wie mir so die Unfähigkeit zu wahrer Kreativität aus allen Ritzen der Unterhaltungselektronik und auch schon zwischen Buchdeckeln hervor entgegen kriecht und dabei die noch größere Unfähigkeit zur Demut demonstriert, fällt mir wirklich nur noch eine Frage ein:

WAS SOLL DENN DIESER SCHEIß?

P.S.: Habe Kenneth Goldsmith‘ „Uncreative Wrting“ nach Seite 52 in die Ecke gefeuert und werde es diese Woche der Stadtbücherei spenden (obwohl ich nicht glaube, damit ein gutes Werk zu tun; es ist die Ehrfurcht vor den Bäumen, die mich treibt).

Zu sagen, jemand sei einem zuvorgekommen ist –- wenn es sich um die Verwirklichung einer Idee handelt, einer künstlerischen Idee gar -– keine gute Idee, weil es einem meistens nicht geglaubt wird und sich auch schwer beweisen lässt. Nichtsdestotrotz ist es mir schon passiert, dass mir jemand zuvorgekommen ist, und wenn es passiert ist, dann eher zu meinem Missvergnügen, auch wenn ich -– aus besagten Gründen -– nicht großartig darüber lamentiert habe.

Jetzt aber sehe ich einen guten Grund, es mal frei heraus zu sagen, denn ich kann gleich hinzufügen: Ich bin froh darüber.

Durchaus nicht erst seit gestern beschleicht mich immer wieder einmal der Gedanke, dass es doch eine feine Sache sein müsste, ein Buch als Unikat zu verfassen. Es gibt ja eh zu viele Bücher. Wer es nicht glaubt, muss nur mal versuchen, in seinen Regalen etwas Platz zu schaffen für neue. Was die Töchter nicht wollen, verscheuere ich bei momox, dachte ich mir. Die werden zwar kaum was zahlen, aber sie holen wenigstens kostenlos ab. Und schließlich: Man schmeißt Bücher nicht weg! Bücher wegzuwerfen, gilt dem Büchermenschen als das Hinterletzte. Zu meiner bitteren Enttäuschung musste ich allerdings feststellen, dass momox nicht nur oft mal eben 0,15 € für ein Buch zahlt, sondern etwa die Hälfte der Titel, deren ISBN ich ins Online-Formular getippt hatte, gleich gar nicht wollte. Lässt man den geistigen Gewinn mal beiseite, gibt es kaum eine schlechtere Geldanlage als Bücher.

Ich würde gerne ein Unikat schreiben, dachte ich also bisweilen. Maler malen schließlich auch nicht in Auflagenstärke, und selbst Fotokünstler limitieren die Auflage eines Bildes, um den Wert zu steigern. Nur bei der Literatur soll ein Buch umso mehr wert sein, in je mehr Bücherregalen es steht?

Und nun ist mir also jemand mit dieser blendenden Idee zuvorgekommen: Wolf Wondratschek. Wer es nicht glaubt, kann es auf der Internetseite vom Deutschlandfunk nicht nur nachlesen, sondern auch nachhören. 40.000 Euro soll Herr Wondratschek für den Exklusiv-Roman kassiert haben, und dazu noch braucht er keine Verrisse zu fürchten, denn außer dem stolzen Besitzer des literarischen Einzelstücks bekommt das Elaborat ja niemand zu sehen, und der Mäzen wird wohl nicht so dumm sein, den Wert seines Kunstwerks durch negative Verlautbarungen zu schmälern. Allerdings … Mangels eines Textes, den man verreißen könnte, wird nun der Dichter selbst gefleddert.

Bloß gut, dass ich dem Wondratschek nicht zuvorgekommen bin! Allerdings hätte ich wohl auch ein ziemliches Problem damit gehabt, jemanden zu finden, der 40.000 locker macht, damit ich exklusiv für ihn schreibe. Aber das grämt mich nicht. Wondratscheks „“Einsamkeit der Männer““ kann man bei momox anbieten wie Sauerbier. Für „Leben mit Martin“ bekäme man immerhin 1,11 Euro€.

Bis zu den Modernen Klassikern bin ich letztens gekommen. Das war es nämlich, was Max sich endlich kaufen wollte, wenn er erst einmal im Westen wäre. Die Klassiker (ohne Moderne davor) hatte man ja auch im Osten bekommen. Bei ihnen bot sich die einzige Möglichkeit, sich mit dem Gesamtwerk eines Autors zu beschäftigen. Nicht zum Spaß hatte Max‘ Freund Schuldenreich im Gerichtssaal so oft gebrüllt: „Ich lese nur Schiller!“, bis er schließlich in der Klapper gelandet war.

Nun ist ja die Schublade, in die man „Moderne Klassiker“ packen kann beziehungsweise in die sie de facto gepackt werden, eine verdächtig große. Sagt man mir, dahinein gehörten Thomas Manns „Buddenbrooks“, Hermann Hesses „Steppenwolf“, Astrid Lindgrens „Pippi Langstrumpf“, Agatha Christies Miss Marple…, bleibt mir nichts, als zu nicken, ohne wirklich überzeugt zu sein. Moderne Klassiker – da gebe ich Bernd Wagner und Max Recht – sind ein Widerspruch in sich. Als „klassisch“ im allgemeinen sprachlichen Sinne wird etwas bezeichnet, das typische Merkmale in einer als allgemeingültig akzeptierten Reinform in sich vereint und mithin als formvollendet und harmonisch gilt. Und modern ist eben modern – einer Mode entsprechend, zeitgeistig. In der Praxis landet in der Schublade alles, was es ins Feuilleton überregionaler Zeitungen geschafft und möglichst auch noch einen Literaturpreis erhalten hat und/oder verfilmt wurde. Die Evergreens der Literatur, nicht nur noch zu neu, um Klassiker zu sein, sondern auch chancenlos. Das mit der Modernen Klassik soll ja nur darüber hinwegtäuschen, dass die Klassik ein endgültig abgeschlossenes Kapitel ist. Unter einem zerbrochenen Krug wird man sich auch in dreihundert Jahren noch etwas vorstellen können, unter einer plattgetretenen Tetra-Packung wohl eher nicht.

Was Wagner jedoch an dem Begriff Moderne Klassiker stört, ist weniger der Umstand, dass etwas nur entweder modern oder klassisch sein kann, als vielmehr dass es sich in den meisten Fällen nicht um Literatur des 20. Jahrhunderts handelt, jedenfalls nicht nach seiner Definition.

Wie die Quantentheorie und das Auto entstammen sie jenen Jahrzehnten zuvor, in denen all die geistigen Minen gelegt wurden, die heute noch hochgehen.

Ein den geistigen Appetit anregen sollender Satz, der mir aber wie krause Petersilie im Hals stecken bleibt. Ich kann das nicht schlucken, und das liegt nicht daran, dass da Literatur mit physikalischen Erkenntnissen und moderner Technik verglichen wird. Was die wissenschaftlichen Erkenntnisse und deren technische Umsetzung angeht, so wird es immer so und kann gar nicht anders sein, als dass Segen und Fluch nicht voneinander zu trennen sind. Mit jeder Erkenntnis und mit jeder neuen Möglichkeit ihrer praktischen Anwendung wächst die Verantwortung, die auf den Schultern der Menschheit lastet. Alles Brauchbare kann auch missbraucht werden, und selbst ein Zuviel des Guten ist zu viel und deshalb schlecht. Womit aber sollte Literatur sich befassen, wenn nicht mit der fortdauernden Vertreibung aus dem Paradies und dem zutiefst menschlichen Wunsch, etwas davon festzuhalten?

Das heißt nicht, dass nicht immer wieder einmal ein Schriftsteller oder auch ein anderer Künstler den kühnen Versuch unternimmt, mit der Literaturgeschichte beziehungsweise der Kunstgeschichte zu brechen. Auf zumindest einen Teil der Kritiker und sonstigen Rezipienten wirkt das nachgerade belebend. Ich verstehe das gut. Wenn ein Text so formvollendet daherkommt und keine Überraschungen zu bieten hat, könnte es mir glatt ergehen wie jenem Eutychus in Troas, der während einer langen Predigt des Paulus einschlief und aus dem Fenster fiel. Manchmal hilft eben nicht einmal frische Luft. Und so verstehe ich auch Bernd Wagner, der uns durch Max wissen lässt, dass erst Louis-Ferdinand Céline ihm „den Star gestochen“ habe. Aber …

Die von Céline häufig verwendeten Auslassungspünktchen sind nur beim ersten Blick auf den Text das, was einem besonders auffällig erscheint.

Diesem Eintrag liegt der Roman „Club Oblomow“ von Bernd Wagner zugrunde, erschienen 1999 bei Ullstein in Berlin, ISBN 3-550-08298-3

Was unterscheidet die Romane des 20. Jahrhunderts von den Schöpfungen der Weltliteratur aus früheren Jahrhunderten?

Als erstes, fuhr ich fort, fiel mir auf, daß die Autoren in bis dahin nicht gekanntem Ausmaß von sich selbst schreiben. [……] Ich behaupte nicht, jeder dieser Romane sei in der ersten Person geschrieben und rein autobiographisch. Aber sie sind es in dem Sinne, als auch die Erfindungsgabe Teil des Individuums ist und sie benutzt werden kann, um sein inneres Leben auf eine Weise mit dem äußeren zu verflechten, daß der Leser rätselnd davor steht, was ist wahr und was nicht.

In der Sendung „Büchermarkt“ vom 31. Dezember hörte ich ein Interview mit dem Großmeister des Horrorromans Stephen King, der behauptete, das Einzige, wobei man einem Schriftsteller trauen dürfe, sei seine Literatur. Ansonsten gelte: Schriftsteller lügen, sobald sie den Mund aufmachen. [Im Übrigen ist dieses Interview mit sehr viel Humor gewürzt, und ein Klick auf den Link lohnt sich.] Am Neujahrstag dann hörte ich ein Interview mit Edgar Reitz („Heimat“), der die These vertrat, dass Erinnerung die Vergangenheit zerstört. Das klingt ein wenig seltsam, denn was vergangen ist, ist unerreichbar und jeglicher Veränderung durch uns entzogen. Ich glaube, was Reitz meinte, ist, dass das Erinnern unsere Erinnerungen zerstört. Zur Erklärung führte er aus, dass jemand, dem abverlangt würde, immer wieder seine Biographie zu schreiben, nach mehreren Niederschriften überhaupt nicht mehr wüsste, wer er sei. Letzteres mag übertrieben sein. Ich hatte beim Schreiben autobiographischer Texte oft das Gefühl, Zusammenhänge plötzlich besser zu verstehen und mir selbst ein Stück näher zu kommen. Gleichzeitig aber ertappte ich mich dabei, dem scheinbar unwiderstehlichen Drang zu erliegen, Dinge zurecht – ins rechte Licht – zu rücken, was zweifellos dazu führte, dass im Schatten blieb, was mein Unterbewusstsein nicht wahrhaben wollte. Doch auch wenn ich um schonungslose Offenheit rang und den Gegenstand meines Textes von allen Seiten beleuchtete, schien das nicht der Wahrheit zu entsprechen. Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen. Die Wahrheit ist nicht unbedingt das, was sich beweisen lässt.

Im engen Zusammenhang damit steht die sexuelle Thematik

Ich schätze, sie hat mit der Bevölkerungsexplosion in unserem Jahrhundert zu tun. Der Mensch wird nämlich nicht nur zwanzig Zentimeter größer als zuvor und vervielfacht sein Wissen, er vervielfacht sich auch selbst auf unverantwortliche Weise, indem er sich zur rechten Zeit zu sterben weigert.

Und ich dachte immer, die Autoren schrieben so viel über Sex, because sex sells. Im Grunde glaube ich das immer noch. Ich glaube es wird beim Schreiben mehr als je auf die Verkäuflichkeit von Texten geachtet. Und wenn die Autoren nicht beim Schreiben darauf achten, so tun es die Lektoren, die darüber entscheiden, ob etwas überhaupt gedruckt wird. Jedenfalls bin ich ziemlich sicher, dass nicht häufiger über Sex geschrieben wird, weil mehr Sex stattfindet. Wenn dies zu irgendeinem Zeitpunkt doch gilt, dann nur für die erste Hälfte der zweiten Hälfte, also das dritte Viertel des 20. Jahrhunderts. Da erschienen zunächst einmal die Kinsey-Reports, dann kam die Antibabypille in den Handel und ermöglichte die praktische Umsetzung der neuen Weltanschauung, die bei den 68ern großen Anklang fand. Eine sexuelle Revolution passte zur politischen Stimmung. 1970 kam der Schulmädchenreport in die Kinos und wurde zum bisher größten deutschen Kinoerfolg. Die oft noch unzulänglich aufgeklärte Generation der Eltern konnte den Nachholbedarf in den Bravo-Heften der Töchter und Söhn decken. Doch mit dem Ende der Siebziger ebbte die sexuelle Revolution wieder ab. Ob es da einen Zusammenhang mit Alice Schwarzer und ihrer seit 1977 erscheinenden Zeitschrift Emma gab, wage ich nicht zu beurteilen. Jedenfalls gründeln die Romane des letzten Viertels des 20. Jahrhunderts eher im Psychologischen, als dass es im Bett zur Sache ginge. Komischerweise hege ich den Verdacht, dass dies die Realität spiegelt. Außerdem findet die Bevölkerungsexplosion nicht in den Kulturkreisen statt, von deren Literatur hier die Rede ist. In unseren Breiten haben wir kein Problem mit der Bevölkerungsexplosion, sondern mit der Überalterung. Und hier hat Max/Bernd Wagner zweifellos recht. Wir weigern uns zu sterben. Auch das Durchschnittsalter von Autoren steigt an. Warum sollten sie eine Ausnahme bilden? Aber schreiben sie deswegen mehr über Sex? – Ich finde, über Sex zu schreiben ist kein befriedigender Ersatz für den Sex, den man nicht hat.

Ja, die von der Enthüllung des eigenen Ich faszinierten Autoren scheuen nicht davor zurück, ihre Glieder zur Schau zu stellen, die oftmals ungeheure Ausmaße haben.

Um Himmels Willen! Was liest dieser Mensch? Pornos der primitivsten Sorte? Es beruhigt mich, dass er gleich darauf den Stiefvater des Massenmörders Max Schulz aus Hilsenraths Roman „Der Nazi & der Frisör“ erwähnt, der sich seinen Schwanz „gürtelmäßig um den Leib wickeln“ kann. Das ist natürlich kein Porno, aber ich glaube auch nicht, dass der Stiefvater hier den Autor verkörpern oder verkörperlichen soll.

Als drittes Kennzeichen der Romane des 20. Jahrhunderts nennt Max die Ausdrücke, mit denen dort um sich geworfen wird.

Die Generation, die in den Schützengräben gelegen hat, konnte mit der gehobenen Sprache nichts mehr anfangen. Damit aus ihren Herzen keine Mördergrube wurde, mußten sie Klartext reden.

Die Generation, die in den Schützengräben gelegen hat. Das waren zwei Generationen – die meiner Großeltern und die meiner Eltern. Und ich wünschte, Max hätte recht. Was Edgar Hilsenrath angeht, hat er recht. Aber Erich Maria Remarque? Alfred Döblin? Kurt Tucholsky? Stefan Zweig? Wir, die Nachkriegskinder waren es, die, so wie wir die Sexualität von Tabus befreiten, dies auch mit der Sprache taten – meistens sehr zum Missvergnügen der Eltern und Großeltern. Es waren die Nachkriegsautoren die auf diese Weise die Heuchelei der Sprache anprangerten, und im literarischen Diskurs folgten ihnen dann einige ihrer älteren Kollegen. So sehe ich das jedenfalls. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts lag man im Dreck, in der zweiten Hälfte trat man in dem Dreck, was man für verantwortlich hielt: die Sprache. Gelogen wird immer mit Worten.

Und was wird nicht geredet in meinen Lieblingsbüchern. Die Dialoge sind mehr als ihre Würze, sie sind das Fleisch und das Salz in der Suppe, wenn sie nicht gar Teil eines noch reißenderen Redestroms sind, dem vom Autor direkt ins Ohr des Lesers geflüsterten.

Ich mag es nicht, wenn ein Roman ganz auf die wörtliche Rede verzichtet – zumindest nicht, wenn da Personen anwesend sind, die das Wort aneinander richten. Ich mag es auch nicht, wenn ein Roman weniger Orts- und Handlungsbeschreibung enthält als ein Drehbuch. Und was nun den noch reißenderen Redestrom angeht, ……

Ich mag es auch nicht, mitgerissen zu werden – von keiner Art von Strom oder Strömung.

Diesem Eintrag liegt der Roman „Club Oblomow“ von Bernd Wagner zugrunde, erschienen 1999 bei Ullstein in Berlin, ISBN 3-550-08298-3

…… Ich meine, zu der Zeit, als dies die meinem Alter angemessene Literatur gewesen wäre. Ich erinnere mich beim besten Willen nicht. Meine kindliche Bibliothek nahm ungefähr die Hälfte eines unter dem Fenster eingebauten Regals ein. Das war nicht viel aber doch mehr als die meisten meiner Klassenkameraden besaßen. Immerhin! Zu diesem Bücherschatz gehörten die ersten beiden Nesthäkchen-Bücher von Else Ury, die zu einem kritischen Abgleich des wilhelminische Familienbildes mit meiner eigenen Familie führten; ein Onkel Tobias Kinderkalender, den ich geschenkt bekommen hatte, weil ich, wie wohl die meisten Berliner Kinder, jeden Sonntagmorgen um zehn Uhr Onkel Tobias und die RIAS-Kinder im Radio hörte; gefolgt von Erich Kästners „“Emil und die Detektive““ und „“Das fliegende Klassenzimmer““; aus Grimms Märchen (mein Lieblingsmärchen: Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen) hatte meine Mutter mir schon vorgelesen, als ich selbst noch nicht lesen konnte; ein Schülerlexikon, das ich im Alter von zehn Jahren zu Ostern geschenkt bekommen hatte… Darin las ich viel, und aus heutiger Sicht übertraf es den Wert eines Fabergé-Eies. Ansonsten gab es noch einen Sears-Katalog. Sears hieß zu der Zeit noch Sears & Roebuck. Eine Freundin meiner Mutter hatte den Katalog, dicker als das Berliner Telefonbuch, von einer USA-Reise mitgebracht, und darin abgebildet war neben Millionen anderer Sachen eine Mikrowelle, die an die 2.000 Dollar kosten sollte. So was vergisst man nicht –- zumal, wenn man erst mal verstehen muss, was eine Mikrowelle überhaupt ist. Im Laufe der ersten Schuljahre waren einige übereignete Schulbücher hinzugekommen. Und sonst… … Sonst fällt mir gerade nichts mehr ein. Literarische Mangelerscheinungen litt ich als Kind trotzdem nicht. Der Vater meiner Freundin hatte mir („… „…wenn du versprichst, achtsam damit umzugehen …““) seine germanischen und griechischen Götter- und Heldsagen ausgeliehen. In bequemer Fußwegentfernung zu unserer Wohnung befand sich die Amerika-Gedenkbibliothek, zu der eine Kinderbibliothek gehörte, und meine Freundin und ich füllten um die Wette unsere Lesekarten, in die man damals noch Signatur, Verfasser und Titel von Hand eintragen musste, bevor man an der Ausleihe das Stempelchen bekam.

Gleich nach dem Wechsel aufs Gymnasium fiel ich dann kurzzeitig in ein literarisches Loch. Mit der viellesenden Freundin hatte ich mich verkracht, und da sie auf eine andere Schule ging, kam es nie zur Versöhnung. Bücher bekam ich auch nicht mehr geschenkt. Meine Familie muss wohl gedacht haben, dass für meine Bildung nun endgültig die Schule zuständig sei. Doch, da fällt mir noch etwas ein, und es ist sogar ein biographischer Jugendroman: Zu irgendeiner Gelegenheit bekam ich „„Die Ärztin Dorothea Christiana““ von Werner Quednau geschenkt. Und damit hatte es sich dann aber wirklich. Nicht, dass ich nicht gelesen hätte. Die „Bravo“ (wie damals wohl jeder), die abgelegten Western-Heftchen meiner Cousins… Und schließlich unternahm ich die ersten inoffiziellen Ausleihen aus dem Bücherschrank der Erwachsenen, las -– mehr oder weniger heimlich -– „“Angelique““ und „„Angelique und der König““ von Anne Golon, was mir sehr zustatten kommen sollte, als wir in der Schule Ludwig XIV. durchnahmen. Doch wer weiß, was für eine Art Leserin ich geworden wäre, hätte nicht -– Angelique hin, König her -– meine Französisch-Zensur in der Schule sehr zu wünschen übrig gelassen. Es erging der Familienbeschluss, dass kein Weg mehr an Nachhilfeunterricht vorbeiführte, und da wohnte ja auch diese Familie im selben Haus, mit einer Tochter, welche dieselbe Schule besuchte –- drei Klassen über mir. Damit begann eine wunderbare Freundschaft, die ich bis heute als etwas sehr Wichtiges in meinem Leben betrachte. Kristina und ihre Eltern lasen viel, gingen ins Theater, in Konzerte, waren Bildungsbürger im besten Sinne. Und wie es so ist, wenn einem an einer Freundschaft viel gelegen ist, man bemüht sich um Parität. Von nun an las ich Heinrich Böll, Günter Grass, Siegfried Lenz, Hermann Hesse, die Theaterstücke von Ionesco, Brecht, Miller …… Ich übersprang, wenn auch nicht mühelos, alles was an Literatur für mein Alter geeignet gewesen wäre. Es geriet mir derartig aus den Augen, dass es mir heute scheinen will, als hätte es für die Autoren der ersten Hälfte der Sechzigerjahre die Zielgruppe Zwölf- bis Sechzehnjähriger gar nicht gegeben. Ich muss bei diesem Sprung wohl auf den Füßen gelandet sein, denn ich habe nicht das Gefühl, einen Schaden genommen zu haben.

Betrachte ich meine eigene Leseerfahrung, sollte ich mir eigentlich gar keine Gedanken über die Ansprüche machen, die ich heute an ein gutes Jugendbuch stellen möchte, nämlich dass es die Probleme und Erfahrungen Jugendlicher behandelt, dabei bewusst mit moralischen Werten umgeht, den sprachlichen Ausdruck der jungen Leser fördert, natürlich auch die Toleranz, ohne zu Torheiten zu verführen, dass es Wissen vermittelt, ohne sich wie ein Lehrbuch zu lesen…

Voraussetzung dafür, dass Literatur überhaupt wirken kann, ist doch, dass sie gelesen wird. Auf welche Weise bei einem jungen Menschen die Lust am Lesen entsteht, ob es das Vorbild lesender Eltern, der Harry-Potter-Hype, der Einfluss einer Freundschaft oder eine Initialzündung durch ein einziges packendes Buch ist, ist eher zweitrangig.

Einem schmalen Gedichtbändchen von Ych Anderson ist ein Vorwort von Keuchenius –vorangestellt. Der Leiter der Heidelberger Schule für Kunst äußert darin die Befürchtung, der Leser, „…“… der Shakespeare und Tolstoi am Leben erhält. Und Kafka und Becket, Cervantes und Flaubert, und nicht aufhört, sich mit der Lyrik zu wundern …“…“ könnte in der Mediengesellschaft verschwinden. In demselben kurzen Text schreibt er, dass es Schriftsteller und Dichter immer geben wird, „denn die Welt ist alles, was nach innen drängt und dort nach Ausdruck sucht.“

Hierin liegt keineswegs ein Widerspruch. Im Gegenteil, man darf getrost einen Zusammenhang vermuten. Die Mediengesellschaft zeichnet sich ja nicht nur durch die Flut der von ihr produzierten Informationen und Meinungen aus, sondern auch dadurch, dass sie fast jedem die Möglichkeit gibt, sich zu publizieren und damit die Menge an Texten noch zu vergrößern. Eines aber ist klar: Wenn ich schreibe, kann ich nicht lesen. Und schaut man sich das hier und da Geschriebene einmal kritisch an, kommt man oft genug zu dem Schluss, dass dem publizierten Text wenig Gelesenes zugrunde liegt.

Wird zu viel geschrieben?

Das lässt sich nicht einfach mit einem Ja oder Nein beantworten. Doch oft wäre ein einziges passendes Zitat weit wertvoller als tausend Worte halbgaren Geschreibsels, das eine eigene Meinung zum Ausdruck bringen soll, wo sich noch gar keine gebildet haben kann, oder unreflektiert einem Meinungstrend folgt. – Es wird auf jeden Fall zu wenig gelesen.

Nächste Seite »