Lexikon


Dass die Blumenuhr in mein vor sich hin veraltendes Lexikon keinen Eingang gefunden hat, mag daran liegen, dass mit dem Begriff unterschiedlich „funktionierende“ Uhren bezeichnet werden, denen allerdings Zweierlei gemeinsam ist: Dass es sich um Uhren handelt, und dass sie etwas mit Blumen zu tun haben.

Da wäre zunächst das dekorative Gartenbauelement, für welches die Blumenuhr mit Uhrwerk an der Zittauer Fleischerbastei (hier mit Sommerbepflanzung) ein schönes Beispiel bildet.

Blumenuhr, Zittau

Viel Interessanter aber noch ist die Blumenuhr, welche Carl von Linné im Botanischen Garten von Uppsala anlegte. Auch sie verfügte über ein Blumenbeet in Gestalt eines Zifferblatts, kam jedoch ohne Uhrwerk und ohne Zeiger aus. Die Uhrzeit konnte der aufmerksame Beobachter ablesen, indem er darauf achtete, welche Pflanzen ihre Blüten gerade gänzlich geöffnet hatten. –– Die Idee zu dieser Uhr war dem aufmerksamen Naturbeobachter von Linné fast von selbst gekommen, nachdem er vermerkt hatte, dass unterschiedliche Pflanzen ihre Blüten zu unterschiedlichen Tageszeiten (und auch Nachzeiten) ganz öffneten. Wer sich mit diesem der Chronobiologie zuzurechnenden Phänomen näher beschäftigen möchte, könnte zum Beispiel „Blumenuhren, Zeitgedächtnis und Zeitvergessen“ von Wolfgang Engelmann, Institut für Botanik der Universität Tübingen, lesen. Hinter dem Link verbirgt sich der komplette Text als PDF. – Von Carl von Linné heißt es, ein Blick aus dem Fenster auf seine Blumenuhr habe ihm genügt, um die Uhrzeit auf fünf Minuten genau abzulesen.

Quelle:

Wikipedia: Blumenuhr

Nachwort:

Bevor der letzte Satz des obigen Texten aus dem Gedächtnis verschwindet: Ich halte das für ein bisschen übertrieben. Als aufmerksamer Beobachter dürfte der schwedische Naturforscher auch das Wandern der Schatten in seinem Garten zu einer bestimmten Jahreszeit gut genug gekannt haben, um sie (zum genaueren Zeitabgleich) wie eine Sonnenuhr zu deuten. Doch das Phänomen bleibt unbestritten, und ich wurde darauf aufmerksam durch den jungen englischen Schriftsteller Ned Beauman, der seine Themen zunächst aus der uns alle umgebenden Luft zu greifen scheint, um sie dann mit Versatzstücken aus seiner (oft bei Wikipedia aufgestöberten) Skurrilitätensammlung auf unterhaltsame Weise zu verfremden. Beauman also hatte in seinem neuesten Roman „“Glow““ eine linnésche Blumenuhr verwendet, was ihm wiederum eine Erwähnung in einem Artikel über Blumenuhren der New York Times am letzten Januar-Wochenende einbrachte. – Und warum schreibt man in New York über Blumenuhren, während die Stadt gerade einem Blizzard entronnen ist? Nun, wohl aus dem gleichen Grunde, aus dem sich hier die Schaufenster mit Frühjahrsmode und Gartenutensilien füllen, und aus dem ich jetzt über Blumenuhren schreibe. Das Herbeireden, Herbeischreiben und Herbeidekorieren schein ein wirksamer Zauber zu sein –– im Gegensatz zu den Silvesterkrachern, die leider keine bösen Geister vertreiben.

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Als Eigenschreibung bezeichnet man bei Firmen- oder Markenamen die vom Namensinhaber festgelegte Schreibweise (Verwendung von Groß- oder Kleinbuchstaben, Bindestrichen, Getrennt- oder Zusammenschreibung, einschließlich der Abweichung von Regeln der gültigen Rechtschreibung). Bei Personennamen, die in der Muttersprache des Namenträgers in anderen als lateinischen Schriftzeichen geschrieben werden, ist die Eigenschreibung die von der Person selbst verwendete lateinische Schreibweise.

„Das Thema ist ein Dauerbrenner“, heißt es bei Wikipedia, und die Rede ist von der Eigenschreibung von Firmen- und Markennamen. Muss man, wenn man das Nachrichtenmagazin Spiegel erwähnt, korrekterweise DER SPIEGEL schreiben, was eine Hervorhebung im Text bewirkt, die vom Autor, der auch andere Quellen gleichberechtigt zitieren möchte, nicht beabsichtigt ist?

Vor einigen Jahren musste ich mich entscheiden, ob ich bei der Übersetzung von Künstlerbiographien auch die Namen der in der Biographie erwähnten Hochschulen und sonstigen Institutionen übersetzte oder übersetzen ließ. Da ich, auch wenn das obige Beispiel eher dagegen spricht, eine Befürworterin der Eigenschreibung bin, verbrachte ich in der Folgezeit so manche Stunde damit, herauszufinden, ob die jeweiligen Einrichtungen ihre Namen in von ihnen selbst editierten fremdsprachlichen Texten übersetzten oder –- als Eigennamen -– in der Landessprache beließen, und verfuhr entsprechend.

Nun entnahm ich heute der Hausmitteilung des Magazins DER SPIEGEL (!!!), man werde, beginnend mit der aktuellen Ausgabe, die Schreibweise arabischer, persischer, kurdischer und hebräischer Namen verändern. Galt bisher die eingedeutschte Schreibweise (z.B. Massud Barsani), so wird man künftig dem Prinzip der Eigenschreibung (Masoud Barzani) folgen. Kritiker dieser Entscheidung werden anmerken, dass diese „Eigenschreibung“ ganz zufällig auch der im englischen Sprachraum verwendeten Schreibweise entspricht. Fast könnte man es einen Anglizismus nennen. Und woher wissen wir, dass Herr Barzani sich tatsächlich so schreibt, wenn er sich keiner arabischen Schriftzeichen bedient?

Wie gesagt: Ich bin grundsätzlich für die Eigenschreibung, stimme aber auch Wikipedia zu, dass es sich bei der Frage um einen Dauerbrenner handelt. Völlig ungeklärt ist zum Beispiel, ob Sokrates weiter mit ‚k‘ geschrieben wird oder ob es nicht doch „Socrates“ heißen sollte.

Räumungsverkauf in der Kurzwarenhandlung "Posamenten"

Posamenten (Wortherkunft: franz. passement) sind Besatzartikel, die keine Funktion haben, sondern lediglich als Schmuckelemente auf andere textile Endprodukte wie Kleidung, Polstermöbel, Lampenschirme, Vorhänge und sonstige Heimtextilien appliziert werden. Als Posament bezeichnet man Zierbänder, Borten, Fransenborten, Kordeln, Quasten, Volants, Spitzen, Zierknöpfe und ähnliches.

Hergestellt werden Posamenten vom Posamentierer – auch Posamentier oder Posamenter genannt. Ältere Berufsbezeichnungen sind Bortenwirker, Bandweber, Besatzmacher, Knöpfelmacher und viele mehr. Die Posamenten entstanden – und entstehen bis heute – überwiegend in Handarbeit, wobei auch Flechtmaschinen und Wirkmaschinen zum Einsatz kommen, deren kleinteilige Kompliziertheit mich an ein Uhrwerk denken lässt. Im 19. Jahrhundert erlebte das Handwerk seine Blütezeit. Wenige kleine Fabriken und Manufakturen arbeiten heute noch in Handarbeit und mit historischen Maschinen.

In Österreich wird die Posamentrie als eigene Branche innerhalb des textilerzeugenden Gewerbes geführt. Das Zentrum der Posamenten- und Effektenherstellung (Effekten ist erstaunlicherweise nicht nur ein börsentechnischer Sammelbegriff für am Kapitalmarkt handelbare Wertpapiere) in Europa lag vom 19. bis Ende des 20. Jahrhunderts im Erzgebirge um die Bergwerksstadt Annaberg-Buchholz. Weit verbreitet war diese Heimarbeit auch im Baselbiet und im Hotzenwald; im Heimatmuseum von Görwihl ist noch ein automatischer Webstuhl erhalten.

Quelle: Wikipedia

Anmerkung:

Albrechtstraße, Berlin-Steglitz

Wenn man, wie ich, in Berlin-Lankwitz wohnt, fährt man fast zwangsläufig oft Richtung Rathaus Steglitz, um die U-Bahn zu erreichen oder allen denkbaren Erledigungen in der Schlossstraße nachzugehen. Ebenso unweigerlich kommt man dann über die Kreuzung Steglitzer Damm/Bismarckstraße, in deren unmittelbarer Nähe sich das von Albert und Hermann Templiner 1907-08 gebaute Mietshaus Steglitzer Damm 7 – 7A befindet. Das Haus fällt nicht nur durch seine Bauweise auf – den zur Straße hin offenen Hof, der rechts und links von den Seitenflügeln begrenzt und hinten vom Quergebäude abgeschlossen wird, während Hof und Seitenflügel der meisten anderen Mietshäuser aus dieser Zeit sich, wie der Name schon vermuten lässt, hinter dem Vorderhaus befinden, und dem obersten Stockwerk im Stil eines Fachwerkhauses mit versetzten Dachgiebeln – es beherbergt in einem Souterrain an der Straße auch eben jenen „Kurzwarenkeller“, der jetzt seinen Räumungsverkauf verkündet.

Steglitzer Damm 7 - 7A Steglitzer Damm 7 - 7A

Es scheint nicht mehr genug Nachfrage zu geben nach Schmuckelementen ohne Funktion auf textilen Geweben. Das ist schon seltsam, bedenkt man, wie viele T-Shirts wirklich völlig überflüssigerweise mit den kitschigsten und albernsten (aber natürlich maschinell hergestellten) Applikationen versehen sind, ohne welche sie wesentlich kleidsamer wären, und dass die Industrie sich auch sonst mit der Produktion von absolut Überflüssigem keineswegs zurückhält und Käufer dafür findet.

Streuobstwiese

Streuobstwiese in Baden-Württemberg – Foto: Ulrich Tichy

Die Streuobstwiese, regional auch Obstwiese, Obstgarten, Bitz, Bongert oder Bungert genannt, ist eine traditionelle Form des Obstbaus, in Unterscheidung zum Niederstamm-Obstbau in Plantagen. Auf Streuobstwiesen stehen hochstämmige Obstbäume meist unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Arten und Sorten. Streuobstwiesen sind meist charakterisiert durch eine Bewirtschaftung ohne Einsatz synthetischer Behandlungsmittel. Traditionell üblich ist die landwirtschaftliche Mehrfachnutzung der Flächen: Sie dienen sowohl der Obsterzeugung und früher der zusätzlichen Blattstreugewinnung („Obernutzung“) als auch – da die Bäume locker stehen – der „Unternutzung“. Diese kann als Grünlandnutzung (Mähwiese zur Heugewinnung) oder direkt als Viehweide erfolgen. Die Imkerei spielt zur Bestäubung eine wichtige Rolle. Eine in Deutschland noch in Franken, Südbaden, Sachsen-Anhalt und dem südlichen Brandenburg verbreitete Sonderform (bis weit ins 20. Jahrhundert in ganz Mitteleuropa weit verbreitet) stellen Streuobstäcker dar. Darüber hinaus gehören auch Obstalleen und Einzelbäume zum Streuobstbau.

Quelle
Wikipedia: Streuobstwiese

Nachwort
Selbst wenn man in seinem ganzen Leben noch keine Streuobstwiese gesehen hat (oder vielleicht doch gesehen hat, ohne zu wissen, dass es sich um eine Streuobstwiese handelt, und deswegen kein mit °Streuobstwiese“ zu untertitelndes Bild im Gedächtnis geblieben ist), kann man ja das Wort Streuobstwiese nicht hören, ohne sich dabei etwas vorzustellen. Die erste Vorstellung, die sich mir geradezu aufdrängte, jedes Mal wenn von Streuobstwiesen die Rede war, war die einer Wiese, auf der Obst verstreut wird – in der Hoffnung (oder gar berechtigten Annahme), dass hier oder dort der eine oder andere Apfel-, Birnen-, Kirsch- oder Pflaumenbaum daraus wüchse. Zur Zeit der „Obststreu“ sieht das dann aus wie eine Inszenierung für fotorealistisches Geschenkpapier. Mit derselben Regelmäßigkeit, mit der ich Geschenkpapier vor meinem geistigen Auge sah, korrigierte ich das Bild bzw. ersetzte es durch das der den Apfelbaum schüttelnden Goldmarie, denn wenn auch wohl nirgends der Obstanbau „locker aus dem Handgelenk“ erfolgt, gab es mitten auf Wiesen stehende Obstbäume bestimmt. Wie sonst hätte die Goldmarie beim Überqueren der Wiese an jenem Apfelbaum vorbeikommen sollen, der von ihr geschüttelt werden wollte, um die schwere Last seiner Äpfel… na, eben auf die Wiese zu streuen! Und ohne fleißige Goldmarien gäbe es nur Fallobst, von den verbrannten Broten mal ganz abgesehen.

Und heute konnte ich mich nun vergewissern, dass letztere Vorstellung von einer Streuobstwiese so falsch gar nicht war, denn heute habe ich nachgeschaut, als ich hörte, dass der Naturschutzbund Deutschland (NABU) und der Landesbund für Vogelschutz (LBV) den Grünspecht zum Vogel des Jahres 2014 gekürt haben, und dass der Grünspecht nur deshalb nicht vom Aussterben bedroht ist, weil er sich nicht gescheut hat, städtische Grünflächen zu besiedeln. Sein angestammter, bevorzugter Aufenthalt, die (Achtung!) Streuobstwiesen sind nämlich im Verschwinden begriffen. Vielleicht sollte man ja dazu übergehen, die städtischen Grünanlagen als Streuobstwiesen anzulegen. Damit könnten Parks (neben dem Internet) wieder zu den geeignetsten Plätzen für die Partnersuche werden. Wie leicht ließen sich die Goldmarien und -bärchen von den Pechmarien und -tropfen unterscheiden, und wie viele herrliche Möglichkeiten zum Anbandeln ergäben sich da!

SprelaCart ist ein Markenname für spezielle mit Kunstharz gebundene Schichtpressstoffplatten. Doch während die Bezeichnung SprelaCart erst in der DDR entstanden ist, reicht die Geschichte des Werkstoffs bis ins Jahr 1867 zurück, als in Spremberg in der Niederlausitz die Firma H. Römmler gegründet wurde, die aus Abfällen der in der Gegend ansässigen Textilindustrie Grammophonplatten, Isoliermaterial und Formteile aus Kaltpressmasse herstellte. 1919 begann man in den Römmler-Werken mit der Entwicklung eines Herstellungsverfahrens für hochwertige Pressstoffe und Formmassen mittels Phenolharz im Druck-Hitze-Verfahren. 1930 konnten die Schichtpressstoffplatten zum Patent angemeldet werden und erhielten den Namen Resopal.

Als nach dem Zweiten Weltkrieg die Römmler-Werke in Spremberg im Zuge der Reparationsleistungen an die Sowjetunion demontiert wurden, gründeten einige Mitarbeiter im hessischen Groß-Umstadt ein neues Unternehmen, das bald wieder Resopal produzierte. Kriegsheimkehrer bauten auch in Spremberg wieder ein Werk auf. Ihr Produkt, identisch mit dem westlichen, heißt seit 1955 SprelaCart – zusammengesetzt aus Spremberg, Laminat und Carton.

Der Schichtstoff wird bis heute unter dem Markennamen SprelaCart in Spremberg produziert und dort unter anderem zu hitze- und chemikalienbeständigen, kratzfesten Küchenarbeitsplatten verarbeitet. Die Firma, die das Produkt herstellt, heißt Sprela GmbH. Im September 2007 wurde die Sprela GmbH von der Kronospan-Gruppe aufgekauft und die jahrzehntelange Laminatproduktion am Standort Spremberg fortgesetzt.

SprelaCart war in der ehemaligen DDR bestens bekannt durch Küchen-, Schul- und Labormöbeln sowie Wandverkleidungen, die sich durch eine leichte und hygienische Reinigung der Oberflächen auszeichneten. Besonders in den Küchen-Zellen der Plattenbauten aus den 1950er bis 1970er Jahren wurden Einbaumöbel mit dieser Beschichtung eingesetzt. Auch bei der Innenausstattung der S-Bahnwagen fand SprelaCart Verwendung.

Quellen:
Wikipedia: SprelaCart
SPRELA – Geschichte

Nachwort:
In der Elisabethkirchstraße – was sonst sollte mit „totem Winkel“ hinter der Elisabethkirche gemeint sein? –- soll es laut Bernd Wagner ein Restaurant mit dem Namen „Oase“ ge(ge)ben (haben). Mal wieder durch meine Humpelei an größeren Ausflügen gehindert, beziehungsweise mein Durchhaltevermögen reicht derzeit nur für die notwendigen Wege, war ich auf Internetrecherche angewiesen und entdeckte nur Alois Oberbachers Restaurant und das „il santo“. Keinem von beiden traue ich zu, dass sie sich durch Sprelacartgestühl, schmiedeeiserne Raumteiler und eine deutsche Küche, die auf den Zusatz bürgerlich verzichten kann, auszeichnen. Das ist bedauerlich. Ich hätte sogar ein Taxi genommen, um in der „Oase“ Saure Nierchen zu essen. Doch mit dieser Oase verhält es sich wohl wie mit den Oasen meiner Kindheit, von denen ich mir vorstellte, dass die meisten sich als Fata Morgana erwiesen. Seltsam, diese Wüstensehnsüchte, die ich als Kind hatte, Dabei kann ich mich beim besten Willen nicht daran erinnern, viel über Wüsten gelesen zu haben.

Dem Nachwort liegt der Roman „„Club Oblomow““ von Bernd Wagner zugrunde, erschienen 1999 bei Ullstein in Berlin, ISBN 3-550-08298-3

François Gayot de Pitaval, geboren 1673 in Lyon, verstorben 1743 ebenda, begann 1734 mit der Herausgabe der „“Causes célèbres et intéressantes, avec les jugemens qui les ont décidées““ (Berühmte und interessante Rechtsfälle mit den dazugehörenden Urteilen). Bis zu Pitavals Tod erschienen 20 Bände dieser Sammlung von Kriminalfällen. Man könnte sagen, dass Pitaval sich hierdurch einen Namen machte, doch genau genommen verhält es sich umgekehrt: Der Name des Juristen wurde zum Synonym für alle danach erschienenen Fallsammlungen. Dieses posthume Schicksal teilte mit ihm 50 Jahre später der Schriftsteller und Aufklärer Adolph Knigge, der mit „“Über den Umgang mit Menschen““, ein soziologisch ausgerichtetes Werk verfasst hatte, und daraufhin –- dazu noch ganz zu Unrecht -– zum Namenspatron für Benimmratgeber wurde.

Nachvollziehbar ist dagegen, dass Fallsammlungen wie die von Pitaval schon zu dessen Zeit nicht nur als juristische Fachliteratur dienten, sondern ganz allgemein gerne gelesen wurden, ja, sie gewannen sogar an Beliebtheit und erlebten im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine regelrechte Blüte. Das hatte zur Folge, dass die Herausgeber bei Auswahl und Darstellung der Fälle immer mehr auf den Publikumsgeschmack abzielten.

Quellen:
Das Lexikon, Zeitverlag, ISBN Band 11: 3-411-17560-5
Wikipedia: Pitaval
Wikipedia: François Gayot de Pitaval

Nachwort:
Zwar spielte der Pitaval in der Literatur der Nachkriegszeit keine große Rolle mehr, doch allein die Tatsache, dass kein Geringerer als Kurt Tucholsky unter seinem Pseudonym Peter Panter das „Prager Pitaval“ von Egon Erwin Kisch 1931 in der Weltbühne auf das Freundlichste rezensierte -– nachzulesen hier –- bereitet mir doch Bauchschmerzen -– nicht nur wegen der immer länger werdenden literarischen Löffelliste, sondern vor allem weil ich eingestehen muss, dass der Begriff Pitaval mir bis dato keiner war. Warum bin ich dem Pitaval nicht schon in meiner Kindheit begegnet? Aber in unserem Bücherschrank stand nur das „„Hausbuch des guten Tons““. Zur familiären Ehrenrettung muss ich sagen. dass wir es nie Knigge nannten. Indessen war die Luft im Hause mit verheißungsvollen Fremdwörtern geschwängert. Das Studium des Lateinischen war die Feierabendbeschäftigung meines Großvaters, und meine Mama hatte eine Vorliebe für Bezeichnungen aus dem Französischen. Mit schöner Regelmäßigkeit schnappte ich ein Wort auf und machte es für Tage zu meinem Lieblingsspielzeug, besang es, benutzte es in allen denkbaren und undenkbaren Zusammenhängen, bis ein genervter Erwachsener die Geduld aufbrachte, mir den wahren Sinn meines Wortschätzchens zu erklären, woraufhin es leider seinen Zauber verlor. – Was alles hätte ich aus Pitaval gemacht? Ich hätte mich auf die Suche nach dem Heiligen Pitaval begeben und kein anderes Musikinstrument jemals spielen lernen wollen, als ein Pitaval, …

Diesem Eintrag liegt der Roman „Club Oblomow“ von Bernd Wagner zugrunde, erschienen 1999 bei Ullstein in Berlin, ISBN 3-550-08298-3

Johann August Eberhards Synonymisches Handwörterbuch der deutschen Sprache (1910) definiert „Redlich“ so:

Redlich (von Rede, d. i. eig. einer, der über alles, was er tut, mit gutem Gewissen Rede stehen, von allem Rechenschaft ablegen kann) bezeichnet einen, der seine Pflicht unter allen Umständen treu erfüllt. Namentlich gebraucht man es dann, wo es sich wirklich um eine Rechnungsablage handelt, z. B. ein Haushalter, Kassierer, Dienstbote usw. ist redlich, wenn er nichts von dem anvertrauten Gute zu seinem Nutzen verwendet; dann aber wird das Wort auch auf andere Pflichtverhältnisse übertragen, z. B. der Schriftsteller, der Künstler, der Staatsmann usw. haben sich redlich bemüht, ihrer Aufgabe gerecht zu werden. “ …. So wie wir | drei Männer jetzo unter uns die Hände | zusammenflechten, redlich, ohne Falsch“ usw. Schiller, Tell I, 4. „Alles, was die Kunst aus den großen, hervorragenden, stieren, starren Medusenaugen der Gräfin Gutes machen kann, das haben Sie, Conti, redlich (als Maler) daraus gemacht. — Redlich, sag ich? — Nicht so redlich wäre redlicher. Lessing, Emilia Galotti I, 4. Redlich hieß früher auch so viel als rechtlich, wozu man ein Recht hat, es sei, daß es an sich gerecht ist, oder in einer gerechten Unwissenheit gegründet ist, was also bona fide geschieht. In dieser letzteren, bisher veralteten Bedeutung ist das Wort redlich durch das allgemeine preußische Landrecht wieder in die juristische Sprache eingeführt worden. Ein bonos fidei possessor heißt in diesem, auch wegen seiner Sprache klassischen Werke, ein redlicher Besitzer, und boncœ fidei possessio ein redlicher Besitz. So spricht man auch von einem redlichen (d. i. gesetzmäßigen, legitimen) Nachkommen usw. — Auch das Wort gerade steht in Sinnverwandtschaft mit aufrichtig und redlich. Da gerade den kürzesten Weg zwischen zwei Punkten bezeichnet (Gegens. krumm), so gebraucht man es auch von dem, der keinerlei Schleichwege geht und keine Winkelzüge macht. Wer etwas ohne Umschweife sagt, der sagt es gerade heraus. Ebenso handelt ein Mensch gerade und ist gerade, wenn er alles Falsche und Hinterlistige meidet. Ein Betrüger und Lügner kann den Menschen nicht gerade ins Gesicht sehen; er blickt scheu zur Seite oder nach allen Richtungen. Mit dem Worte gerade bezeichnet man daher den biederen, ehrenhaften, wahrheitsliebenden Sinn. „Dein Weg ist krumm, er ist der meine nicht. O wärst du wahr gewesen und gerade! Nie kam es dahin, alles stünde anders. Er hätte nicht das Schreckliche getan.“ Schiller, Wallensteins Tod II, 7.

Bei Wikipedia findet sich dies:

Diese Aufforderung, stets ehrlich zu bleiben, bildet die Anfangszeile des Gedichts Der alte Landmann an seinen Sohn von Ludwig Heinrich Christoph Hölty:

„Üb‘ immer Treu und Redlichkeit
Bis an dein kühles Grab,
Und weiche keinen Finger breit
Von Gottes Wegen ab.“

Bekannt wurden diese Zeilen wohl auch durch die Melodie aus Mozarts Lied des Papageno Ein Mädchen oder Weibchen aus der Oper Die Zauberflöte.

Das Glockenspiel der Potsdamer Garnisonkirche spielte ab 1797, dem Regierungsantritt Friedrich Wilhelms III., zur vollen Stunde Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren und zur halben Stunde Üb‘ immer Treu und Redlichkeit, ein Sinnbild preußischer Moraltugend. Das Glockenspiel stürzte in der Bombennacht vom 14. auf den 15. April 1945 herab, nachdem es zuvor ohne menschliches Zutun ununterbrochen Üb‘ immer Treu‘ und Redlichkeit gespielt hatte. 1991 wurde nahe dem Standort eine Nachbildung des Glockenspiels aufgestellt, die die beiden Lieder wieder spielt.

Nachbemerkung:

Es mag dem Leser ja ähnlich ergehen wie mir, nämlich dass er der „Redlichkeit“, wann auch immer von ihr die Rede ist, ein gesundes Misstrauen entgegenbringt. Zugegeben, phonetisch gehört sie auch nicht zu den Glanzstücken unserer Sprache, doch gegen das, was „Redlichkeit“ besagt, gibt es nichts einzuwenden. Schön wäre das, es stets mit redlichen Menschen zu tun zu haben! Aber damit rechnet niemand ernstlich, und so wird die „Redlichkeit“ im Sprachgebrauch auch nicht schmerzlich vermisst. Was mich nun doch veranlasste, ihr hier einen Lexikon-Eintrag zu widmen, war ein Satz bei F. Scott Fitzgerald. Er steht fast am Ende des dritten Kapitels von „Der große Gatsby“ und lautet: „Unredlichkeit bei einer Frau, wer wollte ihr daraus ernstlich einen Vorwurf machen.“
Was soll das denn heißen? Dass Redlichkeit eine männliche Tugend ist, und Frauen sind nur schwatzhaft?

Wenn man einen Roman liest bei dem der Autor sich eines Ich-Erzählers bedient, kann man nicht davon ausgehen, dass jede Meinungsäußerung dieses Ichs sich mit der Meinung des Autors deckt. Trotzdem hatte ich das Gefühl, dass eben dieser Satz ganz der männlichen Nachsicht entsprang, die der Autor durchaus teilte. Ich fühlte mich durch diese Nachsichtigkeit geradezu persönlich beleidigt. Dennoch hätte ich die Sache sicher gleich wieder vergessen, hätte ich nicht am nächsten Tag einen Termin beim Orthopäden gehabt. Ich war zum ersten Mal in dieser Praxis, und der rüffelige, dabei aber nicht abweisende Ton des Arztes gefiel mir, auch die energische Art, mit der er von Behandlungsraum zu Behandlungsraum stürmte, und dabei Patienten, denen er im Korridor begegnete, weil sie im Aufbruch waren, schnell noch einen Rat oder eine Ermahnung erteilte. Offenbar gehört er nicht zu den Ärzten, die den Menschen, der ihnen gerade gegenübergesessen hat, in der nächsten Sekunde schon wieder vergessen haben. Auch als ich ging, stürmte er an mir vorbei. „Und machen Sie einem Termin beim Gyn!“ Ich versprach, ich würde brav sein und seinen Rat befolgen. Da drehte er sich noch einmal um. „Nein, Sie sollen nicht brav sein. Sie wissen doch, brave Mädchen kommen in den Himmel, die anderen… Sie sollen aber trotzdem zum Gyn gehen.“

Es ist die verdammte Wahrheit. Männer denken wirklich so. Besonders die Männer, die mir gefallen, denken so. Und was mache ich? Ich bemühe mich redlich.
Das ist doch ein Witz!

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