Lesungen


Es lässt sich nicht verleugnen: Ich bin nicht so recht auf dem Kien. Das mag zwar der so überflüssige wie nicht gesuchte Beweis dafür sein, dass ich den Höhepunkt meiner geistigen Kräfte überschritten habe, aber vielleicht stellt sich ja doch heraus, dass die jüngsten Schlappen eben nur ein Formtief sind. So bin ich zum Beispiel offenbar zu blöd, die digitale Ausgabe von „„Bleeding in Black & White““ im Netz zu finden. Oder bin ich einfach zu schnell (Phillipp würde sagen, ‚mal wieder zu ungeduldig‘), und Colin Cotterill hat den Roman noch gar nicht –– wie in seinem Diary angekündigt – veröffentlicht, sondern ist erst im Begriff, ……?

Nicht zu schnell, sondern ganz zweifellos zu langsam war ich, was Axel Hackes Präsentation seines neuen Buches „„Das kolumnistische Manifest““ betrifft. Da gehört zu den regelmäßig wiederkehrenden kleinen Freuden meines Rentnerdaseins der freitägliche Kauf der Süddeutschen, bei der ich zuerst das Streiflicht lese, um dann zwischen den Seiten der Zeitung das Magazin herauszufischen, es hinten aufzuschlagen und mir Axel Hackes Kolumne Das Beste aus aller Welt zu Gemüte zu führen, und dann tritt Hacke zur Lesung aus seinem neuesten Buch praktisch bei mir um die Ecke, also im Schlosspark-Theater an, und ich kriege das erst mit, als am folgenden Morgen im Radio die total begeisterte Anna Pataczek davon berichtet.

Seitdem ich unlängst mit meinem Klappküchenbarhocker zusammengebrochen bin und deshalb nun auf einem zu niedrigen Stuhl am Tresen throne, hatte ich es wenigstens leichter, vor Wut in die Tischkante zu beißen.

Und jetzt fahre ich in die Schlossstraße, und wenn sich dann herausstellt, dass das Buch VERGRIFFEN ist, dann, dann, … Dann kaufe ich mir aus Frust vermutlich eine Kilopackung Pralinen und hinterlasse meine Bissspuren zukünftig in den Fußbodenfliesen.

Hacke_Das_kolumnistische_Manifest
Axel Hacke
Das kolumnistische Manifest
Das Beste aus 1001 Kolumnen
Kunstmann, 4. März 2015
ISBN: 978-3-95614-026-6

Gestern war Freitag der 13., und obwohl ich nicht abergläubisch bin, hatte ich abends dann doch einen kleinen Unfall. Nichts Schlimmes. Ich vermute, es war ein kleiner Racheakt zur Warnung, weil ich immer von meinen Ge(h)hilfen spreche, statt politisch korrekt von meiner Ge(h)hilfin und meinem Ge(h)hilfen… Es wird also wohl die Ge(h)hilfin gewesen sein, die auf der Treppe des S-Bahnhofs Mexikoplatz vorsätzlich die Stufe verfehlte. – Nein, ich bin nicht die Treppe runter gekugelt. Ich konnte mich noch abfangen, kam dabei aber ziemlich hart mit meinem kürzlich operierten Bein auf, und… Jedenfalls tat es heute beim Aufstehen immer noch weh, und ich beschloss, nach dem Frühstück noch einmal ins wärmende Bett zu kriechen. Bei laufendem Radio duselte ich auch wunderbar ein, und als ich kurz vor zehn wieder aufwachte, verkündete des Wochenendjournal gerade, dass heute Nachmittag Axel Hacke in Berlin, genauer gesagt bei den Wühlmäusen, aus seinem neuesten Buch lesen würde.

Mist! Und ich erfahre das erst jetzt! Da hätte ich mir doch eine Karte besorgt! Hauptsächlich wegen Axel Hacke kaufe ich jeden Freitag die Süddeutsche! – Jetzt gab es bestimmt keine Karten mehr. Und wenn doch, … Mein Bein!!!
Inzwischen hörte ich Axel Hacke im Radio und hörte ihn zum ersten Mal. Die Stimme hatte ich mir anders vorgestellt. Dass ich mir überhaupt eine Stimme vorgestellt hatte, wurde mir aber erst jetzt bewusst. Vielleicht ganz gut, dass ich nicht zu dieser Lesung gehen kann. Am Ende hätte ich mir noch eingestehen müssen, dass ich auch so was wie eine visuelle Vorstellung von Axel Hacke habe, und die sich nicht mit der Realität deckt. Kurz und gut, ich spielte alle Tricks, um mir plausibel zu machen, dass die Trauben, an die ich nicht herankam, ganz bestimmt sauer waren.

Als ich heute Nachmittag auf die Küchenuhr schaute, und es gerade Viertel nach Vier war, wurmte es mich aber doch. Hätte ich die Vorankündigung nicht verpasst, und wäre ich gestern Abend nicht ums Haar die blöde Treppe runter gefallen, könnte ich jetzt bei den Wühlmäusen sitzen, murrte ich. Von dem, was Hacke morgens im Radio gesagt hatte, war mir etwas im Ohr geblieben. Da ging es um Kurt, den Engel, der sich morgens wütend seine Flügel umschnallt… So einen Tag muss mein eigener Schutzengel gestern wohl auch gehabt haben.

Google sei Dank fand ich eine Leseprobe von „Wumbabas Vermächtnis“, dem dritten Handbuch des Verhörens von Axel Hacke und Michael Sowa. Ein kleiner Trost, mit dem ich mich bescheiden will, während ich mit meiner Ge(h)hilfin und meinem Ge(h)hilfen noch mal ausdiskutiere, was denn so schlimm daran ist, wenn ich sie sozusagen in einem Atemzug nenne und mich dabei der männlichen Form bediene. Ich meine, ich kann die beiden ja nicht mal auseinanderhalten, und wenn man von einem Paar spricht, dann bedeutet das in der heutige Zeit nicht zwangsläufig, es handle sich um einen männlichen und einen weiblichen Part. Es könnte sich also durchaus um zwei Ge(h)hilfen handeln. Dann allerdings hätte zu rachsüchtigen Verfehlungen kein Anlass bestanden. Zwei Ge(h)hilfinnen also? – Ich glaube, in der Phase des Austestens sollte ich vorsichtshalber immer den Fahrstuhl nehmen.

Zeit fürs Abendessen. Den Widerstand spürend, eise ich mich vom Computer los, an dem ich eine ganze Weile geklebt habe, wie von einem Magneten festgehalten, und gehe in die Küche. Im Küchenradio läuft eine Literatursendung. Ein Autor wird aus seinem noch nicht veröffentlichten Roman lesen. Ich nehme einen Beutel vorgekochten Reis aus dem Schrank, fülle den Inhalt in eine Keramikschüssel und stelle sie in die Mikrowelle. Zwei Minuten. Indessen begrüßt sich im Radio ein Paar auf einem Bahnsteig. Man kennt das: das Fremdeln zwischen einander sehr vertrauten Menschen, wenn sie sich wochenlang nicht gesehen haben. Verlegene Bemerkungen über zu viel Gepäck. Ich krame eine Dose Thunfisch aus dem Schrank und stelle das Currypulver bereit. Die Mikrowelle brummt. Das Ehepaar sitzt jetzt im Auto. Es ist warm. Er zieht sein Jackett aus. Mir ist auch zu warm. Ich schlüpfe aus der Schlamperhose, werfe sie im Wohnzimmer über eine Sessellehne – vielleicht wird mir ja später wieder kühl –, renne jetzt nur noch im T-Shirt rum.

Aus der Küche ertönt das „Pling“ der Mikrowelle. Die Unterhaltung des Ehepaares ist noch immer nicht so recht in Gang gekommen. Der Mann stellt fest, dass ihr das Kleid gut steht. Er sieht es wohl zum ersten Mal an ihr, sagt aber nichts dazu, sondern fragt, ob er die Klimaanlage einschalten soll. Ich biege den Ring des Thunfischdosendeckels mit einer Gabel hoch, schiebe den Zeigefinger hindurch und spreche das übliche Stoßgebet, dass ich mir dabei nicht irgendwann den Finger halb amputiere. Vor der Windschutzscheibe tauchen irgendwelche Schilder auf und gleiten vorbei. Ich streue Currypulver auf den Reis, dann leere ich den Inhalt der Dose in die Schüssel. Während ich mit der Gabel umrühre, erzählt der Mann von einer Feier – betont beiläufig. „Und? Hat sie was gesagt?“ fragt die Frau. Die Frage klingt bedeutungsschwanger, bleibt mir im Ohr. Er weicht aus. Aha! Ich höre zu. Eigentlich habe ich gar keinen Hunger, aber ich habe seit dem späten Vormittag nichts gegessen. Der Mann erzählt. Sie bohrt nach. Sie lässt ihn nicht überholen. „Ob sie was gesagt hat, habe ich dich gefragt.“ Er schlängelt sich weiter durch den Verkehr und durch das Gespräch. Ich komme mir vor, als säße ich auf der Rückbank. Kein rascher Seitenblick, keine Geste, kein Schweißtropfen bleiben vom Autor unbemerkt. Auch für die Schweigepausen findet er Worte. Ich habe mal wieder zu schnell gegessen. Während ich die Schüssel ausspüle, ist der Spielstand immer noch unentschieden, aber der Mann scheint im Vorteil zu sein. Die Feier ist nicht mehr das Thema. Man ahnt schon, bald wird es um Grundsätzliches gehen.

Inzwischen hat der Computer sich selbst auf Standby heruntergefahren. Ich muss erst wieder mein Passwort eingeben, bevor das Dokument, an dem ich gearbeitet habe, auf dem Bildschirm erscheint. Was wollte ich schreiben? Ich lese den letzten Absatz, um meinem Gedächtnis auf die Sprünge zu helfen. Es hilft nicht. Ich habe diesen blöden Streit, der vorgibt, keiner zu sein, noch im Kopf. Erst mal eine rauchen. Ich gehe wieder in die Küche. Etwas ist passiert. Der Wagen schleudert. Es dauert, bis der Mann ihn wieder unter Kontrolle hat. Seine Wange ist gerötet. Offenbar hat die Frau ihm eine Ohrfeige gegeben. Ich zünde mir ein Zigarillo an und öffne das Küchenfenster weit. Draußen hat es sich etwas abgekühlt. In der Wohnung steht die warme Luft. Am Straßenrand taucht eine geschlossene Tankstelle auf. Er hält den Wagen an. Jetzt könnten sie reden. Sie steigt aus und schlägt die Tür zu.

Als ich später noch einmal in die Küche gehe, um das Fenster zu schließen (Angst vor Mücken), haben die Literaturexperten das Wort. Sie loben, loben, loben. Sie scheinen mehr zu wissen als ich. Ein Literaturpreis dürfte dem Autor jetzt schon sicher sein.

Und du? Hast du das geglaubt?
Der junge Mann, o Vater,
pflanzte das Gedicht im Wasserkrug an.
Die junge Frau, o Vater,
aber saß daneben und nähte sich einen eigenen Himmel.
Zaghaft wie wir hängt sie ihren Träumen nach.
Ihr Gott steigt in ihre Hand hinab,
mit der anderen deckt sie ihn zu, und er schläft ein.

aus dem Gedicht „Eine Wolke, die einer anderen ins Ohr tuschelt“
von Ali Al Jallawi

Gestern war ja Welttag der Poesie. Nun muss ich zu Welttagen sagen, dass ich glaubte, sie wären alle schon vergeben. Ich meine, das Jahr hat weltweit nur 365 Tage und alle vier Jahre einen Zusatztag, und irgendwann sind die mal verteilt. Und so hörte ich gestern auch, dass es von der Antragstellung dreißig Jahre gedauert haben soll, bis dieser Welttag von der zuständigen Kommission abgesegnet wurde. Vielleicht war ja ein Welttag abgeschafft worden –- wieder auf dem Markt sozusagen. Aber ganz so dem Zufall überlassen geschah es vielleicht doch nicht. Immerhin ist es sehr hübsch, dass dieser Welttag auf den kalendarischen Frühlingsanfang fällt. Frühling, das ist doch genau die Zeit, in der auch die weniger poetisch veranlagten Gemüter sich das eine oder andere Gedicht gefallen lassen. Im Max-Liebermann-Haus war der Saal jedenfalls bis auf den letzten Platz besetzt. Ich sollte mich dafür entschuldigen, dass ich einen dieser offenbar begehrten Plätze in Anspruch nahm, aber ich musste. Ich gehe nämlich nicht freiwillig zu Gedichtelesungen. Für mich sind Gedichte vergleichbar mit Pralinen. Ein oder zwei sind ein Genuss (oder können es zumindest sein), frisst man eine ganze Schachtel leer, denkt man am Ende nur noch: Nie wieder Schokolade! Ähnlich erging es vielleicht vielen Besuchern der Veranstaltung, denn der Applaus tendierte weit mehr zu „höflich“ als zu „frenetisch“. Das lag nicht an den Dichtern und nicht an den Gedichten, sondern wohl hauptsächlich an der Zweifelhaftigkeit solcher Veranstaltungen, die sich damit rechtfertigen, dass der Poesie unbedingt mehr Raum in unserer Kulturlandschaft und in unserem Leben überhaupt gegeben werden muss. Das denke ich übrigens jedes Mal, wenn ich eine leere Plakatwand oder einen leeren Leuchtkasten sehe. Warum steht da kein Gedicht? Nur geschätzte fünfundzwanzig, dreißig Gedichte, vorgetragen von fünf Dichtern, wo nötig dazu noch übersetzt, innerhalb von zwei Stunden, das ist …… Also, es ist nicht mein Ding, und deshalb werde ich über diesen Welttag der Poesie hier auch nicht mehr schreiben als dies: Lest mal wieder ein Gedicht –- wenigstens im Frühling. Im Tiergarten sangen gestern Abend um sieben noch die Vögel -– ganz stilsicher.

Gestern in der Mittagspause blätterte ich in der englischen Print-Ausgabe des „Magazins“ der Kulturstiftung des Bundes, und mein Blick fiel auf einen Text von Sibylle Lewitscharoff. Dass mein Blick dies tat, fügte sich hübsch, denn für den selben Abend hatte ich eine Eintrittskarte für eine Lesung der Autorin, die in der Akademie der Künste ihren gerade erst erschienenen Roman „Blumenberg“ vorstellen würde. Ich las, dass Sibylle Lewitscharoff das Verschwinden der Männer befürchtet, weshalb sie ihre „geistige Vorratskammer“ mit Büchern füllt, „in denen Männer vorkommen. Männer in gebrochener, raffinierter Heldenhaftigkeit“, auf die sie „ein klein wenig schmachtende, um nicht zu sagen süße Gedankenblicke“ wirft. Der vollständige deutsche Text findet sich online hier.

Nach dem Lesen war ich umso neugieriger, ob Blumenberg ein Mann wäre, den ich mir in meine geistige Vorratskammer stellen würde. Inzwischen kann ich die Frage mit einem klaren Ja beantworten, denn nach der Lesung zögerte ich keine Sekunde, mir das Buch zu kaufen.

Sibylle Lewitscharoff las das erste Kapitel, was ich bei Lesungen grundsätzlich für eine gute Entscheidung halte, ermöglicht sie den gewonnenen Lesern unter den Anwesenden doch, einfach dort selbst weiter zu lesen, wo der Autor/die Autorin aufgehört hat, und wenn das erste Kapitel einen Leser nicht zu packen in der Lage ist, gelingt es dem Rest eines Romans ohnehin selten. Sibylle Lewitscharoff jedenfalls packte ihre Leser, tritt doch schon auf der ersten Seite… „groß, gelb, atmend; unzweifelhaft ein Löwe“ auf. Und dieser Löwe tut dies nicht in der afrikanischen Savanne, sondern im Arbeitszimmer des zweiundsechzigjährigen Philosophen Blumenberg in der Universitätsstadt Münster im Jahr 1982.

Was denn zuerst dagewesen sei, fragte Andreas Isenschmid, bekannt durch seine Literaturkritiken in der „„Neuen Zürcher Zeitung““ und der „“ZEIT““, im der Lesung folgenden Gespräch, der Wunsch über einen Löwen oder der Wunsch über Blumenberg zu schreiben. Mit Hans Blumenberg (1920-1996) hatte sich Sibylle Lewitscharoff lange beschäftigt, seit ihrer Studentenzeit. An ihm schätzt sie die Plastizität des Schreibens, das „Unsystematische“, die „Ausbuchtungen“ in seinen Gedankengängen, und mit Sicherheit auch, dass Blumenberg nicht gläubig war aber die Kirche liebte. Darüber hinaus ist bekannt, dass Blumenberg Löwen mochte. Es gäbe ohne den Löwen „Blumenberg“ nicht, sagte Sibylle Lewitscharoff, denn eine Biographie zu schreiben, war nie ihre Absicht gewesen, und ein Roman über Philosophie ohne den Löwen für sie unvorstellbar. Es bedurfte des Löwen, des Trösters, der dem über die Trostbedürftigkeit und Trostunfähigkeit des Menschen referierenden Blumenberg erscheint -– des Wunders, das dem Agnostiker auf den Teppich gelegt wird –- einem Teppich übrigens, den die Autorin so hinreißend beschreibt, wie es nur einer sehr guten Erzählerin gelingt, die sowohl über Sprachwitz, als auch über die Qualitäten einer Lyrikerin verfügt. Ihr Stil ist hochkonzentriert und zugleich wunderbar leicht –- ein Lesevergnügen vom Feinsten.

Auf den 220 Seiten geht es nicht nur um Blumenberg und den Löwen, es geht auch um vier Studenten, im Gegensatz zum Philosophen Blumenberg frei erfunden, weshalb Sibylle Lewitscharoff sie auf unterschiedliche Weise ums Leben kommen lassen darf, damit sie sich am Ende mit Blumenberg in der Höhle versammeln können. „Ich musste sie früh sterben lassen“, erklärte Sibylle Lewitscharoff, „andernfalls hätten sie bis dahin Frau und Kinder gehabt, die dann alle in dieser Höhle… Die innere Logik des Romans geht an der Wahrscheinlichkeit vorbei.“

Aus dem Podiumsgespräch blieb ein Halbsatz mir besonders hängen: „…was Blumenberg weiß, jedoch nicht glaubt.“ Der Gedanke war mir nicht neu, er vertiefte sich, wie eigene Gedanken sich vertiefen, wenn ein anderer sie ausspricht. Dinge zu glauben, ohne sie wissen zu können, genau das war das Tröstliche an jedem Glauben seit Menschengedenken. Dinge zu wissen, sie aber nicht glauben zu können, darin besteht die Trostlosigkeit des heutigen Realismus. In der Höhle vollendet sich die Geschichte. Der Löwe, dessen „Fluidum von Trost“ Blumenberg immer gespürt hat, erlöst ihn mit einem einzigen Hieb seiner Pranke. Es ist ein religiöser Roman gegen einen Philosophen, womit nicht gesagt sei, das Sibylle Lewitscharoff eine religiöse Autorin ist, und schon gar nicht, dass sie etwas gegen Blumenberg hat. Im Gegenteil. Es ist der Versuch, Blumenberg ins andere Territorium zu ziehen – eine Bekehrung zum Glauben als Liebesbeweis.

„Blumenberg“ gehört zu den zwanzig für den Deutschen Buchpreis 2011 nominierten Titeln. Mich persönlich würde es sehr freuen, wenn Sibylle Lewitscharoff diesen Preis gewinnt. Ihr Roman ist, was in der Fülle des heute Gedruckten immer seltener wird: ein wirklich wichtiges Buch.

Sibylle Lewitscharoff
Blumenberg
Suhrkamp (mit Leseprobe)
Erschienen: 12.09.2011
Gebunden, 220 Seiten
ISBN: 978-3-518-42244-1

Heute Abend las Tammo Winkler in der Beuth Hochschule für Technik Berlin Hans Christian Andersens „Bilderbuch ohne Bilder“ – besser gesagt, er las es nicht einfach, er spielte jenen „armen Gesellen“, dem der Mond versprochen hat, dass er ihm jeden Abend erzählen würde, was er gesehen hat.

Das ist merkwürdig! wenn ich am allerwärmsten und besten empfinde, dann ist es, als wären mir Hände und Zunge gebunden, ich kann es nicht wiedergeben, ich kann es nicht aussprechen, wie ich es hier drinnen in mir habe; und trotzdem bin ich ein Maler, das sagen mir meine Augen, das haben sie erkannt, alle, die meine Skizzen und Bilder gesehen haben.
Ich bin ein armer Geselle, ich wohne hinten in einer der schmalsten Straßen, aber an Licht fehlt es mir nicht, denn ich wohne ganz hoch oben, mit Aussicht über alle Dächer. Die ersten Tage, nachdem ich hierher in die Stadt gekommen war, wurde es mir so eng und einsam; statt des Waldes und der grünen Hügel bestand mein Horizont jetzt aus nichts als den grauen Schornsteinen. Nicht einen Freund besaß ich hier, nicht ein bekanntes Gesicht grüßte mich.
Eines Abends stand ich recht traurig an meinem Fenster, öffnete es und blickte hinaus. Nein, wie war ich da froh! ich sah ein Gesicht, das ich kannte, ein rundes, freundliches Gesicht, meinen besten Freund von zuhause in der Ferne: das war der Mond, der liebe, alte Mond, unverändert derselbe, ganz genau so, wie er aussah, wenn er da zwischen den Weidenbäumen am Moor hindurch zu mir hereinlugte. Ich warf ihm Kusshände zu, und er schien mir direkt in die Kammer und versprach, dass er an jedem Abend, an dem er draußen wäre, ein wenig zu mir hereinsehen wollte; das hat er seither wirklich auch getan; schade, dass er immer nur so kurze Zeit bleiben kann. Jedesmal wenn er kommt, erzählt er mir dies oder das, das er in der letzten Nacht gesehen hat oder am selben Abend. „Jetzt male auf, was ich dir erzähle“, sagte er bei seinem ersten Besuch, „dann bekommst du ein ganz passables Bilderbuch zusammen.“ Das habe ich nun getan, viele Abende lang. Ich könnte ein neues Tausendundeine Nacht in Bildern geben, auf meine Weise, aber das würden doch zu viele; die Bilder, die ich gebe, sind nicht ausgesucht, sondern kommen, wie ich sie gehört habe; mag nur ein großer Maler, ein genialer Dichter oder Tonkünstler etwas daraus machen, wenn er will; was ich zeige, sind bloß lose Umrisse auf dem Papier, und zwischendurch meine eigenen Gedanken, denn es geschah nicht jeden Abend, dass der Mond kam, es war öfter eine Wolke im Weg, oder zwei.

Die Veranstaltung war ein Kooperationsprojekt zwischen der Hochschule und der Dänischen Botschaft, und für die Inszenierung verdienen Prof. Susanne Auffermann-Lemmer und ihr Team ein Lob. Die Bühne in der Beuth-Halle war schlicht und gut gestaltet, und wie es sich für eine technische Hochschule gebührt, hatte man sich auch für die Beleuchtung einiges einfallen lassen. Zwischen den „Bildern“ spielte Christian Albert Lemmer eine Auswahl aus seinen „33 Nachtstücken für Klavier“ und vertiefte damit Andersens einzigartige Wahrnehmung der mannigfaltigen Aspekte der menschlichen Natur und des schmalen Grats zwischen Komödie und Tragödie im täglichen Leben.

Was leider niemand bedacht hatte: Die „Bilder“ in Andersens Bilderbuch sind Miniaturen, kostbare Fragmente, dazu gedacht nachzuwirken und sich im Nachwirken zu vervollständigen, weshalb sie wie Betthupferl genossen werden sollten, jedes Mal nur eines. So wie man auch das Buch nicht in einem Rutsch lesen sollte.

Hans Christian Andersen
Bilderbuch ohne Bilder
Gedichte in Prosa
Reclam Verlag
Neuübersetzung und Kommentare von Heinrich Detering
Geb. mit Schutzumschlag, 112 S.
ISBN: 978-3-15-010714-0

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