Eine sehr alte Freundin von mir – wir kennen uns seit über fünfzig Jahren – hat eine Gewohnheit, die mich jedes Mal sehr anrührt: Sie bringt mir Zeitungsausschnitte mit.

Nicht nur zeigt sich an solchen Gesten, dass jemand an einen denkt – auch beim Lesen einer Zeitung; es erinnert mich auch an meine Kindheit, an meine Großmutter, die Artikel und natürlich auch den Fortsetzungsroman aus der Tageszeitung ausschnitt, um sie bei nächster Gelegenheit an jemanden aus der Verwandtschaft weiterzureichen.

Beim letzten Besuch brachte meine Freundin eine Kolumne von Corona-Witzen mit. Einer davon lautet:

Wenn wir dann später zurückblicken auf Corona, werden wir uns in den Armen liegen und sagen: „Das waren vielleicht zwölf verrückte Jahre.“

Noch wollen wir hoffen, dass nicht weitere elf Jahre vor uns liegen, um mit diesem Virus fertig zu werden. Lassen wir unserem Optimismus mal die Zügel schießen! Hoffen wir, dass wir schon im nächsten Sommer, wieder halbwegs normal unser Leben leben können, Freunde treffen, einen Einkaufsbummel mit dem Besuch eines Cafés krönen, eine Urlaubsreise planen! Hoffen wir, dass bis zum Ende des kommenden Jahres mindestens 70 Prozent der Menschen in Deutschland geimpft sind, und dass es für diejenigen, die dann trotzdem noch an COVID-19 erkranken, Medikamente verfügbar sind, die einen schweren Krankheitsverlauf verhindern! Aber wir ahnen auch schon, dass es eben nicht die gedamte Weltbevölkerung sein wird, die dann bereits einen Impfschutz genießt. Wir ziehen in Betracht, das Virus könnte – genau wie Grippeviren – mutieren und die medizinische Forschung diesen Mutationen immer nur hinterherhetzen. Oder es tauchen neue Krankheiten auf, an die noch niemand gedacht hat. Oder, oder, oder …

Dennoch: ein Moment wird kommen, in dem wir sagen, denken oder heimlich glauben: Wir sind noch einmal davongekommen.

Und eben das Theaterstück mit diesem Titel (Thornton Wilder, 1942) fiel mir heute Morgen plötzlich ein. Man bedenke, der Dramatiker schrieb es mitten im Zweiten Weltkrieg – gut „mitten“ nur global betrachtet, denn die USA hatten sich 1942, als das Stück in Connecticut uraufgeführt wurde, noch gar nicht richtig ins Getümmel gestürzt. Ein Beispiel „absurden Theaters“ – aber nicht absurder als das wirkliche Leben. Und Wilder hatte klar erkannt, dass die Menschheit im Verlauf ihrer ganzen Geschichte immer nur „noch einmal“ (vorläufig) davongekommen war, ist und sein wird.

Es geht nicht nur darum, eine Krise zu überwinden. Es geht darum, etwas daraus zu lernen. Es geht um wissenschaftliche aber auch menschlich-ethische Weiterentwicklung. Irgendwann (und sei es erst nach zwölf Jahren) werden wir sagen: Wir sind noch einmal davon gekommen. Und wir werden uns hoffentlich der vollen Bedeutung dieses Satzes bewusst sein und jeden (flüchtigen) Moment genießen, in dem wir uns „gerettet“ fühlen dürfen.