Was für ein seltsamer Roman! Seltsam besonders für einen Kriminalroman. Oder war ich es, die in einer seltsamen Stimmung oder Verfassung war? Wie sehr viele meiner Bücher las ich ihn nicht, sondern hörte ihn. Meine alten Knochen lassen mich im Bett keine bequeme Stellung zum Lesen mehr finden, aber die Zeit vor dem Einschlafen ist und bleibt wesentlich fürs „Lesen“. Außerdem mag ich die Stimme von Walter Kreye, von dem die Süddeutsche Zeitung behauptet haben soll, er sei der neue Maigret. Und normalerweise kann ich mich gut auf die Stimme und die Worte konzentrieren und schlafe frühestens bei der zweiten CD ein, die ich dann am nächsten Abend noch einmal von vorn höre. Wie oft ich im Fall von „Maigret und der verstorbene Monsieur Gallet“ jede CD noch einmal von vorn gehört habe, könnte ich nicht sagen.

Da ist diese merkwürdige Einstiegsszene, die mich schon von ihrer Stimmung her an einen dieser sich wiederholenden Träume erinnerte, die eigentlich keine Albträume sind und dennoch bedrückend. Maigret wandert vom Bahnhof eines kleinen Ortes die Straße hin zum letzten Haus dieser Siedlung, entstanden – oder besser gesagt, entstehend – auf einer in den Wald geschlagenen Schneise. Eine Straße ohne Schatten. Im Bau befindliche Einfamilienhäuser, an denen – wegen der Hitze – nicht gearbeitet wird. Dazwischen unbebaute Parzellen. Die Aufgabe, die Maigret über diesen unangenehmen Weg führt, zählt zu den unangenehmsten eines Polizisten. Es soll einer Frau mitteilen, dass ihr Mann in einem Hotelzimmer tot aufgefunden wurde. Maigret klemmt sich sein Taschentuch unter die Hutkrempe, um seinen Nacken vor einem Sonnenbrand zu schützen. Und als er das gesuchte Haus endlich erreicht, noch in der Tür stehend, den Hut abnimmt, im Begriff die tragische Nachricht zu überbringen, segelt dieses Taschentuch zu Boden. Albtraumhaft.

Langsam, sehr langsam entfaltet sich diese Geschichte. Nicht mit der Anmut einer Blüte, sondern eher wie ein irgendwann nass geschlossener Taschenschirm, den man beim Nachhausekommen vergessen hatte, zum Trocknen aufzuspannen. Man fragt sich, ob man ihn wegwerfen muss, bis die verklebte Schirmseide sich knirschend doch noch löst, das etwas angerostete Gestell knackend endlich nachgibt und der Schieber nach einigem Widerstand einrastet. Ich staunte über meine eigene Sturheit, die mich nicht aufgeben ließ, und wurde belohnt. Als das Doppelleben des Monsieur Gallet und die Rätsel um seinen Tod endlich ausgespannt vor mir lagen, empfand ich eine Zufriedenheit, als wäre gerade das letzte Teilchen in ein großes Puzzle eingefügt worden. Nein, es war mehr als das. Ich hatte nicht nur die Geschichte endlich verstanden, sondern glaubte auch mich selbst ein kleines bisschen mehr verstanden zu haben. Auch wenn es sicher nur wenige Menschen gibt, die ein Doppelleben führen, das sich mit dem des toten Protagonisten dieses Romans vergleichen ließe, so spielt doch jeder von uns mehrere Rollen, gibt sich zu Hause anders als im Büro, hier hemdsärmelig, dort zugeknöpft, väterlich, jungenhaft, mütterlich … Und dann reden wir von Selbstverwirklichung, ohne uns darüber so recht klar zu sein, welche Wirklichkeit wir denn gerade im Sinn haben.

Wer möchte, kann bei Wikipedia nachlesen über Inhalt, Hintergrund, Interpretation, Rezeption … Da gibt es etwas Krittelei an der Plausibilität, denn wieso schickt man einen fünfundvierzigjährigen Kommissar der Pariser Kriminalpolizei in dieses Kaff, um einer Witwe den Tod ihres Mannes in einem Provinzhotel mitzuteilen? Da gibt es auch das im Fall von Simenon stets wohlverdiente Lob für die atmosphärische Dichte, welche er mit knappen Schilderungen erreicht. Man kann sich aber auch einfach auf die Lektüre einlassen.

Ich persönlich finde es zunehmend spannender, nicht nur zu verfolgen, wie ein Autor eine Idee entwickelt oder eine Erfahrung vermittelt, sondern auch, was das Lesen dann in mir bewirkt. Für bloßen Zeitvertreib bin ich wohl einfach zu alt. Für die großen philosophischen Werke wohl auch.

Maigret und der verstorbene Monsieur Gallet
Übersetzung: Hansjürgen Wille, Barbara Klau und Mirjam Madlung
Kampa Verlag, 15. April 2021
ISBN 978-3311130024

Maigret und der verstorbene Monsieur Gallet (Hörbuch / Ungekürzte Lesung des obigen Romans)
Der Audio Verlag, Berlin, 23.04.2021
Sprecher: Walter Kreye
ISBN 978-374241944-6