Als ich gestern die wöchentliche Solidaritäts-Pizza bei meinem Italiener abholte, hatte ich erwartet, Anzeichen dafür zu entdecken, dass die Terrasse für den Empfang von Gästen auf Vordermann gebracht wurde. Nichts davon! – „Das mache ich nicht“, erklärte mir der Inhaber, und erläuterte, wie umständlich das wegen der am Tisch durchzuführenden Selbsttests wäre. Da sitzt der Gast dann und wartet 20 Minuten auf das Ergebnis seines Test, bevor er überhaupt bestellen kann. Und das womöglich für eine einzige Pizza oder sogar nur für einen Cappuccino. In seinem Restaurant bleibt es vorläufig beim Außer-Haus-Verkauf.

Schon seit zwei Tagen ärgere ich mich – wie in all den Monaten nicht – über die Verordnungen im Umgang mit der Pandemie. Ein Jahr lang habe ich einsichtig hingenommen, was an Einschränkungen mir auferlegt wurde, und habe mich brav daran gehalten. Mein Unmut beschränkte sich darauf, dass es mit dem Impfen wesentlich besser voranginge, hätte man rechtzeitiger mehr bestellt, vermieden AstraZeneca schlechtzureden und hätte bei den Prioritäten eine schlauere Strategie entwickelt, denn dass Impfstoff ungenutzt herumliegt oder gar entsorgt werden muss, das muss nun wirklich nicht sein. Immerhin war ich bereit, mich auch weiterhin in Geduld zu fassen. Aber das mit flächendeckenden, wöchentlichen kostenlosen Schnelltests für alle und den seit heute im Handel erhältlichen Selbsttests halte ich für Aktionismus, der vom Zeitlupentempo der Impfungen ablenken soll, und für herausgeworfenes Steuergeld mit geringem Nutzen für die Volksgesundheit. Der einzige sinnvolle Zweck wäre, Impfunwillige kirrezumachen. Allerdings traue ich unseren Regierenden, ehrlich gesagt, soviel Chuzpe nicht zu.

Nach der Unterhaltung mit „meinem Italiener“ habe ich mir die zu erwartende Situation in gastronomischen Betrieben aber doch mal bildlich ausgemalt und fand die Sache nicht nur aus Sicht des Gastronomen, sondern auch aus der des Gastes völlig inakzeptabel. Ich stelle mir vor, wir sitzen zu dritt, viert oder gar fünft (auch das darf man ab heute wieder) am Tisch, kramen unseren Test aus Jacken- und Handtaschen, und … Wie nun? Möglichst gleichzeitig? Hinter vorgehaltener Hand?

Mangels aktueller Benimmregel habe ich mein „Hausbuch des guten Tons“, gedruckt wohl irgendwann in den Fünfzigern, in Berlin SO 36 (amerikanischer Sektor), herausgekramt und unter dem Schlagwort „Zahnstocher“ nachgelesen: Zahnstocher gehören in das Schlaf- oder Badezimmer! Man stellt sie nicht auf den Tisch, sie dürfen auch nicht aus Westen- oder Hosentasche hervorgekramt werden. Gewiß sind sie ein nützliches Reinigungsinstrument, ihr Gebrauch ist aber für die Umwelt ein unästhetischer Anblick.

Wir werden das gute Benehmen also neu erfinden müssen – sieht man mal von den Zeitgenossen ab, die sowohl alte als auch neue Regeln für überflüssig halten. Aber neben solchen Leuten möchte ich, ehrlich gesagt, auch dann nicht im Restaurant sitzen, wenn der Corona-Selbsttest (irgendwann hoffentlich!) der Vergangenheit angehört.