Geschichte


Der Mai geht seinem Ende zu, und ein Jahrestag, der allerdings schon in die erste Woche des Monats fiel, verging fast unbemerkt: das 60. Jubiläum der Neugründung der Deutschen Lufthansa. Woher diese Stille, bei der es sich nicht um die Abwesenheit von Fluglärm handelt? – Erklären lässt sich das vielleicht mit dem unglücklichen Zusammenwirken von Ereignissen und Entwicklungen. Da ist nicht nur der immer gnadenloser werdende Konkurrenzkampf der Billigfluggesellschaften, da waren auch die wiederholten Pilotenstreiks, die das Unternehmen ein Vermögen gekostet und es in wirtschaftliche Schwierigkeiten gebracht haben, und da war am 24. März dieses Jahres der Absturz einer Germanwings-Maschine in den französischen Alpen, bei dem es sich eben nicht um einen „normalen“ Absturz gehandelt hatte.

Ein Medium, welches dem Jubiläum der Lufthansa Aufmerksamkeit schenkte, war das Wissenschaftsmagazin RUBIN der Ruhr-Universität Bochum. Einer der Mitarbeiter der Universität und Mitglied der Expertenkommission „Technik und Verantwortung“ ist Dr. Lutz Budraß, der bereits 2001 über die „Lufthansa und ihre ausländischen Arbeitnehmer im Zweiten Weltkrieg“ ein Buch veröffentlicht hatte, dann im Auftrag der Lufthansa die Geschichte der „alten Lufthansa“ recherchierte, es schließlich aber hinnehmen musste, dass die „neue Lufthansa“ von einer Veröffentlichung Abstand nahm. Zu beschämend war das, was Budraß zutage gefördert hatte, und so diente sein Material bislang nur als Grundlage für die Fernsehdokumentation „Fliegen heißt siegen“.

Der RUBIN-Artikel schließt mit den Sätzen:

Die „neue Lufthansa“ sagt heute, sie habe mit der „alten Lufthansa“ nichts zu tun. Es sei ein anderes Unternehmen. Aber woher kommt diese Unternehmenspolitik, die seit der Neugründung 1955 konsequent eingehalten wird? Budraß meint, sie lässt sich nur auf Basis der Geschichte erklären. Schade sei es, mit dieser spannenden Historie nichts zu tun haben zu wollen.

Der komplette Beitrag „Herrschaft im Luftreich – Die Geschichte der Lufthansa“ von Julia Weiler enthält auch die oben erwähnte Doku als YouTube Video (ca. 45 min).

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Vorschaubild Welt im Film 24/1945 Vorschaubild Welt im Film 24/1945 Vorschaubild Welt im Film 24/1945

Die Worte „heute vor siebzig Jahren“ hört man in diesen Tagen oft, und meistens beziehen sie sich auf die Befreiung eines Konzentrations- oder Arbeitslagers, und der Jahrestag ist Anlass zu Gedenkstunden am jeweiligen Ort. Mit der Befreiung ging für die Befreier ein Grauen einher, ein Nicht-fassen-Können dessen, was sie vor- und herausfanden, und was niemals vergessen werden darf. Es verwundert also nicht, wenn es das ist, woran wir Heutigen zuerst denken, wenn wir die Worte hören: „Heute, vor siebzig Jahren…“

Dass in dem Jahr, in dem der Zweite Weltkrieg endete, aber viel mehr geschah, als dass Befreiung auf Befreiung, Entsetzen auf Entsetzen folgte –- immer zu spät aber endlich doch, kam mir so recht zu Bewusstsein, als ich im Bundesarchiv auf die „Welt im Film“ vom 26. Oktober 1945 stieß, eine Wochenschau, wie man sie damals vor dem Hauptfilm in den Kinos zeigte. Sie beginnt nicht nur im wahrsten Sinne des Wortes mit einer Achterbahnfahrt (Eröffnung eines Vergnügungsparks in Hamburg), sondern sie ist es auch inhaltlich insgesamt, denn auf das von Drehorgelmusik untermalte bunte,– wenn auch noch schwarz-weiß gefilmte –Treiben folgen die Bilder von der Ankunft der Teilnehmer des Internationalen Gerichtshofes in Berlin, als Vorspiel der Nürnberger Prozesse, und danach der Bericht über einen Sturm über Florida usw., usf.

Ich hatte nach „Fahrstuhlführern“ gesucht. Auch über sie gibt es einen Bericht, und dass diese Wochenschau die Gründung der Süddeutschen Zeitung zeigt, war sozusagen eine Draufgabe für mich. Doch bevor ich mich auf das Thema „Fahrstuhlführer“ näher einlasse, hier und für heute der Tipp, sich die Welt im Film 24/1945 einmal anzusehen – 20 Minuten und 17 Sekunden dessen, was vor 70 Jahren geschah. Nicht alles ist gleichermaßen wichtig, aber es ist Kontext, und mich stimmt es nachdenklicher, als wenn mein Blick nur in eine Richtung gelenkt wird.

Anmerkung für Trithemius: Einen vom Leben vielleicht gebeutelten aber doch wenigstens den Krieg überstanden habenden Schiffschaukelbremser oder (Immer positiv denken!) Schiffschaukelanschieber sieht man dort auch für einen ganz kurzen Moment (bei den Schuhplattlern).

Wem Gott will rechte Gunst erweisen,
den schickt er in die weite Welt,
dem will er seine Wunder weisen
in Berg und Wald und Strom und Feld.

Als Joseph von Eichendorff diese Zeilen schrieb (1822) und Friedrich Theodor Fröhlich elf Jahre später eine Melodie dazu komponierte, da waren die Menschen nicht nur frommer als heute, sie erwanderten sich „Gottes Wunder“ in der „weiten Welt“ auch noch eher, als dass sie sie erfuhren oder gar erflogen, denn obwohl den Brüdern Montgolfier bereits 1783 ein Flug in einem Heißluftballon gelungen war, können wir auch vierzig Jahre später davon ausgehen, dass Eichendorff hauptsächlich an den Wanderer „in Berg und Wald und Strom und Feld“ dachte.

Bis zum heutigen Tag ist weder Eichendorffs Gedicht, noch Fröhlichs Melodie in Vergessenheit geraten, und das Wandern erfreut sich wieder zunehmender Beliebtheit. Das war Prof. Dr. Heinz-Dieter Quack von der Ostfalia Hochschule Anlass genug, in den vergangenen zwei Jahren 643 Personen zu befragen, was ihnen auf ihren Wanderwegen und in der durchwanderten Landschaft als besonders störend aufgefallen war. Der Hintergedanke bei dieser Befragung war, ob etwa die vermehrt sichtbaren Formen alternativer Energiegewinnung -– vor allem aber die Windkraftanlagen –- zu einer Beeinträchtigung des Wandergenusses führen.

Von den über 50-Jährigen fühlen sich fast die Hälfte durch Windkraftanlagen gestört, während es in der Altersgruppe bis zu 29 Jahren nur 23 Prozent waren. Abgesehen von diesem „Störfaktor“, waren den Wanderern vor allem Abfall in der Landschaft, Atom- und Kohlekraftwerke und Flug- und Verkehrslärm unangenehm aufgefallen, und viele hätten sich eine bessere Beschilderung der Wanderwege gewünscht.

Dies lesend, fragte ich mich plötzlich, wie es wohl den Wanderern in alter Zeit ergangen sein mag, als Windmühlen die Landschaft zu verunzieren begannen. Ja, verunzieren! – Man betrachte bitte dieses Bild:

Windmühlen auf dem Kinderdijk

Kinderdijk

Es heißt, die Mühlenlandschaft von Kinderdijk gehöre zu den bekanntesten Sehenswürdigkeiten der Niederlande, wobei das Wort „Mühlenlandschaft“ gut gewählt ist, denn ohne Mühlen –- das muss auch ich zugeben -– könnte man von Landschaft kaum sprechen. Da ist nichts. Das ist völlig plattes Land. -– Aber schön …… Also, schön sind diese Mühlen, bei denen es sich übrigens um Windpumpen handelt, trotzdem nicht, wenn man es mal objektiv betrachtet, und obwohl Schönheit immer im Auge des Betrachters liegt. Mit demselben Fug und Recht kann man Windräder als schön bezeichnen. Und wer sagt denn, dass nicht auch der eine oder andere Windpark irgendwann in die UNESCO-Liste des Welterbes aufgenommen wird –- vorausgesetzt er steht lange genug, was man bei allem heutzutage Gebauten leider bezweifeln muss. Irgendwann wird allein der Umstand, dass etwas alt ist, ausreichen, es als Welterbe zu betrachten. Einigen wir uns darauf: Die Mühlen von Kinderdijk sind alt, und sie sind Welterbe, aber auch sie wurden einst aus rein praktischen Erwägungen heraus gebaut und mögen das Auge des einen oder anderen Betrachters erst einmal gestört haben, bevor es sich daran gewöhnte. Man erinnere sich nur an den armen Don Quijote, der sich von Riesen bedroht fühlte und im Kampf gegen Windmühlen einige böse Beulen davontrug. Hier ist noch anzumerken, dass die Windmühlen auf der iberischen Halbinsel ursprünglich von den Arabern eingeführt worden waren und sich mit dem Islam verbreitet hatten. Wir sollten die Chance ergreifen und uns mit Windparks revanchieren. Es wäre eine Überlegung wert, im Mittelmeer Offshore-Windparks so anzulegen, dass sie gleichzeitig als sichere Fluchtwege benutzt werden können. Vorab könnte man ja schon mal eine Befragung bei Yachtbesitzern durchführen.

Quelle:
Wandern und Windenergie – Ergebnisse einer Langzeitstudie

Ich habe es hier und da immer wieder einmal erwähnt: Ich bin kein Gruppenmensch. Ich bin nicht einmal ein Familiengruppenmensch. Nach größeren Familienfeiern oder sogenannten Gesellschaften anderer Art fühle ich mich wie erschlagen. Ich bin ein Zweiermensch, liebe das konzentrierte Gespräch unter vier Augen. Zu zweit kann man auch mal einfach nichts sagen. Gruppenschweigen dagegen ist irgendwie –… also, ich weiß nicht -– vielleicht schon deshalb seltsam, weil es praktisch nie vorkommt, außer kurz vor Beginn eines Konzerts oder Vortrags, und selbst da hüstelt oder flüstert noch jemand. Und hat das Konzert (oder der Vortrag) erst begonnen, wird aus der schweigenden Gruppe eine Zuhörerschaft.

Doch selbst jemand wie ich fühlt sich -– sein steppenwölfisches Einzelgängertum genießend -– innerlich einer Gruppe zugehörig. In meinem Fall ist es die Familie; solange ich berufstätig war, waren es außerdem noch die Kollegen. Darüber hinaus wird es schwierig. Jene Gruppen, in die man zwangläufig hineingeboren wird oder in die hinein es einen verschlägt, ob man will oder nicht, die Volksgemeinschaft, die Einwohnerschaft einer Stadt, die Nachbarschaft, lösen in mir kein Gefühl irgendwie gearteter Nähe aus, sondern nur das Bewusstsein, eine soziale Verantwortung zu haben solange der Zustand andauert, ich also in einer Nachbarschaft, einer Stadt, einem Land lebe. Vielleicht befinde ich mich ja in einer lebenslänglichen sozialen Identitätskrise –- lebenslänglich, weil ich schon als Kind kein Gruppenkind war. Ich hasste die Schule, nicht weil man lernen und damals dazu auch noch stillsitzen musste, sondern weil das Ganze in einer Klasse passierte -– in einer Gruppe. Dafür muss mich niemand bedauern, da ich das Bedürfnis zu einer Gruppe zu gehören, nicht kenne, dafür aber einige Leute kenne, denen es ganz ähnlich zu ergehen scheint wie mir. Nein, auch ich bin nicht allein.

Nun las ich heute über eine sozialpsychologische Studie, bei der es darum ging herauszufinden, ob das Gruppenzugehörigkeitsgefühl auch dann Menschen in ihrem Verhalten beeinflusst, wenn es nicht um Gruppen geht, bei denen man sich an Menschen orientiert, die einem in irgend einer Weise ähnlich sind oder mit denen man Interessen oder Vorlieben teilt, sondern um die größtmögliche Gruppe: die Menschheit.

Ich muss zugeben, um mir die Menschheit als Gruppe vorzustellen, bräuchte ich ein paar Außerirdische, am besten solche, die unseren Planeten und seine Bewohner bedrohen. Ein Feindbild nach außen war schon immer gut fürs Gruppengefühl. Aber darum ging es den Wissenschaftlern natürlich nicht. Es ging um Solidarität ohne Feindbild oder doch fast ohne Feindbild. Es ging um gerechte Verteilung, um Fair Trade zum Beispiel. Und es ging darum nachzuweisen, dass Menschen mit einem besonders ausgeprägten Zugehörigkeitsgefühl zur Menschheit …… Hier wird es für mich schwierig mitzudenken, weil ich mir nicht so recht vorstellen kann, wie man denkt und fühlt, wenn man sich eher weniger der Menschheit zugehörig fühlt, oder was man denn meint, wozu die Gruppe gehört, welcher man sich so innig verbunden weiß.

Die Wissenschaftler ließen natürlich Fragebögen ausfüllen, um sich vom Menschheitszugehörigkeitsgefühl ihrer Testgruppe (auch eine Gruppe!) ein Bild zu machen. Und als krönenden Abschluss bzw. Dankeschön gab es eine Tafel Schokolade, die sich die Teilnehmer aussuchen durften. Zur Auswahl standen konventionell und fair gehandelte Schokoladentafeln, wobei die Fair Trade-Produkte deutlich kleiner waren. – Muss ich hinzufügen, dass auch die Schokoladenauswahl der Probanden in das Untersuchungsergebnis einfloss? Mir hätte da kein Lapsus unterlaufen können. Mir hat man als Kind schon beigebracht, bescheiden zu sein (oder wenigstens so zu tun).

Noch bevor ich den Bericht gelesen hatte, war ich übrigens in meinem neuen Stammcafé. Ich gehe da gerne hin, obwohl es mir verdächtig billig erscheint (2 Euro für einen kleinen Kaffee und ein Stück Kuchen), aber der Laden ist angenehm belebt und man hat einen guten Blick auf die Straße. Den Kaffee muss man sich übrigens selbst an der Kaffeemaschine zapfen. Da stehen zwei Maschinen nebeneinander – eine mit Bio- eine mit normalem Kaffee. Der Preis ist derselbe. Und gerade heute hatte ich zur Bedienung gesagt, dass ich es schön fände, wenn es statt des Bio-Kaffees einen Fair Trade-Kaffee gäbe, und dass ich für den gerne auch mehr bezahlen würde. Ich fühle mich halt doch der Gruppe Menschheit zugehörig. Was bleibt mir auch anderes übrig?

Bei der erwähnten Studie handelt es sich um die Publikation „Global Identification and Fairtrade Consumption”, erschienen in The Journal of Social Psychology.
Die Überschrift der Kolumne ist ein Zitat aus Reihnard Meys Lied „Bevor ich mit den Wölfen heule“.

Eine Königin, ein Wald, ein Ball. Mehr braucht es nicht um in jedem, der in seiner Kindheit Märchen gelesen oder gehört hat, eine Geschichte beginnen zu lassen. Wir wissen es bereits. Der Ball wird irgendwohin rollen, die Königin wird ihm nachlaufen, …… Und genauso lässt auch Thomas Hettche seinen Roman „“Pfaueninsel““ beginnen und weckt damit im Leser die Erwartung eines Märchens. Dass es sich vielleicht doch um kein Märchen handelt, vielleicht sogar um eine Entzauberung, beginnt man jedoch bald zu ahnen –– so schon auf der übernächsten Seite:

Eine Königin? Was ist das? Eine Märchengestalt, denken wir, und doch: dieser hier pulste das Leben am Hals und flackerte über die Wangen, hier, in der schwülen Enge der Bäume, eng um die junge Frau herumgelegt wie jenes Wort sie zu bezeichnen. Spricht man es aus, ist es, als zerginge die Person in ihm ebenso wie ihre Gestalt in den dunklen Schatten dieses Hains. Dabei sind wir es, die sie mit allem, was uns jenes Wort durch den Kopf jagt, anhauchen, während wir sie betrachten, und das Wort dabei tonlos vor uns hin murmeln. Eine Königin, eine Königin.

Auch Christian möchte wissen, was eine Königin ist, wie sie aussieht, wie sie sich bewegt, was für ein Kleid sie trägt. Und plötzlich stehen sie einander gegenüber in der oben beschriebene „schwülen Enge der Bäume“. Es ist davon auszugehen, dass man auch der Königin Märchen vorgelesen hat, als sie ein Kind war, und dass sie selbst das Gleiche mit ihren Kindern tut. Doch denkt sie bei Christians Anblick keineswegs: Ein Zwerg. Auch fügt sie in Gedanken nicht hinzu: Wie klein, wie possierlich! Stattdessen erschrickt sie so sehr, dass sie jede königliche Würde vergisst. Ihr Entsetzen ist so unmissverständlich, dass Christian heulend wie ein Tier davonläuft. Seiner ebenfalls kleinwüchsigen Schwester Marie hatte er von der Königin berichten wollen –– was und wie sie war. Nun bringt er ein einziges Wort mit, das Wort, das sie ihm entgegengeschleudert hat: „Ein Monster!“ Und dieses Wort wird Marie ihr Leben lang begleiten.

Zwei Dinge stören mich an diesem Buch. Das Eine ist, dass es einem in jeder Buchhandlung sofort in die Augen springt. Der blaue Leineneinband mit der weißen Pfauenfeder hebt es deutlich hervor zwischen den anderen Buchdeckeln, so farbenfroh und titelwirksam sie auch daherkommen. Man verstehe mich bitte nicht falsch. Ich bin durchaus der Meinung, dass dieser Roman Aufmerksamkeit und Erfolg verdient und somit auch einen populären Platz in jedem Laden. Dummerweise hätte ich ihn gerne ganz für mich, ist mir Marie sehr nahe gekommen und auf der Pfaueninsel, auf der ich schon bei früheren Besuchen am liebsten allein gewesen wäre, werde ich in Zukunft mir noch sehnlicher wünschen, die Insel ganz für mich zu haben. Will sagen: Hettches Roman hat meinen Egoismus in überraschender Weise mobilisiert. Fast wundert es mich, dass ich jetzt hier über das Buch etwas schreibe, aber, nachdem es nun sowieso schon niemandem mehr zu geben scheint, der noch nicht darauf aufmerksam wurde ……

Die zweite Bemängelung meinerseits: Thomas Hettche hat für seinen Roman die Geschichte der Pfaueninsel aufs Sorgfältigste recherchiert. Das bedeutet nicht, dass er sich nicht die für eine gute Geschichte nötigen dichterischen Freiheiten genommen hätte, doch erfährt man beim Lesen tatsächlich viele historische Tatsachen und dies auf eben jene lebendige Weise, welche Geschichtsbücher leider, wenn auch aus verständlichen Gründen (weil die lebenspendenden Details nicht sicher überliefert sind) vermissen lassen. Gerade zum Ende des Buches hin aber scheint es mir, als habe den Autor sich ein bisschen zu sehr bemüht, sein fleißig gesammeltes historisches Wissen zur Anwendung zu bringen, nichts davon ungenutzt zu lassen. Da hätte weniger Gründlichkeit dem Roman vielleicht gut getan. Verdorben aber ist nichts, und von dem üblichen Gewäsch – „… eine zauberhafte Erzählung, in der die Antipoden des Seins eine Symbiose eingehen“ (Main-Post Würzburg) oder, alternativ, „… es ist eine zauberhafte und einzigartige Erzählung, in der die Gegensätze des Seins sich verbinden“ (Echo), sollte man sich nicht abschrecken lassen. Der Sinn von Hettches „Pfaueninsel“ teilt sich dem Gemüt auch ohne literaturwissenschaftliche Anleitung mit.

Hettche_Pfaueninsel
Thomas Hettche
Pfaueninsel
Kiepenheuer & Witsch 2014
ISBN: 978-3-462-04599-4

Der Telegrafenberg im Südwesten Potsdams gehört zum Saarmunder Endmoränenbogen, und schon bei dem Wort „Endmoräne“ fühle ich mich in meine Schulzeit, in den Erdkundeunterricht zurückversetzt. Mit unserer Erde hat der Berg bis heute auch viel zu tun, denn dort befinden sich das Deutsche GeoForschungsZentrum, das Astrophysikalische Institut Potsdam, das Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung und das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Für mich war die Hauptattraktion der Einsteinturm, der zwischen 1919 und 1924 von dem Architekten Erich Mendelsohn in Zusammenarbeit mit Albert Einstein und dem Astronomen Erwin Finley Freundlich erbaut wurde und mich schon auf Fotografien durch seine Modernität beeindruckt hatte. Nun will ich über all das aber gar nicht schreiben, zumal mein unscharfes Foto vom Einsteinturm mit dem noch viel unschärferen, dafür aber viel kunstvolleren von Hiroshi Sugimoto sowieso nicht konkurrieren kann.

Einsteinturm

Foto: Christa Hartwig

Ich denke, dass diejenigen, die sich dafür interessieren, dem oben angebrachten Link folgen und sich dann durch die Links auf der Wikipedia-Seite klicken können. Mir geht es um den Berg, und wie er zu seinem Namen kam, den er im Jahr 1832 erhielt, als dort eine optische Telegrafenstation errichtet wurde. Mittels eines sechs Meter hohen Mastes, an dem ein Flügelpaar befestigt war, übermittelte man Zeichen, welche über 62 Stationen und eine Distanz von 550 Kilometern zwischen Berlin und Koblenz weitergegeben wurden. Erfunden hatte das System Claude Chappe während der Französischen Revolution, und 1794 war die erste Telegrafenlinie zwischen Paris und Lille in Betrieb genommen worden. Bei Sauverne im Elsass ist ein solcher Telegrafenturm noch erhalten.

Nach Einführung der elektrischen Telegrafie wurde Chappes System nicht mehr benötigt. Die Vorstellung allerdings beglückt mich noch heute regelrecht, was vielleicht mit den in der Kindheit gelesenen Geschichten von den Rauchzeichen der Indianer zu tun hat. Auch in der altgriechischen Geschichte ist die Übermittlung von Nachrichten durch Feuerzeichenketten bis ins Jahr 1184 v.Chr. belegt. Kriege verhindert hat diese beinahe vorsintflutliche Technik aber auch nicht – weder bei den alten Griechen, noch bei den Indianern oder Franzosen. Und so sind meine Überlegungen, ob wir es noch ein bisschen länger beim „Winken“ hätten bewenden lassen sollen, nichts als nostalgische Schwärmerei.

Trotzdem winke ich euch jetzt mal zu -… ganz friedlich.

Chappe-Code