Gefunden


„„Ist Dir schon mal aufgefallen, dass jeder Name eine besondere Farbe hat?““ fragte meine Großtante Hedwig.
Ich war nicht sicher, worauf sie hinaus wollte. Wenn man etwa zehn Jahre alt ist, weiß man oft nicht, worauf Erwachsene hinaus wolle.
Sie erklärte es: „„An welche Farbe denkst du bei deinem Namen? Welche Farbe hat der Name Christa?““
„„Rot““, sagte ich -– nicht weil es meine Lieblingsfarbe war, sondern eher obwohl mir Rot zum Halse heraus hing, denn Rot war die Farbe, in die meine Mutter mich am liebsten kleidete.
„„Richtig! Es ist ganz zweifellos ein roter Name“!“ rief Tante Hedwig aus. „“Und Monika?““
„“Blau““, sagte ich, und wieder stimmte sie mir zu.
„„Und Gisela?““
„“Grün.““
Tante Hedwig war begeistert von meinen Namensfarberkennungsfähigkeiten.
„„Und Hedwig?““
Ich zögerte –- obwohl mir überraschenderweise auch hierzu sofort eine Farbe eingefallen war, aber diese Farbe hatte keinen guten Ruf. Sie stand für Neid. Es würde ihr nicht gefallen, einen gelben Namen zu haben. Dann aber sagte ich es trotzdem, und Tante Hedwig war keineswegs gekränkt. Auch sie fand, dass Hedwig ein gelber Name sei.

Aber was für ein Gelb ist dieses Hedwiggelb?

343 Namen des Gelb hat Heiner Nienhaus auf seiner Webseite gesammelt. Dabei sind Koronagelb (BMW), Schönbrunner Gelb, Cadmiumgelb und Optimalgelb noch gar nicht in der Liste enthalten. Das zuletzt Genannte existiert allerdings auch nur theoretisch – ebenso wie Prozessgelb, Pigmentgelb, printer’s yellow. Es beruht auf einem Farbmittel, das rotes und grünes Licht gleich stark reflektieren und alles Blau absorbieren soll, was in der Praxis aber nie der Fall ist. Das optimale Prozessgelb wird als deutlich grünstichig wahrgenommen. In Europa wird es als Eurogelb bezeichnet, da eine andere Standardisierung verwendet wird. Sie ist noch etwas grünstichiger. [Anm. d. Red.: Vielleicht brächte TTIP da eine Verbesserung.]

Indischgelb könnte Tierschützer auf die Barrikaden rufen, wäre dieser Naturfarbstoff, der über Jahrhunderte in der südasiatischen Malerei verwendet wurde, nicht schon zu Beginn 1929 aus Tierschutzgründen vom Markt genommen worden. –Echtes Indischgelb gewann man aus dem Harn indischer Kühe, denen man wenig zu trinken gab, während man sie gleichzeitig mit Mangobaumblättern fütterte. Die dadurch verursachten pathologischen Stoffwechselprozesse und der Nährstoffmangel führten dazu, dass die Tiere einen intensiv gefärbten Urin ausschieden. Dieser wurde durch Erhitzen weiter konzentriert, bis sich der gelbe Farbstoff abschied. In den Handel gelangte das Indischgelb dann in Form großer Kugeln, den sogenannten Piuri. Die Ausbeute betrug etwa 50 Gramm Piuri pro Tag und Kuh.

Neapelgelb , auch Antimongelb genannt, löste seit dem 17. -– 18. Jahrhundert das bis dahin in der Tafelmalerei typische Bleizinngelb ab. Die historischen Namen Luteolum neapolitanum oder Giallorino weisen auf den italienisch-neapolitanischen Ursprung hin.

Warme Gelbtöne werden als Goldgelb oder Goldfarben bezeichnet, und oft veranschaulicht durch Trivialnamen wie Sonnen- oder Sonnenblumengelb, Narzissengelb, Rapsgelb oder Dottergelb, oder man benennt sie nach Substanzen, aus denen der Farbstoff gewonnen wird, wie z.B. Kadmiumgelb und Safrangelb. Zu den warmen Gelbs zählen auch das Signal- oder Verkehrsgelb (RAL 1023) sowie das Postgelb.

Die Thurn und Taxis bedienten sich der Reichsfarben Gelb und Schwarz, um ihre Posthalter zu uniformieren: gelbe Jacke mit schwarzen Aufschlägen. Die Post der Thurn und Taxis war so mit den Insignien des Reiches ausgestattet und jedem als kaiserliche Kurierpost erkenntlich. Im Laufe der Postgeschichte kamen dann alle möglichen (Landes-)Farben ins Spiel, die Fuhrwerke der Post jedoch – und später die der Eisenbahnpostwaggons und Kraftfahrzeuge – trugen meist die Farbe Gelb. Der Grund dürfte in der Signalwirkung gelegen haben. Erst 1946 beschloss der Alliierte Kontrollrat die Einführung der Farbe Gelb als einheitliche Farbe für die gesamte „Institution Post“ in Deutschland. Übrigens ist die korrekte Farbbezeichnung für das deutsche Postgelb Ginstergelb (RAL 1032).

Alle Gelbtöne auf der kühlen Seite von Neutralgelb, vom Zitronengelb, über das Schwefelgelb bis hin zum Grüngelb, müssen durch Kombinationen von gelben und grünen oder blauen Farbstoffen „ermischt“ werden.

Ein Gelb das bisher unerwähnt blieb, ist das Sandelholzgelb. Ich habe es mir bis zum Schluss aufgehoben, weil es zu diesem Gelb etwas Neues zu berichten gibt. Wer Sandelholz oberflächlich kennt, wird einwenden, dass es sich dabei um ein rötliches Holz bzw. um eine rötliche Substanz handelt, aber es enthält eben nicht nur rote Farbstoffe. Ich zitiere aus der Pressemitteilung der Ludwig-Maximilians-Universität München:

Die charakteristische rote Farbe des kostbaren Holzes beruht auf komplexen sekundären Pflanzenstoffen, vor allem sogenannten Santalinen und Santarubinen. Aber nicht alle Santaline aus diesem Baum sind rot: „Sein Holz enthält auch gelbes Santalin Y, das zwar nur in geringen Mengen extrahiert werden kann, aber für uns sehr interessant ist, weil es eine viel komplexere Struktur hat als die roten Farbstoffe“, sagt Dirk Trauner, Professor für Chemische Biologie und Genetik vom Department Chemie der LMU. Trauner stellte nun mit seinem Team biomimetisch die natürliche Santalin Y-Produktion im Labor nach und erzeugte synthetisches Santalin Y, das vom Naturprodukt nicht zu unterscheiden ist. „Dabei haben wir entdeckt, dass die Biosynthese von Santalin Y auf einem komplett neuen chemischen Reaktionsweg beruht“, sagt Trauner.

Santalin Y hat eine sehr ungewöhnliche sogenannte Fenestran-Struktur, die in dieser Form noch bei keinem anderen Naturstoff gefunden wurde. „Fenestran kommt von Fenster: Charakteristisch für diese Struktur ist ein Zusammenschluss von vier Ringen, der wie eine Art vierteiliges Sprossenfenster aussieht“, erklärt Trauner, „im `Fensterkreuz` sitzt dabei ein zentrales Kohlenstoff-Atom das sich alle vier Ringe teilen.“ Das gesamte Molekül kommt in zwei unterschiedlichen räumlichen Anordnungen vor, die zueinander spiegelbildlich sind, auch das ist für einen Naturstoff ungewöhnlich.

Es ist also nicht nur ein neues Gelb, das einem der bereits bekannten Gelbs zum Verwechseln ähnlich ist, sondern man darf sich mikroskopisch kleine Sonnenfenster in einem Spiegelsaal vorstellen.

Nun wissen wir aber immer noch nicht, was für ein Gelb Hedwiggelb ist. Ich vermute aber, es ist von einem Smiley-Gelb kaum zu unterscheiden.

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Dass Engländer viel und gerne über das Wetter reden, ist keine aus der Luft gegriffene Behauptung. Auch wenn ich einmal zusammen mit zwei Engländerinnen zu einer Geselligkeit eingeladen war und, da ich den beiden Damen gegenüber saß, mich davon überzeugen konnte, dass sie die ganze Zeit nichts anderes austauschten als Celebrity Gossip, so ist inzwischen doch statistisch erwiesen, dass Engländer sechs Monate ihres Lebens damit zubringen, über das Wetter zu sprechen. Wahrscheinlich wären es mehr als sechs Monate, gälten Engländer nicht als eher wortkarg. Jedenfalls gehört „wortkarg“ zu den acht computergenerierten Adjektiven, die in der Verbindung mit dem Wort „Engländer“ am häufigsten vorkommen. Abgesehen von wortkarg, sind sie noch smart, betrunken, siegreich, schnuckelig und reich, am häufigsten allerdings jung und gebürtig. Na, gebürtig sind wir alle, auch wenn wir nicht alle Engländer sind. Das zählt also nicht. Aber ich wollte ja über das Wetter schreiben. Darauf gebracht hat mich KleineK mit ihrer Auflistung verschiedener Wetterbeobachtungen.

Wohl weil ich gerade Daniel Kehlmanns „“Die Vermessung der Welt““ gelesen habe, brachte mich das Wetter sofort auf Barometer. Mit einem Barometer hatte Humboldt die Höhe über dem Meeresspiegel bestimmt. Mir aber fällt dabei auch das Barometer ein, dass in meiner Kindheit in unserem Esszimmer hing, ein Jugendstil-Wandbarometer mit Thermometer, nicht unähnlich dem, von dem es bei Wikipedia ein Foto gibt. Und so, wie ich heute an das Barometer erinnert werde, erinnerte mich damals dieses Barometer immer an Nesthäkchen. Gleich im ersten Band „Nesthäkchen und ihre Puppen“ nahm die kleine Annemarie das Barometer ihres Vaters von der Wand und ließ es zu Boden fallen, weil sie gehört hatte, dass das Wetter schlecht wird, wenn das Barometer fällt, und sie wollte doch so gerne den großen Hausputz miterleben, statt mit dem Kindermädchen spazieren gehen zu müssen. Das konnte ich sehr gut nachvollziehen – damals. Heute ziehe ich den Spaziergang vor. Aber auch damals wusste ich schon, dass das Wetter von einem heruntergeworfenen Barometer völlig unbeeindruckt bleibt, und dass mit dem Fallen des Barometers etwas anderes gemeint war. Ich wäre also auch ohne Else Urys Belehrung nicht auf die Idee gekommen, unser Barometer runterzuschmeißen. Vielmehr hätte ich es heute gerne noch. Immer wieder einmal spähe ich in die Schaufenster von Antik-Läden und auf die Tische von Trödlern, und sollte ich ein Wandbarometer entdeckten, dass unserem alten gleicht, würde ich es kaufen – vorausgesetzt, es darf überhaupt verkauft werden. „Seit 2009 ist die Herstellung und der Verkauf von Quecksilberbarometern sowie andren Messgeräten, welche Quecksilber in leicht zerbrechlichen Behältnissen enthalten, in Deutschland, als Umsetzung einer EU-Verordnung, verboten“, so las ich es heute bei Wikipedia. Nach der guten alten Glühbirne nun auch noch das gute alte Quecksilberthermometer? Spinnen die denn da in Brüssel? Während welches von den Medien gehypten Skandals haben die das denn beschlossen, ohne dass ich es mitbekommen habe?

Mein kleiner Trost in Form von Erheiterung des heutigen Morgens war bei Wikipedia die Bildbeschreibung zu dem oben erwähnten Barometer. „mura barometro de la secesia arta epoko komence de la 20-a jarcento (supre aldona termometro” steht da. Das ist Esperanto, und man versteht es tatsächlich, wenn einem die Basics romanischer Sprachen nicht ganz fremd sind. Nicht, wie üblich, eine englische Übersetzung. Vielleicht geht dem Verfasser das dauernde Gerede der Engländer über das Wetter auf den Geist. Inzwischen finde ich, das Wetter ist gar kein schlechtes Thema, denn man kommt darüber nicht nur von Bar auf Millibar. Eine Tour d’Horizon drängt sich regelrecht auf. Ich könnte ewig weiterschreiben…

Es gibt immer wieder neue Methoden, sich das Rauchen abzugewöhnen.

Vibskov-Hut aus Streichhölzern

www.henrikvibskov.com

Entdeckt habe ich diese Creation bei booooooom. Einen Bericht mit Fotostrecke über den dänischen Modedesigner, Installationskünstler und, und, und… Hendrik Vibskov titelte ZEIT ONLINE im April dieses Jahres mit: „Ein wahnsinniges Talent“.

… …kann einen dazu bringen, dass man sich wünscht, winzig klein zu sein, um seine Bonsai-Welten wirklich besuchen zu können.

Adventures_of_the_Eyes

Takanori Aiba sagt dazu:

Alle meine Werke entstehen aus meinen außergewöhnlich fantastischen und manchmal sogar chemischen Vorstellungen heraus, die allerdings keine Wunschträume sind. Tatsächlich glauben viele Menschen, dass es sich um wirkliche Gebäude und Räume handelt, weil ich nicht nur die Gesamtansicht und diese von verschiedenen Seiten zeige, sondern auch all die fein herausgearbeiteten Details jedes Werkes, bis in die Innenräume hinein. Mein Blick umkreist das imaginäre Bauwerk, und schweift manchmal absichtlich zwischen den Gebäuden in den Raum. Ich sehe sie mit den Augen der Vögel oder des Windes. Der Ursprung dieser Schöpfungen sind meine ersten Erfahrungen mit der Kultivierung von Bonsai und dem Zeichnen von Labyrinthen. Bei Letzterem nutzt man die Vogelperspektive für das Diagramm, welches ein Labyrinth von oben (die Makro-Ansicht) zeigt, während für Ersteres die kleinsten Details (die Mikro-Ansicht) entscheidend sind. Wenn Sie meine Werke bis ins Kleinste erforschen, werden Sie erstaunliche Geschichten und einige einzigartige Wesen finden. Die frühen Bonsai-Art-Modelle haben große Ähnlichkeit mit den kunstvollen Bonsai-Bäumen. Bonsai spiegelt die traditionelle japanische Ästhetik, die Herrlichkeit der Natur in einer kleinen Topfpflanze zum Ausdruck zu bringen. Allerdings umfassen die Dichte der Dekoration und die Fülle von Geschichten in meinen Werken außergewöhnlichen Zeiten und Räume, die von der durch die Physiologie der Pflanzen bestimmten Bonsai-Welt abweichen.

Mit fallenden Temperaturen wünscht sich mancher, er wäre nicht so ein Weichei, sondern abgehärtet, um dem Winter zu trotzen. Es lässt sich nicht leugnen, dass zentralgeheizte Räume, wohlig warme Autos und Thermobekleidung das Leben zwar angenehmer machen, man von Jahr zu Jahr aber mehr davon wünscht. Ja, bisweilen ertappe ich mich bei dem ketzerischen Gedanken, ob es nicht doch zeitgemäß wäre, auf einer Art Tropical Island oder in so etwas wie der Mall of America zu leben. Gut für unser Klima wäre das zwar nicht, aber das wäre dann ja draußen und man selbst drin. – Ja, ja, ich weiß, das sind ganz böse Gedanken. Und so erfüllte mich denn auch tiefe Reue, als ich gestern in dem jüngst von mir mit Entzücken entdeckten Damen Conversations Lexikon (1834) den Eintrag zu „Abhärtung“ las.

Seite aus  Seite aus  Seite aus  Seite aus

Von Abhärtung hielt man vor knapp 200 Jahren offenbar sehr viel, sind der Begriffserklärung doch ganze drei Seiten im Lexikon gewidmet, während der Eintrag über Aachen auf eine halbe Seite passt, auf der man nicht viel mehr erfährt, als dass hier Karl der Große geboren wurde und starb, und vor allem die Bäder Aachen zum Zielpunkt vieler Reisender machen. – Soso. Aha. Haben die da ein Tropical Island?

Beim Thema Abhärtung jedoch geht das Conversations Lexikon ordentlich zur Sache. „Der cultivirte, in verfeinerten Genüssen schwelgende und mit zu ängstlicher Sorgfalt erzogene Mensch aber ist nur durch geistige Kraft im Stande, die Vorurtheile zu besiegen, welche eine übertriebene Zärtlichkeit tief in das Gemüth des Kindes pflanzte“, lese ich. Dass es „eine der schwierigsten Aufgaben [ist], Menschen, die in Wolle sich kleiden und mit warmem Wasser waschen, an kühlere Bekleidung und kaltes Wasser zu gewöhnen“, glaube ich sofort. Denkbar auch, dass so manches Männerherz schon damals höher schlug bei Vorstellungen wie diesen: „Die griechischen Jungfrauen übten sich im Wettlauf, und die spartanischen schliefen unbekleidet auf bloßen Binsen bei kalter Witterung; Frauen und Mädchen kämpften in der Vorzeit gleich ihren Männern und Vätern, und das Weib germanischen Stammes war im Kampfgewühle an der Seite des Gatten, ihm das tödtende Geschoß, den stärkenden Trank und ärztliche Hilfe zu reichen. Die Göttinnen der Alten sind alle kräftige Frauen, und Nordlands Walküren vergötterte Heldenmädchen.“ Überhaupt scheint dem Verfasser an der Abhärtung der Frauen besonders gelegen zu sein. „Welche traurige Existenz, von jedem Lüftchen Reißen, von jeder Speise Magendrücken, von jedem Geruch Kopfschmerz, nach jeder Aufregung Ohnmachten und Krämpfe zu bekommen! Welcher Verlust, wenn statt des mannlichen Weibes mit schwellenden Gliedern, glanzerfüllten Augen, blühenden Wangen und üppigem Haar, ein schwankendes Wesen mit gelblich bleicher Farbe, ohne Glanz im Auge und ohne Rundung des Körpers vor uns erscheint als Meisterstück der Schöpfung, dessen Anblick die Kunst der Mode nur erträglich macht. Daran ist bloß der Mangel an Abhärtung schuld.“ Das liest sich, als hätte es schon vor 200 Jahren magersüchtige Models gegeben und Frauen, die verzweifelt versuchten, diese Klamotten zu tragen. Aber „Kampfgewühle“ ist ja auch nicht unbedingt erstrebenswert. Diese verblödeten Masse, die hundert Jahre nach Erscheinen des Lexikons auf die Frage: „Wollt ihr den totalen Krieg?“ mit Jubel reagierte, hatte vielleicht zu viel an Walküren gedacht. Mit einer Versammlung von Weicheiern wäre das nicht passiert, denn Weicheier machen sich dann Sorgen um das gläserne Dach über der Tropeninsel. Fragt sich, ob man mit Fitness-Studios das Problem löst, es zum abgehärteten Weichei zu bringen. Wie überschaubar war doch die Welt, als Aachen 2000 Häuser und 36,000 Einwohner hatte, 83 Fabrikgebäude, davon 36 Tuchmanufakturen und 14 Nadelfabriken.

Was man sonst damals noch wissen und glauben musste, um gesellschaftsfähig über das Leben zu schwadronieren, kann bei www.zeno.org nachgeschlagen werden.

So schön kann Werbung sein, und so wird sie gemacht:

Nachdem wir wissen, wie stark Johann Wolfgang von Goethe der Philosophie Spinozas zuneigte, zu dessen wichtigsten Theoremen die „amor Dei intellektualis“ zählte, uns zugleich aber nicht nur der mannigfaltigen Thematisierung der Liebe in Johann Wolfgang von Goethes Werk, sondern auch der Lieben, die seine Biographie bis ins hohe Alter durchzogen, bewusst sind, erhebt sich die berechtigte Frage, was dem großen Dichter die Abgeklärtheit Spinozas denn genützt hat.

Der deutsche Philosoph und Soziologe Georg Simmel (1858-1918), dessen Aufsätze und Vorträge so aufsehenerregend waren, dass sie noch heute Hörsäle füllen würden und ihm eine große und interessierte Lesergemeinde einbrächten, hat von der Philosophie des Geldes über die der Mode und die Migrationssoziologie bis hin zum Konflikt der modernen Kultur kaum ein zu seiner Zeit vorhersehbares Problem ausgelassen, das uns nicht auch heute noch beschäftigt. Auch Goethe und sein Umgang mit der Liebe waren ein Gegenstand seiner Betrachtungen.

Mehr als einmal habe ich von geistig durchgebildeten und banaler Prüderie ganz fernen Persönlichkeiten die Rolle bedauern hören, die das erotische Element in Goethes Leben gespielt hätte.

Nicht eigentlich in dem Sinn einer moralischen Bedenklichkeit, sondern nur so, als wäre damit das Gleichgewicht dieses Lebens, wie seine zentrale Idee es bestimmen müsste, durch ein übertriebenes Maß erotischen Interessiertseins und Erlebens gestört.

Unleugbar äußert sich darin der Instinkt für die Gefahr, die jedem im großen Stile einheitlichen und produktiven Leben von den erotischen Mächten her droht.

Denn entweder verweben sich die Sehnsüchte und Erfüllungen dieses Gebietes in den innersten Verlauf des Lebens – dann kommen diesen letzteren fast unvermeidlich Störungen, Ablenkungen, Depressionen; und zwar vor allem durch den tiefen inneren Formgegensatz: dass die Liebe ein rastloser Prozess ist, eine pulsierende Dynamik des Lebens, ein Hineingerissensein in die kontinuierliche Strömung der Gattungserhaltung – während das geistige Dasein auf dem in irgend einem Sinne Zeitlosen steht, auf den Inhalten des Lebensprozesses, nicht auf dem Prozess selbst.

Oder, man differenziert von den übrigen Lebensgebieten das Erotische als eine besondere Provinz, in die sich begebend man gewissermaßen „ein anderer Mensch“ ist.

Damit sind zwar jene Hemmungen und Alterationen beseitigt, aber die Lebenstotalität ist zu einem harten Dualismus verurteilt, der Wechseltausch aller Kräfte, in dem ihre Einheit besteht, ist zerschnitten und wenigstens zum Teil sterilisiert.

Dies alles aber ist ersichtlich bei Goethe nicht eingetroffen.

Weder der Größe seines Werkes, noch der Unvergleichlichkeit seines Lebens als ganzen gegenüber, kann die Kritik jener Bedenklichen Fuß fassen.

Das Problem für den Aufbau des Bildes von Goethe liegt also gerade darin: wie kommt es, dass an ihm jene Folgen eben nicht aufgetreten sind? Und die Antwort hierauf allerdings ist nur von der fundamentalen Schicht des Goetheschen Lebens überhaupt her zu gewinnen.

Die Wesensformel, die an Goethe ihre reinste und stärkste historische Verwirklichung findet, ist die: dass ein Leben, ganz dem eigenen Gesetz gehorchend, wie in einheitlich naturhaftem Triebe sich entwickelnd, eben damit dem Gesetz der Dinge entspricht, d. h. dass seine Erkenntnisse und Werke, reine Ausdrücke jener innerlichen, aus sich selbst wachsenden Notwendigkeit, doch wie von den Forderungen des Objekts und denen der Idee her gebildet sind.

Er hat jeden eigengesetzlichen Sachgehalt durch die Tatsache, dass er ihn erlebte, so von innen her geformt, als wäre er aus der Einheit dieses Lebens selbst geboren.

Gemäß diesem Gesamtsinn seiner Existenz scheinen sich auch deren erotische Inhalte zu entwickeln.

Auch diese – wie sie sich in seinen Briefen und vertrauten Äußerungen, in Dichtung und Wahrheit und seiner Lyrik darstellen – treten auf, als wären sie von seinem Inneren und dessen Entwicklungsnotwendigkeiten bestimmt, wie sich eine Blüte an den Zweig ansetzt, in dem Augenblick und in der Form, wie dessen eigenste Triebkraft es erfordert und entwickelt.

Nirgends, selbst in so extremen Fällen, wie in der Leidenschaft für Lotte und für Ulrike von Levetzow, spüren wir jenes Preisgegebensein, das dem erotischen Erlebnis das Symbol des Liebestranks verschafft hat und oft den Gefühlston, als wäre es viel eher etwas, das mit uns oder an uns vorgeht, als eine Äußerung eines sich selbst gehörenden Lebens.

Wir hören, dass er mit all seinen sinnlichen Hingerissenheiten doch immer Herr seiner selbst geblieben ist.

aus Georg Simmel: Goethes Liebe, Frankfurter Zeitung und Handelsblatt, 56. Jg., Nr. 200, Sonntag, 21. Juli 1912, 1. Morgenblatt, S. 1-3 (Frankfurt a. M.)
Der gesamte Wortlauf kann hier nachgelesen werden.

Wer an der Liebe zerbricht, zerbricht nicht eigentlich an der Liebe, sondern an dem Bestreben, seine Liebe dem/der Geliebten zu übereignen, was immer wieder zu Klagen über den lieblosen Umgang mit der anvertrauten Kostbarkeit führt.

Die Liebe gehört jedoch stets demjenigen, der liebt – solange er liebt. Und genauso lange ist er auch für sie verantwortlich.

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