Gedanken


Marseille,  „Alte Charité“, Innenhof mit Arkaden und Olivenbäumen
Marseille, „Alte Charité“, Innenhof mit Arkaden und Olivenbäumen
Foto: Philippe Alès

Immer wieder wird dem Menschen – besonders dem jungen – empfohlen, sich ein gutes Vorbild zu suchen, dem nachzueifern sich lohnt. Dann aber kommt es vor, dass der Mensch – besonders der ältere – feststellen muss, dass sein Vorbild für ihn unerreichbar geblieben, im schlimmsten Fall sogar zur Ursache lebenslanger Unzufriedenheit geworden ist.

Besser und ungemein befriedigender ist es, ein gutes Vorbild zu sein – für Menschen, die ebenfalls gute Vorbilder sein möchten.

So entsteht das Bild einer Menschenkette, von denen jeder einzelne den ihm nachfolgenden voran zieht – an Stelle einer Horde, die sich müht, einem Davoneilenden zu folgen, der davon kaum etwas bemerkt, ist er doch selbst in Nöten, ein fernes Idol einzuholen.

Für jeden erfüllten Wunsch stirbt ein Traum.

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Nun gut, das gilt vor allem für große Wünsche. Ein wirklich guter Cappuccino bleibt ein wirklich guter Cappuccino, auch nachdem man ihn getrunken hat.

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Edward Hopper: Notre Dame, No. 2, 1907

Edward Hopper: Notre Dame, No. 2, 1907

Obwohl ich von der mir verordneten Frist wusste, spürte ich, wie mir meine Uhr Zeit versprach, Zeit zu bleiben, während die Bus- und Reisegruppentouristen weniger Zeit hatten als ich, so dass ich mich nicht wundern musste, wie sie von der Würde des Sehens nichts übrig ließen als eine beliebige Sehenswürdigkeit, wie sie durch das Portal drängten, um am Altar ihr Sehen zu opfern. Ich blieb draußen mit meinen an der Kirche fest gehängten Blicken. Ich fragte mich, warum ich gerade sie zu meiner Mitte bestimmte, warum nicht Napoleons Bogen triumphierte oder Eiffels Turm, die mir als Ungläubigem in ihrer Weltlichkeit viel näher sein müssten. Dabei empfand ich es nicht einmal als besonders trostreich, um die Geschichte von Esmeralda und dem Glöckner zu wissen, weil angesichts der Wirklichkeit alles angelesene Wissen verblasste und in Frage gestellt war. Jede vergangene Lektüre, jeder gesehene Film hatten bisher Teil daran, mir Weltläufigkeit weiszumachen, aber in die Welt laufen ließen sie mich nicht.

aus „Paris geschenkt“ von Michael Wüstefeld

Ein Amerikaner (Hopper) in Paris und ein Dresdener (Wüstefeld) in Paris. Ich lese immer noch das Buch – ohne viel weiter gekommen zu sein. Und ich bin noch viel immernöcher mit Hopper beschäftigt. Dass man ein „geschenktes“ Paris nur durch langsamen Lesegenuss richtig würdigt, wäre eine faule Ausrede. Tatsächlich bin ich auch nicht faul. Ein Klick auf das Notre-Dame-Bild des Amerikaners offenbart dem Kenner des Blogs „Edward Hopper – The Man ’s the Work“, dass ich bei der Neubearbeitung für den Blogumzug zu WordPress Bilder einbaue, die dem Betrachter erlauben „ganz dicht heranzutreten“, mit eigenen Augen zu sehen, wie aus dem beinahe grobschlächtigen Gepinsel aus einigen (digitalen) Schritten Entfernung ein lebendiges, eindrückliches Bild wird (und umgekehrt). Ich muss gestehen, ich genieße die Beschäftigung mit den Hunderten von Bildern „in splendid solitude“ durchaus. Und zwischendurch gibt es ja Familienleben und Spaziergänge, kommt ein ungestümer Urenkel mit vorgestrecktem Blumenstrauß auf mich zu gelaufen (leider ohne Bild, da man bei der Begrüßung seiner Besucher nicht unbedingt den Fotoapparat im Anschlag hat), oder plaudere ich mit Tochter #2 im Café, während Clara (nur schon einen Monat alt) in der Sonne schläft.

Annabel und Clara, 10. Oktober 2015

Über einen Kinderwagen hinweg betrachtet, ist die Welt noch dieselbe, der Blick jedoch ein anderer.

Bild oben:
Edward Hopper
Notre Dame, No. 2, 1907
Öl auf Leinwand, 59,7 x 73 cm
Whitney Museum of American Art, New York; Josephine N. Hopper Bequest
Accession Number 70.1222

Bild unten: Privatfoto

Seit Freitag suche ich nach einem wissenschaftlich fundierten Artikel über die „angeborene Sternenkarte“ der Wildgänse –- seit ich in den Nachrichten immer wieder hörte, dass in der nebligen Nacht von Donnerstag auf Freitag unzählige Wildgänse in Brandenburg notgelandet waren, viele davon auf Autobahnen, deren Lichter in der dicken Suppe die einzige Orientierung waren, die ihnen noch blieb. Inzwischen weiß man, dass über 100 von ihnen dabei ums Leben kamen, zahllose andere wurden verletzt oder verletzten sich bei der Landung selbst.

Die Nachricht schlug mir mehr aufs Gemüt als die beunruhigenden Meldungen aus dem Nahen Osten. Es war einer von den Tagen, an denen die Luftfeuchtigkeit die arthrosebedingte Entzündung in meinen Hüften zu Höchstform auflaufen lässt, einer der Tage, an denen ich ausgesprochen ungnädig werde und schon die Erwähnung von Waffen genügt, mich denken zu lassen: Bringt euch doch alle um, ihr Idioten! Die Wildgänse dagegen …… Eine echte Tragödie, die nichts mit Dummheit, Geldgier und Machthunger, nichts mit religiösem Fanatismus oder sonstiger Rechthaberei zu tun hatte.

Es gibt kaum einen Anblick in der Natur, bei dem mir das Herz weiter aufgeht, als bei einem Zug von Wildgänsen. Auf der Seite des NABU Schleswig-Holstein schreibt Uwe Helbing: „Wer den Keil der Gänse am Himmel sieht oder ihre Rufe hört, der fühlt, dass sie noch einen weiten Weg vor sich haben und einen ebenso langen hinter sich.“ Vielleicht ist es ja das, was mich so berührt – die hohe symbolische Kraft dieses Bildes.

Der Präsident des Landesumweltamtes Brandenburg, Matthias Freude, gab am Freitag ein Interview im Deutschlandfunk und sagte, er habe schon am Vorabend, als er in der Uckermark unterwegs war, über sich in der Luft das aufgeregte Schnattern der Gänse gehört, die versuchten, untereinander Kontakt zu halten. Gefragt von der Moderatorin, ob die Gänse sich nicht am Erdmagnetfeld orientierten, der Nebel ihnen also nichts ausmachen dürfte, erklärte er, dass sie sich tagsüber hauptsächlich an Landmarken und dem Sonnenstand orientierten, nachts an einer „angeborenen Sternenkarte“. Und seither wüsste ich eben gerne mehr über diese angeborene Sternenkarte. Wie lange braucht es, bis ein Verhalten genetisch wird?

Ich könnte die Frage auch anders stellen: Über wie viele Jahrtausende müsste der Mensch seinen festen Willen in den Frieden setzen und danach handeln, um genetisch friedfertig zu werden?

Obwohl es sicherlich ein hübsches, gut gebautes Exemplar seiner Gattung war, handelte es sich gleichwohl um ein völlig normales Pferd, wie es eine konvergente Entwicklung an vielen Orten hervorgebracht hat, an denen es Leben gibt. Pferde haben immer sehr viel mehr kapiert, als sie sich anmerken ließen. Es ist kaum möglich, tagaus, tagein von irgendeinem anderen Geschöpf geritten zu werden, ohne sich eine Meinung darüber zu bilden.

Andererseits ist es durchaus möglich, tagaus, tagein auf einem anderen Geschöpf zu sitzen, ohne sich auch nur den leisesten Gedanken darüber zu machen.

aus: Douglas Adams „Dirk Gently’s Holistische Detektei“

Und lässt dies nun Schlüsse zu auf die ewigen Missverständnisse zwischen denen „da oben“ und uns „hier unten“? – Ich fürchte, ja.

Führt man eine Geschichte -– und sei sie noch so bedeutend –- auf ihren Ursprung zurück, entsteht der Eindruck, dass es sich bei diesem Ursprung stets um einen zunächst scheinbar unbedeutenden Zufall handelt. Andererseits: Wer sagt denn, dass etwas Bedeutsames, womöglich Gigantisches, unter Umständen sogar Monströses und darüber hinaus völlig Absurdes (wie z.B. das Internet) nicht einem Plan folgen und entstehen muss, um einen ganz bestimmten, scheinbar unbedeutenden „Zufall“ zu ermöglichen?

Heute hat mein Chef mir erklärt, dass wir, also er und ich, der Schreibtisch, die Thermoskanne, der Computer, die Akten im Büro, …… auf der subatomaren Ebene überhaupt nicht voneinander getrennt sind. Alles eine Wolke.

So was muss man erst einmal verkraften.

Das Akzeptieren dieser Tatsache kann ja durchaus was wirklich Schönes sein, wenn es sich nicht gerade um den Chef und das Büro handelt.

Ich hoffe, mir fällt das mit der subatomaren Ebene im richtigen Moment wieder ein.

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