Für Kinder


Welches Kind hätte nicht gerne einen Zauberstift, einen, mit dem man die schönsten Bilder zeichnet, die tollsten Aufsätze komponiert, einen, der jedes Wort richtig schreibt, ……?

Den Stift, mit dem man keine Fehler mehr macht, hätte es wirklich beinahe gegeben. Beinahe – aber eben dann doch nicht.

Nicht weinen, ihr Kleinen! Die Chancen stehen gut, dass euch demnächst schon in jeder ordentlich geführten Krabbelgruppe Computer mit altersgerechter Software zur Verfügung stehen, und sobald ihr euer erstes Wort tippen könnt, hilft euch die Rechtschreibkorrektur Fehler zu vermeiden. Und bis ihr eingeschult seid, wird in der Schule sowieso nur noch am Computer geschrieben. Wer braucht da noch so einen albernen Stift, der vibriert, wenn …… Ja, wann sollte der eigentlich vibrieren? Wenn das falschgeschriebene Wort schon dasteht? Und dann muss man es durchstreichen? Wie sähe das denn aus? Davon, dass ein Tintenkiller eingebaut sein sollte, war keine Rede. Aber das ist ja jetzt auch egal, weil es den Stift gar nicht geben wird. Ärgerlich ist das eigentlich bloß für diejenigen, die bei dem Crowdfunding mitgemacht haben und ihr Geld nun nie zurückbekommen werden, weil der Falk Wolsky, den man in dem Video sehen konnte, mit seiner Firma VibeWrite pleite gegangen ist -– letztes Jahr im Dezember. So kurz vor Weihnachten! Da war der Falk Wolsky bestimmt auch traurig.

Aber er hat den Kopf nicht hängen lassen, sondern gleich was Neues ausprobiert. Er hat nämlich die Firma Curlybeans (lockige Bohnen oder so ähnlich) gegründet. Da erfindet er jetzt für andere Leute, das was die wollen, und die müssen natürlich dafür bezahlen, und so braucht der Falk Wolsky dann auch keine Crowd mehr, um Geld zu bekommen. Den Leuten, die von ihm was erfunden haben wollen, gibt er auch gleich ein paar gute Tipps, wie die Erfindung funktioniert und wie man sie am besten verkauft, denn aus der Pleite mit dem Zauberstift hat er hoffentlich was gelernt.

Um die Leute, die dem Falk Wolsky Geld für seinen Zauberstift gegeben haben, kümmert sich jetzt die Politik und macht ein neues Gesetz, denn die Politiker sollen ja auch immer ihre Hausaufgaben machen. Das heißt, das Gesetzt wird den Leuten leider auch nicht helfen, ihr Geld zurückzubekommen, aber wenn sie sich das nächste Mal mit einer Crowd zusammentun, um irgendwas zu finanzieren, dann sollen sie besser Bescheid darüber wissen, ob diese Erfindung denn überhaupt was taugt.

Darum lernt fleißig, liebe Kinder. Dann werdet Ihr vielleicht auch eines Tages Erfinder, oder ihr findet eben eine andere Methode, wie man den Leuten das Geld aus der Tasche zieht. Aber macht bloß nicht den Fehler, dass jetzt wörtlich zu nehmen, denn sonst kommt ihr ins Gefängnis, und das wäre noch viel blöder als ohne Zauberstift auskommen zu müssen.

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Gestern, besser gesagt, in der vergangenen Nacht, eher schon heute, sah ich ihn, von dem es an Silvester geheißen hatte, er würde an diesem Tag um Punkt Mitternacht genau in Süden stehen: Sirius, den wahrscheinlich nur Hundeliebhaber lieber Hundsstern nennen. Ich nenne ihn am liebsten Stern der Cherokee, jedenfalls seit ich Forrest Carters gleichnamigen Jugendroman gelesen habe.

Das Buch, das seiner Lebendigkeit und der gut recherchierten Fakten wegen oft fälschlich für eine Autobiografie gehalten wurde, erzählt die Geschichte des Indianerjungen Little Tree, der nach dem Tod seiner Eltern in den Dreißigerjahren des vorigen Jahrhunderts von seinen Großeltern aufgenommen wird. Sie leben fernab der sogenannten Zivilisation in den Wäldern. Der Großvater ist Farmer, Fischer, Jäger, Fallenstellen und hin und wieder auch Whiskybrenner. All dies bringt er Little Tree bei, doch von seinen Großeltern lernt der Junge auch das tiefe Verständnis und die Liebe zur Natur, sowie die Werte, an denen man sein Leben ausrichten muss, um auf dem „Pfad der Cherokee“ zu gehen. Eines Tages aber bricht die Zivilisation in diese Idylle ein. Auf Anordnung des Jugendamtes wird Little Tree in ein Internat gebracht und erfährt am eigenen Leibe die Vorurteile, die die Weißen gegenüber den Indianern hegen. Abend für Abend sucht er am Himmel den Stern der Cherokee, denn seine Großeltern haben ihm versprochen, dass auch sie zu diesem Stern schauen und an ihn denken werden. Und schließlich geht Little Trees sehnlichster Wunsch in Erfüllung. Dennoch nimmt die Geschichte einen etwas traurigen Ausgang. Eine glückliche Kindheit ist noch keine Garantie dafür, dass im Leben immer alles glatt läuft, aber sie gibt ein Rüstzeug, um Schwierigkeiten besser zu bewältigen, und ein bisschen gilt das auch für gute Kinder- und Jugendbücher.

Übrigens bin auch ich gestern nicht zum Vergnügen aufgeblieben, um mir den Sirius zu gönnen. Ich hatte Kreuzschmerzen, war lange zu faul, noch mal aus dem Bett zu kriechen und eine Tablette zu nehmen, und als ich es endlich doch tat, weil anders an Einschlafen nicht zu denken war, entdeckte ich hinter dem Küchenfenster diesen prachtvollen winterlichen Sternenhimmel. Den Sirius konnte ich nicht verpassen, auch wenn er nicht mehr genau im Süden stand, sondern etwas südwestlich, denn es war schon Viertel nach zwölf, und seit Silvester sind ein paar Tage vergangen. Sirius ist der hellste Stern am Januarhimmel und unterscheidet sich von seinen Kollegen dadurch, dass er auffällig funkelt und manchmal dabei die Farbe zu wechseln scheint. Er ist schon ein richtiges Prachtstück, dieser Stern der Cherokee, und so war ich meinem schmerzenden Rücken regelrecht dafür dankbar, dass er mich noch einmal aus dem Bett getrieben hatte.

Cover

Forrest Carter
Der Stern der Cherokee
Random House, 1998
Taschenbuch, 320 Seiten
ISBN: 978-3-570-20022-3

Einer der Gründe, warum ich mich hier zurzeit wenig blicken lasse, ist, dass ich in der letzten Woche an einer Schreibwerkstatt mit dem Kinderbuchautor Martin Klein teilgenommen habe -– nicht als Lernende, eher als jemand, der zusammen mit einer Lehrerin Martin Klein dabei unterstützt hat, dass es bei keinem der 15 Schülerinnen und Schüler aus einer 3. und einer 4. Klasse der Ersten Gemeinschaftsschule Berlin-Mitte eine Schreibblockaden gab. Die Kinder waren sehr fleißig und haben sich Geschichten ausgedacht und aufgeschrieben, und so haben sie es auch verdient, dass aus diesen Geschichten ein richtiges Buch wird, das sie noch vor Weihnachten mit nach Hause nehmen sollen. Damit, dieses Buch fertigzustellen, bin ich gerade ganz gut beschäftigt.

Gelernt habe ich selbst in der Schreibwerkstatt natürlich auch einiges, denn von Kindern kann man viel lernen und von Kinderbuchautoren auch. So hat mir Martin Klein zum Abschluss eines seiner Bücher geschenkt: „Der kleine Dings ist verliebt“. Ausnahmsweise stelle ich dieses Buch hier vor, indem ich seinen Schluss verrate:

Martin Klein: Der kleine Dings ist verliebt, Seite 38/39

Verliebt sein ist schön, aber Abendessen ist wichtig. Diese Erkenntnis kann man nicht früh genug gewinnen und sollte sie sein Leben lang nicht vergessen. Deshalb ist es auch nie zu früh (und nie zu spät) für gute Kinderbücher. Außerdem:… Dass ein Schnellkochtopf in Wahrheit ein Raumschiff ist, darauf hätte man eigentlich selbst kommen müssen, hätte es ohne die lustigen Zeichnungen von Kerstin Meyer aber vielleicht nicht einmal geahnt.

Weitere Bücher von Martin Klein:

Rita das Raubschaf
(geeignet ab 6 Jahre)

Rita das Raubschaf und der Ruf der Karibikwölfe
(geeignet ab 8 Jahre)

Jungsspaß und Mädchenpanik
(geeignet ab 8 Jahre)

Theo und der Flickenbär
(Lesestufe B ab 7 Jahre für Fortgeschrittene)

Theo und die Sandmannshow
(Lesestufe B ab 7 Jahre für Fortgeschrittene)

Lene und die Pappelplatztiger
(geeignet ab 8 Jahre)

… und besonders zu Weihnachten

Alle Jahre Widder
(geeignet ab 8 Jahre)

Für L.

Die kleine Geschichte, die ich erzählen will, hat sich vor zweitausend Jahren zugetragen, und weil es so lange her ist, weiß niemand, ob sie wirklich genau so passiert ist. Es spricht aber auch nichts dagegen. Ich jedenfalls glaube, dass es an jenem Winterabend, von dem ich erzählen will, in Nazareth, einer kleinen Stadt im Norden Israels, in einer Landschaft, die man Galiläa nennt, so oder ganz ähnlich zugegangen ist.

In meiner Geschichte geht es um einen Jungen. Er heißt Jeschua, und er war damals acht Jahre alt. Er hatte an diesem Tag Geburtstag, aber davon wusste er nichts. Damals feierten die Leute ihren Geburtstag nicht. Man zählte nur die Jahre. Und so war sein Geburtstag für Jeschua ein Tag wie jeder andere. Der Abend nahte schon, und Jeschua war bei seinem Vater in der Werkstatt. Jeschuas Vater hieß Joseph und war Zimmermann. Wenn Jeschua groß wäre, würde er auch Zimmermann werden. Damals wurden fast alle Söhne das, was ihre Väter waren. Deshalb schaute Jeschua seinem Vater gern bei der Arbeit zu.

***

Mit kräftigen, gleichmäßigen Bewegungen führt Joseph den Hobel über den Balken. Dann prüft er mit der anderen Hand, ob das Holz sich glatt anfühlt. Da ist noch eine Unebenheit, und Joseph setzt den Hobel erneut an. Den Balken will er am nächsten Tag über der Tür eines Hauses in der Nachbarschaft einsetzen. Jeschua steht neben der Werkbank. Schon seit einer halben Stunde schaut er seinem Vater zu, und während dieser ganzen Zeit hat Joseph kein Wort gesprochen. Daran ist Jeschua gewöhnt. Joseph spricht selten bei der Arbeit, nie während der Mahlzeiten, und überhaupt redet er wenig. Man hört nur das Geräusch des Hobels und das Rascheln der Hobelspäne auf dem Boden, wenn Joseph an der Werkbank einen Schritt vor und einen wieder zurück macht. Das einzige, was man sonst noch hin und wieder hört, ist Gagalinas leises Gegacker.

Gagalina ist eine schneeweiße Henne. Sie scheint ein ganz normales Huhn zu sein, nur besonders zutraulich vielleicht, aber aus einem unerfindlichen Grund können die anderen Hühner Gagalina nicht leiden. Sie hacken nach ihr, wenn sie in ihre Nähe kommt, und wenn Jeschuas Mutter ihnen Futter hinstreut, und Gagalina auch Körner aufpicken möchte, jagen sie sie fort. Als Mirjam, Jeschuas Mutter dies mehrmals beobachtet hatte, sagte sie: „Wir werden dieses weiße Huhn schlachten müssen, sonst hat es ein jammervolles Leben und leidet unnötig. Jeschua aber mochte die weiße Henne besonders gern, und so fragte er, ob Gagalina nicht einen Stall für sich alleine bekommen könne, wo sie vor den anderen Hühnern ihre Ruhe hätte. Er bat seinen Vater, ihm zu helfen, für Gagalina einen kleinen Stall in der Werkstatt zu bauen. Da wäre sie nicht so allein, weil Joseph dort arbeitet, und Jeschua ihm und Gagalina oft Gesellschaft leisten würde. Jeschua bat so lange, bis seine Mutter schließlich von dem Vorhaben abließ, das Huhn zu schlachten, und sein Vater einwilligte, ihm beim Bau eines Stalles zu helfen. Nun, genaugenommen, war es eher Joseph, der den Stall baute, und Jeschua, der dabei half. Seitdem wohnt das Huhn Gagalina in der Werkstatt.
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Das Sternbild Großer Bär aus dem Sternatlas von Johann Elert Bode von 1782

Das Sternbild Großer Bär aus dem Sternatlas von Johann Elert Bode von 1782

 

Der Große Bär
Nach einer Inspiration durch Trithemius

Dies ist die Geschichte der Bärenkinder Schmuddel und Schmatz. Sie lebten mit ihrer Mutter in einem Wald, der so groß war, dass sie das Ende des Waldes noch nie gesehen hatten. Aber weil ein Wald ein guter Ort für Bären ist, störte es sie nicht, nichts Anderes als den Wald zu kennen.

Schmuddel war von seiner Mutter Schmuddel genannt worden, weil er neugierig in jedes Erdloch kroch, in dass er nur irgendwie hinein passte, und dann mit seinem Pelz ganz voller Erde und Wurzelreste – schmuddelig eben – wieder zum Vorschein kam. Schmatz hatte seinen Namen erhalten, weil… Na, warum wohl? Natürlich weil er beim Essen lauter schmatzte als seine Mutter und sein Bruder. Die Mutter störte weder Schmuddels Schmuddelei noch Schmatz‘ Schmatzen. Sie liebte ihre Kinder, behütete sie und brachte ihnen alles bei, was ein Bär lernen muss. Sie zeigte ihnen die Stellen am Fluss, wo man auf Felsen ein Stück in das strömende Wasser hinaus laufen konnte, um dann die dicksten Fische zu fangen. Sie zeigte ihnen auch, wo die Bienen ihren Honig verstecken, und dass sie die süße Köstlichkeit nicht freiwillig hergeben, sondern stechen. Sie lernten, welche Pflanzen und Früchte ein Bär essen kann, und wie man sich den juckenden Rücken an einem Baum kratzt. Sie warnte sie vor den Tieren, vor denen auch ein Bär sich hüten sollte, zum Beispiel den Stachelschweinen. Und wenn sie nicht hören wollten, mussten sie fühlen.

Schmuddel und Schmatz führten ein wunderbares Leben mit ihrer Mutter. Wenn es heiß war, suchten sie sich gemeinsam einen Platz im Schatten, und in der Winterkälte wärmten sie einander in ihrer Bärenhöhle. Nach ihrem Vater fragten sie nie. Ihre Mutter hatte ihnen nicht einmal von ihm erzählt. Dass es außer ihnen und ihrer Mutter noch andere Bären geben musste, merkten sie nur an den Spuren im Wald, die nach Bären aber doch fremd rochen, aber sie waren ihnen nie begegnet, und sie vermissten weder die anderen Bären, noch ihren Vater. Man vermisst nur, was man kennt. Wenn es nach Schmuddel und Schmatz gegangen wäre, hätten sie ewig weiter zusammen mit ihrer Mutter durch die Einsamkeit des Waldes streifen können.

Eines Abends saßen Schmuddel und Schmatz mit ihrer Mutter vor der Bärenhöhle. Es war schon dunkel aber noch warm, und weil der Mond noch nicht aufgegangen war, konnte man die Sterne über den Wipfeln der Bäume besonders hell leuchten sehen. Schmuddel und Schmatz schauten staunend zum Himmel hinauf. Da hob auch die Mutter den Kopf, und dann sagte sie: „Das ist der Große Bär.“
„Was?“ fragte Schmuddel.
„Wo?“ fragte Schmatz.
„Na, dort“, sagte die Mutter und deutete mit der Nasenspitze auf das Gestirn, das ein bisschen aussieht wie ein Leiterwagen – ein Vergleich, den Schmuddel und Schmatz aber nicht anstellen konnten, weil sie noch nie einen Leiterwagen gesehen hatten.
„Mmmm, jetzt sehe ich ihn“, sagte Schmatz, der immer versuchte, besonders brav zu sein, damit die Mutter ihm den einen oder anderen Extra-Leckerbissen überließ. Manchmal hatte Schmuddel ihn im Verdacht, dass er auch nur deshalb so laut schmatzte. Die Mutter sollte hören, wie gut es ihm schmeckte, und zufrieden sein.
Jetzt war Schmuddel versucht, zu behaupten, er würde den Großen Bären auch sehen, aber er war eine zu ehrliche Haut. „Ich sehe…“, fing er an, „nur Sterne. Sie sind wirklich sehr schön. Aber einen Bären sehe ich nicht.“ Und dann war er ganz überrascht, als seine Mutter ihm zärtlich das Ohr leckte. Danach gab die Mutter das Zeichen, dass es Zeit war, sich in der Höhle zum Schlafen zu legen. Schmatz trottete gleich folgsam hinter ihr her, aber Schmuddel konnte sich von dem Anblick der Sterne nicht lösen. Als seine Mutter das von dem Großen Bären gesagt hatte, war ihm irgendwie ganz feierlich geworden, so als hätte sie erst jetzt davon gesprochen, weil er und Schmatz jetzt alt genug waren, es zu verstehen. Nur sehen konnte er ihn eben nicht, sosehr er seine Augen auch anstrengte. Aus der Höhle rief ihn seine Mutter, doch erst als sie noch einmal heraus kam, und ihn brummend anstupste, gehorchte er.

Es sollte das letzte Mal sein, dass sie zusammen in der Höhle schliefen, denn am nächsten Tag geschah etwas sehr Seltsames. Am Vormittag waren sie mit der Mutter fischen gegangen, aber sie schien schlechte Laune zu haben. Sie beachtete Schmuddel und Schmatz kaum, und wenn sie ihr in die Quere kamen, war sie brummig. Nach der Fischmahlzeit aber schien sie plötzlich Lust zum Spielen zu haben. Sonst waren es immer Schmuddel oder Schmatz die mit diesem Spiel anfingen. Sie taten so, als würden sie einander verjagen wollen, dann rannte der Verjagte ein Stück weit weg, kehrte aber gleich wieder um und verjagte seinen Bruder. Nur selten war die Mutter überhaupt bereit gewesen mitzuspielen, eher machte sie dem Spiel ein Ende, wenn die Beiden es zu toll trieben. Und diesmal fing sie an. Sie jagte Schmuddel fort, aber als der nach ein paar wilden Sprüngen umkehrte und sie jagen wollte, schien sie richtig ärgerlich zu werden und jagte ihn wieder fort. Das ist gegen die Spielregeln, dachte Schmuddel aber versuchte es wieder. Inzwischen spielte die Mutter mit Schmatz, und dem erging es nicht besser. Es dauerte eine Weile, bis Schmuddel und Schmatz begriffen, dass die Mutter es ernst meinte, dass sie sie wirklich verjagen wollte. Sie waren sich keiner Schuld bewusst, dass sie etwas ausgefressen hatten, weshalb die Mutter nun so wütend war und sie nicht in ihrer Nähe haben wollte. Müde vom Herumjagen warteten Schmuddel und Schmatz in sicherem Abstand, dass die Mutter Anzeichen gab, sich wieder beruhigt zu haben. Doch stattdessen drehte sie ihnen den Rücken zu und verschwand auf der anderen Seite der Lichtung im Wald, ohne nach ihnen zu rufen oder sich auch nur noch einmal umzuschauen. Das hatte sie noch nie gemacht.
Schmatz machte einen halbherzigen Versuch ihr nachzulaufen, blieb aber mitten auf der Lichtung stehen und kehrte mit hängendem Kopf, leise und traurig brummend, zu Schmuddel zurück. „Sie hat uns nicht mehr lieb“, sagte er leise. Schmuddel sagte nichts.

Eine Weile saßen die beiden jungen Bären einfach da und waren ratlos, doch seit der Fischmahlzeit waren Stunden vergangen, und als sie langsam wieder hungrig wurden, machten sie sich gemeinsam auf den Weg, suchten die Stellen auf, an denen sie bis gestern mit der Mutter nach Blaubeeren und Honig gesucht hatten, und als es Abend wurde, fanden sie eine kleine Höhle, die unbewohnt zu sein schien, und legten sich dort, dicht aneinander geschmiegt, zum Schlafen. So gingen einige Tage dahin. Sie fanden genug Nahrung, hatten einen Schlafplatz, manchmal fing sogar einer der Brüder eines der alten Spiele an, und manchmal spielte der andere Bruder für kurze Zeit mit. Aber dann überkam sie wieder die Traurigkeit. Sie verstanden nicht, warum ihre Mutter sie nicht mehr hatte bei sich haben wollen.

Schmuddel und Schmatz konnten nicht wissen, dass es allen jungen Bären genauso ergeht, und auch ich kann es dir nur erzählen, weil Naturforscher das Leben der Bären erforscht und Bücher darüber geschrieben haben. Wenn junge Bären alt genug sind, um für sich selbst zu sorgen, und von ihrer Mutter alles gelernt haben, was ein Bär können und wissen muss, dann wird es für die Mutter Zeit, wieder kleine Bären zur Welt zu bringen und aufzuziehen. Weil junge Bären aber rechte Faulpelze sind, die sich gerne von ihrer Mutter noch helfen lassen, und weil sie deshalb nie freiwillig alleine in den Wald ziehen würden, die Mutter sich aber nicht um die älteren Großen und die kleinen Jungen gleichzeitig kümmern kann, schickt sie ihre Kinder fort, sobald sie sicher ist, dass sie auch ohne sie auskommen. So liegt es in der Natur des Bären, und so muss es sein. Die Naturforscher wissen das, nur für junge Bären ist es schwer zu verstehen.

Obwohl die beiden Bärenbrüder noch einander hatten, waren sie doch nicht mehr so fröhlich, wie sie es mit ihrer Mutter zusammen gewesen waren. Als sie eines Abends vor ihrer Höhle saßen und sich nicht entschließen konnten, schon schlafen zu gehen, schauten sie zum Himmel hinauf.
„Sag mal ehrlich“, begann Schmuddel, „kannst du den großen Bären wirklich sehen?“
Schmatz wollte nicht zugeben, dass er geschwindelt hatte, und antwortete: „Ist doch egal. Was nutzt uns der Große Bär am Himmel, wenn unsere Mutter uns nicht mehr liebhat?“
Schmuddel sagte eine Weile nichts, betrachtete nur die Sterne und dachte nach. Dann sagte er: “Manchmal – jetzt zum Beispiel gerade – habe ich trotzdem das Gefühl, das wir geliebt werden.“
„Vom großen Bären?“ fragte Schmatz verwundert.
„Ich weiß nicht“, entgegnete Schmuddel. „Ich kann ihn ja nicht mal sehen. Und trotzdem habe ich so ein Gefühl. Wenn ich mir die Sterne anschaue, oder wenn wir durch den Wald laufen und die Spuren anderer Bären finden, denen wir nie begegnen, oder wenn wir zusammen in der Höhle liegen und uns ganz warm ist, dann denke ich, dass jemand mich scheinbar lieb hat. Ich fühle es. Fühlst du nichts?“
„Naja“, sagte Schmatz, „Ich hab dich schon irgendwie gern.“
„Das weiß ich doch“, brummte Schmuddel. „Ich dich doch auch. Aber das meine ich nicht. Da ist noch was Anderes. Unsere Mutter ist zwar fort, aber wir sind noch zusammen, und da sind der Wald und der Fluss, und da sind die Sterne und die Sonne und die Bienen. Es ist irgendwie alles so richtig. Und dann werde ich plötzlich ganz glücklich, und glücklich ist man doch nur, wenn man liebgehabt wird, oder?“
„Kann schon sein“, antwortete Schmatz, klang aber nicht wirklich überzeugt.
„Guck dir doch mal diese Sterne an!“ forderte Schmuddel ihn auf. „Schau sie dir an, und dann stell dir vor, dass sie da oben auch noch leuchten, wenn wir beide in der Höhle tief und fest schlafen, und dann fühl mal nach, ob du glücklich bist.“
Schmatz schaute zum Großen Bären hinauf, ziemlich lange, und dann sagte er: „Stimmt. Jemand muss uns liebhaben.“

Und das ist nun eine Sache, von der Naturforscher keine Ahnung haben. Das wissen Bären besser, dass man sich geliebt fühlt, wenn man den Wald sieht, die Sonne, die Sterne und all das. Und du weißt es vielleicht auch.

© Christa Hartwig

Kürbisse

Kürbisse zählen zu den größten Einzelfrüchten im Pflanzenreich, es gibt rund 800 Sorten, und ihre Geschichte lässt sich 9.000 Jahre zurück verfolgen. Bei uns erfreuen sie sich besonders im Spätherbst großer Beliebtheit, wenn die heimischen Obstsorten längst abgeerntet sind, und seit es auch bei uns immer populärer geworden ist, Halloween zu feiern, zieren Kürbisse nicht nur zum Erntedankfest die Altarstufen der Kirchen, sondern am 31. Oktober auch manchen Garten und manche Fensterbank.

Hallmark®, bei uns vor allem als Hersteller von Gruß- und Glückwunschkarten bekannt, gibt in den USA eine Zeitschrift heraus, nebst heute üblicher Online-Ausgabe. In Letzterer habe ich diese Halloween-Kürbis-Idee gefunden, die vielleicht etwas für Leute ist, die Kürbisse mögen und all die schönen Anlässe, welche die dunklere Hälfte des Jahres bietet, um mit Lichterglanz zu feiern, denen das übliche Gruselszenario zu Halloween aber nicht zusagt. Die Anleitung für diese märchenhafte Kürbisschnitzerei mit dem romantischen Namen „The Midnight Hour“ (Die Mitternachtsstunde) habe ich mir erlaubt, für Euch zu übersetzen.

Kürbiskutsche

Wer das Glück hat, einen Kürbis von so feiner blaugrauer Färbung zu erwischen, ist damit besonders gut bedient, denn die Kutsche sieht so besonders geheimnisvoll aus. Natürlich kann man sie auch aus einem Kürbis anderer Farbe basteln.

Ihr benötigt:
3 Gürtelschnallen aus Metall, möglichst nostalgisch verschnörkelt (1 große, 2 kleine)
1 Kürbis, Ø ca. 30 cm
Bleistift oder Filzschreiber
Messer
Alleskleber
1 verschnörkeltes Lamp Finial*) (Lampenendstück?)
Akku-Bohrmaschine mit Bohrer 6,5 mm
4 gleich große Zierkürbisse derselben Sorte, Ø ca. 10 cm
2 Rundstäbe, Durchmesser 6 mm, etwa auf die Breite des Kürbisses zugeschnitten
4 verzierte Schubladenknöpfe
starker Blumendraht

*) Für diesen Begriff habe ich nicht einmal eine brauchbare Übersetzung gefunden.
Gemeint sind die Schraubknöpfe, mit denen ein oben geschlossener Lampenschirm auf dem Ständer einer Tisch- oder Stehlampe gehalten wird, und die (zumindest in den USA) offenbar in den phantasievollsten Formen angeboten werden. Vergleiche die Webseite von Antique Lamp Supply.
Alternativ könnte man auch zum Endstück einer Vorhangstange greifen.

Und nun kann es losgehen.

Kübiskutsche Bauanleitung Bild 1

1. Zeichne mit dem Blei- oder Filzstift den inneren Umriss der Gürtelschnallen an der gewünschten Stelle auf die Kürbisschale, und schneide die Rechtecke aus, um die Öffnungen für die beiden Fenster und die Tür zu schaffen.

Bauanleitung Kürbiskutsche - Bild 2

2. Drücke die Gürtelschnallen in die Öffnungen. Glätte den Rand mit dem Messer, so dass die Schnallen mit der Schale abschließen, und befestige sie dann mit Klebstoff. Drehe das Lampenendstück oben in den Kürbis.

Bauanleitung Kürbiskutsche - Bild 3

3. Durchbohre mit dem Akku-Bohrer die 4 Zierkürbisse zwischen Stiel und Blüte.

Bauanleitung Kürbiskutsche - Bild 4

4. Verbinde jeweils zwei Kürbisse mit den als Achse dienenden Rundhölzern, und befestige sie mit Klebstoff.

Bauanleitung Kürbiskutsche - Bild 5

5. Setze die vier Schubladenknöpfe als Radkappen auf die Enden der Rundhölzer und klebe sie ebenfalls fest.

Bauanleitung Kürbiskutsche - Bild 6

6. Plaziere die beiden Achsen parallel in einem Abstand, der dem Durchmesser des Kürbisses entspricht, und verbinde sie kreuzweise mit Blumendraht, um eine Art Tragnetz für den Kürbis zu schaffen.

Bauanleitung Kürbiskutsche - Bild 7

7. Setze den Kürbis auf das Drahtnetz, und schneide ein Loch in die Rückwand, damit Du ein Teelicht in den Kürbis stellen kannst.

Soweit, so gut, bzw. hiermit erschöpft sich die von Hallmark® gebotene Anleitung.
Ich vermisse einen Hinweis darauf, dass der Kürbis ja wohl auch ausgehöhlt werden muss, und dies – meinem technischen Unverständnis nach – am besten, bevor man mit der Feinarbeit beginnt. Aber vielleicht ist es in den USA mit ihrer langen Halloween-Tradition nicht nötig, auf eine solche Selbstverständlichkeit hinzuweisen.
Da ich nicht sonderlich geduldig und noch weit weniger geschickt bin, würde ich wohl das tun, was ich mit Halloween-Kürbissen bisher immer getan habe: Einen Deckel absägen, die Kerne entfernen, den Deckel wieder passgenau aufsetzen und ankleben. Die Operation des Entkernens durch die Fensteröffnungen oder durch das in die Rückseite geschnittene (kaum mehr als faustgroße) Loch für das Teelicht vorzunehmen, erscheint mir sehr mühsam. Außerdem vermeidet man das Risiko, den Kürbis zu beschädigen, wenn man ihm „die Krone“ aufsetzt, was mit abgenommenem Deckel leichter sein dürfte.

Neidisch gemacht haben mich beim Recherchieren diese amerikanischen Webseiten mit allen möglichen Schnurrfaxereien (siehe Lampenendstück). Da bietet der deutsche Markt nur recht Karges. Das mag ja geschmackvoller sein, verleitet aber weniger zum Basteln.
Na gut, ich sollte nicht jammern, denn ich bastele sowieso selten, und wenn, dann lieber digital. Und wenn ich zu Halloween überhaupt etwas „bastele“, dann wird es ein Halloween-Märchen fürs Blog sein.

Die drei Freunde hatten Glück. In der Silvesternacht froren sie noch erbärmlich, während sie zusahen, wie über den Dächern der Stadt die Raketen aufstiegen und alles in rotes, grünes und goldenes Licht tauchten. Doch gleich nach Neujahr ließ der Frost nach, und es wurde ein milder Winter. Schlau musste sich nicht darüber ärgern, dass die Abfälle in den Mülltonnen gefroren, und Scheuche brauchte sich keine Sorgen um ihn zu machen. Am meisten Glück aber hatte Schwalbe, denn der große Misthaufen, der neben dem Hühnerstall aufgeschüttet worden war, lockte die wenigen Fliegen an, die sich aus den warmen Stuben ins Freie trauten, und wenn die Sonne schien und die Luft ein wenig erwärmte, dann machte Schwalbe kleine Ausflüge dorthin und kehrte satt und zufrieden zurück.
„Das nächste Mal fliege ich aber doch mit den anderen Schwalben in den Süden. Ihr könnt mir ja dann, wenn ich wiederkomme, erzählen, wie Weihnachten war“, sagte sie dennoch.
Dann seufzte Scheuche. Ja, es würde wohl der einzige Winter seines Lebens bleiben, in dem ein Herz in seiner Brust geschlagen hatte.

Auch die alte Frau war froh, dass es kaum Schnee gab, denn so konnte sie die Hühner füttern, ohne Angst zu haben, dass sie auf dem Weg zwischen dem Haus und dem Hühnerstall ausrutschte. Nur das kleine Mädchen hätte lieber Schnee gehabt, denn der Weihnachtsmann hatte ihr einen Schlitten gebracht, und ohne Schnee, war der zu nichts Nütze und stand nur in der Diele der Großmutter herum. Doch lange trauerte sie nicht wegen des fehlenden Schnees, denn sie hatte in der Schule einen neuen Freund gefunden. Sie und der Junge waren so unzertrennlich, dass er oft mitkam, wenn sie mit den Eltern die Großmutter besuchte. Dann rannten die beiden lachend ums Haus, versteckten sich vor einander oder spielten Fangen und hatten auch ohne Schlitten jede Menge Spaß. Und eines Tages kam auch Thorsten zu Besuch, diesmal nicht als Weihnachtsmann verkleidet, dafür aber in einer ebenso wichtigen Angelegenheit.

Zusammen mit dem Schwiegersohn lief er ums Haus und den Stall herum und schaute das Stiefmütterchenfeld und das Tulpenfeld an, als sähe er sie zum ersten Mal, obwohl er doch oft im Sommer dort gearbeitet hatte und jeden Winkel kennen musste. Jetzt aber ging es um die Frage, ob er die Gärtnerei pachten würde. Thorsten suchte ein Zuhause für sich und seine Freundin Luise. Der Schwiegersohn hatte die Gärtnerei verkaufen wollen und sich schon nach einem Zimmer in einem Seniorenheim für seine Schwiegermutter umgetan, aber da hatte er nicht mit den beiden Frauen gerechnet. Die alte Frau wollte nicht fort aus dem Haus, in dem sie über die Hälfte ihres Lebens verbracht hatte, und für Kerstin war es ihr Elternhaus, das nicht in fremde Hände kommen sollte. Als Thorsten von der Sache hörte, hatte er gefragt, ob er nicht als Pächter in die Gärtnerei ziehen könnte. Kerstins Mutter könnte dort wohnen bleiben, würde Gesellschaft haben und auch gepflegt werden, wenn sie einmal krank war. Und alle waren zufrieden mit diesem Vorschlag, nur dass Thorsten noch überlegte, ob er den Betrieb wieder in Schwung bringen könnte.
Nachdem er aber mit dem Schwiegersohn lange genug um alles herum gelaufen war und ihn dazu hatte bewegen können, mit dem Pachtzins etwas herunter zu gehen, schüttelten die beiden Männer einander die Hand und waren sich einig geworden.

Scheuche, der das Gespräch mit angehört hatte, war erleichtert. Er hatte sich schon Gedanken gemacht, ob er seinen Arbeitsplatz auf dem Feld würde behalten können, wenn die Gärtnerei einen neuen Besitzer bekam. Zwar wollte auch Thorsten einiges ändern, aber nach der Sache mit dem Schal war Scheuche recht zuversichtlich, dass er würde bleiben können.

Es wurde Februar, und am 14. Februar war Valentinstag. Am Nachmittag kam Kerstin mit ihrem Mann und Ihrer kleinen Tochter zu Besuch, und als die Erwachsenen bei Kaffee und Kuchen saßen, schleppte das kleine Mädchen den Schlitten aufs Feld und kam damit direkt zu Scheuche, der sich fragte, was sie vorhatte. Die Kleine stellte den Schlitten hochkant vor Scheuche hin und schickte sich an, ihn wie eine Leiter zu benutzen.
„Was soll das denn werden?“ fragte Scheuche. Er sah schon kommen, dass sie mit dem Schlitten umkippen und sich wehtun würde.
Das kleine Mädchen griff in seine Jackentasche und brachte ein in rotes Glanzpapier eingewickeltes Herz zum Vorschein. „Das hat mir mein Freund heute geschenkt“, sagte sie. „Es ist ein Schokoladenherz, aber es ist mit Marzipan gefüllt, und ich mag kein Marzipan. Und weil du doch ein Loch in der Brust hast, dachte ich, ich könnte es dort verstecken. Dann hast du ein Herz, und ich kann so tun, als ob ich es aufgegessen hätte.“
Scheuche war unsicher. Sollte er dem kleinen Mädchen verraten, dass Schwalbe in seiner Brust ihr Nest hatte? Schwalbe machte gerade einen Ausflug zum Misthaufen, und schon stand die Kleine ein bisschen schwankend auf der obersten Sprosse des Schlittens und schob den Schal beiseite. Wenn Scheuche ihr jetzt sagte, dass seine Brust ein Schwalbennest war, wäre sie vielleicht so überrascht, dass sie herunterfiel. Und so schwieg er und ließ es sich gefallen, dass die kleine Kinderhand unter seinen Schal griff und das Schokoladen-Marzipan-Herz so tief es nur ging in das Loch in Scheuches Brust steckte. Und auch als sie wieder mit beiden Beinen auf dem Boden stand, hatte Scheuche keine Gelegenheit, ihr von Schwalbe zu erzählen, denn sie lief gleich mit dem Schlitten zum Haus zurück. Das mit dem Herzen sollte ja niemand wissen.

„Erschrick nicht, wenn Du in dein Winternest schlüpfst“, sagte Scheuche, als Schwalbe angeflogen kam. „Ich habe jetzt ein Herz. Ich hoffe, du hast trotzdem noch genug Platz da drin.“
Schwalbe verschwand unter dem Schal, und Scheuche hörte sie sagen: „Ja, Platz ist noch genug.“ Dann steckte sie den Kopf wieder heraus. „Sag mal, wie ist das denn zugegangen?“ Scheuche erzählte ihr die Geschichte, und Schwalbe wunderte sich. „Mit den Menschen und ihren Herzen ist es wirklich seltsam“, sagte sie. Und das fand Scheuche auch.

Als endgültig nicht mehr mit Frost und Schnee zu rechnen war, kamen die Handwerker und verputzten das Haus neu. Um alles andere kümmerte sich Thorsten, der jetzt jeden Tag in die Gärtnerei kam. Er brachte einen Teil des Mistes, der neben dem Hühnerstall lagerte, auf den Feldern aus und pflügte ihn unter. Dann richtete er Zäune und das Tor, und schließlich machte er sich auch am Gewächshaus zu schaffen. Und seine Freundin kam und half ihm, die trüben Glasscheiben wieder blank zu putzen. Von Woche zu Woche wurde es wärmer, und dann kamen die ersten Schwalben zurück. Schwalbe war ganz aufgeregt und wusste kaum, was sie tun wollte. Wie eine Verräterin kam sie sich vor, weil es nun an der Zeit war, Scheuche zu verlassen. Scheuche versuchte, sich sein Bedauern nicht anmerken zu lassen. „Flieg schon los, und such dir einen Schwalbenmann. Es ist Zeit, dass du jemanden findest, der mit dir ein Nest baut“, sagte er.
„Ich werde dich oft besuchen kommen“, versprach Schwalbe. Dann breitete sie sie Flügel aus, und bald war sie nur noch ein winziger Punkt am Himmel, den Scheuche kaum noch erkennen konnte. Ich habe ja noch mein Schokoladen-Marzipan-Herz, versuchte er sich zu trösten. Und dann passierte etwas, das Scheuches Leben veränderte.

An einem Vormittag war Thorsten gekommen und hatte viel Saatgut mitgebracht. Plötzlich stand er vor Scheuche und sagte: „Bevor ich die Saat ausbringe, werde ich dich mal wieder herrichten. Nicht dass du mir bei der Arbeit schlapp machst.“ Er redete mit Scheuche, aber Scheuche wusste auch, dass er ihn umgekehrt nicht verstehen konnte, so wie das kleine Mädchen. Und als Thorsten sagte, er müsse auch noch eine zweite Vogelscheuche für das andere Feld herrichten, da hätte Scheuche ihm sagen können, wo die andere Scheuche geblieben war, aber Thorsten hätte ihn nicht verstanden. Er ging zum Stall, um Stroh zu holen, mit dem er Scheuches Brust wieder ausstopfen wollte, und in dem Moment fuhr das rote Auto auf den Hof. Und als Thorsten dem kleinen Mädchen sagte, dass er gerade Scheuche heil machen wollte, bat sie, ihm helfen zu dürfen. An das Herz in Scheuches Brust dachte sie wohl schon selbst nicht mehr. Erst als Thorsten seine Hand in das Loch steckte um nachzufühlen, wie viel Stroh er würde hinein stecken müssen, und verwundert mit dem Herzen wieder heraus zog, wurde die Kleine erst blass und dann rot, und dann erzählte sie von dem Valentinstagsgeschenk und bat ihn, sie nicht zu verraten.
„Dass du Scheuche das Herz gegeben hast, war eigentlich eine gute Idee“, sagte Thorsten und lachte freundlich. „Aber du solltest deinem Freund trotzdem sagen, dass du kein Marzipan magst, sonst schenkt er dir vielleicht immer wieder solche Herzen. Irgendwann kommt er dann doch dahinter, dass er dir damit keine Freude gemacht hat, und wird traurig. Es wichtig, dass man den Menschen, die man lieb hat, nicht nur sagt, was einem gefällt, sondern auch, was einem nicht gefällt.“
Scheuche hatte selten jemanden etwas Klügeres sagen gehört.
Thorsten steckte das Herz wieder tief in Scheuche hinein und stopfte dann ein paar Händevoll Stroh dazu. Schließlich umwickelte er Scheuches Brust mit Bastfäden, so dass alles wieder gut zusammenhielt, und betrachtete sein Werk. „Du bist vielleicht die einzige Vogelscheuche auf der Welt, die ein Herz hat“, sagte er, und lachte plötzlich sein gutmütiges Lachen. „Und weil das so ist, habe ich gerade eine Idee. Warum soll ich eine neue Vogelscheuche bauen, wenn es im Haus eine fast fertige gibt? Die wird eine prächtige Frau für dich abgeben, Scheuche, und ich bin sicher, sie wird dir gefallen.“

Davon, dass es im Haus noch eine Vogelscheuche gab, hatte Scheuche noch nie gehört, und als Thorsten und das kleine Mädchen, gefolgt von der alten Frau wieder aus dem Haus kamen, traute Scheuche seinen Augen nicht, denn Thorsten trug etwas vor sich her, wovon Scheuche nicht einmal gewagt hätte zu träumen.

„Dass du die Schneiderpuppe als Ersatz für die gestohlene Vogelscheuche nehmen willst, ist eine sehr gute Idee“, sagte die alte Frau. „Ihr jungen Menschen habt eben einen regen Geist. Ich wäre darauf nie gekommen. Die Puppe ist doch sonst zu nichts mehr gut. Ich kann nicht mehr schneidern, und Kerstin hat keine Lust dazu. Das Ding steht nur im Weg und staubt ein.“

Das, was die alte Frau ein Ding nannte, ließ Scheuche das Vogelscheuchenblut in die Wangen steigen, denn das Ding war eindeutig weiblich und hatte nichts an. Wenn ich ein richtiges Herz hätte, würde es jetzt klopfen wie wild, dachte Scheuche und schaute verlegen weg, obwohl er am liebsten ganz genau hin geschaut hätte.
Die Verlegenheit war aber bald vorbei, denn kaum hatte Thorsten die Schneiderpuppe an einem in den Boden gerammten Pfahl befestigt, da liefen alle schon wieder ins Haus, um ihr etwas zum Anziehen zu suchen. Es dauerte auch nicht lange, und sie kamen wieder heraus. Die Scheuche auf dem Tulpenfeld bekam ein rotes Kleid an. Dann setzte Thorsten ihr eine Kugel aus Styropor als Kopf auf und malte ihr ein hübsches Gesicht, denn er war nicht nur ein guter Gärtner, sondern auch ein Sonntagsmaler. Und auf den Kopf setzte die alte Frau ihr einen Strohhut mit Blumen daran. Schließlich rief das kleine Mädchen: „Da müssen doch noch Luftballons vom Sommerfest sein, und sie bliesen einen Luftballon auf, der war aus rosa glänzender Folie und hatte die Form eines Herzens. Den banden sie an einen der Arme, die Thorsten aus Drahtbügeln gebastelt hatte, und gleich tanzte der Ballon fröhlich im Wind. „Na, das passt ja!“ rief Thorsten lachend, und das kleine Mädchen bedeutete hm mit einem auf die Lippen gelegten Finger, dass er nur nichts verraten sollte von dem anderen Herzen, dem in Scheuches Brust.

„Hallo“, sagte Scheuche, als er endlich mit der schönen Unbekannten allein war.
„Hallo“, antwortete sie ein bisschen schüchtern. Dann schwiegen siel beide verlegen. Schließlich getraute die Neue sich doch eine Frage: „Was machen wir hier eigentlich?“
„Wir verscheuchen die Vögel, damit sie die Blumensamen nicht auffressen“, sagte Scheuche.
„Wir verscheuchen die Vögel?“ fragte sie ungläubig. Der Gedanke schien ihr nicht zu gefallen.
„Das ist nun mal unsere Aufgabe“, antwortete Scheuche mit erhobener Stimme, um die Entfernung zu überbrücken. „Was sein muss, muss sein.“
Sie schien darüber nachzudenken. „Ja, was sein muss, muss sein“, sagte sie schließlich. „Die Blumen wollen ja auch leben und wachsen.“
Ach, das war eine Frau nach Scheuches Herzen. Und als er das dachte und die Wärme der Sonne spürte und das rote Kleid im Wind flattern sah, da fühlte er, wie das Herz in seiner Brust weich wurde.

Es wurde ein wundervoller Sommer. Daran, dass der Hühnerstall einmal offen bleiben würde, musste niemand mehr einen Gedanken verschwenden, denn nachdem die alte Frau abends die Hühner gefüttert hatte, schaute Thorsten immer noch einmal nach, ob alles in Ordnung war. Trotzdem kam Schlau jeden Abend, kontrollierte seinerseits die Stalltür und setzte sich dann zu Scheuche, um ihm lustige und merkwürdige Geschichten aus der Stadt zu erzählen. Und meistens kam auch Schwalbe, hängte sich an die Krempe von Scheuches neuem Hut und hörte ein bisschen zu. Sie blieb aber nicht lange, denn sie hatte jetzt sechs kleine Schwälbchen zu versorgen und konnte ihrem Mann nicht die ganze Arbeit allein überlassen.
Und in den Nächten, in denen der Mond schien, schaute Scheuche zum Tulpenfeld hinüber und freute sich auf den Winter. Gewiss würde Thorsten ihn und seine Herzallerliebste auf den Dachboden bringen, und da würden sie dicht beieinander sein und sich leise Dinge sagen können, statt sich immer nur von Feld zu Feld etwas zuzurufen. Ja, das Leben war schön und voller Hoffnungen und Träume.

© Christa Hartwig

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