Erinnerungen


70 Jahre und zwei Tage nach dem Abwurf der amerikanischen Atombombe auf Hiroshima stieß ich heute beim Übertragen meiner alten Einträge von blog.de zu WordPress auf meine eigenen frühen „Japan-Erinnerungen“ und ich erlaube mir, den Eintrag hier noch einmal aktuell zu posten:

Ich besaß eine Geisha.
Auf sie war ich so stolz, dass ich sie mitnahm nach Frankfurt.
Dort zog Gloria ihr den Kimono aus.
Übrigblieben zwei Taschentücher und ein Drahtgestellt. Davon abgesehen hatte die Geisha nur Hände und einen Kopf; der Hals endete in einem kleinen Dekolleté.
„Jetzt ist es eine Büste“, sagte ich, nachdem ich den Draht aus dem Dekolleté gezogen hatte.
„Büste sagt man nicht“, schimpfte mich Gloria.
„Büste sagt man wohl, nur Busen sagt man nicht“, verteidigte ich mich.
Ich war zehn, Gloria ein Jahr jünger.

Mein Bild von Japan zu jener Zeit glich einem unvollständigen Puzzle, wobei die vorhandenen Teile mir jedoch Eindruck machten.

(mehr …)

„„Ist Dir schon mal aufgefallen, dass jeder Name eine besondere Farbe hat?““ fragte meine Großtante Hedwig.
Ich war nicht sicher, worauf sie hinaus wollte. Wenn man etwa zehn Jahre alt ist, weiß man oft nicht, worauf Erwachsene hinaus wolle.
Sie erklärte es: „„An welche Farbe denkst du bei deinem Namen? Welche Farbe hat der Name Christa?““
„„Rot““, sagte ich -– nicht weil es meine Lieblingsfarbe war, sondern eher obwohl mir Rot zum Halse heraus hing, denn Rot war die Farbe, in die meine Mutter mich am liebsten kleidete.
„„Richtig! Es ist ganz zweifellos ein roter Name“!“ rief Tante Hedwig aus. „“Und Monika?““
„“Blau““, sagte ich, und wieder stimmte sie mir zu.
„„Und Gisela?““
„“Grün.““
Tante Hedwig war begeistert von meinen Namensfarberkennungsfähigkeiten.
„„Und Hedwig?““
Ich zögerte –- obwohl mir überraschenderweise auch hierzu sofort eine Farbe eingefallen war, aber diese Farbe hatte keinen guten Ruf. Sie stand für Neid. Es würde ihr nicht gefallen, einen gelben Namen zu haben. Dann aber sagte ich es trotzdem, und Tante Hedwig war keineswegs gekränkt. Auch sie fand, dass Hedwig ein gelber Name sei.

Aber was für ein Gelb ist dieses Hedwiggelb?

343 Namen des Gelb hat Heiner Nienhaus auf seiner Webseite gesammelt. Dabei sind Koronagelb (BMW), Schönbrunner Gelb, Cadmiumgelb und Optimalgelb noch gar nicht in der Liste enthalten. Das zuletzt Genannte existiert allerdings auch nur theoretisch – ebenso wie Prozessgelb, Pigmentgelb, printer’s yellow. Es beruht auf einem Farbmittel, das rotes und grünes Licht gleich stark reflektieren und alles Blau absorbieren soll, was in der Praxis aber nie der Fall ist. Das optimale Prozessgelb wird als deutlich grünstichig wahrgenommen. In Europa wird es als Eurogelb bezeichnet, da eine andere Standardisierung verwendet wird. Sie ist noch etwas grünstichiger. [Anm. d. Red.: Vielleicht brächte TTIP da eine Verbesserung.]

Indischgelb könnte Tierschützer auf die Barrikaden rufen, wäre dieser Naturfarbstoff, der über Jahrhunderte in der südasiatischen Malerei verwendet wurde, nicht schon zu Beginn 1929 aus Tierschutzgründen vom Markt genommen worden. –Echtes Indischgelb gewann man aus dem Harn indischer Kühe, denen man wenig zu trinken gab, während man sie gleichzeitig mit Mangobaumblättern fütterte. Die dadurch verursachten pathologischen Stoffwechselprozesse und der Nährstoffmangel führten dazu, dass die Tiere einen intensiv gefärbten Urin ausschieden. Dieser wurde durch Erhitzen weiter konzentriert, bis sich der gelbe Farbstoff abschied. In den Handel gelangte das Indischgelb dann in Form großer Kugeln, den sogenannten Piuri. Die Ausbeute betrug etwa 50 Gramm Piuri pro Tag und Kuh.

Neapelgelb , auch Antimongelb genannt, löste seit dem 17. -– 18. Jahrhundert das bis dahin in der Tafelmalerei typische Bleizinngelb ab. Die historischen Namen Luteolum neapolitanum oder Giallorino weisen auf den italienisch-neapolitanischen Ursprung hin.

Warme Gelbtöne werden als Goldgelb oder Goldfarben bezeichnet, und oft veranschaulicht durch Trivialnamen wie Sonnen- oder Sonnenblumengelb, Narzissengelb, Rapsgelb oder Dottergelb, oder man benennt sie nach Substanzen, aus denen der Farbstoff gewonnen wird, wie z.B. Kadmiumgelb und Safrangelb. Zu den warmen Gelbs zählen auch das Signal- oder Verkehrsgelb (RAL 1023) sowie das Postgelb.

Die Thurn und Taxis bedienten sich der Reichsfarben Gelb und Schwarz, um ihre Posthalter zu uniformieren: gelbe Jacke mit schwarzen Aufschlägen. Die Post der Thurn und Taxis war so mit den Insignien des Reiches ausgestattet und jedem als kaiserliche Kurierpost erkenntlich. Im Laufe der Postgeschichte kamen dann alle möglichen (Landes-)Farben ins Spiel, die Fuhrwerke der Post jedoch – und später die der Eisenbahnpostwaggons und Kraftfahrzeuge – trugen meist die Farbe Gelb. Der Grund dürfte in der Signalwirkung gelegen haben. Erst 1946 beschloss der Alliierte Kontrollrat die Einführung der Farbe Gelb als einheitliche Farbe für die gesamte „Institution Post“ in Deutschland. Übrigens ist die korrekte Farbbezeichnung für das deutsche Postgelb Ginstergelb (RAL 1032).

Alle Gelbtöne auf der kühlen Seite von Neutralgelb, vom Zitronengelb, über das Schwefelgelb bis hin zum Grüngelb, müssen durch Kombinationen von gelben und grünen oder blauen Farbstoffen „ermischt“ werden.

Ein Gelb das bisher unerwähnt blieb, ist das Sandelholzgelb. Ich habe es mir bis zum Schluss aufgehoben, weil es zu diesem Gelb etwas Neues zu berichten gibt. Wer Sandelholz oberflächlich kennt, wird einwenden, dass es sich dabei um ein rötliches Holz bzw. um eine rötliche Substanz handelt, aber es enthält eben nicht nur rote Farbstoffe. Ich zitiere aus der Pressemitteilung der Ludwig-Maximilians-Universität München:

Die charakteristische rote Farbe des kostbaren Holzes beruht auf komplexen sekundären Pflanzenstoffen, vor allem sogenannten Santalinen und Santarubinen. Aber nicht alle Santaline aus diesem Baum sind rot: „Sein Holz enthält auch gelbes Santalin Y, das zwar nur in geringen Mengen extrahiert werden kann, aber für uns sehr interessant ist, weil es eine viel komplexere Struktur hat als die roten Farbstoffe“, sagt Dirk Trauner, Professor für Chemische Biologie und Genetik vom Department Chemie der LMU. Trauner stellte nun mit seinem Team biomimetisch die natürliche Santalin Y-Produktion im Labor nach und erzeugte synthetisches Santalin Y, das vom Naturprodukt nicht zu unterscheiden ist. „Dabei haben wir entdeckt, dass die Biosynthese von Santalin Y auf einem komplett neuen chemischen Reaktionsweg beruht“, sagt Trauner.

Santalin Y hat eine sehr ungewöhnliche sogenannte Fenestran-Struktur, die in dieser Form noch bei keinem anderen Naturstoff gefunden wurde. „Fenestran kommt von Fenster: Charakteristisch für diese Struktur ist ein Zusammenschluss von vier Ringen, der wie eine Art vierteiliges Sprossenfenster aussieht“, erklärt Trauner, „im `Fensterkreuz` sitzt dabei ein zentrales Kohlenstoff-Atom das sich alle vier Ringe teilen.“ Das gesamte Molekül kommt in zwei unterschiedlichen räumlichen Anordnungen vor, die zueinander spiegelbildlich sind, auch das ist für einen Naturstoff ungewöhnlich.

Es ist also nicht nur ein neues Gelb, das einem der bereits bekannten Gelbs zum Verwechseln ähnlich ist, sondern man darf sich mikroskopisch kleine Sonnenfenster in einem Spiegelsaal vorstellen.

Nun wissen wir aber immer noch nicht, was für ein Gelb Hedwiggelb ist. Ich vermute aber, es ist von einem Smiley-Gelb kaum zu unterscheiden.

Als ich am letzten Samstag in der Schloßstraße unterwegs war, drücke ein junger Mann mir den TAGESSPIEGEL in die Hand, und da er keine Anstalten machte, mich auf ein Test-Abo festzunageln und ich mit Einkäufen nicht übermäßig beladen war (abgesehen von einem großen Faltkarton zum Verpacken meiner aussortierten Bücher), nahm ich ihm ein Exemplar ab, zumal er – im Gegensatz zu mir, an einem gewaltigen Stapel Zeitungen ganz schön zu schleppen hatte. Endlich durchgeblättert habe ich den TAGESSPIEGEL erst gestern, und da blieb mein Blick auf Seite 20 hängen, auf dem „KINDERSPIEGEL“.

Grundsätzlich finde ich es gut, dass man sich um den Nachwuchs an Lesern kümmert, und unter dem Vorwand, mich vergewissern zu wollen, dass hier keine arglistige Indoktrination der Jüngsten vor sich geht, lese ich solche Kinderseiten dann selbst und verstehe manchmal Dinge, die mir aus den Meldungen für Erwachsene nicht so richtig klargeworden sind -– zum Beispiel warum die Berliner Eisbären beim Eishockeyfinale nicht dabei sein werden. Was mich aber noch mehr interessierte, war das Interview mit einer Zwölfjährigen aus Charlottenburg. Es war von der Art, die Blogger gemeinhin als „“Stöckchen““ bezeichnen würden. Eine der Fragen lautete: „Was würdest du gerne im Handumdrehen lernen?“ Und die Antwort: „Ich würde gerne richtig gut Schlittschuhlaufen und beidhändig schreiben können.“

Dass man sich wünscht, richtig gut Schlittschuhlaufen zu können, versteht wahrscheinlich jeder -– oder jedenfalls die meisten. Aber beidhändig schreiben? Warum sollte man sich das wünschen? Meine Cousine und ich (ja, auch wir wollten beidhändig schreiben können) behaupteten immer, dass wir es übten, damit wir unsere Hausaufgaben auch dann machen könnten, wenn wir uns mal den rechten Arm brechen sollten. Das heißt, im Fall meiner Cousine wäre es der linke Arm gewesen, denn sie ist Linkshänderin. Ich übte also mit Links, sie mit Rechts, und Heiligenscheine müssen über unseren Häuptern geschwebt sein. Aber warum wollten wir wirklich mit der anderen Hand schreiben können? – Ich müsste lügen. Ich weiß es nicht.

Höhlenforscher haben herausgefunden, dass schon die frühen Menschen in deutlicher Mehrzahl Rechtshänder waren. Kratzspuren an Fossilien zeigen, dass sie Werkzeuge zum Zerteilen der Beute mit der rechten Hand führten. Höhlenmalereien lassen erkennen, dass es meistens die rechte Hand war, die das in Farbe getauchte „Zeichengerät“ hielt, während sie sich mit der linken Handfläche an der Höhlenwand abstützten. Und mir sagt ein Bauchgefühl, dass sie – genau wie die kleine Charlottenburgerin, meine Cousine und ich – versucht haben, auch mit Links zu zeichnen (für den Fall, dass sie sich den rechten Arm brechen). Beidhändigkeit ist vermutlich ein Urwunsch –und, sie zu üben, ursprünglich vielleicht sogar überlebenswichtig.

Welches -– im Sinne von Geschicklichkeit -– beim Individuum das „schöne“ Händchen ist, das lässt man heute zum Glück die Natur entscheiden. Dass man sich beim Händedruck oder Händeschütteln auf die Rechte geeinigt hat, ist insofern vernünftig, als es gut war, sich überhaupt zu einigen. Das merkt man, wenn einem jemand mit gemurmelter Entschuldigung -– aus welchem Grund auch immer -– die Linke gibt. Es passt nicht. Es fühlt sich ungeschickt an, und die Entschuldigung sollte dann besser dem Verzicht auf einen Händedruck gelten. Und es frage mich bitte niemand, ob man einen ersatzweise hingestreckten rechten Ellenbogen schütteln oder drücken sollte.

In Málaga gibt es auch heute noch ein Restaurant mit dem Namen „La Cosmopolita“, doch weder befindet es sich an derselben Stelle, noch hat es sonst etwas zu tun mit der Bar „Cosmopolita“ in der Calle Larios, die ich vor 35 Jahren zum ersten Mal betrat -– in Begleitung eines in Andalusien lebenden Deutschen, welcher sich erboten hatte, mir ein paar Tipps zu geben und mich einigen Leuten vorzustellen, die mir den Anfang meines in Spanien geplanten Lebens erleichtern sollten. Zwischen dem Besuch in einem Maklerbüro in Torremolinos und dem der Filiale der Banco de Bilbao in Málaga kehrten wir in eben jene Bar „Cosmopolita“ ein, welche eher ein Café als eine Bar war. Der in Spanien lebende Deutsche bestellte denn auch zwei café solo für uns, und während wir das unterwegs geführte Gespräch fortsetzten, winkte er einen limpiabotas heran, der nach uns das Lokal betreten hatte, und ließ sich die Schuhe putzen. Ich muss sagen, mir war die Situation nicht angenehm. Auch wenn man inzwischen in Deutschland hier und da einen Schuhputzer sieht, so ähnelt dessen Auftritt doch eher dem eines Drehorgelspielers, verkleideten Alten Fritzen oder sonstigen Straßenkünstlers. Eine selbstverständlich angebotene und ebenso selbstverständlich in Anspruch genommene Dienstleistung ist es nicht und war es damals hierzulande noch weniger. Außerdem war ich mir zu jener frühen Mittagsstunde in Málaga doch sehr unsicher, ob es denn wirklich so normal war, dass ein Mann, der eine Dame zu einem Kaffee eingeladen hatte, sich in ihrer Gegenwart die Schuhe putzen ließ, oder ob nicht doch eine gewisse Unhöflichkeit mir gegenüber darin zu erkennen war. Das Einzige, was mich erleichterte, war die mehrfach gemachte Beobachtung, dass nur Männer sich die Schuhe putzen ließen, ich mich also nicht in der Verlegenheit befand zu entscheiden, ob ich mir angesichts des bevorstehenden Besuches in einer Bank, in der ich ein Konto eröffnen wollte, ebenfalls die Schuhe putzen lassen müsste.

Der Name der Café-Bar war mir beim Eintreten nicht entgangen, und er hatte mir Eindruck gemacht. Nun musste ich mir eingestehen, dass ich noch weit davon entfernt war, eine Kosmopolitin, eine Weltbürgerin, zu sein. Allerdings war ich mir auch nicht sicher, ob der deutsche Bekannte, inzwischen mit blitzblanken Schuhen, mir wirklich so viel voraus hatte, wie er sich zu haben offensichtlich den Anschein geben wollte, als er den Schuhputzer entlohnte, ohne nach dem Tarif fragen zu müssen.

Es wird der Begriff des Kosmopoliten im Zuge der fortschreitenden Globalisierung ja immer ungebräuchlicher. Ein Wunder ist das nicht, denn während es beim Kosmopolitismus darum geht, dass das Individuum sich überall auf der Welt den dort herrschenden Lebensbedingungen anzupassen weiß, eben weltgewandt ist, geht es bei der Globalisierung wohl eher darum, überall auf der Welt die gleichen Lebensbedingungen zu schaffen, so dass für den Einzelnen keine Notwendigkeit der Anpassung mehr besteht. Das Wort Kosmopolit ist heute am ehesten noch in der Biologie anzutreffen und bezeichnet Lebewesen, welche sich, von einer ursprünglichen Heimat ausgehend, über weite Teile der Erde ausgebreitet haben, ohne erkennbare Anpassungsschwierigkeiten –- als da vorrangig zu nennen wären Hausmäuse, Kakerlaken und eine Unzahl von Krankheitserregern.

Letzteres gibt zu denken, und tatsächlich war der Kosmopolitismus keineswegs überall gut angesehen. In der DDR und der UdSSR galt er als imperialistisches, rechtsgerichtetes und nationalistisches Mittel der westlichen Großmächte, um kleine Staaten zu unterdrücken und den eigenen Nationalismus zu verschleiern. Der sozialistische Gegenentwurf war der proletarische Internationalismus, demzufolge alle Arbeiter der Welt gleiche humanistische Interessen hätten. An der Gleichheit der Interessen der Arbeiter besteht ja auch bis heute kein Zweifel. An der Gleichheit der Interessen der besitzenden Klassen weltweit allerdings auch nicht.

Eine Kernthese des am 1. Januar dieses Jahres verstorbenen Soziologen Ulrich Beck besagt, dass die zweite Moderne ihre eigenen Grundlagen aufhebt, indem Basisinstitutionen wie Nationalstaat und Familie von innen her globalisiert werden. Ein gravierendes Ausrichtungsdefizit in Forschung und Praxis war für ihn der methodologische Nationalismus des politischen Denkens, der Soziologie und anderer Sozialwissenschaften. Schon an der Stelle wird es mir zu wissenschaftlich. Ich habe das nicht studiert und wollte so weit nicht gehen. Aber etwas vereinfachend lässt sich vielleicht sagen: Wir müssen heute keine Weltenbummler mehr sein um Kosmopoliten zu sein und in der Welt draußen anzukommen. Die Welt draußen ist bei uns angekommen –- nicht im Katalog des Reiseveranstalters, sondern in unserer Nachbarschaft und oft genug in unserer eigenen Familie. Und wenn wir das richtig erkennen und akzeptieren, dann ist es gut so, und es lässt sich noch Besseres daraus machen.

Das Gegenteil (Antonym) von einem Kosmopoliten wäre übrigens ein Hinterwäldler. Und wer will das denn sein?

Der ist nun auch schon über zehn Jahre tot. Wenn ich je Flugangst hatte, dann seinetwegen. Das heißt, in gewisser Weise war auch meine Mutter daran schuld. Aufgebracht war sie nach Hause gekommen von einem Besuch bei ihrer Freundin, wo sie Zeugin einer der vielen heftigen Auseinandersetzungen dieser Freundin mit deren damaligen Noch-nicht-Ehemann geworden war. Die Freundin wollte sich trennen. Der Noch-nicht-Ehemann hatte herumgeschrien, sich einen geladenen Revolver an die Schläfe gehalten. Unter anderen hatte er geschrien, manchmal sei er so verzweifelt, dass er daran dächte, das Flugzeug einfach abstürzen zu lassen. Nur weil ihm dann die Frauen und Kinder einfielen, die hinten in der Maschine saßen, sei dies noch nicht passiert. Aber eines Tages …

Meine Mutter erzählte es meiner Großmutter. Sie war völlig fertig. Dieser Kerl, ein Flugkapitän und anerkannter Held der Luftbrücke, würde ihre Freundin dazu bringen, ihn doch noch zu heiraten, und sie (die Freundin) würde todunglücklich mit ihm werden. Erwachsene bedenken oft nicht, was Kinder verstehen, was sich ihnen einprägt und noch lange nachwirkt. Meine Mutter machte also einen Fehler, meiner Großmutter in meiner Gegenwart davon zu erzählen, aber in der Sache behielt sie Recht. Ihre Freundin und der Flugkapitän heirateten, und die Freundin wurde todunglücklich. Wenige Jahre später nahm sie sich das Leben. Nicht der Flugkapitän, sondern sie. Der Flugkapitän nie.

Es sollten nochmals Jahre vergehen, bevor ich zum ersten Mal ein Flugzeug bestieg. Ich war aufgeregt, wie wohl jeder vor seiner ersten Flugreise, auch ein bisschen ängstlich vielleicht. Und dieser Gedanke war da, nämlich, dass der Pilot des Flugzeugs, sollte er irgendwelche Selbstmordabsichten hegen, noch rechtzeitig an die Frauen und Kinder hinten im Flugzeug dächte. Der Gedanke blieb, huschte auch in Zukunft bei jedem Abflug wie ein kurzer Schatten vorbei. Zu einem Menschen mit ausgeprägter Flugangst wurde ich trotzdem nicht. Ich muss allerdings sagen, dass ich Flughäfen und ihre Atmosphäre mehr mag als das Reisen im Flugzeug an sich.

Nun hat nicht jeder eine Mutter, die eine Freundin hatte, deren Noch-nicht-Ehemann eine solche dramatische Szene hinlegte, von der die Mutter dann zu Hause erzählen musste. Und doch wundert es mich, ja es ist mir unbegreiflich, wie heute Menschen sagen können, sie hätten sich in ihren schlimmsten Träumen nicht vorstellen können, dass ein Mensch das tut, was gerade ein deutscher Pilot getan hat, und wovon der französische Staatsanwalt gestern sagte, als „Selbstmord“ würde er es nicht bezeichnen, wenn jemand außer sich selbst noch 149 weitere Menschen in den Tod reißt. Erstens hat es einen vergleichbaren Fall in den USA schon gegeben – mit noch mehr Todesopfern. Zweitens dürften das Leben und die Geschichte uns gelehrt haben, wozu Menschen aus den unterschiedlichsten Gründen, mit den unterschiedlichsten Motiven fähig sind. Nichts wird uns mit absoluter Sicherheit jemals vor dem schützen, wozu ein Mensch fähig ist. Der Wahnsinn lauert hinter jeder Ecke und ist der Gegenpol zu dem, was wir „das normale Leben“ nennen.

Habe ich hier schon mal erzählt, dass ich als Kind auf dem Rummel nie Zuckerwatte wollte, weil mir vom Anblick der drehenden blau-weißen Spiralen an der Wand hinter dem Kessel, in dem die Zuckerwatte gesponnen wurde, regelmäßig erst schwindelig und dann übel wurde? Ich weiß bis heute nicht, warum in den 50er Jahren in Berlin (jedenfalls auf den Rummelplätzen, die wir frequentierten) Zuckerwatte ohne diese optische Täuschung – denn darum handelt es sich – nicht zu haben war. Vermutlich wollte der Betreiber der Zuckerwattebuden irgendwie mit den Fahrgeschäften mithalten, deren schwindelerregende Eigenschaften mir damals übrigens ähnliche Probleme bereiteten.

Zum zeitgemäßeren Verständnis: Wovon ich hier rede, ist der Jerry-Andrus-Effekt, benannt nach dem US-amerikanischen Zauberkünstler Jerry Andrus (1918 -– 2007).

Einem ähnlichen Augenbetrug wie den rotierenden Scheiben an den Zuckerwattebuden sitzt man auf, wenn man eine Barber’s Pole anschaut. Es gibt für diesen Begriff keine wirklich gute Übersetzung, obwohl man dazu freilich Barbierstange sagen könnte, aber auch damit können viele Menschen hierzulade wenig anfangen, während in Amerika das Ding so bekannt und beliebt ist, dass es sogar als Motiv ungezählter animierter GIFs herhalten musste. Das hier gezeigte GIF-Bild ist eine Arbeit von Sakurambo, und ich fand sie bei den Wikimedia-Commons.

barber pole

Beim Hinschauen glaubt man, eine vertikale Bewegung zu sehen, und nur, wenn man das Bild mehrmals im Wechsel fokussiert und dann wieder quasi durch es hindurch schaut, wird die Bewegung als waagerechte Rotation verstanden. Jedenfalls mir geht es so.

Tatsächlich ist die Barber-Pole-Illusion (Sie heißt wirklich so!) eine der bekanntesten Bewegungstäuschungen. „Verantwortlich dafür ist das Aperturproblem, welches besagt, dass bei homogenen Linien, die sich innerhalb eines ansonsten leeren Feldes bewegen, deren Bewegung stets als senkrecht zu ihrer Linienorientierung verlaufend wahrgenommen wird.“ (Wikipedia)

Das erklärt natürlich noch nicht, was es mit der Barber’s Pole denn nun wirklich auf sich hat, denn sie existiert ja nicht nur als optische Täuschung, sondern ziert bis heute die Fassade so manchen Friseursalons in den Vereinigten Staaten. Ihren Ursprung hat sie in der Zeit, als Barbiere nicht nur rasierten, sondern auch Zähne zogen und ihre Kunden bei Bedarf zur Ader ließen. So symbolisiert die Stange eben jene Stange, die dem Behandlungsbedürftigen in die Hand gedrückt wurde, auf dass er sie fest umklammere. Die ursprünglich nur roten und weißen Streifen symbolisieren Binden und Blut. Das Blau kam erst später hinzu, und die Vermutung liegt nahe, dass es um der US-amerikanischen Nationalfarben willen geschah. Dieser Reminiszenz an die US-Flagge mag auch –- so denke ich –- das lange Überleben der Barber‘s Pole zu danken sein, denn die Affinität der Amerikaner zu nationalen Symbolen ist bekannt.

Im nächsten Eintrag geht es weiter. Und – keine Sorge! – ich komme schon noch auf Don Quijote.

Du liebe Güte! Fast vier Jahre ist es her, dass ich die Rosenbach-Episode mit den geblümten Gardinen geschrieben habe. Und überhaupt habe ich Rosenbach sträflich vernachlässigt, auch wenn das nicht bedeutet, dass er mir jemals ganz aus dem Sinn ginge. Erst kürzlich wurde mir so richtig bewusst, wie ich damals auf „geblümte Gardinen“ gekommen war. Nicht nur gab es in meiner Kindheit geblümte Vorhänge in unserem Schlafzimmer, es gibt auch heute in meinem Leben (sprich: in meiner Wohnung) einen geblümten Vorhang. Noch letztes Jahr wäre es mir unangenehm gewesen, dessen Vorhandensein überhaupt zu thematisieren. Die geblümte Gardine haben die Vormieter in dieser Wohnung zurückgelassen, und ich hatte sie –- als ein Provisorium –- erst einmal behalten. Doch auch hier erwies sich wieder einmal, dass nichts so lange hält wie ein Provisorium. Die geblümte Gardine ist weiß Gott nicht das einzige Dauerprovisorium in meinem Haushalt. Was mich nur wundert ist, dass Tochter #2, in deren ehemaligem Zimmer sie hängt, dagegen nicht irgendwann sturmgelaufen ist. Ich selbst bin –- was das Wohnen betrifft – Französin. Ich habe mir sagen lassen, nur die Deutschen seien so wählerisch mit der Einrichtung ihrer Wohnung, während es Franzosen üblicherweise genügt, wenn sie nichts stört. Ich möchte das ungeprüft glauben, denn genauso ist es mit mir. Um etwas zu verändern, müsste der Ist-Zustand mich erheblich stören, und so leicht bin ich nun mal nicht aus der Ruhe zu bringen.

Das Muster der geblümten Gardine

Was eine innere Auseinandersetzung mit meinen geblümten Gardinen bewirkt hat, ist die schlichte Tatsache, dass ich seit meiner Heimkehr aus der Reha-Klinik in eben diesem ehemaligen Tochterzimmer, das mir normalerweise als begehbarer Kleiderschrank und Gästezimmer dient, schlafe -– zunächst wegen der „“Komforthöhe““. Durch Kauf einer neuen Matratze und deren Platzierung auf der alten, ließ sich eine Liegehöhe herstellen, die die von den Ärzten verbotene Einhaltung des Winkels Hüfte/Oberschenkel von max. 90 Grad gewährleistet. Dank meiner unerbittlichen Physiotherapeuten könnte ich inzwischen zwar nicht nur auf die Komforthöhe verzichten, sondern notfalls sogar auf dem Fußboden schlafen, aber nun hat es mir die geblümte Gardine angetan. Mit schläfrig verschwommenem Blick ähnelt sie den Gardinen meiner frühen Kindheit: pastellfarbene Blumen auf hellgelbem Grund. Ich erinnere mich, wie sie sich im Luftzug bauschten und mich dadurch manchmal belustigten und manchmal erschreckten. Die Blumen allerdings waren naturalistischer als die meiner jetzigen Gardine, deren Phantasiegewächse, so dicht neben meinem Bett, mich zu langen Betrachtungen reizen. Immer wieder meine ich, eine Knospe, eine Blüte oder ein Blatt zu entdecken, an dem mir etwas auffällt, was ich vorher nie bemerkt habe. Es ist wirklich verrückt. Ich, die sich höchst selten ein gemustertes Kleidungsstück kauft, weil jedes Muster mich sehr bald langweilt, ich betrachte nun Tag für Tag diese geblümte Gardine und bekomme manchmal sogar Lust, selbst zum Zeichenstift zu greifen, und Pflanzen mit den seltsamsten Blüten und Blättern zu erfinden, ihnen Namen zu geben, Düfte, giftige oder heilenden Eigenschaften ……

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