Editorial


Edward Hopper: Notre Dame, No. 2, 1907

Edward Hopper: Notre Dame, No. 2, 1907

Obwohl ich von der mir verordneten Frist wusste, spürte ich, wie mir meine Uhr Zeit versprach, Zeit zu bleiben, während die Bus- und Reisegruppentouristen weniger Zeit hatten als ich, so dass ich mich nicht wundern musste, wie sie von der Würde des Sehens nichts übrig ließen als eine beliebige Sehenswürdigkeit, wie sie durch das Portal drängten, um am Altar ihr Sehen zu opfern. Ich blieb draußen mit meinen an der Kirche fest gehängten Blicken. Ich fragte mich, warum ich gerade sie zu meiner Mitte bestimmte, warum nicht Napoleons Bogen triumphierte oder Eiffels Turm, die mir als Ungläubigem in ihrer Weltlichkeit viel näher sein müssten. Dabei empfand ich es nicht einmal als besonders trostreich, um die Geschichte von Esmeralda und dem Glöckner zu wissen, weil angesichts der Wirklichkeit alles angelesene Wissen verblasste und in Frage gestellt war. Jede vergangene Lektüre, jeder gesehene Film hatten bisher Teil daran, mir Weltläufigkeit weiszumachen, aber in die Welt laufen ließen sie mich nicht.

aus „Paris geschenkt“ von Michael Wüstefeld

Ein Amerikaner (Hopper) in Paris und ein Dresdener (Wüstefeld) in Paris. Ich lese immer noch das Buch – ohne viel weiter gekommen zu sein. Und ich bin noch viel immernöcher mit Hopper beschäftigt. Dass man ein „geschenktes“ Paris nur durch langsamen Lesegenuss richtig würdigt, wäre eine faule Ausrede. Tatsächlich bin ich auch nicht faul. Ein Klick auf das Notre-Dame-Bild des Amerikaners offenbart dem Kenner des Blogs „Edward Hopper – The Man ’s the Work“, dass ich bei der Neubearbeitung für den Blogumzug zu WordPress Bilder einbaue, die dem Betrachter erlauben „ganz dicht heranzutreten“, mit eigenen Augen zu sehen, wie aus dem beinahe grobschlächtigen Gepinsel aus einigen (digitalen) Schritten Entfernung ein lebendiges, eindrückliches Bild wird (und umgekehrt). Ich muss gestehen, ich genieße die Beschäftigung mit den Hunderten von Bildern „in splendid solitude“ durchaus. Und zwischendurch gibt es ja Familienleben und Spaziergänge, kommt ein ungestümer Urenkel mit vorgestrecktem Blumenstrauß auf mich zu gelaufen (leider ohne Bild, da man bei der Begrüßung seiner Besucher nicht unbedingt den Fotoapparat im Anschlag hat), oder plaudere ich mit Tochter #2 im Café, während Clara (nur schon einen Monat alt) in der Sonne schläft.

Annabel und Clara, 10. Oktober 2015

Über einen Kinderwagen hinweg betrachtet, ist die Welt noch dieselbe, der Blick jedoch ein anderer.

Bild oben:
Edward Hopper
Notre Dame, No. 2, 1907
Öl auf Leinwand, 59,7 x 73 cm
Whitney Museum of American Art, New York; Josephine N. Hopper Bequest
Accession Number 70.1222

Bild unten: Privatfoto

Damit niemand denkt, die Dinge im private Olivenhain gingen nicht ihren geregelten Gang:

Voila! Mein Enkelkind …

Clara, 10. September 2015

Clara, geboren am 9. September 2015.

(Bin sehr beschäftigt.)

Was schreibt die Frau im Hochsommer – und hochsommerlicher, als es jetzt gerade ist, geht es ja wohl kaum … Was schreibt sie jetzt über Taschentücher, jene Requisiten, derer wir hauptsächlich in der Erkältungsjahreszeit bedürfen! – Nun, ganz so ist es nicht. Ließe sich ein Nachweis führen, würde ich sogar darauf wetten, in den letzten Tagen mehr gezückte Taschentücher gesehen zu haben, als im letzten November und Dezember zusammengenommen. In der Mehrzahl waren es Papiertaschentücher, die hauptsächlich genutzt wurden, Schweiß von Stirnen, Wangen und Hälsen zu trocknen. Aber ich gebe zu: „Okkulte Erlebnisse“ scheinen eher in die dunklere Hälfte des Jahres zu passen – wie ja schon die Bezeichnung vermuten lässt. Tatsächlich fand ich keinen Hinweis darauf, in welcher Jahreszeit die Séance stattfand, an welcher Thomas Mann teilgenommen hatte, bevor er seine Erinnerung daran in dem Roman „Der Zauberberg“ verwendete. Dass ich gerade jetzt über eine Séance und ein Taschentuch schreibe, hat einen sehr praktischen Grund: Das Taschentuchreservat.

Ich bin noch nicht ganz hier (bei WordPress) angekommen. Zwar ist mein Hauptblog (dieser hier) – von ein paar verworfenen Einträgen abgesehen – jetzt komplett übertragen; es fehlen aber noch die „Nebengelasse“. Und so habe ich gestern nicht nur die beiden Untertext-Seiten endlich verlinkt (siehe am rechten Rand: Meine Seiten und Blogs), sondern auch das „Taschentuchreservat“ an Bord geholt.

Entstanden ist dieses Blog aus einem Kommentargeplänkel zwischen Blogfreunden und einer sich daraus ergebenden kleinen und nicht unbedingt ernst gemeinten Blog-Aktion, wie sie in den ersten zwei Jahren meines Bloggens durchaus keine Seltenheit war. Schließlich wurde ein Reservat für die vom Aussterben bedrohten Stofftaschentücher (aber auch für Papiertaschentücher mit besonderen Eigenschaften) gegründet. Inzwischen (seit 2009!) ist es dort recht ruhig geworden. Ich gehe aber davon aus, dass es allen Taschentüchern in der Obhut von Lydia Hohlsaum-Niesen gut geht. Als verantwortungsbewusste ehemalige Assistentin der Geschäftsleitung des Reservats habe ich beim Übertragen auch darauf geachtet, dass die in den Einträgen verwendeten Links möglichst noch funktionieren. Als ich feststellte, dass ein Video nicht mehr bei YouTube abgerufen werden kann, machte ich mich auf die Suche nach einem adäquaten Ersatz – leider vergeblich. Dafür aber stieß ich auf eine (vermutlich mit einer Handykamera gemachte) Aufzeichnung des Vortrags „Thomas Mann und das Okkulte. Der Einfluss des Geisterbarons Dr. A. Schrenck-Notzing als Hypnosearzt und Tiefenpsychologe“, den Prof. Dr. Manfred Dierks im Universitätsclub Bonn gehalten hat – vermutlich nicht lange bevor das Video am 18.12.2011 hochgeladen wurde. Leider ist die Aufzeichnung (auch von der Tonqualität her) so schlecht, dass es mir nicht angebracht erschien, es hier einzubinden. Unterschlagen wollte ich es trotzdem nicht, denn immerhin war es ausreichend, meine Neugier zu wecken – zumal das Ganze etwas mit einem Taschentuch zu tun hatte.

Weiteres Nachforschen brachte mich dann auf einen Artikel, der bereits am 19. Mai 2008 in der Badischen Zeitung erschienen war. Das Blatt berichtete darin über ein von dem Diplom-Psychologen Eberhard Bauer, Leiter des Archivs des Freiburger Instituts für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene (IGPP), gehaltenes Referat über Thomas Manns Erfahrungen mit dem Okkultismus: Der 1929 verstorbene Münchner Arzt Albert von Schrenck-Notzing hatte eine Leidenschaft für paranormale Experimente. Zu den Gästen, die er dazu einlud, gehörten andere Ärzte und Physiker aber auch prominente Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, darunter auch Schriftsteller wie Gustav Meyrink und Thomas Mann. Abschließend wurden die Gäste von Schrenck-Notzing gebeten, ein persönliches Protokoll ihre Eindrücke anzufertigen. Eberhard Bauer sagte, die handschriftlichen Protokolle der drei Sitzungen, an denen Mann teilgenommen hatte, gehörten zu den „größten Schätzen“, des von ihm verwalteten Archivs.

Hier ein Textauszug:

Thomas Mann - Foto: dpa

Thomas Mann – Foto: dpa

Da versuchte der Hausherr ein letztes Reizmittel. Er zog strenge Saiten auf und sprach: „Nein, Minna, alles was recht ist. Wir sitzen nun über zwei Stunden, du kannst nicht sagen, daß wir es an Geduld haben fehlen lassen. Aber alles hat seine Grenzen. Wir geben dir jetzt noch fünf, noch zehn Minuten. Passiert nichts bis dahin, so machen wir Schluß, und die Herren gehen nach Hause, und mancher von ihnen wird allerdings denken, daß du nichts kannst und nichts vermagst, und wird es herumerzählen, und die Skeptiker werden sich freuen.“ – „Aber nein“, sagt von K. und sekundiert dem Baron, indem er ihm zu widersprechen scheint. „Aber nein, Herr Baron, was sagen Sie da, sie ist ja dicht daran, das weiß sie ja selbst am besten, immer noch hat sie es selbst am besten gewußt, meine Minna, wann sie ihre Ärmchen weit genug entwickelt und ausgestreckt hatte, um ordentlich … Wie? Was sagst du? Still die Musik! Was hast du gesagt, liebe Minna?“
In seine Worte hinein hat das Medium etwas geflüstert. Die Musik schweigt, wir alle schweigen. Es kommt noch einmal, schwer lallend: „Das Taschentuch!“
„Das Taschentuch!“ wiederholt befehlshaberisch von K.
„Sie weiß genau, was sie will, sie wird es schon machen, meine Freundin die Minna …“
„Selbstverständlich“, sagt der Baron. „Wenn es weiter nichts ist. Hier ist das Taschentuch.“ Und er zieht es aus der Brusttasche, sein großes, weißes, nur wenig gebrauchtes Schnupftuch, nimmt es am Zipfel und läßt es neben dem Tischchen zu Boden sinken. Da liegt es, schwach schimmernd sichtbar. Vorgestreckt starrt alles darauf hin.
„Den Tisch weiter zurück!“ flüstert Willi, dessen Gesicht auf seinen Händen liegt, die wir halten. „So recht?“ – Nein, nicht so. Er sieht nichts, aber weiß in seinem Traum, was geschieht, und daß es noch nicht genau so geschieht, wie er will; ungeduldig korrigiert er das Tun des Barons, als sähe er ihn: Mehr dorthin will er das Tischchen haben, erst etwas links und dann näher zum Hausherrn, so ist es recht. Der Raum zwischen Tisch und Taschentuch ist nun größer … „Die Kette!“ flüstert Willi, und man drückt sich die Hände. „Unterhalten!“ flüstert er, und man macht diensteifrig: „Jawohl, jawohl, Rhabarber, Rhabarber.“ Auch ich wende mich zu meinem Nachbarn, dem Polen, um etwas Gleichgültiges zu parlieren. Ich habe angefangen zu sprechen, da höre ich jemanden mit künstlicher Ruhe sagen: „Es kommt.“ Ich werfe den Kopf herum …
Erinnert man sich an die Stelle im Lohengrin, 1. Akt, wenn nach Elsas Gebet der Chor mit einer Einzelstimme einsetzt: „Seht! Welch seltsam Wunder!“ So ähnlich war es. Das Taschentuch hatte sich vom Boden erhoben und war aufgestiegen. Vor aller Augen, mit rascher, sicherer, energischer, fast schöner Bewegung stieg es aus Schattengründen in den Lichtschein der Lampe empor, der es rötlich färbte, stieg auf, sage ich, aber das ist nicht richtig, nicht so war der Vorgang, daß es leer und flatternd emporgeweht wäre, es wurde genommen und erhoben, eine tätige Stütze steckte darin, die sich oben in knöchelartigen Erhebungen darunter abzeichnete, und von der es faltig herniederhing; von innen her wurde lebendig damit manipuliert, drückende und schüttelnde Umgestaltungen wurden damit vorgenommen in den zwei oder drei Sekunden, während welcher es frei ins Lampenlicht gehalten wurde – und dann kehrte es mit ebenso ruhiger und sicherer Bewegung zum Boden zurück.
Das war nicht möglich – aber es geschah. Der Blitz soll mich treffen, wenn ich lüge. Vor meinen unbestochenen Augen, die ebenso bereit gewesen wären, nichts zu sehen, falls nichts da sein würde, geschah es, und zwar nicht einmal, sondern alsbald aufs neue: Kaum unten, so kam das Tuch schon wieder empor ins Licht, schneller diesmal als zuvor, und jetzt sah man mit unverkennbarer Deutlichkeit das von innen erfolgende Hinein- und Übergreifen der Glieder eines Greiforgans, das schmaler als eine Menschenhand, klauenartig erschien. Hinan und wieder herauf … Zum drittenmal oben, wird das Tuch von etwas Unsichtbarem kräftig geschwenkt und gegen den Tisch geworfen – nicht darauf, nicht gut gezielt, es bleibt an der Kante hängen und fällt auf den Teppich.
Bravorufe und laute Lobeserhebungen für „Minna“ hatten das Phänomen begleitet, und mehrmals hatte der Baron bei uns Neulingen angefragt, ob wir sähen, ob wir alles gut sehen könnten. Gewiß, wie hätte ich das wohl nicht sehen sollen. Ich hätte die Augen schließen müssen, um es nicht zu sehen, während ich diese meine Augen doch niemals gespannter offen gehalten hatte als jetzt. Ich hatte Größeres gesehen auf Erden, Schöneres, Würdigeres. Aber daß etwas Unmögliches, trotz seiner eigenen Unmöglichkeit, mit ruhiger Sicherheit und schließlich mit Übermut geschah, das hatte ich noch nicht gesehen, und darum wiederholte ich nur erschüttert: „Sehr gut! Sehr gut!“, obgleich mir nebenbei auch etwas übel war.

aus Thomas Mann – Okkulte Erlebnisse: Text (Fischer Klassik PLUS)

Bei allen berechtigten Zweifeln an den Vorgängen bei spiritistischen Sitzungen bleibt doch anzumerken: Es ist erstaunlich, was einem Taschentuch im Lauf seines Lebens alles widerfahren kann. Auch wenn es sich beim Taschentuchreservat natürlich um einen großen Spaß handelt, findet sich doch auch hier manches an tieferer Wahrheit und die eine oder andere kulturhistorische Betrachtung von Interesse. So wird auch der Auszug aus dem Thomas-Mann-Text demnächst dort unter Artenschutz gestellt werden. Leser, die ein wenig Zeit mitbringen, lade ich herzlich ein, im Taschentuchreservat auf Entdeckungsreise zu gehen. Auch wenn dort lange keine Aktivitäten stattgefunden haben: Die Kommentare sind offen und Neuzugänge bei den Taschentüchern nach wie vor willkommen.

Ausserirdische Zytruspresse

Das Wunder in meiner Straße

Nachdem rechts von meiner Grundstückseinfahrt der kleine türkische Bäcker ausgezogen und ein „„Späti““ eingezogen ist und links von der Einfahrt der Juwelier sein Geschäft aufgegeben und ein Nagelstudio eröffnet hat, nehme ich mir kein Taxi mehr nach Hause. Ich finde es irgendwie peinlich zu sagen: „“Halten Sie bitte zwischen dem Späti und dem Nagelstudio.““ Scheinbar geht es mit der Gegend bergab. Natürlich wäre Gentrifizierung auch alles andere als wünschenswert. Unversehens zahlt man die doppelte Miete, oder man kann sie eben nicht mehr bezahlen. Und um nun für den „Niedergang“ einen Ausgleich zu schaffen, habe ich dem Drängen meiner Töchter nachgegeben.

Irgendwann, irgendwo in diesem Blog habe ich mal geschrieben, dass ich -– was das Wohnen betrifft -– offenbar Französin bin. Über die Franzosen hatte ich nämlich vor Zeiten gelesen, dass sie mit ihren Wohnungen nicht annähernd so viel Schöner-wohnen-Kult treiben wie die Deutschen. Dem Durchschnittsfranzosen genüge es, wenn ihn an und in seiner Wohnung nichts stört. Da mich noch nie Franzosen zu sich nach Hause eingeladen haben (von einer Studentenbude in Paris abgesehen), konnte ich diese Behauptung zwar nicht nachprüfen, aber ich glaube sie auch ungeprüft gerne.

Dass einen etwas stört, ist freilich keine objektive Feststellung. Gut möglich ist, dass mich Dinge nicht stören, die für die Mehrzahl meiner Mitmenschen nicht hinnehmbar wären, während mich andererseits etwas die Wände hoch treibt, was andere nicht einmal bemerken, und wenn man sie darauf hinweist, mit einem Schulterzucken abtun. In meiner heimischen Hütte jedenfalls störte mich nichts –- oder doch wenig, jedenfalls nicht genug, um eine Komplettrenovierung nebst Austausch einigen Mobiliars zu rechtfertigen. Meine Töchter sehen das anders, und sehen ist hier wörtlich zu nehmen. Seit Jahren verging kein Besuch töchterlicherseits, ohne dass der kritische Blick an diesem oder jenem Aspekt meiner Behausung hängen blieb, und ich wusste immer schon vorher, jetzt kommt ein Satz der mit den Worten beginnt: „„Mama, Du solltest aber wirklich mal …“…“

Wer auch nur ein bisschen Phantasie besitzt, kann sich vorstellen, dass die Komplettrenovierung einer voll eingerichteten 46-qm-Wohnung eine Herausforderung darstellt, im Vergleich zu der die Probleme des Bauern, der mit einem Wolf, einer Ziege und einen Kohlkopf einen Fluss überqueren muss und im zur Verfügung stehenden Bötchen jeweils nur einen „Passagier“ mitnehmen kann, ein Klacks sind. Tage habe ich mit der strategischen Planung zugebracht. Ein Umzug wäre leichter zu bewerkstelligen. Ich will aber nicht umziehen. Also habe ich inzwischen einen Maler beauftragt, Listen für das Be- und Entsorgen aller möglichen Dinge aufgestellt und auch den Ohnmachtsanfall über den Preis von ökologischer Auslegware, bei deren Herstellung 30% weniger Energie verbraucht und 60% weniger CO2-Emission verursacht werden (im Vergleich zu was???), überstanden. Was mir in den sogenannten kreativen Pausen zwischen all diesen Vorbereitungen aber zu schaffen macht: Die Kreativität hat schwer gelitten. Sei es das Kinderbuch, das ich zu schreiben angefangen habe, sei es nur ein Blogeintrag –- kaum sitze ich zehn Minuten am Computer und habe ein paar Zeilen zu Papier gebracht, fällt mir etwas ein, wie z.B. dass ich die Deckenlampe im kleinen Zimmer doch gegen eine andere austauschen sollte, eine, bei der ich kaputte Leuchtmittel selbst auswechseln kann und nicht jemanden um Hilfe bitten muss, weil man auf der obersten Leitersprosse mit beiden Händen über Kopf hantieren muss. Oder dass die Sperrmüllabholung unbedingt die Glasschiebetüren der Vitrine mitnehmen muss, die ich als offenes Bücherregal benutzt habe. Flachglas gehört nämlich nicht in die Glastonne. Also notieren, damit es nicht vergessen wird. Und was packe ich in den Koffer, aus dem ich leben werde, während der Kleiderschrank in seine Einzelteile zerlegt und sein Inhalt in andere Koffer und Umzugskartons verpackt sein wird? –- Schon bis zum Erreichen dieser Stelle im Text bin ich drei Mal aufgestanden, habe gemessen, dass der Standherd in der Küche 50 cm breit ist, Zettel von der Pinnwand genommen und die Pinnwand zu den Sachen gestellt, die wir nächste Woche auf den Betriebshof der Stadtreinigung bringen, und habe notiert, dass ich die Töchter fragen werde, ob sie mein ungarisches Gewürzschränkchen haben möchten. Es passt nicht zu den Pylones-Küchengeräten, die ich jetzt sammle, nachdem ich bei meinen Urenkeln Paul und Anton festgestellt habe, wie gerne sie die Küchenschränke ihrer Mama ausräumen. Außerdem macht der bunte Kram gute Laune.

Man sieht daran, wie wichtig es für einen schreibenden Menschen (oder jedenfalls für mich) ist, den schnöden Belangen des Alltags nur das Nötigste an Beachtung zu schenken, denn der Alltag ist durchaus in der Lage, mehr Ablenkung zu schaffen als dem Schreiben guttut. Die Töchter meinen, ich soll mich nicht aufregen, denn sobald die Renovierung überstanden wäre, würde ich noch viel besser und entspannter -– weil nicht mehr durch irgendwelche Unschönheiten gestört -– schreiben können. Ich bin da nicht so sicher. Ich werde schon froh sein, wenn das Verhältnis zu den „Mädels“ während dieser ganzen Aktion ungestört bleibt.

Albrecht Dürer: Feldhase

Ich finde ja, man sollte Kindern nicht zu früh den Glauben an den Osterhasen nehmen –- auch wenn das heutzutage gar nicht leicht ist, denn in jedem Supermarkt und Kaufhaus sehen die lieben Kleinen die überwältigende Fülle an österlichen Süßigkeiten und nirgends Hasen in den Schlangen an den Kassen, sondern Mütter, Väter, Großeltern, …… die das Zeug körbeweis kaufen. Warum wohl? Wer klug ist, hält die Kinder vor Ostern von den Konsumtempeln fern. Wer noch klüger ist, tut das nicht nur vor Ostern, und dies nicht nur, weil Ostern gleich nach Weihnachten beginnt.

Dabei gibt es über den Osterhasen, der nur zu Ostern so genannt wird und während des restlichen Jahres als Feldhase sein Dasein fristet, einiges zu erfahren, was sogar manche Eltern und Großeltern überraschen dürfte. So weiß zum Beispiel nicht jeder, dass Hasenkinder aus ein und demselben Wurf verschiedene Väter haben können. Es lässt sich nicht leugnen, dass Häsinnen ausgesprochen promiskuitiv sind. Hasenmänner, die sich erfolgreiche Boxkämpfe mit anderen Hasenmännern liefern, dürfen ihr Glück gerne mal versuchen, auch wenn die Häsin eigentlich schon „„was zu laufen““ hat. So kommt es nicht selten vor, dass die Hasengeschwister nur Halbgeschwister sind und dazu noch nicht mal unbedingt im genau gleichen Alter. Superfötation nennt man jenes Wunder der Natur, das es einer Häsin ermöglicht, Embryonen in unterschiedlichen Entwicklungsstadien unter ihrem Hasenherzen zu tragen.

Dass Feldhasen keine Kaninchen sind, wissen die meisten, und auch, dass man dies am Körperbau (z.B. an den längeren Hinterläufen des Feldhasen) erkennen kann. Doch gibt es noch andere interessante Unterscheidungsmerkmale. Während Kaninchen ihre Jungen im Bau, also unterirdisch zur Welt bringen, und der Kaninchennachwuchs anfangs völlig hilflos ist –- nackt und blind, erblicken die jungen Feldhasen das Licht der Welt im wahrsten Sinn des Wortes, denn sie werden oberirdisch geboren, können von Anfang an sehen und laufen und verfügen über ein schützendes Fell. Ein drittes Unterscheidungsmerkmal: Kaninchen leben in Kolonien, während Hasen eher Einzelgänger sind. In anderer Beziehung haben aber Kaninchen und Feldhasen doch einiges gemeinsam: Ihr Leben ist ziemlich stressig (nicht nur zu Ostern), und genau wie Menschen brauchen Kaninchen und Feldhasen Vitamine, um topfit zu sein und allen Stress unbeschadet zu überstehen. Ein ausgeklügelter Speiseplan und der Gang in die Apotheke bleiben ihnen freilich erspart. Das Nervenschutzvitamin B1 wächst in Gestalt von Hafer, Weizen und Sonnenblumenkernen praktisch vor ihrer Nase und stellt ohnehin den Löwenzahnanteil ihrer Lieblingsspeisen dar. Ganz so unkompliziert ist es aber dann doch nicht, denn der Organismus von Hasen und Kaninchen kann B1 nicht ohne weiteres aufnehmen. Die Hasen-Vitamine werden im Darmtrakt der Tiere praktisch zu spät aufgeschlossen und müssen in Form „selbstgelegter“ Vitamin(kot)pillen erneut gefressen werden. Auch für dieses Phänomen haben die Wissenschaftler ein kluges Wort: Coecotrophie.

Das alles ist recht interessant, ob es sich jedoch als Ostergeschichte für die Kinder eignet, hängt sehr davon ab, wie Eltern oder Großeltern die Geheimnisse der Hasen erklären. Mit Begriffen wie Promiskuität, Superfötation und Coecotrophie lassen sich Kinder im Allgemeinen nicht abspeisen, und wer sich mit anschaulicheren Erklärungen überfordert fühlt, ist gut beraten, sich auf die traditionell vom Osterhasen gelegten und versteckten Eier zu besinnen.

Ich selbst habe an den Osterhasen übrigens ziemlich lange geglaubt -– dank eines von meiner Großmutter angewandten Tricks. Natürlich wusste auch ich schon bevor ich in die Schule kam, dass es die unter dem Schrank, hinter den Gardinen und (nur bei warmem Osterwetter) in der Ofenröhre versteckten Eier in den Geschäften zu kaufen gab. Umso verhasster war mir die blöde Sucherei, und ich verstand nicht, warum die Osternester nicht ebenso überreicht werden konnten, wie Weihnachts- oder Geburtstagsgeschenke. Doch später am Ostermorgen, wenn ich auch das letzte Marzipanei längst aufgestöbert hatte, kam dann stets meine Großmutter aus der Küche, ganz aufgeregt. „“Jetzt war der Osterhase da““, flüsterte sie mir zu und zeigte mir, als sei es ein Geheimnis, was sie in der Schürze trug: Hasenwarme Ostereier. Der Form und Größe nach hätten es Hühnereier sein können, aber so rotbraune und glänzende Eier legte kein Huhn und gab es in keinem Laden!

ALLEN FREUNDEN UND BESUCHERN EIN FROHES OSTERFEST!

Für die echten Hasengeheimnisse verantwortlich: http://www.DeutscheWildtierStiftung.de

Für die echten Ostereier verantwortlich: reichlich Zwiebelschalen, die mit den Eiern gekocht werden, und Speckschwarten (oder Speiseöl) zum Blankreiben der auf „Hasentemperatur“ abgekühlten Eier.

Nein, da fehlen keine zwei Punkte oder die Fortsetzung „als nie“. Der eine Punkt ist bewusst und mit Nachdruck gesetzt: Besser spät [Punkt] – Und so soll dies auch keine Bitte um Entschuldigung dafür sein, dass ich mich heute erst mit meinen Wünschen und Gedanken zum neuen Jahr melde, und das in einem Medium, das mit Geschwindigkeit wirbt. Wozu wäre eine immer höhere Übertragungsgeschwindigkeit denn gut, wenn nicht auch der Strom der Mitteilungen Fahrt aufnähme, was wiederum schnelleres Denken und schnelleres Umsetzen von Gedanken in Worte und Bilder voraussetzt? – Ach, ich merke schon, es läuft doch auf eine Entschuldigung hinaus, jedenfalls dafür, dass ich mich diesem Tempo so beharrlich verweigere. Ich entschuldige mich bei denjenigen, die immer wieder versuchen, mir zu traumhaft günstigen Tarifen ein schnelleres Internet am heimischen PC oder für das smarte Telefonino zu verkaufen, und die sich mein fröhliches Gejohle anhören müssen, um anschließend mit den Worten abgefertigt zu werden, das sei mir ja jetzt schon alles viel zu schnell, und sie mögen sich doch bitte wieder bei mir melden, wenn sie mir etwas Gemächlicheres anzubieten hätten. Mehr noch entschuldige ich mich bei denjenigen, die sich durch meine Tempoverweigerung geradezu düpiert fühlen – so als wähnte ich mich ihnen überlegen. Das ist keineswegs so. Meine innere Haltung ist eher geprägt von bescheidener Dankbarkeit dafür, dass ich „höher, schneller, weiter“ nicht mehr mitmachen muss, weil ich das erste Jahr meines Rentnerdaseins absolviert und mich dabei nur selten völlig nutzlos und überflüssig gefühlt habe. Ich bin sogar zu dem Punkt gelangt, meine neue Gelassenheit auf den analogen Bereich meines Lebens auszudehnen. Auch Zeitungen (auf Papier gedruckte!) lese ich nur noch „gut abgehangen“. Um dies noch wörtlicher umzusetzen, werde ich mir einige Zeitungsstöcke aus Nussbaumholz zulegen, an denen die Zeitungen dann ein paar Tage im Korridor meiner Wohnung herumhängen können, bevor ich mich mit ihrem Inhalt befasse. Liest man eine tagesfrische Zeitung, stellt man ohnehin nur fest, dass ihr Inhalt im Wesentlichen dem entspricht, was man schon bei der ersten Tasse Kaffee am Morgen in den Nachrichten gehört hat. Wartet man 24 Stunden, bewahrheitet sich der alte Spruch, nichts sei so alt wie die Zeitung von gestern. Greifen wir hingegen zu einer älteren Zeitung, wird deren Lektüre uns im hübschen Wechsel bald Respekt für eine kühne aber richtige Prognose hier abnötigen, bald ein triumphierend „Ha!“ angesichts einer hirnrissigen Einschätzung dort entlocken, die wir auch damals schon für hirnrissig gehalten hätten, ohne uns so recht zu trauen, dies lauthals zu verkünden.

Genug der Vorrede. Ich habe also die Fülle der Jahresrückblicke und Ausblicke auf das neue Jahr über mich hinweg rauschen lassen und jedem Impuls, mich in meinem bescheidenen Rahmen ebenfalls zu Wort zu melden, widerstanden. Was sein persönliches Leben betrifft, hat freilich jeder das gute Recht, am Ende eines Jahres ein Resümee zu ziehen und dem die Äußerung einiger Hoffnungen und guter Vorsätze folgen zu lassen. Nur kam ich mir gerade im vergangenen Jahr manchmal vor wie der von Schiller bedichtete Polykrates oder – um es etwas zeitgemäßer auszudrücken – wie der FC Bayern. Wer mag schon Gustav Gans? Wir sind eher Donaldisten. Mit meinen guten Vorsätzen kann ich auch nicht viel Staat machen. Mit dem Rauchen habe ich schon aufgehört, trinken tue ich sowieso (fast) nicht, und alles, was ich mir sonst noch vornehmen könnte, ist mir zu anstrengend. Andererseits bedeutet dies durchaus nicht, dass ich wunschlos glücklich bin. Mit Blick auf das große Ganze hätte ich da sehr wohl Wünsche und Hoffnungen. Und so habe ich bei der oben erwähnten Flut der Radiobeiträge zum Jahresende bzw. –anfang sehr aufmerksam auf das gewartet, was mir „etwas gibt“, was für mich herausragt, aus den gebetsmühlenartig wiederholten Beschwörungsformeln. Und da gab es tatsächlich zwei Sachen:

Das Eine war ein Begriff, der mir zwar nicht neu war, den ich bislang aber weitgehend ignoriert hatte: Europa der Regionen. – Schon seltsam, wie diese Worte mir plötzlich wie ein Licht in der Nacht erschien. Dabei gehöre ich eher nicht zu den Europa-Kritikern oder Europa-Pessimisten. Dennoch sagt mein Bauchgefühl, dass ein Europa der Nationen immer eine wackelige Angelegenheit, immer der Krug, der zum Wasser geht, bis er bricht, bliebe. Ein Europa ohne Nationen dagegen wäre ein viel zu großes, vor allem aber viel zu heterogenes Gebilde. Ein Europa der Regionen könnte auf lange Sicht die beste, die allen Bedürfnissen am gerechtesten werdende Lösung sein. Vielleicht kriegen wir das ja irgendwann hin. – Nun muss ich noch anmerken, in welchem Kontext mir dieser Begriff am Abend des 31. Dezember begegnete: Es war die Sendung „Erster Weltkrieg: Die Folgen in den Grenzräumen“ in der Sendereihe „Zur Diskussion“ des Deutschlandfunks. Eine Aufzeichnung der Diskussion mit Oliver Paasch (Ministerpräsident der deutschsprachigen Gemeinde Belgiens), Jürgen Rüttgers (Ministerpräsident a.D. von NRW), Herbert Ruland (Beauftragter Belgiens für die Aufarbeitung der Geschichte des Ersten Weltkrieges) und Genevieve Warland, Historikerin an der Universität Löwen kann hier nachgehört bzw. auch als MP3 heruntergeladen werden. Eine kurze Erläuterung dazu, was unter Europa der Regionen zu verstehen ist, findet sich auf der Webseite der Bundeszentrale für politische Bildung.

Ein zweiter Lichtblick war für mich das Gespräch mit Barbara John, welches Inforadio Berlin mit der ehemaligen Ausländerbeauftragten des Berliner Senats am 1. Januar ausstrahlte. Die inzwischen fast Siebenundsiebzigjährige mit der jungen Stimme und dem klaren Verstand vertrat hierin die mit Abstand ausgewogenste und vernünftigste Meinung, die ich seit Beginn der Diskussionen um PEGIDA gehört habe. Auch dieser Radiobeitrag („Wohin mit den Flüchtlingen?“) kann nachgehört werden, und zwar hier.

Ich wünsche allen Freunden und Lesern, dass auch sie das Jahr mit einigen Lichtblicken beginnen konnten, und dass unsere Hoffnungen sich nicht als Irrlichter erweisen.

Vor einigen Tagen durchkramte ich mein Fotoarchiv nach einem Bild, mit dem ich meinen Blog-Lesern – möglichst ohne viel Worte – frohe Ostern wünschen könnte. Was ich fand, war dies:

gefärbtes Ei im Eierbecher, mit Salzstreuer und Gabel

Ein Foto, das beim familiären Oster-Brunch vor vier Jahren entstand – als Resultat einer Spielerei mit der Kamera, die man sich zu Zeiten, als man noch Filme kaufen, entwickeln lassen und Abzüge bezahlen musste, eher nicht geleistet hätte. Ein JPEG, dessen Überleben nur meiner Nachlässigkeit beim Aufräumen des Archivs zu danken ist. Aber doch wenigstens ein Ei und noch dazu ein bemaltes! -– Nur: Was dazu schreiben? Einfach: Frohe Ostern? Oder doch mit dem Zusatz, dass man Eier nicht mit der Gabel isst?

Die Sache blieb unentschieden bis gestern Vormittag, als ich – häuslich beschäftigt – zwischen Stube und Küche hin und her lief und, die Küche betretend, aus dem Radio den Satz hörte: „“Er isst die Eier immer ohne Salz und Pfeffer.““ [Deutschlandfunk, DAS FEATURE, 18.04.2014] Spontan versuchte ich, diesen Satz einer Person, einer Situation zuzuordnen. Und während ich noch überlegte, ob ihn die Köchin zum neuen Dienstmädchen sagen könnte, das eben im Begriff ist, Salz- und Pfefferstreuer auf das Frühstückstablett zu stellen, das sie dem gnädigen Herrn ans Bett tragen wird – oder in den Wintergarten, wo er (im Morgenrock) bereits die Zeitung liest… Während sich also Bilder in meinem Kopf zu eine kleinen Film reihten, hielt der Sprecher im Radio nicht inne, sondern zerstörte meine Illusion, indem er mir klarmachte, das es sich, bei besagter Mitteilung, um einen der 40 (endgültigen) Sätze Georg Wenkers handelt, sorgfältig entwickelt und als Fragebogen an Lehrer in Deutschland verschickt, um die räumliche Ausbreitung der deutschen Dialekte genau zu ermitteln. Nach Abschluss der Erhebungen in Deutschland 1887 lagen insgesamt 44.251 Fragebögen aus 40.736 Schulorten vor. Das Ergebnis dieser mühsamen Arbeit, die den als Bibliothekar tätigen Georg Wenker seine ganze Freizeit gekostet haben muss, ist der Deutsche Sprachatlas, der in seiner digitalen Form bis heute von Wissenschaftlern und Kriminologen genutzt wird. Auch Ansichten der Original-Fragebögen finden sich dort.

Ach, ich wollte es doch „„ohne viel Worte““. Ein weiterer Satz von Wenker lautet: „“Du hast heute am meisten gelernt und bist artig gewesen, du darfst früher nach Hause gehen als die anderen.““

Frohe Ostern!

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