Club Oblomow


Da mir „Wäldernacht“ so gut gefallen hatte, musste ich mir keinen Ruck geben, um den auch in Bernd Wagners „Club Oblomow“ erwähnten ersten Roman von Ralf Rothmann, „„Stier““ (1991), zu lesen.

Der 1953 geborene und im Ruhrgebiet aufgewachsene Ralf Rothmann ist Lyriker. Das zeigt sich in seiner vom SPIEGEL als sensibel und wagemutig bezeichneten Sprache. In diesem frühen Roman geraten die von ihm gebrauchten Metaphern manchmal hart an die Grenze meines inneren Widerstrebens -– etwa wenn er die kompositorischen Experimente eines Nachbarn im Berliner Hinterhaus mit „“als hielte sich jemand Pazifikwellen im Keller““ beschreibt. Aber hier erschöpft sich meine Kritik auch schon -– beschämt von der Toleranz jenes Schriftstellers Kai Carlsen, der seine Bleistifte spitzt, weil er die Nähe des ans Licht drängenden Gedankenflusses fühlt, und dem ein anderer Nachbar just in diesem Moment die Wohnungstür eintritt. Er hat sich eben im Stockwerk geirrt. Das alles ist Biederkeit, verglichen mit den Jahren in Essen, als Carlsen seine Arbeit als Maurer schmiss, um in einer Discothek von fragwürdigstem Ruf zu jobben und schließlich zu deren Inhaber sogar in eine schräge WG zu ziehen, die früher noch viel schräger gewesen sein muss. Aber auch Eckhart Eberwein, Ecki genannt, ehemals Bauingenieur und nun Betreiber des „Blow up“, unterliegt dem Prozess der Veränderung. Was war das mal für ein feiner, freier Kerl! sagt Meier – auch einer aus der WG. Wehe dem, der ihm vor zwei Jahren gesagt hätte: Du wirst die verrückten, phantastischen Leute, die hier leben, demnächst auf die Straße setzen und aus dem funkensprühenden Narrenhaus einen Appartementkomplex für Besserverdienende machen! Und er beendet seine düstere Prognose mit den Worten: Der stolzeste Stier bleibt wesentlich Rind. – Es wird nichts aus dem Bauprojekt und nichts aus Eckis Liebe zur Tochter der Hauseigentümerin. Aus dem Milieu von Drogen und Schutzgelderpressung kann Kai Carlsen sich im letzten Moment wie von einem sinkenden Schiff in die mit einer Unterkunft verbundene Stellung eines Pflegehelfers in einem Krankenhaus retten. Hier klären ein Wiedersehen mit Ecki seine Sicht auf die Vergangenheit und die Bekanntschaft mit einem belesenen kolumbianischen Arzt seinen Blick in die Zukunft.

Voller menschlicher Wärme und mit leiser Melancholie erinnert sich Kai Carlson an die wilden Jahre und bedauert nichts.

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Ralf Rothmann
Stier
Suhrkamp Verlag, Frankfurt 1991
ISBN: 3-518-38755-3; 978-3-518-38755-9

Diesem Eintrag liegt auch der Roman „Club Oblomow“ von Bernd Wagner zugrunde, erschienen 1999 bei Ullstein in Berlin, ISBN 3-550-08298-3

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Der Roman von Ralf Rothmann, den Max in der von Mohammed angeschleppten Bücherkiste findet, trägt den Titel „“Wäldernacht““. Auf so einen Titel muss man erst einmal kommen. Und wenn man es dann auch noch schafft zu diesem Begriff mehrmals zurückzukehren, ihn wie ein Leitmotiv in Moll zu variieren und immer wieder sinnstiftend einzubinden, dann spricht dies für erzählerisches Können.

Rothmann hat den lyrischen Begriff der Wäldernacht Hölderlins Briefroman „Hyperion oder der Eremit in Griechenland““ entlehnt, und er tat dies nicht aus einer bloßen Wortverliebtheit heraus. Auch Jan Marrée erinnert sich an seine Jugend. Der inzwischen vierzigjährige Maler, ausgezeichnet mit dem Kunstpreis „Kulturgabe Irrlich“, hält sich für ein Jahr als Stipendiat in seinem gleichnamigen Heimatort auf, einer winzigen Gemeinde, die heute ein Außenbezirk von Oberhausen ist. Im obersten Stockwerk einer alten Villa, in der auch die Meldestelle, das Standesamt und die Volkshochschule untergebracht sind, hat man ihm ein Atelier zur Verfügung gestellt. Nun hofft der Kulturverein, demnächst die Bilder ausstellen zu können, welche der Sohn der Stadt hier zustande gebracht hat. Das Problem: Jan Marrée hat schon seit Jahren nichts mehr gemalt. Als er diese Schaffenskrise seinem Freund Hiller endlich gesteht, tut er es mit den Worten: Um Kunst zu machen, mußt du vor allem zwei Eigenschaften haben, Glauben und Leidenschaft. Ich aber glaube an nichts, weder an mich noch an die lächerliche Kunst. Aber das ist später, viel später, nach einer ganzen Reihe von Wechseln zwischen den beiden Erzählebenen, von denen eine sich auf die Geschehnisse während der gerade stattfindenden Fronleichnamskirmes beschränkt, während die andere die Erinnerungen an Kindheit und Jugend umfasst.

Von der Terrasse seines Ateliers hält Jan Marrée Ausschau nach dem Fronleichnamszug, dessen Gesänge man bereits hören kann. Er erinnert sich an die Zeit, als er selbst Ministrant war und das klobige, über und über mit Halbedelsteinen besetzte Kruzifix schleppen musste, das stets aus dem Gleichgewicht zu geraten drohte, während er viel lieber den Kessel mit Weihrauch geschwenkt hätte. Und mit seinen Erinnerungen taucht im Roman auch das Wort Wäldernacht zum ersten Mal auf.

Ein Hauch von Weihrauch wehte über die Ziegeldächer, viele Fenster waren zum Durchlüften der Kissen geöffnet, und aus meiner Mansarde konnte ich hier und da einen „Röhrenden Hirschen“ in den Schlafzimmern erkennen. Die Augen waren immer noch das Beste an mir.
Auch über dem Ehebett meiner Eltern hatte viele Jahre so ein achteckiger, graugrüner Schinken gehangen und sich verschwommen im Schleiflack des Schranks gespiegelt. Mit Kohle und Wasserfarben in der Kindheit oft kopiert, hatte ich ihn als Jugendlicher zum Inbild der Barbarei erklärt, die zwei vergeblich zu Drucken von van Gogh bekehren wollen und ihn schließlich, wie einen unaustilgbaren Schimmelfleck an der Tapete, gar nicht mehr wahrgenommen. Bis zu ihrer Silberhochzeit.
[…] Während ich trank, fiel er mir wieder ins Auge, dieser Hirsch. Er schwankte etwas im hohen Gras, und seine Kühe, den Schlafzimmerregeln der Natur gemäß etwas im Hintergrund mit ihren Kindern, ließen sich nur widerstrebend zählen; erst als ich ein Lid zukniff, ging’s.
Über allem, im All, blinkte der Morgenstern, das Käuzchen schrie, und die nebelumwaberte Tannenwand deutete auf unseren wilden, dunklen Ursprung hin, auf die Wäldernacht, aus der wir alle kamen.

An anderer Stelle wird deutlich, dass der Titel auf die versunkenen Wälder der Urzeit verweist. Jan Marrés Vater, der bis zu seiner vorzeitigen Pensionierung als Hauer unter Tage gearbeitet hatte, brachte seinem Sohn einst die Versteinerung eines Farns mit, mit welcher der Junge dorthin gelaufen war, wo Farne wuchsen.

… und sah, daß auch jeder Strauch, angefangen von den weit sich spreizenden Bodentrieben bis hin zur oftmals noch eingerollten, zartgrün-flaumigen Spitze, dieselbe Form hatte, die schon im kleinsten seiner Blätter, ja in Teilen der Winzigblätter seit Millionen Jahren genau so enthalten war.

Im Fronleichnamsgottesdienst trifft Jan Marrée auf Sarah und ihren siebzehnjährigen behinderten Sohn. Sarah engagiert sich in allen möglichen Ehrenämtern und in der Nachbarschaftshilfe. Sie hat Hiller geheiratet, den Jan seit dem ersten Schultag kennt und seiner Treuherzigkeit wegen, nicht umhin kann als Freund zu betrachten, den er aber nie wirklich hat leiden können, weil ihm der Gutmensch, der stets auch die linke Wange hinhielt, gehörig auf die Nerven geht. Niemand denkt mehr daran -– oder zumindest wird nicht mehr davon gesprochen, dass Sarah nach jenem Sommer mit Racko und seinen Freunden, als sie Tiger-Lilly genannt wurde und Jan ihr den Flügel einer Fledermaus auf die Schulter tätowierte, jahrelang im Ruf eines Flittchens gestanden hatte. Sarah erinnert Jan daran, dass sie und ihr Mann ihn zum Abendessen erwarten. Es ist ihr Geburtstag und Hiller, der in seiner Freizeit selbst malt, will Jan einige neue Arbeiten zeigen. Doch zunächst steht das Mittagsessen bei Jans Eltern auf dem Programm und danach eine Einladung zum Tee bei Rutenkolk, einem der Honoratioren des Ortes, der mit Jan über die Ausstellung sprechen will. Es hat den Anschein, als würde es ein typischer Feiertag werden, mit all den lästigen Verpflichtungen, die solche Tage mit sich bringen können, denn auch der Gedanke an den Abend mit Sarah und Hiller, die ihre Ehe „Partnerschaft“ nennen und zumindest befremdet wären, wüssten sie, dass sich Jan „schon beim Wortklang „die Herzhaare sträuben““, ist für ihn „wie ein Kater vor dem Rausch“.

Nicht zuletzt sind es die von Ralf Rothmann verwendeten Metaphern, die mir beim Lesen Vergnügen bereiteten, wenn er zum Beispiel Gladiolen als „Trompetenstöße der Natur“ bezeichnet oder davon spricht, dass die „Sehnsucht Fett ansetzt“. Aber Rothmann erweist sich auch als Autor, der sich darauf versteht, die Komik einer Situation herauszuarbeiten, und am Ende lässt er die Handlung seines Romans zu einem Krimi gedeihen, denn bei Hiller und Sarah taucht Racko auf -– die personifizierte Unberechenbarkeit, die immer wieder in das Leben der Anderen einbricht -,– eine ständige Bedrohung doch letztendlich der Verletzbarste von allen. Er verdient sein Geld im Zuhälter- und Drogenmilieu und befindet sich auch jetzt in höchst zweifelhafter Begleitung. Zu früh meint man, die Gefahr habe sich verzogen, als Racko und sein Gefolge verschwinden. Jan und Hiller fahren zum Haus von Jans Eltern, um im Keller nach Jans alten Bildern zu suchen, die sich womöglich als neue Werke ausgeben lassen. Dabei entdeckt Hiller, dass Jan ein Bild, das Hiller ihm einst geschenkt hatte, übermalt hat. Hiller erkennt es an dem Titel, der auf der Rückseite des Malgrundes noch zu lesen ist: „Wäldernacht“. Tief gekränkt läuft er weg. Doch damit nicht genug des Dramas. Ralf Rothmann verleiht der Geschichte ein furioses Finale, nicht ohne dann doch wieder zu leisen Tönen zu finden.

Rothmann hat keinen autobiographischen Roman geschrieben, doch ebenso wenig hat er je geleugnet, dass der Handlung so manches Autobiographische zugrunde liegt. Das zeigt sich unter anderem in den häufig erwähnten Musiktiteln der Sechziger. Seine literarische Laufbahn begann mit dem Schreiben von Songtexten. Er sagte darüber: „Die Rock- und Pop-Musik war damals für mich schon so etwas wie eine ästhetische Schule.“ Was mir an der Erzählweise aber am meisten gefallen hat, ist, dass sie vollkommen kitschfrei warmherzig, ja, liebevoll ist.

Diesem Eintrag liegt auch der Roman „Club Oblomow“ von Bernd Wagner zugrunde, erschienen 1999 bei Ullstein in Berlin, ISBN 3-550-08298-3

Der Duden bietet folgende Bedeutungserklärungen für das Adjektiv „modern“: 1) der herrschenden bzw. neuesten Mode entsprechend, 2a) dem neuesten Stand der geschichtlichen, gesellschaftlichen, kulturellen, technischen o. ä. Entwicklung entsprechend; neuzeitlich, heutig, zeitgemäß, 2b) an der Gegenwart, ihren Problemen und Auffassungen orientiert, dafür aufgeschlossen; in die jetzige Zeit passend und 3) der neuen oder neuesten Zeit zuzurechnen.

Und mehr oder weniger genau so verstand ich das Wort in den frühen Jahren meines Lebens auch. Es hatte mit Petticoats, Kofferradios und Kühlschränken zu tun und war ausgesprochen positiv besetzt. Da hatte ich Chaplins Film „Moderne Zeiten“ noch nicht gesehen. Den Film sah ich im Fernsehen, als er schon ein Klassiker war und ich bereits angefangen hatte zu begreifen, dass nicht alles Moderne verdiente, bejubelt zu werden. Mit dem Wort „modern“ ging ich aber weiterhin recht unbefangen um – ganz anders mit dem Wort „Moderne“ über das ich mittlerweile auch gestolpert war.

Selbst der Duden bleibt da in der Erklärung recht vage, schwafelt von der „modernen Zeit und ihrem Geist“ und von einer „modernen Richtung in Kunst oder Musik“. Um vom Problem abzulenken, folgt eine Interessantheit: Wussten Sie schon, dass dieses Wort 1915 erstmals im Rechtschreibduden stand? Und dann wird auf die typischen Verbindungen verwiesen: klassische Moderne, europäische Moderne, frühe Moderne, …

Schön, schön. Aber wann war sie denn nun, diese Moderne? Wann fing sie an, und wann hörte sie auf? Das habe ich nämlich schon in der Schule nicht wirklich begriffen.

Über Beginn und Ende der Moderne kann man bei Wikipedia nachlesen:

Der Beginn „der“ Moderne kann je nach Blickwinkel sehr verschieden angesetzt werden: Geistesgeschichtlich mit der Renaissance etwa ab dem 15. Jahrhundert, ökonomisch mit der Industrialisierung des mittleren 18. Jahrhunderts, politisch mit der Französischen Revolution Ende des 18. Jahrhunderts (politische Moderne) und dem Nationalismus des frühen 19. Jahrhunderts, in der Literatur- und der Kunstgeschichte als ästhetische Moderne mit dem beginnenden, als Stil mit dem ausgehenden 19. Jahrhundert. Nach Jürgen Osterhammel wurden „die intellektuellen Grundlagen der Moderne […] bereits während der frühen Neuzeit in Europa gelegt, frühestens im Zeitalter Montaignes, spätestens in der Aufklärung.“

Ein Ende der Moderne wird heute etwa im mittleren bis späten 20. Jahrhundert angesetzt. Als stilkundlichen Begriff verwendet man dann den Ausdruck „Klassische Moderne“ für ein abgeschlossenes Zeitalter, als Kategorisierung für die Gegenwart etabliert sich in einigen Fachgebieten – nicht unumstritten – der Begriff Postmoderne.

Und heißt das nun, dass man irgendwann von einer klassischen Postmoderne sprechen wird? Vielleicht sollte man aber auch noch mal hinterfragen, wann und ob überhaupt ein Zeitalter denn als „abgeschlossen“ betrachtet werden kann. Max, Bernd Wagners Protagonist aus dem „Club Oblomow“, müsste dann nicht das Gefühl haben, die Moderne verpasst zu haben.

Kaum kam ich in den Westen, war schon die Moderne gestorben. Siebzig Jahre war sie alt geworden, las ich in den Nachrufen, und daß sie sich schon überlebt hatte und nun die Postmoderne an der Reihe sei. Was hatte das zu bedeuten? Nach dem Stillstand der Geschichte nun der der Literatur, das ganze Leben nur noch ein einziges Danach?

Den Büchern, die noch in keinen Kanon aufgenommen wurden und vielleicht nie aufgenommen werden, begegnet man durch Zufall oder durch eine Fügung des Schicksals. Im Club Oblomow spielt dieses Schicksal Mohammed, der Händler von mehr oder weniger wertvollen Antiquitäten, der –- man erinnert sich vielleicht –- bereits für das Vorhandensein des Computers, mit dessen Hilfe Max seine Betrachtungen ins Blaue hinein schreibt, verantwortlich ist. Mohammed (romantechnisch in der Funktion eines Bringers von Dingen, deren Auftauchen der Autor aufwändiger nicht erklären mag) brachte irgendwann auch einen Karton voller Bücher, darunter ein Roman von Ralf Rothmann.

Und das lasse ich jetzt mal so stehen. Ein echter Cliffhanger!

Diesem Eintrag liegt der Roman „Club Oblomow“ von Bernd Wagner zugrunde, erschienen 1999 bei Ullstein in Berlin, ISBN 3-550-08298-3

Das ganze Von-Hilsenrath-zu-Gombrowicz-zu-Hilsenrath, die Beschäftigung mit der Exilanten- und der Heimkehrer-Literatur also, erinnert Max an seine erste Zeit nach der Ausbürgerung aus der DDR. Auch er war irgendwann ins Literarische Colloquium eingeladen worden.

Wie sie mich im Literarische Colloquium anglotzten, als ich fragte, warum sie ihre Villa nicht verkauften und sich in Kreuzberg einmieteten und das restliche Geld an die Schriftsteller verteilten. Nicht mal geantwortet haben sie. Überhaupt wurde hier nicht miteinander geredet, höchstens kommuniziert. Es fehlte nicht viel, und auch mir hätte es beinahe die Sprache verschlagen.

Der letzte Satz ist stilistisch miserabel, Herr Wagner. Was aber schlimmer ist: Sie lassen ihren Max da auf ein Niveau sinken, dass dazu geeignet ist, ein gern gehegtes Vorurteil zu bestätigen, nämlich dass diejenigen, die Institutionen wie die Akademie der Künste, das Literarische Colloquium und sonstige „Kulturtanten“ kein bisschen lieben, dies wegen der fehlenden Gegenliebe nicht tun. Ganz unwahrscheinlich aber ist nicht, dass auch dieses Fehlen seine Gründe hat.

Damit will ich nicht sagen, dass es an den vorgenannten Institutionen nichts auszusetzen gibt. Nur sollte die Kritik mit einer gewissen Eloquenz vorgetragen werden. Je geistsprühender, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass sich auch innerhalb der Institution unverhofft Sympathisanten finden. „Warum sie ihre Villa nicht verkauften und sich in Kreuzberg einmieteten“, das ist einfach nur proletenhaft und zeugt von peinlicher Ahnungslosigkeit.

Aber gut, wir sind auf Seite 147. Das letzte Viertel stehe ich auch noch durch. Und um mich abzuregen, schreibe ich jetzt mal ein bisschen über das geschmähte Institut.

Das Literarisches Colloquium Berlin wurde am 16. Mai 1963 von Walter Höllerer gegründet –- als Forum für alle mit der Literatur zusammenhängenden Berufsgruppen. Das LCB vergibt verschiedene Stipendien und richtet eine Reihe von Literaturpreisen aus: den Alfred-Döblin-Preis, den Lyrik-Debüt-Preis, den Berliner Preis für Literaturkritik, den Helen-und-Kurt-Wolff-Preis, den Ellen-Otten-Preis und den Brücke Berlin-Preis. Darüber hinaus werden der Öffentlichkeit im Rahmen von Veranstaltungen Autoren und ihre Bücher vorgestellt. Die Lesungen sind mit Gesprächen und thematischen Diskussionen verbunden. Seit 2011 können zahlreiche Lesungen aus dem Ton-Archiv des Literarischen Colloquiums online nachgehört und heruntergeladen werden.

Die Adresse Am Sandwerder 5, am Ostufer des Großen Wannsees, ist nobel. Gleich nebenan befindet sich die Dampferanlegestelle, zu der bei schönem Wetter Scharen von Ausflüglern strömen, doch auch diejenigen, die sich eher von den Flügeln des Pegasus angezogen fühlen, haben keinen Grund zum Meckern. Der Wannsee scheint nur j. w. d. (janz weit draußen) zu sein; tatsächlich braucht die S-Bahn (S 1) ganze 17 Minuten vom Rathaus Steglitz zum Bahnhof Wannsee, und dort angekommen unterquert man den Kronprinzessinnenweg, bei dem es sich überraschenderweise um eine breite und verkehrsreiche Straße handelt, läuft gegen die Richtung, aus der man mit der Bahn gekommen ist, ein paar Meter zurück, biegt links um die Ecke und ist praktisch schon da.

Am Sandwerder 5 Am Sandwerder 5

Ich nutzte das schöne Wetter für einen kleinen Spaziergang. Neben dem Tor zur Villa Otzen, Am Sandwerder 9, gab mir das offensichtlich fehlende Wappen [1] ein Rätsel auf, das ich auch später zu Hause nicht lösen konnte. Gleich nebenan, Am Sandwerder 11-13, befindet sich das Schullandheim Blumenfisch [2] und ein Stück weiter, Am Sandwerder 17/19, wurde in der ehemaligen Villa des Bankiers Hans Arnhold 1998 das Hans-Arnhold-Center der American Academy [3] eingerichtet. Hinter der weißen Rhododendronhecke werden Brücken der Verständigung und des geistigen Austauschs zwischen Deutschland und den USA geschlagen.

1Am_Sandwerder_9_m   2 Am Sandwerder 11

3 Am Sandwerder 17

Noch ein Stück weiter die Straße hinauf parkten zwei LKWs der Firma Cinegate. Die unter Denkmalschutz stehende Villenkolonie ist ein beliebter Drehort. Auf dem Weg zurück zum Bahnhof weckte das Haus Nr. 12 auf der anderen Straßenseite meine Neugier. Dass es sich um die Villa Ebeling mit Pförtnerhaus und Stall handelt, habe ich später zu Hause nachgelesen. Fürs Erste musste ich mich mit einem Blick hinter die schwarzen Planen (sie verbergen Baumaterial) und auf die Tafel des Architekten, der hier umbaut, begnügen. Wer oder was hier einziehen wird, bleibt wohl (vorerst) ein Geheimnis.

Am Sandwerder 12 Am Sandwerder 12 (Torweg) Am Sandwerder 12 (Tafel des Architekten)

Mir ist ein Villenviertel, das Kulturinstitutionen beherbergt, allemal lieber, als ein Villenviertel, in dem sich das Leben ganz und gar hinter Hochsicherheitstechnik zurückzieht, und man die Bewohner nicht einmal sieht, wenn sie in ihren Autos aus den Garagen gleiten, weil sie hinter getönten Scheiben verborgen bleiben. –

Diesem Eintrag liegt der Roman „Club Oblomow“ von Bernd Wagner zugrunde, erschienen 1999 bei Ullstein in Berlin, ISBN 3-550-08298-3

Witold Gombrowicz hat mich hinlänglich beeindruckt. Und so schnell kommt auch Max nicht von ihm los, nachdem er das Thema einmal aufgegriffen hatte. Besonders der Aufenthalt des Polen im West-Berlin des Jahres 1963/64 interessiert ihn. Gombrowicz im Literarischen Colloquium, in der Akademie der Künste, im Café Zuntz. Bernd Wagner geht so weit, zu schreiben: „ „Ohne diesen Besucher, habe ich das Gefühl, wäre die Stadt in jenen Jahren unbeschrieben geblieben. Berlin erscheint im Tagebuch als der von der Geschichte am ärgsten befleckte Punkt, ihr schmerzlichster Ort.““ – Die „“Berliner Notizen“ habe ich mir vorgenommen, noch zu lesen – aber nicht mehr im Rahmen des Club-Oblomow-Projektes. Berlin als literarischer Ort und Ort der Literatur hat mehr zu bieten. Noch aber halte ich aus in der abgestandenen Kneipenluft.

Nachdem Max sich ein weiteres Bier aus dem Kühlschrank geholt hat, kommt er auf Edgar Hilsenrath zu sprechen, der etwa zehn Jahre nach Gombrowicz nach Berlin kam. Doch während der Letztere nur für ein Jahr blieb und dann nach Frankreich ging, lebt der stets deutsch schreibende Hilsenrath, dessen Grund für die Rückkehr die Sprache war, bis heute hier. Das will ich jedenfalls hoffen, denn inzwischen ist er achtundachtzig.

Hilsenrath, Hilsenrath … … Den hatte sie doch schon beim Wickel, mag der eine oder andere Leser denken und irrt hierin keineswegs. Aber da ging es um seinen Roman „“Der Nazi & der Friseur““, und diesmal… …

Diesmal sollte es um „„Bronskys Geständnis““ (1980) gehen -– später, in der Ausgabe des Gesamtwerkes mit dem Titel „„Fuck America!““ versehen. Diese Umbenennung lässt ahnen, dass Hilsenrath sich sprachlich (im Vergleich zu „“Der Nazi & der Friseur““ keineswegs zurückgenommen hat. Warum sollte er auch? Er hat viel durchgemacht. Verprügelt von den Nazis, geflohen nach Rumänien, deportiert in ein Ghetto in der Ukraine, entkommen nach Palästina, wo er ihm wirtschaftlich so schlecht ging, dass er auf Parkbänken und im Obdachlosenasyl nächtigte, dann ausgewandert nach New York. Und auch hier brachte er sich mit Gelegenheitsjobs durch, lebte am Rand der Gesellschaft, während er weiter schrieb, und bis er von der amerikanischen Literaturkritik entdeckt und mit Kafka, Celine, Gorki und Steinbeck verglichen wurde. Zu spät. „Ich kenne kein Land, in dem der Mensch so verachtet wird wie in Amerika“, so Hilsenraths Worte. „Dieses erfolgsbesessene Land wurde für mich zum kafkaesken Alptraum.“ Nochmal: Hilsenrath hatte in meinen Augen alles Recht der Welt, eine verlogene Gesellschaft anzuklagen und ein bitterböses Resümee aus seinen Erfahrungen zu ziehen. Dennoch halte ich es mit Thomas Rietzschel, der anlässlich der Herausgabe der „“Gesammelten Werke““ Hilsenraths (2003) die Ansicht vertrat, diese seien „- zumindest was diesen Roman angeht – dem literarischen Ruf des Autors eher abträglich“. Die derb-vulgäre Sprache verleidete dem Rezensenten die neuerliche Lektüre von „Bronskys Geständnis“. Was 1980 noch als aufrüttelnde Provokation gelten konnte, schien ein Vierteljahrhundert später nur noch „mangelnde Souveränität des Erzählers“ zu bezeugen.

Noch 1999 schrieb dagegen Bernd Wagner:

Dieses Buch [Bronskys Geständnis] schielte eines Tages aus der offenen Reisetasche, die ein Freund in meinem Korridor abgestellt hatte. Besuch ist etwas Schönes, doch wenn man gerade um Worte ringt, kann eine im Korridor rumlungernde Reisetasche zu einer Belastung werden. Noch dazu, wenn aus ihr ein senfgelbes Taschenbuch guckt, auf dem die Freiheitsstatue einen Judenstern hält. Er spielte also in Amerika, der Roman, und nachdem ich die erste Seite gelesen hatte, konnte ich nicht aufhören, bis ich das schmale Buch durch hatte.

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Nun, nachdem ich die erste Seite lesen hatte, … Nein, ganz so schnell fallen meine Entscheidungen nicht. Also, nachdem ich die ersten zehn Seiten gelesen hatte, blätterte ich zehn Seiten weiter und las:

In Donald’’s Pinte am Times Square ist Hochbetrieb. Besonders auf der Herrentoilette.
Neben mir steht ein riesiger Neger -– rotes Halstuch, weißer Schlapphut –- und uriniert im hohen Bogen gegen die Kachelwand über dem Pißbecken.
„“Sag mal, Junge, warum guckst du eigentlich auf meinen schwarzen Schwanz?““
„“Doch, du guckst hin.““
„„Ich gucke nicht hin!““
„„Doch, du guckst hin.““

„„Willst du mal lutschen?““
„„Nein“.“
„„Warum nicht?““
„„Darum.““

Ich blätterte zur Seite 33.

„„Ein Martini wird bei uns mit ‘’ner Olive serviert““, sagt der Boß, „“und nicht mit ‘’ner Kirsche. Nur gesüßte Getränke werden mit Kirschen serviert.““
„„Jawohl, Sir.““
„“Warum haben Sie den Martini mit ‚‘ner Kirsche serviert?““
„„Weil ich kurzsichtig bin. Sir.““
„„Okay, Bronsky.““
Seine Frau lächelt wieder süßlich. „„Man kratzt sich auch nicht am Hintern in Gegenwart der Gäste.““
„„Es hat aber gejuckt, Ma’’am.““
„„Dann gehen Sie nächstens auf die Toilette.““
„„Jawohl, Ma’’am.““

Oh nein, nicht schon wieder auf die Toilette! – Hierüber kann man streiten. Es erhebt sich in diesem Zusammenhang aber eine andere, viel grundsätzlichere Frage, nämlich ob es einen Kanon der Gegenwartsliteratur (einigen wir uns für diesmal darauf, dass damit Literatur nach 1945 gemeint ist) überhaupt geben kann. Und meine persönliche Antwort ist: Nein.

Mit dieser Frage hat sich übrigens auch Dietrich Schwanitz, der Autor des so umstrittenen wie populären Buches „“Bildung. Alles was man wissen muss““ (1999) befasste. Auf der Suche nach unterschiedlichen Rezensionen hierzu stieß ich auf das Blog „“Biblioversum““, dessen Autor im Januar 2011 –- also mit einigem Abstand zu den Turbulenzen in den Feuilletons -– schrieb: „…ich bin stolz darauf, dass ich mit Wolfgang Hohlbein, J.R.R. Tolkien und Douglas Adams aufwuchs und mich nicht durch den humanistischen Bildungsbürgertums-Katalog lesen musste, damit mein direktes Umfeld mich als Mensch (und nicht als Neandertaler) akzeptierte.““ Amen.

Diesem Eintrag liegt auch der Roman „Club Oblomow“ von Bernd Wagner zugrunde, erschienen 1999 bei Ullstein in Berlin, ISBN 3-550-08298-3

Schlüssellektüre für Gombrowicz-Einsteiger: Wer einen schnellen Einstieg in das Leben und Denken des polnischen Exilanten sucht, für den sind Gombrowiczs Aufzeichnungen als Ford-Stipendiat im geteilten Berlin eine wahre Fundgrube. Die edition.fotoTAPETA macht die „Berliner Notizen“ 50 Jahre nach Witold Gombrowicz Aufenthalt in der heutigen Hauptstadt neu zugänglich.

So stand es am 8. Dezember des vergangenen Jahres im Börsenblatt. Ach, hätte ich es doch gelesen und geglaubt! Stattdessen aber hatte ich Ferdydurke, den wichtigsten Roman eines der wichtigsten polnischen Autoren des 20. Jahrhunderts bereits gekauft und war entschlossen, ihn zu lesen, wenn er an die Reihe käme, in meiner inzwischen gar nicht mehr spielerischen, sondern mir beschwerlich erscheinenden Beschäftigung mit Bernd Wagners persönlicher Literaturgeschichte in „„Club Oblomow““. Der Leser sei gewarnt vor Romanen über Romane. Einziger Trost: Wagner verrät durch seinen Protagonisten Max weniger, als es Rezensenten üblicherweise tun, die einem die schönsten Überraschungen verderben können, vom Erfolgserlebnis, etwas selbst bemerkt zu haben, ganz zu schweigen. Wer also hier meine Einträge über Bücher liest, tut dies auf eigenes Risiko. Der Lektüresuchende sollte sich auf Klappentexte beschränken, die immer positiv gehalten sind und so das eigene Misstrauen wachhalten und nie entscheidende Aussagen treffen.

Auf „grün“ zum Beispiel hatte Wagner mich nicht vorbereitet, sondern es mir überlassen, mich über den Satz zu wundern: „Auf der Hälfte meines Lebensweges fand ich mich inmitten eines finsteren Waldes. Und dieser Wald war –- was noch schlimmer ist -– grün.““ Was hier den Traum zum Alptraum macht, obwohl grün doch die Farbe ist, die jeder am ehesten mit Wald assoziiert und als ganz normal, wenn nicht gar als den Augen und dem Gemüt wohltuend empfindet, erklärt sich nach und nach auf den folgenden Seiten des Romans Ferdydurke.

In Wirklichkeit ist es eine Sache von allergrößtem Gewicht und für die weitere Entwicklung entscheidend, gegenüber wem der Mensch Stellung nimmt und sich organisiert –- ob er zum Beispiel handelnd, redend, schwätzend, schreibend einzig erwachsene, fertige Menschen und eine Welt klarer, kristallisierter Begriffe im Sinne hat und in Betracht zieht, oder ob ihn unaufhörlich die Vision des Pöbels verfolgt, der Unreife, der Schüler, der Oberschülerinnen, der Stadt- und Landbürger, der Kulturtanten, der Publizisten und Feuilletonisten, die Vision der verdächtigen, trüben Halbwelt, die dort irgendwo auf dich lauert und dich allmählich mit Grün umwuchert wie die Schlingpflanzen, die Lianen und andere Gewächse in Afrika. Nicht einen Augenblick konnte ich die kleine Nichtganzwelt der nichtganzmenschlichen Menschen vergessen – und mit panischer Angst, mich entsetzlich ekelnd, schon bei der bloßen Vorstellung eines sumpfigen Grüns zurückschaudernd, konnte ich mich dennoch nicht davon losreißen und war wie ein Vöglein von der Schlange fasziniert. Als ob mich irgendein Dämon zur Unreife verführte!

Wir ahnen spätestens jetzt, was mit Wald und was mit grün gemeint ist.

Die Handlung setzt ein in einem Landhaus in der Nähe von Warschau zu Beginn der 30er Jahre. Dienstags [Ich habe leider nur eine Neuübersetzung, in der es unzutreffend heißt „“Am Dienstag……““, aber das System zuverlässige Zeitangaben versagt hier kläglich.] erwacht der dreißigjährige Jozio als jugendlicher Schüler. Zunächst hält er das für eine Einbildung, ein dummes Gefühl, doch dann trifft er auf der Straße den Schulinspektor Pimko, der ihn an die Hand nimmt und, keinen Widerstand duldend, in eine Schule bringt. Man erwarte nun nichts, was im Entferntesten an die „Feuerzangenbowle“ erinnert. In dieser grotesken Schule ist es das oberste Ziel der Lehrer, den Schülern ihre Unreife klarzumachen und sie darin zu erhalten: Knaben statt Jungen, Mägdelein statt Mädchen. Während die Jugendlichen provozierend vom A…. reden, werden sie von den Lehrern „„popoisiert““.

Diese Lektüre kann völlig unverdaulich werden für Menschen, die sich und ihren Überlegungen und ihrem Besitzstand ein gewisses Gewicht beimessen, für einen „„gläubigen““ Maler, einen „„gläubigen““ Wissenschaftler oder einen „“gläubigen““ Ideologen. Die westlichen Leser von Ferdydurke lassen sich einteilen in: a) leichtfertige, die sich sorglos mit ihm amüsieren, b) ernsthafte, c) ernsthafte-beleidigte.

… heißt es in Eine Art Testament. Gespräche und Aufsätze (1969).

Dies lesend fragte ich mich natürlich, zu welcher Gruppe ich gehöre. Ich habe mich beim Lesen amüsiert, wenn auch nicht „sorglos“. Keinesfalls war ich beleidigt. Was also sträubt sich in mir, mich den „Ernsthaften“ zuzurechnen? Es ging ja doch um ernsthafte Themen, um Unschuld und das Nicht-unschuldig-sein-Wollen. Und schon beschleicht mich der Verdacht, einst „popoisiert“ worden und noch immer „popoisiert“ zu sein.

Ferdydurke (1937) war Gombrowiczs Abrechnung mit der Ignoranz der Kritiker (der „Kulturtanten“, wie Gombrowicz sie nennt), nachdem sein 1933 veröffentlichter Erzählband Memoiren aus der Epoche des Reifens von der polnischen Kritik völlig missverstanden worden war. Bald darauf, zwei Wochen vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, emigrierte Gombrowicz nach Argentinien. Nach Polen kehrte er nie mehr zurück, schrieb aber weiter in seiner Muttersprache. 1947 übersetzte er Ferdydurke ins Spanische –- ohne polnisch-spanisches Wörterbuch, dafür mit Hilfe seiner Schachpartner im Café Rex in Buenos Aires und der kubanischen Schriftsteller Virgilio Piñera und Humberto Rodriguez Tomeu. Es muss herrlich gewesen sein. Und überhaupt hatte ich an der Beschäftigung mit Witold Gombrowiczs Biographie noch mehr Freude als am Lesen des Romans. Wenn ich hier nicht ausführlicher darauf eingehe, dann weil es eine wirklich gute, sehr ausführliche, sehr übersichtliche Webseite gibt: http://www.gombrowicz.net/

Diesem Eintrag liegt auch der Roman „Club Oblomow“ von Bernd Wagner zugrunde, erschienen 1999 bei Ullstein in Berlin, ISBN 3-550-08298-3

Man kann Tilman Westphalen wohl als Erich-Maria-Remarque-Spezialisten bezeichnen. Er ist Gründer des Osnabrücker Erich Maria Remarque-Friedenszentrums, wo ab dem 27. April 2014 eine Ausstellung den Entstehungsprozess der Graphic Novel „„Im Westen nichts Neues““ zeigen wird. Er ist auch Gründer der Erich Maria Remarque Gesellschaft, welche sich seit Mai 2011 zur Aufgabe macht, die Remarque-Villa „Casa Monte Tabor“ vor dem Abriss zu bewahren. Zusammen mit Thomas F. Schneider gab er 1998 „Das unbekannte Werk. Frühe Prosa, Werke aus dem Nachlaß, Briefe und Tagebücher“ des Schriftstellers heraus. Und er schrieb auch das Nachwort in der von mir erworbenen Ausgabe des Romans „Im Westen nichts Neues“. – Ist es ein Zufall, dass Westphalen dieses Nachwort mit der Überschrift „“Ein Simplicissimus des 20. Jahrhunderts““ versah, und dass Bernd Wagner in dem Teil seines Romans „„Club Oblomow““, der eine Kurzfassung der deutschen Literaturgeschichte vorstellen soll, -– nach einem schnellen Rückgriff auf Wolfram von Eschenbach und einem Schlenker zu Rudolf Virchows Pathologischer Sammlung -– von Grimmelshausen so ziemlich gleich auf Erich Maria Remarque kommt? Nein, es ist natürlich kein Zufall, denn dem literaturwissenschaftlich Vorbelasteten ist durchaus bewusst, dass beide Werke Meilensteine an derselben Chaussee der Literaturgeschichte sind. Da ich in solchen Kategorien nur denke, wenn ich mir Mühe gebe, fiel mir ganz einfach auf, dass beide vom Krieg handeln, und dass beide den Krieg nicht glorifizieren, wie es die ihnen jeweils vorausgegangene Literatur tat, sondern ihn in seiner Monstrosität und erbärmlichen Menschenunwürdigkeit zeigen als etwas, gegen dessen bloße Existenz der gesunde Verstand rebelliert.

„„Im Westen nichts Neues““ hatte Remarque 1928 als Fortsetzungsroman für die Vossische Zeitung geschrieben und darin eigene Erfahrungen, mehr aber noch Erzählungen verwundeter Soldaten, die er im Lazarett kennengelernt hatte, verarbeitet. 1929 erschien der Roman als Buch, wurde in über 50 Sprachen übersetzt, und die weltweite Verkaufsauflage beläuft sich bis heute auf geschätzte 20 Millionen Exemplare. Bereits ein Jahr nach Erscheinen der Erstausgabe, wurde das Buch in Hollywood verfilmt -– ebenfalls mit weltweitem Erfolg. Ich vermute also, die geneigte Leserschaft kennt entweder den Roman oder den Film oder beides, so dass ich mich bei der Inhaltsangabe auf eine kurze Zusammenfassung beschränken kann.

Angestiftet vom Hurra-Patriotismus der Lehrer kommen der 19-jährige Paul Bäumer und eine Handvoll seiner Klassenkameraden als Freiwillige an die Front. Der Roman beschreibt die Erlebnisse der jungen Männer im Ersten Weltkrieg, ihren Überlebenskampf, ihre scheinbare Verrohung, ihre Verzweiflung, und welches Ende es mit jedem Einzelnen nimmt, bis kurz vor Kriegsende nur noch das Buch bleibt, um davon zu berichten.

Im entsprechenden Wikipedia-Eintrag störte mich ein Satz, brachte dabei aber mein Nachdenken vielleicht ein kleines Stück voran. Der Satz lautet: „Das Werk wird als Antikriegsroman aufgefasst, obwohl Remarque selbst es als unpolitisch bezeichnet hat.“ -– Warum „„obwohl““? Das ist kein Widerspruch. Das Buch ist ein Antikriegsroman, und es ist unpolitisch, denn wo es zum Krieg kommt, hat die Politik auf ganzer Linie versagt. Krieg ist kein politisches Instrument wie z.B. Wahlen. Krieg ist die Kapitulation der Staatskunst vor der Herrschaft der Gewalt. Sich dies vollkommen klarzumache ist heute wieder so wichtig wie vor 100 Jahren. Und so ist es auch keine Zeitverschwendung, den Roman zu lesen, selbst wenn man ihn schon mehr als einmal gelesen hat.

„„Die Osnabrücker Jungen aus Im Westen nichts Neues scheinen direkt der Romantik entsprungen zu sein, so bereitwillig folgen sie den Aufrufen ihrer Lehrer, die Heimat zu verteidigen“““, schreibt Bernd Wagner und beschreibt damit auch, was ich oben mit einem „Meilenstein der Literaturgeschichte“ meinte. Das sind Jungen wie Hermann Hesses Sinclair und Demian.

Dass Rezensenten (womöglich bis hin zum eingangs erwähnten Tilman Westphalen) der Meinung waren (und womöglich noch sind), Remarque hätte nach diesem Erfolg „am besten nichts Neues“ mehr schreiben sollen, und dass die Ursache für diese Einschätzung auch darin zu suchen ist, dass Rezensenten es nie mögen, wenn ein Erfolg so groß ist, dass es sinnlos wäre, dagegen an zu schreiben, ist wohl wahr. Rezensieren muss er, der Rezensent, und auch wenn er mit seiner Meinung nicht gerne allein dasteht, will er doch noch überzeugen dürfen. Das versteht man. Und so ist es denn auch der Neid, den Max/Bernd Wagner anprangert als hauptsächlichen Grund für die Anfeindungen und Geringschätzung, die Remarque zuteil wurden. In Deutschland schickten sie wieder Abiturienten an die Front, während Remarque im amerikanischen Exil an weiteren Erfolgen arbeitete. Und auch nach Kriegsende kam kein Versöhnungsangebot aus Deutschland. Man grollte ihm wohl, wie man Marlene Dietrich grollte, mit der der Schriftsteller dazu noch zwischenzeitig eine Affäre hatte, bevor er Paulette Goddard, die frühere Ehefrau Charlie Chaplins heiratete. Wenn man als deutscher Junge und Feingeist den Krieg überlebte, hatte man wenigstens schwermütig zu werden und daran zugrunde zu gehen. Aber auch das hatten die patriotischen Lehrer ihren Schülern natürlich nicht gesagt.

Diesem Eintrag liegt der Roman „Club Oblomow“ von Bernd Wagner zugrunde, erschienen 1999 bei Ullstein in Berlin, ISBN 3-550-08298-3

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