Ein Mensch kauft Bücher aus allen möglichen Gründen, und auch meine Gründe, ein bestimmtes Buch zu kaufen, können jeweils sehr unterschiedlicher Natur sein. Hildegard E. Kellers Roman „Was wir scheinen“ habe ich gekauft – ich gestehe es – nicht nur weil es darin um Hannah Arendt geht, um ihre letzte Reise nach Tegna (Schweiz) im Sommer 1975, um ihre Erinnerungen an Berlin, Paris, Jerusalem, Rom, USA … und auch nicht, weil ein Rauschen im Blätterwald mir den Namen der Autorin verführerisch zugeflüstert hatte, sondern weil Barbara Pfeiffer in Ihrem Blog Kulturbowle erwähnte: „Im Roman wird Hannah Arendt als begeisterte Leserin von Georges Simenons Maigret-Romanen dargestellt.“ – Das wollte ich genauer wissen und wurde nicht nur auf eine Geduldsprobe gestellt, sondern im Endeffekt auch enttäuscht. Erst auf Seite 132 wird „Simenon, der den besten Kommissar aller Zeiten erschaffen hatte“ zum ersten Mal erwähnt, und es bleibt, von einer Ausnahme abgesehen, bei an den Fingern einer Hand abzuzählenden kurzen Erwähnungen des Umstands, dass sie vor dem Einschlafen gern einen Maigret-Roman las. Nichts Ungewöhnliches. Nicht nur Mimis gehen ohne Krimi nicht ins Bett; auch manche Staatenlenker, Wirtschaftsmagnaten und bedeutende Denker entspannen sich auf diese Weise. Die erwähnte Ausnahme ist eine halbseitige Passage, in welcher Hildegard E. Keller einen Friseurbesuch der politischen Philosophin schildert. Hier verbringt die Arendt die Wartezeit rauchend (wie üblich) und in einer Zeitschrift blätternd:

Als ich umblätterte, fiel mir Asche ins Heft. Diesmal wirklich vor Freude. Georges Simenon, da sitzt er ja, mit Pfeife und Hut!

In der Schweiz habe ich meine Ruhe.

Nicht aus Steuergründen, nein, nur böse Zungen behaupten so was, nein. Es sei der Charakter des Schweizers, der ihm so gefalle, erzählte er. Der Schweizer gleiche eben dem Amerikaner. Da staunte sie nicht schlecht. Aber dem Schöpfer ihres Lieblingskommissars traute sie zu, dass er denken und beobachten konnte.

Simenon sagte, man werde hier in der Schweiz in Ruhe gelassen, nicht aus Gleichgültigkeit, sondern aus Respekt vor der Privatsphäre. Seine Siebenundzwanzig-Zimmer-Villa in Epalingnes mit acht Dienern, fünf Autos und Pferden, so teilte er den Lesern mit, habe er gegen ein Häuschen in Lausanne eingetauscht, und nach zweihundertvierzig Krimis mit 50 Millionen Auflage habe er seiner Hauptfigur endgültig den Kragen umgedreht.

Irgendwann muss ja Schluss sein, aber das Simenon sich nun offenbar für sich selbst interessierte, von Psychoanalyse und Lebensbeichte sprach, enttäuschte sie dann doch etwas. Und warum jetzt. Er habe fünfzig Jahre in der Haut von anderen gelebt, nie eine persönliche Meinung geäußert, nicht einmal in seinem Maigret sei etwas von ihm zu entdecken. Als sie las, sein Versuch, den Menschen in seinen Mitmenschen zu entdecken, sei gescheitert, musste sie an den Gerichtssaal in Jerusalem denken. Sie drückte die Zigarette aus und blätterte nochmals zurück zu Simenon, wie er auf der Parkbank saß und sinnierte. Seinen Lebensabend wolle er großen Fragen widmen. Im Interview sagte Simenon, das Wesen des Menschen treibe ihn immer noch um. Nun gebe ihm vielleicht sein eigenes Ich die Antworten, nach denen er suche.

So freizügig wie Liz war er nicht. Das fand sie sympathisch. Aber dann verriet er den Lesern doch, dass er sogar mal Briefmarken gesammelt habe. Und mit zwanzig sei er unersättlich und wild gewesen. Wie ein junges Pferd, dem man Zügel anlegen musste.

Vielleicht sollte Simenon auf seine alten Tage Kant lesen, ist besser als die ganze Psychoanalyse, dachte sie. Die animalischen Funktionen treten erst dann zurück, wenn im Menschen das Selbstgefühl erwacht. Erst beim Weiterlesen verstand sie, dass Simenon auf etwas ganz anderes hinauswollte.

Die Ehe allein bot sie Möglichkeit, mich zu zähmen.

[Seite 368]

Maigret-begeistert war sie, von George Simenon als Person dann aber doch ein bisschen enttäuscht? – Das war es also mit Maigret und Simenon. Der falsche Grund, dieses Buch zu lesen. Damit wollte ich jedoch nicht sagen, dass es nicht auch gute Gründe gäbe, doch war das Lesen für mich eine Art Wellenritt, und das lag nicht (oder jedenfalls nicht nur) an meiner unerfüllten Erwartung, etwas über Hannah Arendts Beziehung zu meinem Lieblingskommissar zu erfahren. Ohnehin mögen selbst die kargen Andeutungen in den Bereich der Fiktion gehören, wie auch manches andere in diesem Roman, der ganz offen nicht den Anspruch erhebt, ein im strengen Sinne biographischer zu sein. Was diese Halbfiktionalität angeht, finde ich, ist Hildegard E. Keller diese literarische Form gut gelungen. Trotzdem hatte ich beim Lesen zeitweise das Gefühl, mich der Person Hannah Arendt anzunähern, dann wieder von ihr abgewiesen zu werden – als gäbe es da magnetische Pole. Eine in dieser Ausprägung ungewöhnliche Leseerfahrung, die in mir das Gefühl aufkommen ließ, auch die wirkliche Hannah Arendt, hätte ich Gelegenheit gehabt, sie kennenzulernen, würde ähnlich auf mich gewirkt haben. Und natürlich ist das Spekulation. Also doch lieber die Schriften aus der Feder der Historikerin und Philosophin selbst lesen, um Gedanken abzugleichen, ihnen zu folgen oder auch nicht. Und dies ist nicht der einzige Grund, warum ich den Roman nicht als Einstieg oder Annäherung denjenigen empfehlen würde, die sich bisher kaum mit Hannah Arendt beschäftigt haben.

Am Ende der 557 Seiten (die restlichen sind Quellenangaben und Danksagung) fragte ich mich: Lese ich das Buch gleich noch einmal – wenigstens quer – und zähle, wie oft das Wort Aschenbecher vorkommt, oder wie oft erwähnt wird, dass Hannah Arendt eine Zigarette raucht, um Streichhölzer bittet, sich Feuer geben lässt? Keine Lektüre für Leute, die erst kürzlich das Rauchen aufgegeben haben. Die Versuchung, wieder damit anzufangen, wäre erheblich. – Oder fertige ich eine Liste aller erwähnten Persönlichkeiten an, die sich lesen würde wie ein Who’s who des kulturellen und geistigen Lebens in Hannah Arendts Zeit? Wer mit vielen dieser Namen wenig oder nichts verbindet, muss sich entweder nebenher belesen oder ihm/ihr entgehen interessante Zusammenhänge.

Hält man den Roman nun schon einmal in Händen und ist wie ich ein wenig hin und her gerissen, oder ärgert man sich darüber, dass eine nicht unerhebliche Menge an Vorwissen vorausgesetzt wird, … So etwas kann einen bei einem Roman ja auch grundsätzlich ärgern, selbst wenn man dieses Vorwissen besitzt. Wer also lesend kurz davor steht, zu kapitulieren, … Statistiker haben ermittelt, dass immer mehr Bücher nur halb gelesen werden. Den Verlierern der Geduld also würde ich dringend raten, doch durchzuhalten oder – wenn es gar nicht anders geht – wenigstens vorzublättern zum Kapitel 24 „Bin ich’s, so ist’s ein jeder“ – ein Treffen mit Studenten der Studienstiftung des deutschen Volkes. Hier zwei kurze Textpassagen:

„… Die Scham, [Deutsche zu sein] von der Sie sprechen, ich weiß nicht, ob sich darin nicht oft Selbstmitleid versteckt oder sogar Selbstbeweihräucherung. Manchmal, wenn ich von dieser Scham höre, möchte ich sagen: Ich schäme mich, ein Mensch zu sein. Sehen Sie, unsere Väter, Ihre Großväter, kannten eine Menschheitsschwärmerei, die leichtfertig und nichtsahnend war. Seither haben die Völker einander besser kennengelernt, mehr und mehr über die Möglichkeiten des Bösen im Menschen erfahren. Der Erfolg ist nun aber, dass sie vor der Idee der Menschheit zurückscheuen. Sie spüren instinktiv, dass diese Idee sie zu einer Gesamtverantwortung verpflichtet, die sie nicht zu übernehmen wünschen. Die Scham, ein Mensch zu sein, ist doch nur der individuelle Ausdruck für diese Einsicht. Aber diese Scham müssen wir politisch produktiv machen, Ihre und meine. Furchtlos und kompromisslos.“

[Seite 479]

„… Ich denke immer noch, dass es im Wesen des Intellektuellen liegt, sich sozusagen zu jeder Sache etwas einfallen zu lassen. Wirklich zu allem und jedem. Nehmen Sie Hitler, mein Gott, was fiel ihnen zu Hitler nicht alles ein! Fantastische, komplizierte und hoch über dem gewöhnlichen Niveau schwebende Dinge! Grotesk. […] worüber sich diese Intellektuellen den Kopf zerbrechen, geht wirklich auf keine Kuhhaut. Vor dieser Falle kann ich nur warnen. Gehen Sie Ihren eigenen Einfällen nicht auf den Leim!“

[Seite 485]

Das sind mehr als nachdenkenswerte Gedanken, und ich hoffe, es beantwortet dem Einzelnen die Frage, ob es für ihn/sie persönlich ein lesenswertes Buch ist. Manchmal ist es ein einziger Satz, der für mich den Ausschlag gibt. Manchmal genügt schon ein einziges Wort. Eines, welches ich aus diesem Roman mitgenommen habe, ist Schreibebrief. Den Unterschied zwischen Briefen und Schreibebriefen muss man niemandem erklären, der beides schon erhalten und selbst geschrieben hat.

Hildegard E. Keller
Was wir scheinen
Eichborn Verlag, 2021
ISBN: 978-3847900665

Abb: Bildnis der deutsch-jüdischen Historikerin und politischen Philosophin Hannah Arendt an der Mauer im Hof des Geburtshauses der gebürtigen Lindenerin am Lindener Marktplatz 2 Ecke Falkenstraße, Stadtteil Linden-Mitte. Das Bild wurde nach einer Fotografie aus dem Besitz der Käthe Fürst (Ramat Ha Sharon, Israel) reproduziert und zeigt das bekannte Porträt der Philosophin mit Zigarette und ihrem berühmten Spruch „Niemand hat das Recht zu gehorchen“ (Nobody has the right to obey). Das Kunstwerk ist eine im August 2014 fertiggestellte Auftragsarbeit der hannoverschen Graffiti-Künstler Patrik Wolters alias BeneR1 in Teamarbeit mit Kevin Lasner alias koarts…
Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:2014-08_Graffiti_Patrik_Wolters_alias_BeneR1_im_Team_mit_Kevin_Lasner_alias_koarts,_Hannah_Arendt_Niemand_hat_das_Recht_zu_gehorchen,_Geburtshaus_Lindener_Marktplatz_2_Ecke_Falkenstra%C3%9Fe_in_Hannover-Linden-Mitte.jpg